35. Wiedersehen in Löbichau

Schloss Löbichau heute
Im Hintergrund Schloss Löbichau heute

Schloss Löbichau bei Altenburg


Im Jahr 2015 ...

 

... hatte uns das Leben aus Oberfranken weggespült. Nach Thüringen. Im Städtchen Ronneburg bei Gera sind wir gestrandet. Ganz zufällig haben wir hier eine passende Wohnung gefunden. Eine, die ebenerdig war, wegen Peters krankem Fuß. Eine, die dennoch warm, hell und ruhig war, und vor allem dessen Vermieter Hunde akzeptierten. Zur Zeit des Umzugs lebte Fidel noch. Natürlich musste auch der Preis passen. Nun, im Osten gibt es Wohnraum reichlich. Hier ist man über jeden Mieter froh. Und da Peter und ich immer ein wenig heimatlos sind, war es uns egal, wohin die Reise uns führte. Ein neues Abenteuer wartet überall. 

 

So kamen wir also nach Ronneburg. Von meinem neuen Arbeitsplatz aus blicke ich direkt auf die Burg von Ronneburg. Wie schön! Natürlich mussten wir dann, hier am neuen Wohnort, auch neue Wege für Fidel ausfindig machen. Da unser Pudelchen mittlerweile fast blind und taub war, brauchten wir für ihn ganz bestimmte Strecken, auf denen er sicher und bequem auch einmal frei laufen konnte. Das heißt keine kreuzende Straßen, keine heranstürmende Radfahrer, einfach und klar zu erschnuppernde Wegränder und kurz genug, damit Peter mitgehen - uns begleiten - kann. Auch eine nahe Parkmöglich war wichtig. Und einer dieser passenden Wege war der gerade und abgeschlossene und kurze Weg zum Förderturm in Löbichau. Man kann das sehr hohe, imposante Stahlgebilde bis weithin sehen.

 

Löbichau ist ein Dorf in der Nähe von Ronneburg und gehört zum Altenburger Land. Die ganze Region ist ein ehemaliges Bergbaugebiet. Über 40 Jahre, von 1946 bis zur Wende, wurden hier im Auftrag der SDAG Wismut (Sowjetisch-Deutsche-Aktiengesellschat) Uranerze gefördert, zum Teil untertage, aber auch im Tagebau. Das aufbereitete Uran war Rohstoffbasis für die sowjetische Atomindustrie. Heute ist das komplette Gebiet grundlegend saniert. Von der verheerenden Zerstörung der Landschaft ist nichts mehr zu sehen. Über alles ist Gras gewachsen. Nur noch Gedenkmonumente sind erhalten und erinnern an das, was hier einmal war. So auch der riesenhafte Förderturm in Löbichau.

Der alte Fördertum bei Löbichau
Der alte Fördertum bei Löbichau

Von Zeit zu Zeit fuhren wir also mit Fidel durch das liebliche Dorf Löbichau und kamen hier immer an einem großen Seniorenheim vorbei, dessen hohe Säulen am Eingang uns auffielen. Ein Schild am Gebäude verriet uns, dass es sich um das Schloss Löbichau handele. Da sagte ich zu Peter: "Löbichau ... Löbichau? Da war doch was mit Jean Paul! War er nicht einmal hier, in einem Musenhof Schloss Löbichau zu Besuch?" 

Dann habe ich in Büchern und im Internet gesucht und wurde natürlich schnell fündig.

 

Ende August bis zum 17. September 1819 war Jean Paul zu Gast im Musenhof Schloss Löbichau, höchstpersönlich in Bayreuth eingeladen von Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761 - 1821). Sie war eine sehr reiche, sehr schöne, sehr gebildete und sehr einflussreiche Dame der herrschenden europäischen Adelsgesellschaft. Seit 1795 bewohnte sie Schloss Löbichau, das günstig auf halbem Weg zwischen Berlin und Karlsbad, zwischen Dresden und Erfurt, Weimar und Jena lag. Alle geistigen, kulturellen und politischen Größen verkehrten hier, auch im nahegelegnen Schloss Tannenfeld.

 

Hier war der angesagteste literarische Salon seiner Zeit. Bis zu dreihundert illustre Gäste weilten manchmal in den Schlössern. Man diskutierte, debattierte, dinierte, spazierte, spielte Theater, musizierte, hielt Vorträge, las vor, spielte Blinde Kuh, tanzte Polonaisen und vergnügte sich oft bis in die späte Nacht hinein. Der Tagesablauf und die Etikette gestalteten sich eher zwanglos. Unter den Gästen waren auch keine geringeren wie Goethe, Schiller, Zar Alexander I., Napoleon, Metternich, der König von Preußen ...

1899 wurde aus der Gesamtanlage um Schloss Tannenfeld eine Heil- und Pflegestätte für Neurologie und Psychiatrie, in der auch der Dichter Hans Fallada Patient war. 1949 ging es an die Sozialversicherungsanstalt des Landes Thüringen. Es wurde später noch zu einem Altenheim und dann ganz und gar verlassen. Die Gesamtanlage um Schloss Tannenfeld steht seit 2002/2004 leer und ist ein Kulturdenkmal nach dem Thüringer Denkmalschutzgesetz. Eigentümer ist heute der Landkreis Altenburger Land, der versucht, einen Investor zu finden.

Wir sind überrascht, dass genau hier, wo wir heute wohnen, dereinst kulturelles Zentrum von Europa war, wenn auch nur für kurze Zeit. Genauer gesagt für die Zeit der Herzogin Anna Dorothea von Kurland, in der sie während der Sommermonate Schloss Löbichau bewohnte. 1821 starb sie hier.

 

Aber kaum etwas erinnert an diese glanzvolle Zeit. Schloss Tannenfeld verfällt. Man kann heute nur noch durch seinen Park wandeln und die üppig blühenden Azaleen und Rhododendren, die die Wege zwischen den Villen umsäumen, bestaunen. Einzig im nahegelegenen Posterstein findet man im Museum der Burg eine Dauerausstellung über den Musenhof Schloss Löbichau und erfährt auch einiges über den prominenten Besucher Jean Paul. Hier auf dem Burgberg hat der Verein Jean Paul 2013 e.V aus Bayreuth eine der Jean-Paul-Litfaßsäulen aufgestellt, auf der Leben und Werk des "Sprachmagiers" sehr übersichtlich dargestellt sind und so den Dichter für jeden Touristen, der diese Gegend besucht, leicht zugänglich gemacht. Museumsleiter Klaus Hofmann, der schon seit 1991 über den Musenhof Löbichau forscht, hat zudem hierüber ein paar Impressionen in seinem Buch "Löbichauer Sommer" liebevoll beschrieben. 

 

Gäste, die im damaligen Musenhof verweilten, unternahmen Ausflüge nicht nur nach Posterstein sondern auch zum Kurstädtchen Ronneburg mit barocker Kuranlage, Promenade, Badehaus, Musikpavillion, Lusthäusern, Esplanade und Park.

 

Wer hätte das gedacht? Dass wir ausgerechnet dorthin ziehen, wo Jean Paul einmal eine sehr glückliche Zeit verbracht hat, vielleicht eine der schönsten Stunden seines Lebens? Kann das denn ein Zufall sein? War der ganze Weg nur ein Zufall? Wir glauben das schon lange nicht mehr.

Historische Ansicht Schloss Löbichau
Historische Ansicht Schloss Löbichau

Im Jahr 1819 war Jean Paul 56 Jahre alt, als die Herzogin von Kurland ihn persönlich einlud. Einmal, auf ihrem Weg nach Paris, machte Anna Dorothea Halt in Bayreuth, um den Dichter kennenzulernen, und sie war entzückt von dessen menschlicher Wärme. Jean Paul nahm ihre Einladung gerne an und reiste nach Löbichau. Um ihn besonders herzlich willkommen zu heißen, schickte die Herzogin am 31. August eine Gesandtschaft nach Hof, um den Dichter schon dort zu begrüßen. Als sie dann alle zusammen in Gera eintrafen, erwartete ihn hier noch eine zweite Gesandtschaft, die aus hohen Geistlichen und schönen weltlichen Damen bestand ... 

 

Christoph August Tiedge, Dichter und Lebensgefährte der Halbschwester der Herzogin Dorothea von Kurland beschrieb die Szenerie in einem Brief folgendermaßen:

... In Gera blieb die Bürgerschaft ruhig; aber in Löbichau zog der gefeierte Gast unter dem Geläute aller Glocken, nämlich der Frauenzimmerzungen, glorreich feierlich ein. Es war spät, das alte Haus hatte schon seine Fensterläden zugemacht; in dem neuen aber war desto mehr Leben und ein festlich strahlender Kreis von hohen und feinen Gestalten, die den gefeierten Mann mit allerlei artigem und - wo sich's tun ließ - sinnreichem Wortwechsel begrüßten. Als er sich dem geschmückten herzoglichen Zimmer nahte, bemerkte man, daß er sich, wie jedes gute Buch; mit einer ordentlichen Einleitung versehen; diese war sein Pudel, der ihm voranlief. Über diesen kam es zwischen ihm und der hohen Geistlichkeit zu einigen Differenzen wegen des Eintritts in die eleganten Zimmer. Das edle Tier, meinte Jean Paul, stände hoch, und in seinen Gedanken stand es vielleicht höher als die hohe Geistlichkeit selbst; es habe in Stuttgart einen eigenen Tempel, den ihm Fürstinnenhände errichtet. Indes mußte der hochverehrte Pudel in das ebenfalls elegante Schlafzimmer seines Herrn wandern; dort rächte sich nun das gekränkte Geschöpf auf eine geniale Art durch Beweise, daß ein Genie die äußere Eleganz, wie reich sie auch sein möge, verschmähe und für nichts achte. [...]

Jean Paul ging als ein hoher Genius heiter und froh einher unter einem immer heiteren Himmel, an dem sich kein anderes als zartes Weihrauchgewölk sehen ließ; denn die schönen weiblichen Gestalten und das gute Doppelbier unterhielten reichlich seines Geistes leuchtende Flamme. Und so ging alles seinen fröhlichen Weg, auf dem mitunter viel getanzt wurde. Auch versorgten uns die Musen, welche durch so viele Poeten herbeigelockt waren, sattsam mit Sang und Klang; sie setzten ganze Abende in Musik und führten ein poetisches Krönungsfest herbei, das in dem Kreislauf der Löbichauer Zeiten mit einer hellen Stirn hervorragt.

Der alte ehrliche Schink (so sprachen sie "Jean" aus) war es, der als Frauenlob der Zweite erwählt und gekrönt wurde ... Die Frauen erhoben sich und umarmten der Reihe nach ihren erkorenen Sänger. Hierüber mochte wohl in mancher poetischen Seele etwas Neid und Mißgunst sich regen; in Jean Paul kochte das Gefühl über, und er rief aus: "Alles wollte ich ihm gönnen, nur nicht die herrlichen Küsse."...

Aufnahme "Frauenlobs des Zweiten" am 8. September in Löbichau 1819, Aquarell von Ernst Welker, aus "Löbichauer Sommer" von Peter Schönhoff und Klaus Hofmann
Aufnahme "Frauenlobs des Zweiten" am 8. September in Löbichau 1819, Aquarell von Ernst Welker, aus "Löbichauer Sommer" von Peter Schönhoff und Klaus Hofmann

... Nun mußte auch für Jean Pauls Verherrlichung gesorgt werden. Ihm zur Ehre wurde die kleine Insel im Garten erleuchtet, und zwar so, daß die Lichterflammen von unten herauf aus den kleinen Gruben leuchteten. Als nun das kleine Eiland wie eine Insel der Seligen in voller Glorie stand, führten zwei schöne Frauen den Gefeierten herbei, und der hohe Genius, der schon längst mit dem Haupte die Sterne berührt hatte, sahe nun gleichsam einen künstlichen Sternenhimmel zu seinen Füßen; er schritt glorreich von Stern zu Stern. ...

(Eduard Berend "Jean Pauls Persönlichkeit in Berichten Zeitgenossen" - Brief von Christoph August Tiedge an Lilly Partey, 28. November 1819) 

 

Jean Paul beschreibt dies in seinem "Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1821" nicht als ein lustiges Spiel einer vielleicht gelangweilten Gesellschaft, sondern so als ob ihm in dieser Nacht etwas unendlich Glückseliges zuteil wurde, als eine einmalige Begegnung mit menschgewordener universaler Liebe, die so zahlreich umherfliegt wie Glühwürmchen in einer lauen Juninacht:

... Um 9 Uhr abends nach dem Essen lud die Herzogin Dorothea zu einem Spaziergang durch die Baumgänge auf eine kleine Insel, wo man mittags vorher gefrühstückt, so gleichgültig ein, als wolle sie nichts verheißen. Als man in den hohen und langen Baumgang eintrat, war er von den untersten Zweigen bis zu den Gipfeln überglänzt, und alles Laub war wie von Frühling oder Abendröte durchsichtig. Lampen unter den Bäumen, von kleinen Vertiefungen verdeckt, waren Lichtspringbrunnen und durchsprengten mit einem aufwärts steigenden Glanz das dunkle Gezweig. Aus dem Grün schienen verklärte Bäume aufzuschweben, und die Blätter als feurige Zungen zu zittern. Durch die Feuersäulen-Ordnung kam der Zug in das kleine runde Eiland, wo man, von erleuchteten Bäumen wie von Glanzriesen umzingelt, oben nur einen schwarzen Ausschnitt des Nachthimmels mit blitzenden Sternen erblickte. Musik und Gesang gaben dem stillen Glanze und der Zauberinsel gleichsam Bewegung, und die Lichter wurden zu Tönen. Am Ufer jenseits der Insel bog aus dem Blätterdunkel sich eine männliche Gruppe und geschieden von ihr eine weibliche heraus und sahen erfreut dem Freuen zu; und beide nahmen später selber von der geräumten Insel Besitz. Als nun auf dem Rückwege die ganze Gesellschaft, Arm in Arm, durch die ätherischen Freudenfeuer auf beiden Seiten mit dem gemeinschaftlichen Absingen eines deutschen Liedes zog und es mir war, so viel ich hörte, als ob ich selber mitsänge: da hatt' ich endlich jene Nacht des Himmels, nach der ich mich durch meine leere Jugend hindurch so oft umsonst gesehnt; eine Nacht, in der ich in der Jugendzeit mein unbewohntes Herz dahin gegeben hätte: ja, wären mir Jüngling so viele Herzen als Herzkammern beschert gewesen: ich hätte noch die übrigen drei herum geboten unter dem Glänzen und Singen.

Jean Paul war so glücklich auf dem Weg zu den anderen Menschen.

Und mein Herz, so ist's mir, folgt ihm einfach wacker nach,

 durch Zweifel, Ungewiss und Dunkel.

Und da! Alles ist umsäumt

von Lichterglanz und stillen Liedern voller Freude!

 

 

Wie kann das nur das Ende sein?