1. Zuhause - Besuch im Jean-Paul-Museum in Joditz

Joditz - Jean-Paul-Museum (nur Besuch im Museum - sehr schön und sehr informativ!)
Joditz - Jean-Paul-Museum (nur Besuch im Museum - sehr schön und sehr informativ!)

Joditz


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Ankunft in der Ferienwohnung in Vordorf

 

Es ist Abend, halb zehn. Wir sind jetzt in unserer Ferienwohnung in einem Dorf bei Tröstau. Die kleine Bleibe liegt unter dem Dach und kostet auch nicht viel. Die Wirtin hier ist so warmherzig. Bei der Begrüßung stand sie da, plauderte oberpfälzerisch klingend voller Heiterkeit so drauf los, als ob wir zur Familie gehörten. Ich hatte das Gefühl, dass sie Peter gleich über die Wange streichen würde.

Dann stiegen wir Stufe für Stufe die Treppen nach oben in unsere Kindheit zurück. Im ganzen Haus wurden die 70er Jahre liebevoll konserviert. Es duftet nach geborgenem Sauberzauber. Alles ist reichlich geschmückt. Offensichtlich wurde im Laufe der Jahre jedes Geschenk in die Wohnung gestellt und gehängt, egal ob es hinpasste oder nicht, so wie man es mit Geschenken halt macht. Bei mir zu Hause war das auch so. Jetzt sind meine Eltern lange tot, ihr Haus verkauft. Mittlerweile mag ich modernes Design kaum noch, macht mich nicht mehr glücklich. Aber hier? Teppichboden, Nut- und Federbretter, Badezimmergarnitur aus Frottee, Plastikblumen, unverwüstliche Bromelien auf den Fensterbänken, bunte Tapeten, das ist Daheim-Gefühl und Ferien. Fehlt nur noch ein großes Puzzle. Die Küche ist neu und ganz klein. Wir kommen gut zurecht. Nichts ist überflüssig. Die Dusche ist jedoch so eng in die Dachschräge eingearbeitet, dass sie mir für Peter unbezwingbar scheint. Wir werden sehen.

Heute greifen wir zum Feierabend noch auf Aldi-Bier zurück. Morgen gibt es etwas besseres, denn die Schwägerin des Hauses hat gleich nebenan einen Flaschenbierhandel. Unser Pudel Fidel knabbert gerade an seinem Schweineohr, im Sessel, den wir als den Seinigen deklariert und mit der Hundewunderdecke, die rätselhafterweise nie schmutzig wird, ausstaffiert haben. Ich sitze auf dem Sofa, bin vom Tage platt. Draußen regnet es. Auf dem Blechdach prasseln dieTropfen herrlich laut. Blechdächer kann man hier häufig sehen und sind kein Zeichen von Armut, wie mir Peter erklärte. Er weiß es, denn er ist der Sohn eines Dachdeckers.

Das nasse Wetter beunruhigt uns gar nicht. Laut Vorhersage wird es morgen aufhören und zum Wandern könnte es dann kaum besser sein: trocken, teils heiter, teils wolkig, nicht zu heiß. Peter zappt durchs Fernsehprogramm, aber es kommt nichts. Ich sage ihm, er soll bei „Tine Wittler“ bleiben. Ein leichtes Laber-Programm im Hintergrund ist gut. Aber so leicht ist das auch nicht mehr, muss ich feststellen. Frau Wittler richtet jetzt ganz arme Menschen ein. Die Fälle werden immer extremer. Dieses Mal vom Plumpsklo zum Luxusbad. Soviel Mißbrauch von Leid vertrage ich heute nicht. Dann lieber Olympiade in London.

Irgendwie habe ich mir den Rücken verrissen, das Atmen tut weh. Eine Schmerztablette muss helfen. Da, jetzt springt Fidel vom Sessel auf und läuft zu seinem Napf. Er frisst! Oh Freude! An fremden Orten braucht er manchmal Tage bis er wieder richtig frisst. Demnach ist auch er hier zuhause angekommen.

 

Start der ersten Etappe in Joditz

Jetzt kann ich mich ganz auf das Tagebuch konzentrieren: Auf den Ort Joditz waren wir heute nachmittag sehr gespannt. Hier beginnt der Jean-Paul-Weg und hier ist das jeanpaulste Jean-Paul-Museum, wie es im Internet heißt und vor allem hat Jean Paul hier die glücklichste Zeit seines Lebens verbracht. Jean Paul, zu dieser Zeit war er noch der kleine Johann Paul Friedrich Richter, der Sohn des Pfarrers, der „Pfarrersfritz". Er ist einem hier ganz nah, so wie alles in Joditz nah beisammen ist. Die Kirche, in der der Vater Pfarrer war, gleich dahinter das Pfarrhaus, in dem Fritz aufwuchs, der Bauernhof gegenüber, aus dem die kleine Auguste Römer stammte, seine erste große Liebe, in Sichtweite der Pfarrgarten, in dem er spielte und Latein lernte, wo jetzt das Museum ist, und für uns Jean-Paul-Pilger heute, am Platz der Gasthof Krauß, die „Auenthalstube“, fränkisch gut und günstig, zur erquicklichen Einkehr nach dem erschöpfend andächtigen Museumsbesuch.

Joditz von oben
Joditz von oben

Das Erlebnis "Eberhard Schmidt"

 

„Wenn sie ihm sagen, dass sie Zeit haben, macht er das stundenlang,“ verriet uns Karin Schmidt über ihren Ehemann, als wir vom Pfarrhaus her durch ihren Garten ins Museumshäuschen geführt wurden. „Wenn sie heute noch wandern wollen, dann bremsen sie ihn!“
„Das macht nichts,“ antworteten wir, „für heute haben wir nur das Museum geplant.“ Was für ein Glück, dass wir nichts mehr vorhatten, denn wir hätten den ganzen Tag schon allein im verwunschenen Garten der Schmidts verbringen können. Eine kleine Trauminsel nach der anderen entdeckten wir und mittendrin die lebende Jean-Paul-Geschichtenquelle.

Für wahr, Karin und Eberhard Schmidt betreiben ihr privates Jean-Paul-Museum mit Hingabe. Das erlebte man schon bei der Führung durch die Kirche. Bisher haben wir noch wenig über Jean Paul gewusst, nur einmal quer durchs Internet gelesen und was es an Prospekten gab: dass er gerne Bier trank, ein freiheitsliebender Mensch war, stets mit Armut zu kämpfen hatte, von schweren Schicksalsschlägen heimgesucht wurde und zu Goethes Zeiten ebenso berühmt war wie dieser und vielleicht sogar noch ein wenig mehr. Erst im Laufe der Wanderung hatten wir angefangen, von ihm und über ihn zu lesen. Uns drängte danach.

Die Museumsführung begann vor der evangelisch-lutherischen Kirche St. Johannes. (Station 1) Jean Paul wurde in Wunsiedel geboren. Als der Knabe zwei Jahre alt war, erhielt sein Vater durch die Beziehung zur Freifrau von Plotho aus dem Gutsdorf Zedwitz die Pfarrstelle im Örtchen Joditz. Und so zog die Familie um, sein jüngerer Bruder Adam war schon geboren. Joditz ist ein kleines Dorf, nicht weit nördlich von Hof. Mit seinen 550 Gemeindemitgliedern ist es eine der kleinsten Kirchengemeinden im Dekanatsbezirk. Den Eltern ging es hier besser als in Wunsiedel, der Vater war vom Schulmeister und Organist zum Pfarrer aufgestiegen. Das Dörflein an dem Flüsschen Saale wurde zur geliebten Heimat und für Jean Paul nahm hier alles seinen Anfang.

 

Jean Paul liebte Joditz

„Die Saale, gleich mir am Fichtelgebirge entsprungen, war mir bis dahin nachgelaufen ...“, so rezitierte Eberhard Schmidt Jean Paul auf dem Kirchplatz und damit fing das Hineintauchen in die Welt des Menschendichters, so nenne ich ihn, an. „Die Saale war das Schönste, wenigstens das Längste von Joditz“, so schrieb Jean Paul über den Ort seiner Kindheit in seiner „Selberlebensbeschreibung“, Jean Pauls Wortschöpfung für Autobiographie. „Für Jean Paul Richter war das Dorf Joditz seine eigentliche, seine geistige Geburtsstadt. Er liebte es inbrünstig,“ fuhr Schmidt fort und er erklärte gleich warum: „Aber im Dorfe liebt man das ganze Dorf und kein Säugling wird da begraben, ohne dass jeder dessen Namen und Krankheit und Trauer weiß; Joditzer haben sich alle ineinander hineingewohnt und hineingewöhnt; - und dieses herrliche Teilnehmen an jedem, der ein Mensch, welches daher sogar auf den Fremden und den Bettler überzieht, brütet eine verdichtete Menschenliebe aus und die rechte Schlagkraft des Herzens.“
Schmidt machte eine kleine Pause. „Man muss sich auch vorstellen, dass die Pfarrfamilie natürlich an allem Leben im Dorf teilhatte, schon allein durch die Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse. Immer wieder rafften Krankheiten Kinder hinweg. Auch zwei seiner Schwestern musste er hier begraben.“

Wir betreten die Kirche. Auch Fidel darf mit. Hier ist das möglich, hier ist Eberhard Schmidt der Meister und Hüter des Schlüssels. Auch er hat einen Hund und versteht das. Seine Führungen macht er nur nach Termin, quasi privat, alles ist privat im Privatmuseum, überall, ganz und gar und wir werden es auch mit Jean Paul. So hätte es ihm bestimmt gefallen.
Fidel sitzt ruhig auf meinem Schoß, in der kleinen klaren sympathischen Barockkirche. Unser Blick geht zu den Emporen hoch, an der Orgel vorbei. Hier saß der kleine Fritz oft, während sein Vater predigte. Von hier oben schaute er die kleine Auguste an, die wohl tiefste seiner vielen, von ihm in Joditz erinnerten Sommeridyllen.

 

Ach, Auguste in Joditz ...

„Der schönste Sommervogel indes, ein zarter blauer Schmetterling, welcher den Helden in der schönen Jahreszeit umflatterte, war seine erste Liebe. Es war ein blauäugiges Bauernmädchen seines Alters, von schlanker Gestalt, eirundem Gesicht mit einigen Blatternarben, aber mit den tausend Zügen, welche eben wie Zauberkreise das Herz gefangen nehmen.“„So beschreibt er es, über sich selbst in der dritten Person redend“, weiß Schmidt und fährt dann später fort: „... dass er in der Kirche von seinem Pfarrstuhle aus sie in ihrem Weiberstuhle ziemlich nahe genug ansah und nicht satt bekam“. „... die langen Fenster den kalten Boden und die Weiberstühle mit breiten Lichtstreifen durchschnitten und ... das Sonnenlicht an der Zauberhirtin Augustina herunterfloss“. Dann verändern sich die Gesichtszüge des Jean-Paul-Freundes Schmidt, als ob er den kleinen Paul in der Kirche beobachtet und dessen geheime Gedanken gelesen hätte: „Diese erste heimliche Liebe, Auguste, trägt er sein Leben lang mit sich.“
Wir Touristen, eine ganz kleine Gruppe, sehen diese zärtliche Szene. Für Augenblicke ist es still im Gotteshaus. Vielleicht ahnend, dass so etwas verborgen Liebendes in der heutigen Welt am verschwinden ist.

Museumsleiter Eberhard Schmidt
Museumsleiter Eberhard Schmidt

Der nackte Po ...

 

Nun wird es heiter, denn das Kirchlein hat etwas ganz Besonderes aufzuweisen. Das ist der Heiland, der über der Kanzel schwebt. Hier hängt er nicht am Kreuz, hier leidet er nicht, hier sehen wir ihn als Auferstandenen mit der österlichen Siegesfahne. Aber das ungewöhnlichste ist wohl sein nacktes Hinterteil. Wahrhaftig, wir alle haben so etwas noch nicht gesehen. Jedem zaubert er ein Lächeln ins Gesicht und so soll es auch gemeint sein, erklärt man das Kunstwerk in der Gemeinde. Das Leben ist die Fülle aller - auch die der nackten Tatsachen. Außerdem, wenn man das Hinterteil so dem Teufel präsentiert, hat man schon einen halben Sieg gegen ihn errungen.

Es geht weiter, am nackten Jesus vorbei, den wir natürlich alle fotografieren, hinten zur Sakristei wieder hinaus auf die Straße.

 

Jean Paul sieht sein „Ich"

 

Und schon stehen wir vor dem Pfarrhaus, in dem Jean Paul und seine Familie wohnte. Auch hier fesselt uns Eberhard Schmidt mit Geschichten und Zitaten, die schon mit der blauen Haustür beginnen. Heute stehen ein paar Stiefel dort und ein schwarzer Hund döst ruhig auf der Schwelle.

„Hier war es,“ fängt Schmidt an: „dass Jean Paul als sehr junges Kind an einem Vormittag unter der Haustüre stand und sah links nach der Holzlege, als auf einmal das innere Gesicht ,ich bin ein Ich‘ wie ein Blitzstrahl vor mich fuhr und seitdem leuchtend stehen blieb: Da hatte mein Ich zum ersten Male sich selber gesehen und auf ewig.“

Ist das nicht beachtlich? Erst seit der Freudschen Psychoanalyse fing man an das so zu formulieren, dieses Ich so zu benennen. Jean Paul beschreibt es selbst als „Erscheinung in mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewusstseins stand, von der ich Ort und Zeit anzugeben weiß ...“

Da sehen wir über die Gartenmauer hinweg eben jenen Ort, da wo vor über 200 Jahren Jean Paul stand und sich seiner selbst bewusst wurde. Ich glaube, heute noch die Holzlege auf der linken Seite zu sehen, oder bilde ich es mir ein?

Die Tür des heute noch bewohnten Pfarrhauses in Joditz, wo Jean paul seine Kindheit verbrachte
Die Tür des heute noch bewohnten Pfarrhauses in Joditz, wo Jean paul seine Kindheit verbrachte

Schon erzählt Schmidt weiter von der Geschichte des Jean Paul und seiner Auguste, „... - denn wenn sie abends ihre Weidekühe nach Hause trieb, die er am unvergesslichen Glockengeläute erkannte, so kletterte er auf die Hofmauer, um sie zu sehen und heranzuwinken und dann wieder herab an den Torweg um durch eine Spalte die Hand hinauszubringen ... und ihr etwas Essbares, Zuckermandeln oder sonst etwas Köstliches, dass er aus der Stadt gebracht, in die Hand zu geben. Fritz und Auguste wurden nie ein Paar, aber ein Leben lang wird jedes Läuten einer Kuhglocke ihn an das Mädchen erinnern ...und noch würde sein altes Herzblut wogen und wallen, wenn diese Klänge ihm wieder begegneten ...,“ höre ich Schmidt weiter rezitieren.


Und da ist es wieder, das Gefühl, dass der Mensch Johann Paul Friedrich Richter einem tief geht. Heute kann ich sagen, bei mir so tief wie keiner zuvor. So seltsam ist das. Der Besuch bei den Schmidts, bei denen Jean Paul ja eigentlich wohnt, oder sie bei ihm, ist der beste Anfang dieser Reise. Der Wanderweg war eben auch die Idee des Ehepaares. Von ihnen wird nun unser Rucksack mit genügend Proviant gefüllt, damit wir die kommenden Tafeln, die uns begleiten werden, verstehen können.

Gasthof Krauß gegenüber dem Jean-Paul-Museum in Joditz
Gasthof Krauß gegenüber dem Jean-Paul-Museum in Joditz

Im Museum wohnt Jean Paul heute noch

 

Zurück über die Straße, an der Kirche vorbei, über den Platz zum Fachwerkhaus mit den rotgestrichenen Balken. Das ist das Wohnhaus der Schmidts. Im anliegenden ehemaligen Stall ist ein kleiner Festraum mit Klavier eingerichtet. Hier finden immer wieder Veranstaltungen statt. Auch wenn die Akustik schon herausfordernd ist, einen Versuch und Besuch ist es allemal wert. Aber weiter geht es durch den Garten, den ehemaligen Pfarrgarten, mit so vielen kleinen heimlichen Ecken und Bänken, in dessen Gartenhaus - von Jean Paul Lusthäuschen genannt - der Vater seine Sonntagspredigten lernte und die Kinder Grammatiklektionen. Wo das Lusthäuschen stand, wurde 1893 ein Weberhaus erbaut, in dem sich heute das Museum befindet.

Eigentlich ist es eine Gedenkstätte und das Ehepaar Schmidt die Gralshüter, die aber jeden Besucher an all ihrem Wissen und ihrer Leidenschaft teilhaben lassen. Die Liebe zu Jean Paul atmet aus jeder kleinen Ritze in den Balken. Kein Wunder, dass es uns nicht erstaunte, als eine sehr authentisch lebensgroße Puppe, Jean Paul, auf dem schwarzen Kanapee im Obergeschoss des Museums saß. Ein bisschen Dichterstube, die Regale nebst Büchern mit Jean-Paul-Sammlerstücken gefüllt: Bierdeckel, Servietten, Speisekarten, Tabakdosen und vieles mehr. Fidel springt gleich neben ihn auf das Sofa. Ich will ihn schnell wieder vertreiben. Um Gottes Willen! Mein Gedanke. Das aber scheint den Museumsleiter eher weniger zu interessieren, und Jean Paul auch nicht. Dieser hatte selbst einen Pudel, wie wir jetzt erfahren.

Die Schätze des Eberhard Schmidt

 

Dann brennt Schmidt wieder ein Feuerwerk von Zitaten ab. Ich konnte sie mir gar nicht alle merken. Eines doch schon, dass zeigt wie viel Humor, Witz und Schalk in Jean Paul wohnte. In seinem „Schulmeisterlein Wutz“ beschrieb er eine Hochzeitsfeier im Dorf, bei der auch Kammermusik gespielt wurde. Hierbei waren die Pausen, die die Musiker machten sehr lang, denn sie speisten mehr als sie musizierten, was Jean Paul so kommentierte: „Der Violencellist und der Violinist streichen fremdes Gedärm weniger, als sie eigenes füllen.“

Wie er denn die komplizierten Texte von Jean Paul so gut beherrschen könne, will ich von Schmidt wissen und er antwortet, dass er ja täglich mit seinem Hund laufen müsse und dabei die Gelegenheit nutzen würde, sich ständig im Auswendiglernen zu üben. „Das tut gut“, fügt er noch hinzu.

Im Museum sind Schmidts wohl kostbarste Stücke ausgestellt: nahezu alle Erstausgaben des Dichters und vieler seiner Zeitgenossen. Die Handbibliothek enthält über 700 Titel mit weit über 1000 Bänden. Den berühmtesten Roman „Hesperus“ zeigt er uns auf japanisch, weil es ihn zur Zeit in deutsch nicht mehr gibt. Muss man sich mal vorstellen! Ein kleines Geheimnis verrät uns Eberhard Schmidt noch, da gäbe es noch einen einmaligen Gegenstand aus dem Besitz Jean Pauls, der ihm und seinem Museum quasi versprochen wurde und den er hoffe bald auch ausstellen zu können. Aber mehr dürfen wir noch nicht verraten.


Das Museum selbst hat auch eine Schriftenreihe herausgegeben. Im November 2001 ist der erste Band mit dem Titel „Traumwelten" und 2002 der 2. Band der Buchreihe „Jean Paul und Italien“ von Dieter Richter, erschienen. Ich habe mir gleich beide gekauft, auch versucht, sie zu lesen, musste aber beide aber erst mal wieder zur Seite legen. Denn Jean Pauls Sprache muss man erst verstehen lernen.

 

Über Jean Pauls sonderliche Sprache


Genauso hat es auch Peter Bichsel in seinem Nachwort zu Jean Paul: „Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz“ beschrieben. Das hatten wir uns als Anfangslektüre auch gleich im Museum erworben. Den Autor Peter Bichsel kannten wir schon. Er ist sehr amüsant zu lesen. Was Bichsel im Nachwort sagt, tröstete uns dann: man muss Jean Paul lesen lernen wie eine Sprache, die Zeilen überfliegen, querlesen, nicht alles gleich begreifen wollen. Dann, nach einiger Zeit, wenn man unbewusster, entspannter wird, dann geht einem das Tor des Verstehens auf. Wie, wenn man eine Sprache in der Schule gelernt hat, dann in selbiges Land fährt, erst gar nichts versteht, dann nach drei Wochen macht es plötzlich Klick und man versteht alles. So geht es einem auch mit Jean Paul. Ich vertraue Peter Bichsel.

„Jean Paul hält man für den musikalischsten Dichter,“ erklärt Schmidt. „Seine Sprache ist Musik, Komposition. Wie soll man das erklären? Das geht eigentlich nicht. Aber man weiß es, wenn man ihn liest. Töne bedeuteten ihm alles. Man muss sich erinnern, sein Vater war Organist und Komponist. Es stand immer ein Klavier im Haus, aber Jean Paul hat nie gelernt, ein Instrument zu spielen. In seiner Selberlebensbeschreibung trauert er dem Verlust einer musikalischen Ausbildung nach, wenn er schreibt ... Tonkunst war meine Seele (vielleicht der väterlichen ähnlich) überall aufgetan ... und weiter ... Stunden widmete ich auf einem alten verstimmten Klaviere, dessen Stimmhammer und Stimmmeister nur das Wetter war, dem Abtrommeln meiner Fantasien, welche gewiss freier waren als irgend kühne in ganz Europa, schon darum, weil ich keine Note kannte und keinen Griff und gar nichts, denn ein so klavierfertiger Vater wies mir keine Taste und keine Note. Er kompensierte wohl später alles in seiner Sprache, auch deshalb ist sie mit dem Verstand manchmal schwerer zugänglich. Aber mit der Zeit spürt man den Gewinn.“ Schmidt kennt Jean Paul mit Haut und Haaren, hört und sieht ihn, er ist da, wenn er von ihm spricht.

Das Buch, das ich mir sofort einverleiben konnte, war eben jene Selberlebensbeschreibung. Das ist, wie viele seiner anderen Werke auch nicht fertig geworden, ein Fragment. Nach seiner Lebensstation Schwarzenbach hört es auf. Das längste Kapitel aber ist Joditz. Köstlich zu lesen. Viel mehr noch. Was es mir gibt ist, wie jemand aus so wenig Leben - vergleicht man es mit Erlebenswelten heute - so viel tiefen Reichtum schöpfen konnte. Nein, hineinschaffen konnte! Wie arm wird mir da unsere reiche Welt. Wie arm! Heute muss ich an Wegrändern suchen und werde kaum mehr fündig um Erquickendes. Ist das alles weg oder sehe ich es nicht?

 

Jean Paul spricht die Sprache der Frauen

Die Frauen lagen Jean Paul zu Füßen, erwähnt Schmidt noch. Warum, will ich wissen, wenn Jean Paul sich doch von Frauen eher fern hielt und spät heiratete, soviel weiß ich schon. Jean Paul habe sich auf Gefühle sehr verstanden, das liegt den Frauen immer, antwortet Schmidt. Außerdem sei Paul mit 30 Jahren schon ein berühmter Autor gewesen, das zöge die Damenwelt immer an. In den Vitrinen liegen ein paar besonders schöne Büchlein, schmuckvoll in Ledereinbänden, verziert und verschließbar, wohl auf den Bedarf und Geschmack der damaligen Damenwelt zugeschnitten. Bücher waren ihre Schätze.

 

Eberhard Schmidt ist Jean Paul

 

Nach mehr als zwei Stunden sind wir übervoll mit soviel Jean Paul. Nicht genug könnte man kriegen, aber irgendwann muss man aufhören. Ein zweiter Besuch würde sich lohnen und wie wir hören, wir wären nicht die ersten, die öfter kämen. Bei einem Blick in das Gästebuch offenbart sich die Beliebtheit des Museums. Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, war auch schon öfter da, nur um einen prominenten Gast zu nennen.

Warum er denn das alles mache, will ich noch von ihm wissen. Schmidt sagt, er sei vor seiner Rente Buchhändler in Hof gewesen und hätte einen Werbespruch für seinen Laden gesucht. Da wäre er auf Jean Paul gestoßen:
Lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über Sterne. Von da an habe er ihn nie wieder losgelassen.

 


Nachtrag vom 3. Juli 2016


Wie ich gerade eben - leider erst jetzt - erfahren habe, weilt Eberhard Schmidt nicht mehr unter uns.
Am 26. Januar 2016 ist er verstorben.

Todesanzeige Eberhard Schmidt

Mit Eberhard Schmidt und Jean Paul durften wir in jenen fernen Welten wandern, die wir ohne sie nie erlebt hätten. Jetzt wissen wir es: sie sind die Gefährten.

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