1. Sein nunmehr immerwährendes Zuhause – das Jean-Paul-Museum in Joditz

Joditz – Jean-Paul-Museum (nur Besuch im Museum – sehr schön und sehr informativ!)
Joditz – Jean-Paul-Museum (Heute nur ein Besuch im Museum – sehr schön und sehr informativ!)

Joditz


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Ankunft in der Ferienwohnung in Vordorf

Montag, der 6. August 2012.

Abend, halb zehn. Wir sind jetzt in unserer Ferien­wohnung in dem kleinen Dorf Vordorf bei Tröstau. Unsere Bleibe liegt unter dem Dach und kostet auch nicht viel. Die Wirtin hier ist so warmherzig, bei der Begrüßung stand sie da, plauderte oberpfälzisch klingend voller Heiter­keit drauf los, als ob wir zur Familie gehörten. Ich hatte das Gefühl, dass sie Peter gleich über die Wange streicht.

 

Dann stiegen wir Stufe für Stufe die Treppen nach oben in unsere Kindheit zurück. Im ganzen Haus wurden die 70er Jahre liebevoll konserviert. Es duftet nach geborgenem Sauberzauber. Alles ist reichlich geschmückt. Offensichtlich wurde im Laufe der Jahre jedes Geschenk in die Wohnung gestellt und gehängt, egal ob es hinpasste oder nicht, so wie man es mit Geschenken halt macht. Bei mir zu Hause war das auch so. Jetzt sind meine Eltern lange tot, ihr Haus ver­kauft. Mittlerweile mag ich modernes, minimalistisches Design kaum noch, es macht nicht glücklich. Aber hier? Teppichboden, Nut- und Federbretter, Badezimmergarnitur aus Frottee, Plastikblumen, unverwüstliche Bromelien auf den Fensterbänken, bunte Tapeten, das ist Daheim-Gefühl und Ferien. Fehlt nur noch ein großes Puzzle.

Die Küche ist neu und ganz klein. Wir kommen gut zurecht. Nichts ist überflüssig. Die Dusche ist jedoch so eng in die Dachschräge eingearbeitet, dass sie mir für Peter unbezwingbar scheint. Wir werden sehen.

 

Heute greifen wir zum Feierabend noch auf Aldi-Bier zurück. Morgen gibt es etwas Besseres, denn die Schwägerin des Hauses hat gleich nebenan einen Flaschenbierhandel. Pudel Fidel knabbert gerade an seinem Schweineohr – im Sessel, den wir als den Seinigen deklariert und mit der Hunde-Wunderdecke, die rätselhafter Weise nie schmutzig wird, ausstaffiert haben. Ich sitze auf dem Sofa, bin vom Tage platt. Draußen regnet es. Unter unserem Blechdach prasseln die Tropfen herrlich laut. Blechdächer kann man hier häufig sehen und sind kein Zeichen von Armut, wie mir Peter erklärte. Er weiß es, denn er ist der Sohn eines Dachdeckers.

 

Das nasse Wetter beunruhigt uns gar nicht. Laut Vorhersage wird der Regen morgen aufhören und zum Wandern könnte es dann kaum besser sein: trocken, teils heiter, teils wolkig, nicht zu heiß. Peter zappt durchs Fernsehprogramm, aber es kommt nichts. Ich sage ihm, er soll bei »Tine Wittler« bleiben. Ein leich­tes Laber-Programm im Hintergrund ist gut. Aber so leicht ist das auch nicht mehr, muss ich feststellen. Frau Wittler richtet jetzt ganz arme Menschen ein. Die Fälle werden immer extremer. Dieses Mal vom Plumpsklo zum Luxusbad. Soviel Missbrauch von Leid ertrage ich heute nicht. Dann lieber Olympische Spiele in London.

 

Irgendwie habe ich mir den Rücken verrissen, das Atmen tut weh. Eine Schmerztablette muss helfen. Da, jetzt springt Fidel vom Sessel auf und läuft zu seinem Napf. Er frisst! Oh Freude! An fremden Orten braucht er manch­mal Tage, bis er wieder richtig frisst. Demnach ist auch er hier zuhause ange­kommen.

Start der ersten Etappe in Vordorf – Das Jean-Paul-Museum

Jetzt kann ich mich ganz auf meine Aufzeichnungen konzentrieren: Auf den Ort Joditz waren wir heute Nachmittag sehr gespannt. Hier beginnt der Jean-Paul-Weg und hier ist das jeanpaulste Jean-Paul-Museum, wie es im Internet heißt. Vor allem hat Jean Paul hier die glücklichste Zeit seines Lebens ver­bracht. Jean Paul, zu dieser Zeit war er noch der kleine Johann Paul Friedrich Richter, der Sohn des Pfarrers, der »Pfarrersfritz«. Hier ist er einem ganz nah, so wie alles in Joditz nah beisammen ist. Die Kirche, in der der Vater Pfarrer war, gleich dahinter das Pfarrhaus, in dem Fritz aufwuchs, dann der Bauernhof gegenüber, aus dem die kleine Auguste Römer stammte, seine erste große Liebe.

 

In Sichtweite der Pfarrgarten, in dem er spielte und Latein lernte, wo jetzt das Museum ist. Und für uns Jean-Paul-Pilger heute, am Platz der Gasthof Krauß  die »Auenthalstube«, fränkisch gut und günstig, zur erquicklichen Einkehr nach dem erschöpfend andächtigen Museumsbesuch.

Joditz von oben
Joditz von oben

Im Jean-Paul-Museum: das Erlebnis »Eberhard Schmidt«

»Wenn sie ihm sagen, dass sie Zeit haben, macht er das stundenlang«, verrät uns Karin Schmidt über ihren Ehemann, als wir vom Pfarrhaus her durch ihren Garten ins Museumshäuschen geführt werden. »Wenn sie heute noch wandern wollen, dann bremsen sie ihn!«

»Das macht nichts«, antworten wir, »für heute haben wir nur das Museum geplant.« Was für ein Glück, dass wir nichts mehr vorhatten, denn wir hätten schon allein den ganzen Tag im verwunschenen Garten der Schmidts ver­bringen können. Eine Trauminsel nach der anderen war zu entdecken und mittendrin sprudelte die lebende Jean-Paul-Geschichtenquelle.

 

In der Tat, Karin und Eberhard Schmidt betreiben ihr privates Jean-Paul-Museum mit totaler Hingabe. Das konnte man schon gleich am Anfang spü­ren. Bisher hatten wir noch wenig über Jean Paul gewusst, aber jetzt erstand er förmlich vor unseren Augen wieder auf. Die Museumsführung beginnt vor der evangelisch-lutherischen Kirche St. Johannes. Eberhard Schmidt erzählt, dass Jean Paul in Wunsiedel geboren wurde. Nach Joditz kam er erst im Alter von zwei Jahren, weil sein Vater durch die Beziehung zur Freifrau von Plotho, aus dem Gutsdorf Zedwitz, die Pfarrstelle im Örtchen Joditz erhielt. Und so zog die ganze Familie um. Sein jüngerer Bruder Adam war schon geboren. 

 

Joditz ist ein kleines Dorf, nicht weit nördlich von Hof. Mit seinen 550 Ge­meindemitgliedern ist es eine der kleinsten Kirchengemeinden im Dekanats­bezirk. Den Eltern ging es hier besser als in Wunsiedel, der Vater war vom Schulmeister und Organist zum Pfarrer aufgestiegen. Das Dorf an dem Flüss­chen Saale wurde zur geliebten Heimat. Und für Jean Paul nahm hier alles seinen Anfang …

Joditz – Ansicht von 1788 (Jean-Paul-Museum in Bayreuth)
Joditz – Ansicht von 1788 (Jean-Paul-Museum in Bayreuth)

Jean Paul liebte Joditz

»Die Saale, gleich mir am Fichtelgebirge entsprungen, war mir bis dahin nach­gelaufen …«, Eberhard Schmidt rezitiert Jean Paul auf dem Kirchplatz, und da­mit fing das langsame Hineintauchen in die Welt des Menschendichters, so nenne ich ihn, an. 

»… Die Saale war das Schönste, wenigstens das Längste von Joditz … so schrieb Jean Paul über den Ort seiner Kindheit in seiner ›Selberlebensbeschreibung‹ – Jean Pauls Wortschöpfung für das Wort ›Autobiographie‹. Für Jean Paul Richter war das Dorf Joditz seine eigentliche, seine geistige Geburtsstadt. Er liebte es inbrünstig«, fährt Schmidt fort und er erklärt mit Jean Pauls Worten gleich warum: »… Aber im Dorfe liebt man das ganze Dorf und kein Säugling wird da begraben, ohne dass jeder dessen Namen und Krankheit und Trauer weiß; Joditzer haben sich alle ineinander hineingewohnt und hineingewöhnt; – und dieses herrliche Teilnehmen an jedem, der ein Mensch, welches daher sogar auf den Fremden und den Bettler überzieht, brütet eine verdichtete Menschenliebe aus und die rechte Schlagkraft des Herzens.«

Schmidt macht eine kleine Pause. »Man muss sich auch vorstellen, dass die Pfarrfamilie natürlich an allem Leben im Dorf teilhatte, schon allein durch die Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse. Immer wieder rafften Krankheiten Kin­der hinweg. Auch zwei seiner Schwestern musste er hier begraben.«

Ach, Auguste in Joditz! …

Wir betreten die Kirche. Auch Fidel darf mit. Hier ist das möglich, hier ist Eberhard Schmidt der Meister und Hüter des Schlüssels. Auch er hat einen Hund und versteht das. Seine Führungen macht er nur nach Termin, quasi privat, alles ist privat im Privatmuseum, überall, ganz und gar und wir wer­den es auch mit Jean Paul. So hätte es ihm bestimmt gefallen.

Fidel sitzt ruhig auf meinem Schoß, in der kleinen, klaren, sympathischen Barockkirche. Unser Blick wandert hoch zu den Emporen, vorbei an der Orgel. Hier oben saß der kleine Fritz oft, während sein Vater predigte. Von hier aus sah er die kleine Auguste an, die wohl tiefste seiner vielen, von ihm in Joditz erinnerten, Sommeridyllen:

»Der schönste Sommervogel indes, ein zarter blauer Schmetterling, welcher den Helden in der schönen Jahreszeit umflatterte, war seine erste Liebe. Es war ein blauäugiges Bauernmädchen seines Alters, von schlanker Gestalt, eirundem Gesicht mit einigen Blatternarben, aber mit den tausend Zügen, welche eben wie Zauber­kreise das Herz gefangen nehmen … so beschreibt er es, über sich selbst in der drit­ten Person redend«, erzählt uns Schmidt, immer Jean Paul zitierend: »… dass er in der Kirche von seinem Pfarrstuhle aus sie in ihrem Weiberstuhle ziemlich nahe genug ansah und nicht satt bekam … die langen Fenster den kalten Boden und die Weiberstühle mit breiten Lichtstreifen durchschnitten und … das Sonnenlicht an der Zauberhirtin Augustina herunterfloss. …« 

 

Wir Touristen, eine ganz kleine Gruppe, sehen diese zärtliche Szene. Für Augenblicke ist es still im Gotteshaus. Vielleicht ahnend, dass so etwas ver­borgen Liebendes in der heutigen Welt am Verschwinden ist.

Museumsleiter Eberhard Schmidt
Museumsleiter Eberhard Schmidt

Der nackte Po ...

Nun wird es heiter, denn das Kirchlein hat etwas ganz Besonderes aufzuweisen. Das ist die Figur des Heilands, die hier über der Kanzel schwebt. Jesus hängt dabei nicht am Kreuz, hier leidet er nicht, sondern hier sehen wir ihn als Auferstandenen mit der österlichen Siegesfahne. Aber das Ungewöhnlichste ist wohl sein nacktes Hinterteil. Wahrhaftig, wir alle haben so etwas noch nicht gesehen. Jedem zaubert das entblößte Gesäß ein Lächeln ins Gesicht. Und so sollte es auch gemeint sein, erklärt Eberhard Schmidt das Kunstwerk. Will sagen, das Leben sei die Fülle aller – auch die der nackten – Tatsachen. Außer­dem, wenn man sein Hinterteil so dem Teufel präsentierte, hätte man schon den halben Sieg gegen ihn errungen.

Es geht weiter, am nackten Jesus vorbei, den wir natürlich alle fotografieren, nach hinten zur Sakristei und wieder hinaus auf die Straße.

Jean Paul sieht sein »Ich«

Und schon stehen wir vor dem Pfarrhaus, in dem Jean Paul und seine Familie wohnten. Auch hier fesselt uns Eberhard Schmidt mit Geschichten und Zita­ten. Er beginnt mit der blauen Haustür. Heute stehen ein Paar Stiefel dort,

und ein schwarzer Hund döst ruhig auf der Schwelle.

»Hier war es«, fängt Schmidt an, »dass Jean Paul als sehr junges Kind an einem Vormittag unter der Haustüre stand, nach links zur Holzlege sah und  … auf einmal das innere Gesicht ›ich bin ein Ich‹ wie ein Blitzstrahl vor ihn fuhr und seitdem leuchtend stehen blieb: Da hatte mein Ich zum ersten Male sich selber gesehen und auf ewig. …«

 

Wie konnte er dieses »Ich« so klar benennen? Jean Paul beschreibt es selbst als … Erscheinung in mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewusstseins stand, von der ich Ort und Zeit anzugeben weiß …

Da erblicken wir, über die Gartenmauer hinweg, eben jenen Ort. Da, wo vor über 200 Jahren Jean Paul stand und sich seiner selbst bewusst wurde. Ich glaube, heute noch die Holzlege auf der linken Seite zu sehen, oder bilde ich es mir ein?

 

Die Tür des heute noch bewohnten Pfarrhauses in Joditz, in dem Jean Paul seine Kindheit verbrachte.
Die Tür des heute noch bewohnten Pfarrhauses in Joditz, in dem Jean Paul seine Kindheit verbrachte.

Schon erzählt Schmidt die Geschichte von Jean Paul und seiner Auguste weiter: »… – denn wenn sie abends ihre Weidekühe nach Hause trieb, die er am unver­gesslichen Glockengeläute erkannte, so kletterte er auf die Hofmauer, um sie zu sehen und heranzuwinken und dann wieder herab an den Torweg um durch eine Spalte die Hand hinauszubringen … und ihr etwas Essbares, Zuckermandeln oder sonst etwas Köstliches, das er aus der Stadt gebracht, in die Hand zu geben. … Fritz und Auguste wurden nie ein Paar, aber ein Leben lang wird jedes Läuten einer Kuhglocke ihn an das Mädchen erinnern … und noch würde sein altes Herzblut wogen und wallen, wenn diese Klänge ihm wieder begegneten …«

 

Und da ist es wieder, das Gefühl, dass der Mensch Johann Paul Friedrich Richter einem tief geht. Heute kann ich sagen, bei mir so tief wie keiner zuvor. So seltsam ist das. Der Besuch bei den Schmidts, bei denen Jean Paul ja eigentlich wohnt, oder sie bei ihm, ist der beste Anfang dieser Reise. Die Erschaffung des Jean-Paul-Wanderweges war eben auch die Idee des Ehepaares. Von ihnen wird nun unser Rucksack mit genügend Proviant gefüllt, damit wir die kommenden Tafeln, die uns begleiten werden, verstehen können.

Gasthof Krauß gegenüber des Jean-Paul-Museums in Joditz
Gasthof Krauß gegenüber des Jean-Paul-Museums in Joditz

Im Museum wohnt Jean Paul heute noch

Es geht zurück über die Straße, wieder an der Kirche vorbei, dann über den Platz zum Fachwerkhaus mit den rot gestrichenen Balken. Das ist das Wohn­haus der Schmidts. Im anliegenden ehemaligen Stall ist ein kleiner Festraum eingerichtet, in dem es auch ein Klavier gibt. Hier finden immer wieder Ver­anstaltungen statt. Aber weiter geht es durch den Garten, den ehemaligen Pfarrgarten, mit vielen kleinen, heimlichen Ecken und Bänken und einem Gartenhaus, das von Jean Paul »Lusthäuschen« genannt wurde. In diesem Lusthäuschen lernte der Vater seine Sonntagspredigten auswendig und die Kinder Grammatiklektionen. Das Häuschen gibt es nicht mehr. Aber dort, wo es einmal stand, wurde 1893 ein Weberhaus erbaut. In ihm befindet sich heute das Museum.

 

Eigentlich ist das Museum eine Art heiliger Gral und das Ehepaar Schmidt die Gralshüter. Sie aber hüten kein Geheimnis, sondern sie lassen jeden Be­sucher an all ihrem Wissen und ihrer Leidenschaft teilhaben. Die Liebe zu Jean Paul atmet hier aus jeder kleinen Ritze zwischen den vielen Balken. So wundert es uns auch nicht, dass eine sehr authentisch lebensgroße Puppe, die Jean Paul ähnlich sehen soll, auf dem schwarzen Kanapee im Obergeschoss des Museums sitzt. Alles ist hier wie eine Dichterstube. Tisch, Tintenfass und Federkiele. Und die vielen Regale wurden nicht nur mit Büchern, sondern auch mit Jean-Paul-Sammlerstücken gefüllt, wie Bierdeckel, Servietten, Speise­karten und Tabakdosen.

 

Fidel springt gleich auf das Sofa, direkt neben Jean Paul, so als ob es nichts Selbstverständlicheres gäbe. Ich will ihn schnell wieder vertreiben. Um Gottes willen! Denke ich. Wenn das einer sieht! Das scheint den Museumsleiter jedoch weniger zu interessieren, und Jean Paul schon gar nicht. Dieser hatte selbst einen Pudel, wie wir jetzt erfahren.

Die Schätze des Eberhard Schmidt

Dann brennt Schmidt wieder ein Feuerwerk von Zitaten ab. Ich konnte sie mir gar nicht alle merken. Eines doch schon, das zeigt, wie viel Humor, Witz und Schalk in Jean Paul wohnte. In seinem »Schulmeisterlein Wutz« be­schreibt er eine Hochzeitsfeier im Dorf, bei der auch Kammermusik gespielt wurde. Hierbei waren die Pausen, die die Musiker machten, sehr lang. Denn sie speisten mehr, als sie musizierten. Was Jean Paul so kommentierte: … Der Violencellist und der Violinist streichen fremdes Gedärm weniger, als sie eigenes füllen …

 

Wie er denn die komplizierten Texte von Jean Paul so gut beherrschen kön­ne, will ich von Schmidt wissen. Er gibt zur Antwort, dass er ja täglich mit seinem Hund laufen müsse und dabei die Gelegenheit nutzen würde, sich ständig im Auswendiglernen zu üben. »Das tut gut«, fügt er noch hinzu.

 

Im Museum sind Schmidts wohl kostbarste Stücke ausgestellt: nahezu alle Erstausgaben des Dichters und vieler seiner Zeitgenossen. Die Handbibliothek enthält über 700 Titel, mit weit über 1.000 Bänden. Den berühmtesten Roman »Hesperus« zeigt er uns in Japanisch, weil es ihn zurzeit in deutscher Sprache nicht mehr gibt. Muss man sich mal vorstellen!

Das Museum hat selbst auch zwei Bücher herausgegeben: das erste, mit dem Titel »Traumwelten«, mit Texten von Jean Paul und dem Schweizer Literatur­wissenschaftler Albert Béguin. Das zweite, mit dem Titel »Jean Paul und Italien«, ist eine »Reise-Biographie« von Dieter Richter. Ich habe mir gleich beide gekauft, auch versucht, sie zu lesen. Aber Jean Pauls Sprache muss man erst verstehen lernen.

Über Jean Pauls sonderliche Sprache

»Jean Paul hält man für den musikalischsten Dichter«, erklärt Schmidt. »Seine Sprache ist Musik, Komposition. Wie soll man das erklären? Das geht eigentlich nicht. Aber man weiß es, wenn man ihn liest. Töne bedeuteten ihm alles. Man muss sich erinnern, sein Vater war Organist und Komponist. Es stand immer ein Klavier im Haus, aber Jean Paul hat nie gelernt, ein Instrument zu spielen. In seiner Selberlebensbeschreibung trauert er dem Verlust einer musikalischen Ausbildung nach, wenn er schreibt, … Der Tonkunst war meine Seele (vielleicht der väterlichen ähnlich) überall aufgetan … und weiter … Stunden widmete ich auf einem alten verstimmten Klaviere, dessen Stimmhammer und Stimmmeister nur das Wetter war, dem Abtrommeln meiner Fantasien, welche gewiss freier waren als irgend kühne in ganz Europa, schon darum, weil ich keine Note kannte und keinen Griff und gar nichts, denn ein so klavierfertiger Vater wies mir keine Taste und keine Note. … Er kompensierte wohl später alles in seiner Sprache, auch deshalb ist sie mit dem Verstand manchmal schwerer zugänglich. Aber mit der Zeit spürt man den Gewinn.« Schmidt kennt Jean Paul mit Haut und Haaren, hört und sieht ihn. Jean Paul ist da, wenn Schmidt von ihm spricht.

 

Das Buch, das ich mir sofort einverleiben konnte, war eben jene »Selber­lebensbeschreibung«, die er erst am Ende seines Lebens schrieb, weil andere ihn dazu drängten. Sie ist, wie viele seiner anderen Werke, auch nicht fertig gewor­den. Sie blieb Fragment. Nach seiner dritten Lebensstation in Schwarzenbach a. d. Saale hört es auf. Das längste Kapitel aber ist Joditz. Köstlich zu lesen. Viel mehr noch: Was es mir gibt, ist, wie jemand aus so wenig Leben so viel tiefen Reichtum schöpfen konnte. Nein, hineinschaffen konnte! Wie arm wird mir da unsere reiche Welt. Wie arm! Heute muss ich an Wegrändern lange suchen und finde fast nichts mehr. Ist das alles weg, oder sehe ich es nicht?

Jean Paul spricht die Sprache der Frauen

Die Frauen lagen Jean Paul zu Füßen, erwähnt Schmidt noch. Warum, will ich wissen, wenn Jean Paul sich doch von Frauen eher fern hielt und erst spät heiratete, soviel weiß ich schon. 

Jean Paul habe sich auf Gefühle sehr verstanden, das läge den Frauen im­mer, antwortet Schmidt. Außerdem sei Jean Paul mit 30 Jahren schon ein berühmter Dichter gewesen, das zöge die Damenwelt immer an. 

In den Vitrinen des Museums liegen ein paar besonders schöne Büchlein, schmuckvoll in Ledereinbänden, verziert und verschließbar, wohl auf den Be­darf und Geschmack der damaligen Damenwelt zugeschnitten. Bücher waren ihre Schätze.

Eberhard Schmidt ist Jean Paul

Nach mehr als zwei Stunden sind wir übervoll mit soviel Jean Paul. Nicht genug könnte man kriegen, aber irgendwann muss man aufhören. Ein zweiter Besuch würde sich lohnen. Und wie wir hören, wir wären nicht die ersten, die öfter kommen würden. Bei einem Blick ins Gästebuch offenbart sich die Beliebtheit des Museums. Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, war auch schon öfter da. Nur um einen prominenten Gast zu nennen.

 

Warum er denn das alles mache, will ich noch von ihm wissen. Schmidt erzählt, er sei vor seiner Rente Buchhändler in Hof gewesen und hätte einen Werbespruch für seinen Laden gesucht. Da wäre er auf Jean Paul gestoßen:

… Lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über Sterne … 

 

Von da an habe Jean Paul ihn nie wieder losgelassen. 

 

 

Nachtrag vom 3. Juli 2016

Eberhard Schmidt weilt nicht mehr unter uns

 

 

 

 

 

Am 26. Januar 2016 ist er verstorben. Mit Eberhard Schmidt und Jean Paul durften wir in jenen fernen Welten wandern, die wir ohne sie nie erlebt hätten. Jetzt wissen wir es: sie sind Gefährten, die uns mitnehmen. 

Todesanzeige Eberhard Schmidt

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