11. Meine kleine Ouvertüre zur großen Ode

Wunsiedel - Bad Alexandersbad (sehr schöne Etappe)
Wunsiedel - Bad Alexandersbad (sehr schöne Etappe)

Wunsiedel - Bad Alexandersbad


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Gewandert sind wir am Donnerstag, den 16. August 2012.

Am Mittwoch, den 15. August, hatten wir die Etappe Bad Alexandersbad - Luisenburg/Felsenlabyrinth vorgezogen. Erstens wegen des Wetters, da gab es besten Sonnenschein. Für den Besuch des Felsenlabyrints ist Regen nicht empfehlenswert. Und zweitens hatte ich an diesem Tag Geburtstag. Deshalb gönnten wir uns schon gestern diesen kleinen Höhepunkt der Wanderung.

 

Unterwegs im Sechsämterland

Aber ich bleibe hier bei der chronologischen Wegerzählung, folge der Route. Jetzt also Wunsiedel - Bad Alexandersbad. Es ist schon spät am Morgen, als wir zum Start der Wanderung fahren, ins Zentrum des Sechsämterlandes, nach Wunsiedel. Das Sechsämterland ist eine historisch politische Gliederung des Markgraftums Brandenburg-Bayreuth (Fürstentum Bayreuth). Der Name geht auf die sechs Ämter Hohenberg, Kirchenlamitz, Selb, Thierstein, Weißenstadt und Wunsiedel zurück. Das Sechsämterland liegt im Norden Bayerns, im Regierungsbezirk Oberfranken und entspricht fast dem heutigen Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge. Allen bekannt ist sicherlich der Kräuterlikör Sechsämtertropfen, der hier hergestellt wird.

Nieselwetter bei Wunsiedel
Nieselwetter bei Wunsiedel

Heute nieselt es. Herrlich feuchtes Wetter, als ob hinter dem nächsten Hügel das Meer liegen würde. Mit Regenschirmen in Begleitung starten wir da, wo wir gestern Abend aufgehört hatten, im Städtchen Wunsiedel. Weiter steigen wir über den Katharinenberg, und spazieren nach Bad Alexandersbad. Da werden wir für heute Schluss machen.

Um einen Anfangspunkt und eine Einstimmung zu finden, suchen wir mit dem Auto erst einmal
Stationstafel 55, die wir dann auch schnell finden:

Unsere vielen Lehrer

Freilich könnte man sagen, auch in Familien erziehe neben der Volkmenge eine pädagogische Menge Volks, wenigstens z.B. Tanten, Großväter, Großmütter, Vater, Mutter, Gevatter, Hausfreunde, jährliche Dienerschaft, und an der Spitze winke der Informator (Lehrer, Erzieher) mit Zeigefingern, so daß sich - könnte man fortfahren, weil man recht behalten wollte - ein Kind unter diesen Vielherren wirklich einem indischen Sklaven viel ähnlicher, als man dächte, ausprägte, welcher mit den eingebrannten Stempeln seiner Wechselherren umhergeht; aber wie schwindet die Menge dahin gegen die höhere (Erziehung).

Die Wiederholung ist die Mutter - nicht bloß des Studierens, sondern auch der Bildung. Wie der Freskomaler, so gibt der Erzieher dem nassen Kalke Farben, die immer versiegen, und die er von neuen aufträgt, bis sie bleiben und lebendig blühen.

Liebe und Kraft oder innere Harmonie und Tapferkeit sind Pole der Erziehung. So erlernte Achilles vom Zentaur zugleich das Lyraspielen und das Bogenschießen.

Levana

Hier begegnet es uns wieder:

das Erziehungssystem ist Jean Paul ein ernstes Thema.

 

Er war selbst Kind und Enkelkind von Lehrern. Er kann das System viel mehr von innen, sogar von beiden Seiten aus betrachten.


Hierzu Stationstafel 56:

Arme Schullehrer

Wenn ein Schulmann nichts vertut als 30 Reichstaler; wenn er nicht mehr Fabrikwaren jährlich verkauft, als die Politiker für jedes Individuum berechnet haben, nämlich 5 Reichstaler, und nicht mehr Zentner Nahrung, als diese annehmen, nämlich 10; kurz, wenn er wie ein wohlhabender Holzhacker lebt: so müßte der Teufel sein Spiel haben, wenn er nicht jährlich soviel reinen Profit zurücklegen wollte, als die Zinsen seiner Amtsschulden am Ende betragen.

Der Syndikus muß mich doch damals nicht überredet haben, weil ich nachher sagte: „Im Brandenburgischen werden die Invaliden Schullehrer; bei uns werden die Schullehrer Invaliden.“ Denn die Schuldienerschaft darf überhaupt wie in guten Staaten so wenig heiraten, wie die Soldateska.

Jetzt sind die Schulen Klöster, und folglich sucht man die Lehrer wenigstens zu einigen Nachahmungen der drei Klostergelübde anzuhalten. Das Gelübde des Gehorsams ist vielleicht am ersten durch Scholarchen zu erzwingen; aber das zweite Gelübde der Ehelosigkeit würde schwerer erfüllet werden, wenn nicht durch eine der besten Staats-Verfügungen für das dritte, ich meine für eine schöne Gleichheit der Armut, so gesorget wäre, daß kein Mann mehrere testimonia paupertatis (Armutszeugnisse) braucht als einer, der sie macht - dann greife dieser Mann nur zu einer ehelichen Hälfte, wenn von den zwei Hälften jede einen ganzen Magen hat, und nichts dazu als Halbmetalle und Halbbier.

Quintus Fixlein

In jedem System, das auf Gefangenschaft (Unfreiheit) beruht, sind im Grunde doch immer alle Gefangene. Der Knechter wie sein Knecht, der König wie sein Untertan, der Wärter wie sein Häftling, der Unterjocher wie seine Unterjochten. Jeder auf seine Weise.

Ich will mir aber jetzt den kleinen Johann Friedrich vorstellen, seine zwei Jahre hier in Wunsiedel, seine glücklichen in Joditz. Hat er in seiner Erziehungslehre „Levana“ aus diesen Erinnerungen geschöpft?

„Heiterkeit oder Freudigkeit ist der Himmel, unter dem alles gedeihet.“ Diese Worte Jean Pauls kennen wir schon von einer früheren Stationstafel. Mit den folgenden Worten aus der „Levana“ beschreibt er, wie tiefe Heiterkeit entsteht:

„ ... Mit andern Worten: zerteilt die dichte Lust in Lustbarkeiten, einen Pfefferkuchen in Pfeffernüßchen, Weihnachten in ein Kirchen-Jahr. In einem Monat von neunundzwanzig Tagen wäre ein Kind geistig zu zersetzen, wenn man jeden Tag davon zu einem ersten Weihnachttage machen könnte. Nicht einmal ein erwachsener Kopf hielte es aus, jeden Tag von einem andern Lande gekrönt zu werden, den ersten in Paris, den zweiten in Rom, den dritten in London, den vierten in Wien. Aber kleinere Genüsse wirken wie Riechfläschchen auf die jungen Seelen und stärken von Tätigkeit zu Tätigkeit.
Gleichwohl gilt diese Freudenverästung nur für die frühesten Jahre; später wird umgekehrt ein Johannisfest, eine Weinlese, eine Fastnacht, worauf die Kinder lange warten, mit der Nachlese einer vollen reichen Erinnerung ihnen in den darbenden Zwischenräumen desto stärker schimmern.“

Wie ein Teppich der kleinen Seligkeit. Für Jean Paul schwebt er, und das Knüpfgebilde wird ihn tragen, von hier bis nach Bayreuth, von dem Quell bis hin zu seinem Meer.

 

Wunsiedel, die Stadt der Wasser

Wir flanieren ein wenig durch die Altstadt, wenn man das bei diesem Wetter überhaupt kann. Spazieren hinter Häusern entlang und bemerken das viele Grün, überall kleine Gärten, Blumenkübel und immer wieder Bächlein und Brunnen. Wir kommen sogar an einem historischen Waschplatz vorbei, der „Wäschflei“ an der Röslau. Hier hat man Waschtische von früher nachempfunden. Ich höre schon die Frauen, wie sie sich erzählen und lachen, das Klatschen der nassen Wäsche auf den Steinen, den Tischen, das Plätschern des Wassers. Wasser ist tatsächlich allgegenwärtig in dieser Stadt.

Wunsiedel hatte schon lange, lange Wasserleitungen ...

 

Ich zitiere aus der Webseite von Wunsiedel:

„Als die Burg Wunsiedel erbaut wurde, grub man einen Zisternenbrunnen zur Versorgung der Burgbewohner mit Wasser. Über diesen Brunnen baute man die "Veste", einen großen viereckigen Turm.

Im Jahre 1326 wurde unterhalb der Burg eine Stadt gegründet, die sich aufgrund des Bergbaues rasch vergrößerte. Deswegen hat man schon bald an dem wasserreichen Berghang im Nordwesten bzw. Norden der Stadt mehrere starke Quellen in Brunnenstuben zusammengefasst und das Wasser von dort aus in hölzernen Röhren in die Stadt geleitet. An der Stadtmauer hinter den Häusern der heutigen Sigmund-Wann-Straße war ein Verteiler, von dem aus das Wasser in die einzelnen Stadtteile geleitet wurde. In den wichtigsten Gassen der Stadt standen „Röhrkästen", lange Zeit aus Holz, später aus Stein. Von diesen Röhrkästen holten sich die Bürgersfrauen jeden Morgen und Abend mit auf den Rücken zu tragenden Butten das Wasser und gossen es daheim in große Wasserkufen. Bei den meisten Röhrbrunnen waren Fisch- und Milchkästen ein- oder angebaut.

Die hölzernen Röhren mussten häufig erneuert werden. Es gab einen eigenen Röhrmeister, der die Verantwortung dafür hatte, dass die Brunnen immer Wasser gaben.

Wann die erste hölzerne Wasserleitung gelegt wurde, ist nicht bekannt; es muss zwischen 1326 und 1418 gewesen sein. Aus dem Jahre 1418 stammt die älteste Stadtrechnung. In dieser Rechnung werden bereits Reparaturen an den Röhrkästen und ein Röhrmeister genannt.

Nachdem ca. 1530 die sogenannte Neustadt, südlich der Linie Koppetentor – Gabelmannsplatz, in den Stadtmauerring mit einbezogen worden war, wurde 1544 eine zweite Röhrwasserleitung vom Losburggebiet her in die Stadt gelegt.

Als im Jahre 1899 die Hochdruckwasserleitung gebaut wurde, sollten - wie in anderen Städten auch - die Röhrkästen entfernt und die Röhrwasserleitung aufgegeben werden. Da aber ein großer Teil der Bürgerschaft sich heftig gegen die Errichtung einer Hochdruckwasserleitung wehrte, schloss der Stadtmagistrat einen Kompromiss: neben der neuen Hochdruckwasserleitung beließ man auch weiterhin die Röhrwasserleitung.“

Die Wunsiedler liebten ihr Wasser,

 

ihre Röhrwasserleitung, und wahrscheinlich auch das frische, heitere Murmeln der Rinnsale in den Gassen.


Also dickköpfig und eigensinnig sind sie, die, die auf dem Waldwiesenland (Wunne, übersetzt Waldwiesenland) siedeln. Über dreißig Brunnen haben sie in ihrer Stadt. Jedes Jahr zu Johanni, am 24. Juni, schmücken sie ihre Lebensquellen mit Blumen und allerlei Kleinzeug, das sich gerade zur Verzierung anbietet. Sie werden liebevoll mit Wolle umhäkelt oder mit selbst gemalten Bildern versehen. Und dann sperren sie die Innenstadt für den Autoverkehr und feiern das Brunnenfest im Blütenmeer mit Wasserrauschen. Allerorten erklingt Musik, Menschen wandern in kleinen Gruppen von Brunnen zu Brunnen, zur Dämmerung wird illuminiert, Kerzenlicht glitzert über den immerzu sprudelnden Hausquellchen, Chöre bringen Ständchen, Gedichte werden gelesen und natürlich gibt es reichlich Köstlichkeiten zum Verzehr.

 

Die Wunsiedler und ihr Brunnenfest
 
Seit Jahrhunderten feiern die Wunsiedler dieses Fest, nachdem in einem Dürrejahr alle Brunnen der Stadt versiegten und dann doch, nach langem Bangen, das Wasser wieder kam. Zum Dank und zur Huldigung an heidnische und christliche Gottheiten wird das Ritual alljährlich wiederholt. Komme, was da wolle.

Nur einmal, im Jahr 1833, wollte der Magistrat der Stadt das Brunnenfest verbieten, weil das Blumengeschmücke angeblich die Röhrwasserleitungen verstopfen würde. Das haben die Wunsiedler dann doch verhindert.

So gibt es das Fest heute noch. Aber nicht nur das, sondern jedesmal, wenn ein Neubau errichtet wird, werden auch neue Brunnen gebaut. So hat ein jeder hier seinen eigenen Brunnen, sei es Bankfiliale, Ladenlokal, Bahnhof, Amt oder Altenheim, Schule, Kirche oder Privathaus.

Und natürlich gibt es auch einen Jean-Paul-Brunnen, südlich der evang. luth. Kirche St. Veit. Wunsiedel war dem Dichter also nicht nur Frühling, sondern auch Anfang in seinem Quell des Lebens.

Noch mehr auf der Webseite „Das Fichtelgebirge“.

Der Gabelmannbrunnen am Gabelmannsplatz in Wunsiedel
Der Gabelmannbrunnen am Gabelmannsplatz in Wunsiedel

Diesen Schmück- und Feierwillen kann man hier überall spüren.

Wir gelangen zu einem kleinen See, gar nicht weg vom Zentrum. Das ist der Eisweiher, ein kleiner Stausee, der über den Mühlgraben von dem Flüsschen Röslau gespeist wird. Sogar einen Springbrunnen gibt es mitten im Teich.

Man kann hier alles machen, Tretboot fahren, Schlittschuhlaufen, Eiskegeln, einfach nur um den Weiher herumlaufen oder Gold waschen ...

Wenn man hier Gold waschen lernen will, muss man sich vorher anmelden.


Kontakt unter kontakt@lernort-buergerpark.de
oder bei Herrn Guido Kossmann (Tel.: 09201 - 91 78 639)

Hier, am Eisweiher, führt auch der Hauptwanderweg des Fichtelgebirgsvereins Höhenweg, der Röslauweg und natürlich der Jean-Paul-Weg vorbei.

So, jetzt geht‘s hinauf zum Katharinenberg. Da ist einiges geboten.

Zunächst einmal muss ich gestehen, dass wir hinauf gefahren sind. Ich suche auch keine Entschuldigungen, heute waren wir faul. Die kleine Straße am Hang ist von Felsenkellern gesäumt.

Wo kommen die her, will ich wissen und recherchiere ein bisschen. Also, die Wege aus den Städten hinaus ins Umland waren schon seit Jahrhunderten immer sehr befahren. Schwere Holzwagen holperten durch die Gassen, Vieh wurde hinaus getrieben, Händler und Wanderer zogen in die Städte hinein, ein ständiges Kommen und Gehen. So furchten sich die Wege immer tiefer in den Boden und so entstanden Hohlwege, die eben meistens in der Nähe von Ansiedlungen auch heute noch zu finden sind.


In deren Hänge haben die Menschen Erd- und Felsenkeller gehauen, um Kartoffeln, Rüben, Fleisch und auch Bier zu lagern. Noch heute findet man die Felsenkeller, mit abschließbaren Türen versehen, besonders häufig im Fichtelgebirge, aber auch in anderen Regionen Oberfrankens und Deutschlands.

 

Um die Keller, in denen Bier gelagert und kühl gehalten wurde, entstanden die berühmten „Bierkeller" Oberfrankens. Mit Bierkeller meint man den Ausschankplatz vor der Kellertür. Um ihn herum wachsen im Sommer ganze Biergärten wo man dieses süffige, braune Getränk direkt aus dem Lagerkeller serviert bekommt. Meistens aber stellt man sich selbst vor der Kellertür zum Bierholen an. Wer kennt nicht das Bergfest in Erlangen oder das Annafest in Forchheim? Am Stadtrand, schattig unter Bäumen, kann man dort zünftig feiern.

Zurück zu den Hohlwegen und Felsenkellern. An diesem Übergang zwischen Siedlung und freier Landschaft wachsen vornehmlich heckenartig Sträucher und strauchartige Bäume. Heckenrosen, Holunder, Haselnuß, Weißdorn, Spitz- und Bergahorn, Salweiden oder Zitterpappeln. All das ein Paradies für Heckenvögel, Zaunkönige, Grasmücken oder Heckenbraunellen. Aber auch Fledermäuse! Als viele der Felsenkeller aufgeben wurden und langsam zusammenfielen, fanden die Fledermäuse in den verlassenen Gemäuern, in Ritzen und Spalten, ein ruhiges Zuhause.

Hier in der Kellergasse, durch die wir gerade kommen, gab es über 50 solcher Felsenkeller. Ein regelrechtes Biotop für Fledermäuse. Hier schlafen im Winter Mopsfledermäuse, Große Mausohren und Bechstein-fledermäuse. Mehr unter Naturpark Fichtelgebirge/Hohlwege und Keller.

Und so finden wir hier auch Jean Pauls „Fledermauskrieg“ auf Stationstafel 57:

Fledermauskrieg

Als der Schelm Giannozzo eben vor dem warmen Suppenteller saß, schlüpft‘ er heimlich mit der Linken in die Tasche und holte seine Fledermäuse hervor und ließ solche unter der Tafel los.

Wenige Sekunden darauf ging die Lustpartie à la guerre an. Es entstand ein Handgemenge ohnegleichen, und das Flugstechen fing nun erst recht erbittert und glücklich an. - Wahrlich das jetzige Geschrei der Weiber - das Blinken der Stoßgewehre - das Flattern der Fahnen und Mäuse - das Stehen der drei Minister, die den Flug der Vögel beobachteten - das alles zusammen formierte ein Schauspiel, dergleichen man im Novitätentempel zwar kein braveres, aber auch kein terribleres je gesehn hat, ausgenommen etwan sein Ende.

Nur der Generalissimus nahm mit einem unbegreiflichen Mute noch ganz gefasset fünf oder sechs Löffel Suppe zu sich, während diese schon eine soupe dansante geworden und das Treffen allgemein, die Ministers aufgestanden und die meisten Weiber und Kammerjunker schon entflohen waren.

Giannozzo

Wären wir zu Fuß gegangen, hätten wir jetzt ein Abstecher durch den Bürgerpark gemacht. Leider führt der Jean-Paul-Weg auch nur über die asphaltierte Kellergasse nach oben und am Park vorbei. Vielleicht gehen Sie doch einfach mal rein?

Der Katharinenberg ist Bürgerpark und Hausberg von Wunsiedel.

 

Im Jahre 1811 rief Louis Vogel, Vikar und Redakteur des Wunsiedler Tagblatts, die Bürger Wunsiedels zu Mitarbeit und Spenden auf, um den Katharinenberg in einen „Englische Anlage“ zu verwandeln.
Wir kennen ja die Wunsiedler schon, die machen da mit, vor allem die jungen Leute packten an. Sie säuberten und putzten die Katharinenruine oben auf dem Berg und alles drumherum und versuchten sich erst einmal im Obstbaumanbau. Vergebens.
Schon ein Jahr später, 1812, hat der Bayreuther Hofgärtner August Oertel dann einen veritablen Park-Plan geliefert, der vom Apotheker Jakob Schmidt prompt umgesetzt wurde. Birken, Ebereschen und Rosen wurden gepflanzt.

Ein Park im Stil der Englischen Landschaftsgärten ist entstanden. Und wie sollte es anders sein, der Park wuchs immer weiter, bis heute um sein Zehnfaches.
Je nach Spendenlage wurde Neues hinzugebaut und gepflanzt. So gibt es heute im Park neben der „Oertel Anlage“ auch die „Schmidt‘sche Anlage“ - mit einem Brunnenplatz in der Mitte, umgrenzt von einem Linden- und Bergahornweg - , die „Hey‘sche Anlage“, damals noch mit künstlicher Grotte und zu guter Letzt die „Georg Döllner Anlage“.
Seit 1938 ist der Katharinenberg ein Naturdenkmal und 2005 wird er sogar in die Bayerische Denkmalliste als „Früher Bürgerpark von Bedeutung“ eingetragen. Und was machen die Wunsiedler seit all dem? Sie erholen sich in ihrem großen Garten und feiern hier jedes Fest, das fällt.

Zum sogenannten „Englischen Landschaftsgarten“: Dieser Stil hatte sich im 18. Jahrhundert, in der Zeit der Aufklärung, entwickelt. Das neue Lebensgefühl der Freiheit wollte man auch in den Gärten wieder finden. Streng strukturierte Parkanlagen wie in Versailles entsprachen nicht mehr dem Blick auf die nun mehr freigelassene Natur. Schlangenförmige Wege, Efeu umrankte Ruinen, moosige Felsen, verwunschene Grotten, malerische Ausblicke, auf die man wie von Geisterhand geführt, ganz unerwartet gelangt. Plätze, an denen man endlich von in Fesseln lebenden Gedanken lassen konnte, um sich frei entfaltenden Gefühlen und Sehnsüchten zu widmen. Zurück in dieser Natur, da würde der Mensch Mensch werden. So glaubte man.

Der Wind der „Aufklärung“ zog nun auch aus diesem umtriebigen Wunsiedel hinauf auf den Berg und gab ihm Gestalt. Hier sollte und konnte der Mensch frei sein. So muss auch Jean Paul gefühlt haben, vielleicht als er auch hier oben stand und hinab sah, auf seine Stadt, in der er geboren.

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 58 "Wo ich geboren wurde: Wunsiedel" mit Blick auf Wunsiedel
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 58 "Wo ich geboren wurde: Wunsiedel" mit Blick auf Wunsiedel

Hier steht Stationstafel 58:

Wo ich geboren wurde: Wunsiedel

Es war im Jahr 1763, wo der Hubertusburger Friede zur Welt kam und gegenwärtiger Professor der Geschichte von sich
und zwar in dem Monate, wo mit ihm noch die gelbe und die graue Bachstelze, das Rotkehlchen, der Kranich, der Rohrammer und mehrere Schnepfen und Sumpfvögel anlangten, nämlich im März
und zwar an dem Monattage, wo, falls Blüten auf seine Wiege zu Streuen waren, gerade dazu das Scharbock- oder Löffelkraut und die Zitterpappel in Blüte traten, desgleichen der Ackerehrenpreis oder Hühnerbißdarm,
nämlich am 21ten März
und zwar in der frühesten frischesten Tagzeit, nämlich am Morgen um 1 1/2 Uhr.

Was aber alles krönt, war, daß der Anfang seines Lebens zugleich der des damaligen Lenzes war.

Ich bin gern in dir geboren, Städtchen am langen hohen Gebirge, dessen Gipfel wie Adlerhäupter zu uns niedersehen! Deinen Bergthron hast du verschönert durch die Thronstufen zu ihm; und deine Heilquelle gibt die Kraft - nicht dir, sondern den Kranken, hinaufzusteigen zum Thronhimmel über sich und zum Beherrschen der weiten Dörfer- und Länderebene.

Ich bin gern in dir geboren, kleine, aber gute lichte Stadt!

Selberlebensbeschreibung


Die lichte Stadt - damit meint Jean Paul nicht einen besonders hellen Ort. Der Dichter spielt auf das Prinzip der Aufklärung an, das im 18. Jahrhundert auch in seiner Geburtsstadt geübt wurde. Auch das Fichtelgebirge war nach seiner Meinung nicht nur ein Ort der körperlichen, auch der geistigen Kraft.

Wirklich! Klein, gut und licht, so ist Wunsiedel heute noch! Lustig, tapfer und trotzig. 

 

Wunsiedel und sein bunter Kampf gegen die braune Brut

Bis vor gar nicht langer Zeit machte Wunsiedel Schlagzeilen in ganz Deutschland. Leider nicht wegen seiner schönen Qualitäten, sondern wegen einer braunen Brut, die plötzlich und unerwartet in Gestalt eines Trauerzuges hier aufkreuzte, als Rudof Heß, Hitlers Stellvertreter, ausgerechnet in Wunsiedel begraben wurde.

Rudolf Heß war ein gut aussehender, dunkler und geheimnisvoll wirkender Mann. Man bemerke, bedeutungsschwanger geheimnisvoll zu wirken, heißt nicht, auch voller bedeutender Geheimnisse zu sein. Heß hatte einen starken Hang zum Okkulten. Eben, Esoterik ist immer da, wo sonst nichts ist. All so was mögen Nazis, damals wie heute.


Deshalb gefiel Heß dem Hitler und Hitler dem Heß. Ein dunkles Pärchen. Der Täter und sein unterwürfiger Assistent. Ja, ja, so hat Hitler den Heß zum Privatsekretär gemacht und sogar zum Minister, allerdings ohne Geschäftsbereich. Wahrscheinlich wollte er einfach seinen geliebten „Admirer“ (Bewunderer) um sich haben. Heß konnte auch prima Juden vernichten und Hitler gefiel es. Nach dem Untergang wurde Heß in den Nürnberger Prozessen zu lebenslanger Haft verurteilt. Heß starb nach 46 Jahren im Kriegsverbrechergefängnis Berlin-Spandau, 93jährig, an den Folgen eines Suizids. Es war sein 4.Versuch.

Nun gut, mehr will ich gar nicht darüber schreiben. Nur, dass mit Heß‘ Tod wieder dieses Lechzen nach geheimnisumwobenen Märtyrern, die Verehrung von ewige-Treue-schwörenden Speichelleckern, dieses fasziniert sein von waghalsigen Abenteurern, dem Glauben an das schweigende Versprechen von Teilhabe am großen Ganzen und extra viel Geld, losging. Dieses Hinterherhecheln der gewaltbereiten Gelangweilten hört wohl nie auf.

Weil Heß‘ Eltern aus Wunsiedel stammten und dort das Familiengrab war, wurde er hier beigesetzt. Heß selbst war nie hier. Schon direkt nach seinem Tod, am 17. August 1987, lungerten die ersten Neonazis auf dem Friedhof herum. Es folgten jährliche Aufmärsche, so um den 17. August herum, was sonst.

Das passte den Wunsiedlern aber gar nicht. Sie haben dagegen gehalten und bewirkt, dass 1990 ein Demonstrationsverbot für den gesamten Landkreis Wunsiedel verhängt wurde. Die Neonazis wichen in andere Städte und Länder aus. In Bayreuth demonstrierten sie gegen das Demonstrationsverbot, usw.
Ich weiß noch, dass wir in dieser Zeit als Kamerateam des nächtens nach Wunsiedel geschickt wurden, um dort Neonazis aufzuspüren, die trotz des Verbotes weiter aufschlagen wollten.

Wunsiedel ist bunt! So kämpfen die Tapferen gegen den einfarbig braunen Sumpf. Immer kommen Neonazis, doch wieder und immer wieder formieren sich die Wunsiedler dagegen -  bis die Kundgebungen 2005 endgültig verboten wurden und 2009 das Bundesverfassungsgericht schließlich letztinstanzlich die sogenannte Wunsiedel-Entscheidung fällte, die das Verbot der Aufmärsche bestätigte.

Aus Wikipedia:
Die „Wunsiedel-Entscheidung" ist ein Beschluss des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom
November 2009. Es ist eine Grundsatzentscheidung zur Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit und Volksverhetzung.
Eine Strafrechtsnovelle zur Volksverhetzung, die das öffentliche Billigen, Verherrlichen oder Rechtfertigen der nationalsozialistischen Gewalt- und Willkürherrschaft unter Strafe stellt, ist verfassungsgemäß. Die Rudolf-Heß-Gedenkmärsche im fränkischen Wunsiedel bleiben verboten.

2011 lief dann der Pachtvertrag für das Grab von Heß aus und wurde seitens der evangelischen Kirchengemeinde Wunsiedel gekündigt. Mit Zustimmung der Erben wurde es aufgelöst, Heß’ Überreste exhumiert, verbrannt und anschließend auf See bestattet.

Somit war Ruhe im Karton. Soweit. Die Nachlechzbrut kann es aber noch immer nicht lassen und schlägt trotzdem wieder auf, immer in neuer Gestalt. Aber die Wunsiedler bleiben tapfer und einfaltsreich:

Aus Wikipedia:
2014 funktionierten sie einfach eine immer wieder neu getarnte Naziveranstaltung zu einem unfreiwilligen Spendenlauf, unter dem Motto „Rechts gegen rechts“, um: Für jeden von dem Demonstrationszug zurückgelegten Meter wurden zehn Euro an die Aussteiger-Organisation "Exit" gespendet. Das Geld dazu hatten die Veranstaltungsgegner im Vorfeld gesammelt. Die Gegendemonstranten zeigten zusätzlich Transparente mit der Aufschrift „Der unfreiwilligste Spendenlauf Deutschlands“, „Im Spendenschritt Abmarsch“ oder „Endspurt statt Endsieg“.

Hier ein Beitrag in BR24 Nachrichten.

2005, 2008, 2009 wird Wunsiedel für seine Toleranz, für seine Vielfalt, für sein Bunt-Sein ausgezeichnet.
Und 2011 erhält der erste Bürgermeister Karl-Willi Beck, stellvertretend für die vielen Bürgerinnen und Bürger, die sich in Wunsiedel gegen Rechtsextremismus eigesetzt haben, die Bayerische Verfassungsmedaille in Gold.



Also Wunsiedel ist und bleibt eine lichte Stadt!

Hier eine Schule in Wunsiedel, im Vorbeifahren fotografiert. Ich kann nicht herausfinden, welche es ist. Sie hat aber eine wichtige Auszeichnung: „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“
Hier eine Schule in Wunsiedel, im Vorbeifahren fotografiert. Ich kann nicht herausfinden, welche es ist. Sie hat aber eine wichtige Auszeichnung: „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“

Zurück zum Bürgerpark Katharinenberg. Noch einmal einen Blick auf Wunsiedel um 1800 beschert uns J.Th.B. Helfrecht auf der

4. Tafel „Landschaft zu Jean Pauls Zeiten":

Blick auf die Geburtsstadt

Der Lehrer von Jean Paul Th. Helfrecht hat das Fichtelgebirge um 1800 beschrieben. Er lässt Einblicke zu, wie sich die Landschaft seit dieser Zeit verändert hat. Er erwähnt Wunsiedel als Stadt die vielfältige Gärten hat.

„In Wunsiedel und an einigen anderen Orten sind wirklich auch sehr hübsche Gärten zu finden, wo man bei geschmackvollen und ökologischen Anlagen, Vergnügen und Nutzen sehr gut zu verbinden wusste.“

Der Gürtel von Gärten ist auf der Ansicht gut zu erkennen. Die Scheunen mit Nut- und Federnschindeln gedeckt. Nach dem Stadtbrand 1834 waren nur noch feuerfeste Deckungen wie Schiefer erlaubt.

Dieser Blick auf Wunsiedel  war ein beliebtes Motiv dieser Zeit.

Wir kommen jetzt auch an einem Rotwildgehege vorbei. Nebenan ein Greifvogelpark mit Falknerei. An die 350 Sitzplätze hält man hier für die Besucher der Flugschauen, die täglich um 15 Uhr stattfinden, bereit. Der Greifvogelpark ist die wohl fortschrittlichste Anlage Europas. Über 50 Tag- und Nachtgreifvögel werden hier in artgerechten Volieren gehalten, eine davon ist sogar von den Besuchern begehbar.

Aus der Webseite „falknerei-katharinenberg.de"
„Die begehbare Voliere ist in Deutschland einzigartig. Sie ist ein Forschungsprojekt zur Verhaltensforschung von einheimischen Falkenarten unter Einbeziehung von Hybridfalken. Es wird das Verhalten der Paarzusammenstellung unter den Falken und die Dominanz der mittlerweile in Deutschland verbotenen Hybriden untersucht.“

Natürlich möchte ich erwähnen, dass es diese Tierschauen - ich nenne das mal so so - hier oben gibt. Für Familien mit Kindern sicherlich eine nette Art von Ferienspaß.

 

Falknerei?

Bei dem Begriff „Falknerei“ hatte ich früher allerdings die romantische Vorstellung von einer Art historischem Berufsstand. Ein wenig Mittelalter und so. Auch, dass Falknereien sehr viel für die Forschung tun, Aufzucht und Arterhaltung betreiben, Menschen über das Verhalten von Greifvögeln aufklären und auf imposante Weise demonstrieren. Aber auch das Bild von mit Jagdfalken protzenden Scheichs bleibt einem im Sinn. Falknereien hierzulande züchten für diese Scheichs eben diese Hybridfalken - für sündhaft teures Geld.

März 2005 trat das Zuchtverbot für Greifvogel-Hybride in Kraft:
„Berlin, 24.02.2005
In Deutschland ist es ab morgen verboten, Greifvogel-Hybride zu züchten. Dabei handelt es sich um Kreuzungen unterschiedlicher Greifvogelarten, zum Beispiel der heimischen Wander- und Sakerfalken mit dem Gerfalken. Hybride werden vorwiegend für Abnehmer in arabischen Staaten gezüchtet und dorthin exportiert. Gelangen sie bei Freiflugübungen in die Natur, können sie Bestand und Wiederansiedlung der heimischen Greifvogelarten, insbesondere der Wanderfalken, gefährden. Sie können erwiesenermaßen Vögel heimischer Arten aus ihren Revieren verdrängen und deren Brut damit vernichten.“
(Bundesministerium für Umweltschutz, Naturschutz und Bau und Reaktorsicherheit)

Mag sich jeder denken, was er will. Auf der Webseite der Falknerei habe ich auch Beizjagd angeklickt (man muss bis unten hin scrollen). Ich wusste gar nicht, dass man mit diesen Vögeln tatsächlich größeres Wild erlegen kann. Und dann diese Trophäenschauen immer! Ich muss gestehen, ich hasse dieses Jägergehabe. Jagen aus Spaß bleibt Töten aus Spaß, so natürlich es auch vonstatten gehen mag. Aus Hunger zu jagen, fände ich natürlich. Aber reiche Leute jagen bestimmt nicht, weil sie hungrig sind. Mir wird ganz komisch. Ich fühle mich nicht wohl unter diesen Menschen. 

Was soll‘s. Fidel dürfen wir eh nicht mit rein nehmen, weil die Greifvögel ihn bei der Flugschau mit einem Lamm verwechseln könnten, und schwuppdiwupp wäre er weg. Für Hundebesitzer bietet der Greifvogelpark dafür „Hundeparkplätze“ an, draußen in Form einer Latte mit Hundeketten.

Da sagen wir Nein-Danke und widmen uns lieber der Namensgeberin dieses Berges, der hl. Katharina von Alexandrien.

Ihr wurde die Wallfahrtskirche geweiht. Das Bauwerk ist das ältestes, das es hier in Wunsiedel noch zu bestaunen gibt. Bereits 1364 wurde es erstmals urkundlich erwähnt.

Wallfahrtskirche St. Katharina auf dem Wunsiedler Hausberg/Katharinenberg
Wallfahrtskirche St. Katharina auf dem Wunsiedler Hausberg/Katharinenberg

Die Heilige Katharina von Alexandrien

 

Die hl. Katharina ist eine große Heilige. „Der Legende zufolge war sie eine geweihte Jungfrau, die sich Christus versprochen hatte. Sie soll die schöne Tochter des heidnischen Königs Costus und dessen Frau Sabinella aus Zypern gewesen sein, die um 300 n. Chr. im ägyptischen Alexandrien lebte und von einem Eremiten zum Glauben geführt wurde.“ (Wikipedia) Sie soll sehr schlagfertig gewesen sein.

Katharina wurde Märtyrerin, sie starb auf schauerlichste Weise, gehört zu den 14 Nothelfern und hilft bei Leiden der Zunge und Sprachschwierigkeiten, ist Schutzpatronin der Schulen, der Philosophischen Fakultät, der Näherinnen und Schneiderinnen ... da freu ich mich doch! Katharina könnte genau meine Patronin sein, denke ich mir gerade. Ich stottere ein wenig, kann das aber so verstecken, dass es erst einmal keiner merkt. Aber leider würde mir beten in diesem Falle doch weniger helfen, denn wahrscheinlich ist Katharina, wie ich lese, nur Legende, nur eine erfundene Gestalt. Es gibt keine historischen Belege für sie.


Doch, einen großen ersten Pilgerort. Als Katharina nach fürchterlichster Folter letztendlich enthauptet wurde, floss aus ihren Wunden Milch statt Blut. Ihr Leichnam wurde von Engeln zum Berg Sinai geflogen. Ganze 500 Jahre später hat man dort ihre Gebeine gefunden, und an dieser Stelle das erste Katharinenkloster errichtet. Aus ihren heiligen Knochen fließt unaufhörlich, ein von den Pilgern für heilkräftig gehaltenes, Öl.

Nun, hiesige Pilger mussten nicht bis nach Ägypten reisen, die Wallfahrtskirche in Wunsiedel war da erheblich näher. Sie kamen aus dem weiten Umland, aus Böhmen, sogar von Nürnberg bis hier her, und erhofften Milderung ihrer Leiden.

Nach der Reformation verfiel die Kirche, blieb Ruine.

Eine Inschrift erinnert hier an Schlachten der Wunsiedler gegen die Hussiten (1430) und Böhmen (1462) und seit 2002 mahnen acht Schrifttafeln, mit Seligpreisungen der Bergpredigt Jesu als Symbol für Frieden, Versöhnung und Völkerfreundschaft.

Schön schauerliche Stimmung auf dem Katharinenberg bei Wunsiedel
Schön schauerliche Stimmung auf dem Katharinenberg bei Wunsiedel

Nun weiter. Das Wetter ist wahrlich schaurig, herrlich neblig und verhangen. Kein Mensch ist unterwegs, so scheint es ...

Auf dem Katharinenberg bei Wunsiedel
Auf dem Katharinenberg bei Wunsiedel

... dann, Rauchschwaden, dunkle Stimmen, ein paar Zelte wie aus anderen, weit entfernten Jahren ...

Auf dem Katharinenberg bei Wunsiedel
Auf dem Katharinenberg bei Wunsiedel

Immer mehr Lagerstätten und Baldachine auf den Wiesen und an den Waldrändern. In der Ferne höre ich ein Pferd wiehern und heiseres Hundegebell. Schwerter, Bogen, Schilde, Wimpel, Töpfe, Pfannen, Feuerstellen. Der Weg wird langsam matschig. Der Hügel dampft. Ganz fiebrig werde ich. Was geht hier vor sich? 

"Collis Clamat" - Mittelalterspektakel auf dem Katharinenberg bei Wunsiedel
"Collis Clamat" - Mittelalterspektakel auf dem Katharinenberg bei Wunsiedel

Collis Clamat und die Hussiten

 

„Collis Clamat". Wer diese Parole weiß, darf passieren und in der Zeitmaschine reisen. Allein Tag und Zeit muss man treffen. Zum August hin, drei ganze Tage sind‘s, nur dann ist ein Eintreten möglich.

Ich war nicht dort, und doch habe ich es gesehen. Wie sich die Schlacht am Katharinenberg zugetragen, wie sie riefen „Die Hussiten kommen!“ Stampfende Rösser, nasse, schwere Wagentrosse, dreckige Mannen, Reiter, alberne Dreschflegel im Todestanz, Handbüchsen qualmen, schlachtende Söldner, „Da kommen immer mehr!“ brüllt einer, pfeifende Pfeile, krachendes Holz, schreiende Pferde, Schwefel und Blut, zerberstende Schilde, Kanonenschüsse, beinlose Fußknechte, Feuer überall, Kinder weinen, Schwerter fliegen und ein Gebrüll ist, einzig gilt, der alles verschlingende Drachen ist zu besiegen. Mit großem Gerät sind sie alle gekommen, Sturm und Donner allenthalben. „Nieder mit ihnen!“ Großväter haben es noch ihren Enkeln erzählt. 

Die Hussiten waren grausam, aber was war nicht grausam damals, jeder Krieg ist grausam. Hussiten waren sie deshalb, weil sie Anhänger des Theologen Jan Hus (1369 - 1415), der wie Luther (1483 - 1546) später, die Kirche reformieren wollte, weil diese zu reich, zu mächtig und verlogen geworden war. Wir kennen die Geschichte. Nur, Jan Hus war zur falschen Zeit am falschen Ort. Er wurde zum Konstanzer Konzil 1414 geladen, man sicherte ihm freies Geleit, um dort seine Thesen vorzutragen, aber ihn setzte man fest, verurteilte ihn am 6. Juli 1415 in feierlicher Vollversammlung des Konzils im Dom auf Grund seiner Lehre als Häretiker (eine Art Ketzer) zum Feuertod. Seine Asche streuten die Henker in den Rhein.
Die erlittene Kränkung durch diesen Verrat, die steigende Macht der adligen Deutschböhmen im eigenen Land und die nackte Armut machte die Hussiten zu einer sehr zornigen Streitmacht.

Gerade mal 100 Jahre später blieb Luther hingegen am Leben und konnte sein Werk umsetzen.

 

Die Hussitenschlacht am Katharinenberg

Was passierte dann mit den Anhängern von Jan Hus? Sie gaben nicht auf, radikalisierten sich, wollten das Reich Gottes mit Waffengewalt durchsetzen. In Raubzügen und Heerfahrten zogen sie, vom böhmischen Königreich ausgehend, brandschatzend und plündernd durch die Lande, durch Bayern, die Oberpfalz, Brandenburg, gar bis nach Polen und Österreich. Ihnen in die Hände zu fallen, war kein Vergnügen. Bei der Schlacht am Katharinenberg konnten die Wunsiedler die als unbesiegbar geltenden Hussiten besiegen und die böhmische Grenze blieb da, wo sie war. (Ich muss hier gestehen, die Hussitenschlacht von Wunsiedel habe ich nirgends im Netz gefunden. Aber egal ... )

Collis Clamat", der Hügel brüllt, das ist der innere Ruf, dem der gemeinnützige Verein „Der Hundling e.V.“ aus Wunsiedel folgt. Vorstand Michael Fuchs, selbst Zimmerermeister, und seine Mannen kamen irgendwann auf die Idee, mittelalterliche Kriegsmaschinen, Bliden oder Katapulte nachzubauen. Vier Stück waren es, die „Lange Katharina“ steht noch auf dem Hügel. Sie ist die größte Funktionierende ihrer Art in Deutschland. Doch es ging noch größer. Es folgte der Riesenbogen, der „Wolf“. Der kann ganze Baumstämme verschießen.

Die "Langa Katharina"
Die "Langa Katharina"

Die „Lange Katharina", eine Steinschleuder aus dem Mittelalter, 11,5 Meter hoch, 7 Meter breit, 10 Meter lang, Gesamtgewicht 14 t, erbaut 2007 von den "Hundlingen". Die Blide - oder auch Trebuchet genannt, war die größte und präziseste Wurfwaffe unter den mittelalterlichen Belagerungsgeräten und eine Unterform des Katapults.

Der "Wolf"
Der "Wolf"

Der „Wolf", 8 Meter lang, 4,77 Meter hoch, 8 t schwer.

Zwanzig Mann müssen den Bogen Spannen, dann fliegt der Baumstamm 100 Meter weit.

 

Das Mittelalterspektakel auf dem Katharinenberg

 

Direkt auf dem Katharinenberg, wo alles geschah, zeigen die „Hundlinge" wie es geschah - oder wie es hätte gewesen sein können, das Leben und die Schlacht, damals in ganz, ganz grauer Zeit. Wer Lust hat, kann bei den Nachstellungen der Schlacht mitmachen, heißt es. Man muss sich nur anmelden und sagen, ob man zu den Guten oder zu den Bösen gehören will.

Das Motto des Mittelalterfestes 2012 lautet „Der Böhmensturm“. Erwartet wurden 10 000 Besucher. Es gibt natürlich alles, Tavernen, Met, Saufgelage, Schalmeien, Minnesang, schwarze Schmiede, Lagerleben, Pranger, Hinrichtungen, Kettenhemde, Trommeln, Töpfer, Schlachten und Schwerter, Pferde und sogar Kamele.

Und dann, wenn es dunkel wird, beginnt das Feuerschießen mit der „Langen Katharina". Ich höre schon die Feuerkugel, rauschend, sich drehend, ein fauchender Komet, Kattttaaahhhh ...Vummmmmhhhh und Krach!

 

Hier ein Bild des kleinen Infernos: Feuerschießen mit der langen Katharina. Was wären wir da gerne dabei gewesen! Da ginge mir als einer alten Friedenstante auch einer ab.

Aktuelles bei Collis Clamat.

Wir fliegen wieder zurück zu Jean Paul und landen auf der Stationstafel 59:

Zugvögel

Als die Zugvögel über Städte und Hütten der Menschen wegzogen
in ihren nächtlichen Wolken,
so sangen sie:
„Seht, die Menschen bauen eine Erde über die Erde
und werfen Maulwurfshaufen empor, hier und dort,
und blicken wie Gewürm aus den Hügeln heraus;

denn ihnen wächst keine fliegende Wolke,
kein sternenloses Eisgebirg und kein Blütenwipfel;
sie schlafen und liegen gern tief.“

So sangen die Zugvögel
über die großen Städte der Menschen
und über ihre Dörfer.

Dies hörten unten einige Isländer im Mondenschein,
und sie riefen erfreut:
„Droben fliegen Schwanen,
und sie klingen schönen Geigen gleich.“ 

Auf einem Plakat haben wir noch gelesen, dass sich ein Handelszug aufgemacht hat, pünktlich zum Fest zu erscheinen. Barfuß! Und das von der Böhmischen Grenze. Respekt!

Noch einmal Helfrechts Kommentar in Form der 5. Tafel „Landschaft zu Jean Pauls Zeiten“:

Aufklärung und Landesentwicklung

„Dennoch gelang es der Tätigkeit einiger Ökonomen, einige dieser Plätze zu ergiebigen Wiesen zu reinigen und vielleicht wird man, wo jetzt noch nichts als kröpfige Büsche vegetieren, Steine herumliegen und sumpfige Hutflecke sind, auf welchen das Vieh wenig Nahrung bekommt, einst nichts als gute Wiesen antreffen. Wie angenehm ist die Gegend um Wunsiedel.“

J.Th.B. Helfrecht, um 1800

Freiherr von Müller, ein Hammerherr aus Leupoldshof, forderte in einer Veröffentlichung, die Rinder im Stall zu halten und als Futter Klee anzubauen. Der Mist aus der Stallhaltung sollte als Dünger für die Äcker dienen.
Er nennt die Hut zwischen Sichersreuth und Wunsiedel (hier an diesem Standort) als positives Beispiel. Heute ist die Idee vollständig umgesetzt und bietet ein vollkommen anderes Bild als zu jener Zeit.

Geheime Militärkarte um 1785 (Stierlein)
Geheime Militärkarte um 1785 (Stierlein)

Und weil heute bei diesem dunklen Wetter alles auf Gemütlichstimmung eingestellt ist, fahren wir zum Abschluss des Tages wieder hinauf zum Waldstein, um uns Klößen und Schäufele hinzugeben. Die Matjes müssen noch immer warten. Der Waldstein ist heute, ebenso wie der Katharinenberg, feuchtnebelumhangen und sieht ganz anders aus. Wieder ein Erlebnis.

 

Bei Nebel auf dem Waldstein

Das erste Bier aufsaugend lassen wir uns wieder vom Gasthaus-Gemurmel einlullen. Eltern sitzen mit ihren Kindern am Tisch gegenüber, mit kleinem Erziehungs-Einmaleins bezüglich der Tischmanieren. Nebenan bellende Hofer, die schon wieder nur über Grundstücke, Besitztum und ihre vielen Eigentumswohnungen reden. Ich innerlich: groll, würg, ...

Bei solchen Gefühlen hilft nur eine Arznei: Bier, ein warmes Wirtshaus und Wandern. Oh, können wir da Jean Paul gut verstehen! Wir haben ihn ja schon verstanden, bevor wir ihn überhaupt kannten.

Die Matjes verstehen uns übrigens auch. Sie wissen schon, sie müssen noch warten, was sie naturgemäß auch können.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0