9. Donnerwetterbad im Thuswald

Grub– Röslau (sehr schöne Etappe)
Grub – Röslau (sehr schöne Etappe)

Grub – Röslau


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Montag, der 13. August 2012.

Fidel schläft heute ganz lange, deshalb brechen wir erst um 13 Uhr auf, obwohl das Wetter fantastisch ist. Heute wandern wir quasi »rückwärts« eine kurze Etappe von Röslau in Richtung Grub, nur die auf dem Weg liegenden 3 Stationstafeln lesen und wieder zurück nach Röslau zum Auto. 

Denn in Grub starten, nach Röslau wandern, und mit dem Bus wieder zurück nach Grub, das ging nicht. In Grub gibt es zwar eine Bushalte­stelle, aber sie ist nicht für »normale Menschen«, son­dern nur für Schüler, die mit Schul­­bussen fahren. Öffentlicher Linienverkehr existiert hier nicht. Kein Bus hätte uns, von wo auch immer, zu unserem Auto – in Grub wartend – zurück­fahren können. 

Deshalb jetzt von Röslau nach Grub. Erzählen werde ich die Etappe aber wie­derum rückwärts, also so, wie man sie »der Reihe nach« laufen würde. Ich hoffe, man versteht mich jetzt. Wäre aber egal, einfach nur weiterlesen ist auch gut. …

 

Also: Aus Grub hinaus führt der Weg in einen Wald, über Tannennadel­­tep­piche und Wurzeln, die sich wie Adern durch den Waldboden ziehen, vorbei an hohen Farnen und anderen Gewächsen, die ich nicht kenne, immer bleibt es unter den dichten Baumkronen angenehm schattig. Dann verheddern wir uns ein bisschen an einer versetzten Wegkreuzung. Wo genau geht der Jean-Paul-Weg– oder ist es auf einmal der Egerweg – wirklich weiter? Manchmal ist das ein biss­chen schwer zu orten, weil die Wegweiserspitzen der Schilder verpeilt zu sein scheinen.

Jean-Paul-Weg trifft Eger-Weg (schwarzes »E« auf gelbem Grund)
Jean-Paul-Weg trifft Eger-Weg (schwarzes »E« auf gelbem Grund)

Dann tauchen wir immer tiefer in den Wald ein. Unser Pfad wird schmal, schlängelt sich, um sich dann wieder in einen breiten mit Zapfen übersäten Weg zu öffnen. Von Weitem erspäht man ein Holzkreuz und erahnt dadurch einen kommenden Platz, hier im finsteren Wald.

Auf dem Jean-Paul-Weg – Waldkreuz im Thuswald
Auf dem Jean-Paul-Weg – Waldkreuz im Thuswald
Auf dem Jean-Paul-Weg – Tannenzapfenweg im Thuswald
Auf dem Jean-Paul-Weg – Tannenzapfenweg im Thuswald

So vernimmt man jetzt erst ein Plätschern und Bachmurmeln, sucht rechts und links des Weges und entdeckt einen Bachlauf, auf dem Lichtstrahlen Glitzerprismen schleifen, und man wird still, um den Zauber nicht zu stören, und im Inneren betet es einem andächtig: »Wie schön es hier ist!« Und kaum hat man es angedacht, erhebt sich, wie aus unsichtbaren Tiefen gezogen, eine geborgen-grüne Insel des Sitzens, Speisens, Trinkens, Fußbadnehmens, Lau­schens, Staunens, Plauderns und Waldfestfeierns.

Auf dem Jean-Paul-Weg – Rast im Thuswald
Auf dem Jean-Paul-Weg – Rast im Thuswald

Und da hinten, ist da nicht ein Wasserfall? Mitten im Wald? Jetzo spätestens verwandeln sich Kinder hier in Faune oder Elfen, Großeltern in Trolle und Väter studieren den Wanderführer. Was ist das hier?

Auf dem Jean-Paul-Weg – der Thusfall im Thuswald
Auf dem Jean-Paul-Weg – der Thusfall im Thuswald

Das ist der Thusfall im Thuswald

Seit Weißenstadt wandern wir mehr oder weniger der Eger entlang. Hier, nord­westlich von Röslau, befindet sich eine Engstelle des Flüsschens. Sie wird Thus genannt, genau wie der Wald, der sie umgibt und die Mühle, die unweit ent­fernt bis 1972 hier ihre Arbeit tat. Das Dorf, das um sie herumgewachsen war, Thusmühle, ist heute ein Ortsteil von Röslau. Um die Mitte des 19. Jahr­hun­derts bat ein gewisser Oskar Böttcher die Gemeinde Oberröslau um die Er­laubnis, im Thuswald eine Pappenfabrik zu bauen. Wikipedia schreibt:

… Das Wasser, das die Pappenfabrik benötigte, wurde aus der Eger bezogen. Dafür grub man einen Kanal von der Eger unterhalb des Ortsteils Franken bis zur Fabrik. 250 Meter westlich der Produktionsstätte befindet sich der Überlauf, der Thusfall, über den das Wasser 28 Meter tief über Granitfelsen zurück in die Eger stürzt. 1923 und 1924 wurde der Thusfall zur Naturbühne, auf der die Operette »Die Winzerliesel« aufgeführt wurde. Seit 1928 wird jährlich am Pfingstsonntag das Thusfest mit Musik und Bewirtschaftung gefeiert. Mittlerweile wird der Wasserfall nur noch an diesem Tag eingeschaltet. …

 

Das kann man hier, in diesem YouTube-Link, herrlich sehen! Unbedingt bis zu Ende gucken!

Thus!

Eine Bedeutung dieses Wortes habe ich bis jetzt nicht gefunden, obwohl es sie bestimmt gibt. Nun, ich könnte mir eine basteln:

 

Thus! Das klingt wie düster, finster, wie der dunkle Hauch eines Schatten­­gottes, hinter den Spiegeln wartend, uns schauend, aber gut und warm, zugleich Moos, kühl und sanft, behütend und doch wild. Vielleicht, einmal im Jahr, schüttelt er zur Mittnacht sein bewohntes, dichtes Fell, bricht mit seinem Feuerwagen durch das trockenächzende Gehölz gen Wasser und Nebel, zum schwarzen See, um in ihm zu versinken, unterzugehen, ganz eins zu werden mit Tod und Leben zugleich.

 

Da streifte mich etwas. 

»Hier Mensch, hier bist du mir nah«, flüstert’s in mein inwendiges Ohr – –. 

 

Und ich – ich nahm das Bad.

Im Thuswald
Im Thuswald

So wunderbar eingefügt steht Stationstafel 47 »Das Donnerwetterbad«:

Auf dem Jean-Paul-Weg – Stationstafel 47 »Das Donnerwetterbad« im Thuswald
Auf dem Jean-Paul-Weg – Stationstafel 47 »Das Donnerwetterbad« im Thuswald

Das Donnerwetterbad

 

Noch gibt es ein Bad, welches Kinder und Eltern so nützlich wäre, und ungenützt bleibt, nämlich das Donnerwetterbad. Die Ärzte setzten als Arbeitszeug den elektrischen Wind – das elektrische Plätten – das elektrische Bad an Nerven­schwachen an; aber den Donner, oder vielmehr das Donnerwasser, verschrieben sie noch wenig.

 

Haben Sie es noch nie erfahren, daß man sich nie frischer, heiterer, elastischer ­, als wenn ein warmer oder lauer Regen bis auf die Haut gegangen? – 

 

Da der Mensch schon trocken nach dem Gewitter sich kräftiger fühlt, und die beregnete Blumenwelt sich noch mehr: warum will er nicht diese vereinigte Feuer- und Wassertaufe von oben herab sich einsaugen und sich vom wundertätigen Arm aus der Wetterwolke heilen und heben lassen?

 

Man sollte besondere Regen- oder Badekleider als ein Badgast der Frühlingswolken haben; dann, wenn einige Hoffnung schlechten Wetters ist, eine Regenpartie ver­abreden und tropfend nach Hause kommen.

 

Jean Paul »Levana oder Erziehlehre«

Diesen Ort lassen wir so gerne nicht los. Aber wir gehen. 

 

Schon lange begleiten uns die Tafeln des Eger-Naturlehrpfades »Eine Land­schaft mit Gebrauchsspuren«.

 

Die Erklärungen sind leicht zu lesen und es erschließen sich Zusammenhänge zwischen Flora, Fauna und den Eingriffen des Menschen. Von der Grundwasserbildung im Wald, von artenarmen natur­fernen Fichtenforsten und naturnahen Mischwäldern, von Flussperlmuscheln, vom Ausbringen der Gülle, von Glockentierchen, Kerb- und Muldentälern, Weichholzauen, von Bachneunaugen und von Hasel und Nasel, von Feld­rainen, vom grünen Kirchsteig, dem Knabenkraut und der Kuckucks­licht­nelke, von Landvermessungsämtern und Flussregenpfeifern »… oh, lasst doch den Flüssen ihren Lauf!«, so lautet die Bitte am Ende.

Eine Tafel des Eger-Naturlehrpfades: »Eine Landschaft mit Gebrauchsspuren«
Eine Tafel des Eger-Naturlehrpfades: »Eine Landschaft mit Gebrauchsspuren«

Das kleine Grab im Garten

Nach dem Thusfall ist es nicht weit bis Thusmühle. Es ist ein kleines Dorf, das wir kaum nur streifen, denn es geht gleich die erste Straße rechts hinauf aus dem Dorf wieder hinaus. Nur ein Haus rechts, das bleibt uns im Gemüt. Am Zaun hängen etliche Schilder mit der Aufschrift »Psychopath, du solltest in diesem Grab liegen«. Man sieht, alles scheint videoüberwacht. Ein älterer Mann steht stumm vor der Haustür, uns beobachtend. Schweigend gehen wir weiter. Erklärung suchendes Umherblicken. Die Szene ist gruselig, denke ich mir. Dann weiter hinten im Garten erkennen wir ein kleines, frisch aufgeworfenes Grab mit einer selbst gebastelten Inschrift, die wir nicht lesen können.

»Sie haben ihm den Hund vergiftet«, sage ich leise zu Peter.

Vielleicht war es so, wir wissen es nicht. Beklemmung läuft ein bisschen mit bergan und drückt auf unsere Brust. 

 

Aber dann! Dann geht es vorbei an Rainen, Hainen, Rinnsalen ...

Wir finden Stationstafel 48:

In der Ehe

 

In der Ehe helfen große geistige Vorzüge wenig zum Glück, da sie nur selten einwirken; aber kleine Achtsamkeiten und Angewohnheiten und nachgebender Verstand bereiten Glück.

 

In der Ehe müssen die Männer die Liebe mehr durch Worte, die Weiber mehr durch Taten beweisen.

 

In der Ehe gilt Verstand (zumal des Weibes) weit mehr als Liebe. Diese hält nicht lange nach, wird leicht gestört und bringt nie in Ordnung. Nicht die liebevollste Gattin, sondern die klügste macht eine gute Ehe.

 

In der Ehe gefallen die Männer den Weibern länger als umgekehrt; um nur unter vielen Gründen einen anzugeben, so verlieren die Männer in der Ehe weniger an Schönheit, weil sie nur wenige hineingebracht.

 

Jean Paul – Bemerkungen über närrische Menschen, Aphorismen 1782–1817

… dann verlieren wir durch die Wiesenpfade hindurch doch den Weg  … und verlaufen uns …

Auf dem Jean-Paul-Weg – kurz vor Röslau verlieren wir ein bisschen den Weg
Auf dem Jean-Paul-Weg – kurz vor Röslau verlieren wir ein bisschen den Weg

… und verlaufen uns …

… und geraten irgendwie zu einer katholischen Kirche, die nahe der Landstraße nach Weißenstadt, eher am Ortsrand von Röslau, auf einer lichten Anhöhe steht. Wir denken, hier muss doch irgendwo einer sein, den wir nach dem Weg fragen könnten. Tatsächlich treffen wir den Mesner an, der hier, neben der Kirche, auch seine Wohnung hat. Wir fragen ihn nach dem Verlauf des Jean-Paul-Weges. »Ja, hab’ schon davon gehört, aber den kennt hier keiner und ehrlich, ich weiß auch nicht, wo der lang geht«, gibt er zur Antwort, »man weiß halt das, was man so in der Zeitung liest. Vor 2 oder 3 Jahren war auch mal eine Studentin hier unterwegs, die hat auch gesucht. Es war halt nicht einfach für sie, hat auch bei uns übernachtet und die Jugendherberge in Hof hat sie auch nicht gefunden.« 

 

Er bittet uns sogar in sein Haus, erzählt uns, dass er froh sei, hier zu sein und viel draußen arbeiten zu dürfen. Das, obwohl es ja eine Diasporakirche ist, mit nur 350 Gemeindemitgliedern, da liegen die Evangelischen schon weit höher, rund 1.700, und das bei 2.500 Einwohner. Einen extra Anbau für den Mesner habe man sogar hier hingestellt.

Katholische Kirche von Röslau
Katholische Kirche von Röslau

»Da kann ich mich nicht beklagen«, sagt er leicht seufzend.

Gedanken eines Mesners

Sein Blick in eine unbestimmte Ferne richtend, fängt er an zu sinnieren: »Ja, wenn man bedenkt, was sonst alles so los ist. Der ganze Wahnsinn da draußen, schauen’s doch mal, da sind die Wälder leer, wenn man auf den Waldstein rauffährt. Das sind die Erbengemeinschaften, die die Wälder ausräumen und alles zu Geld machen. Die kommen mit den Harvestern und machen mit Scheinwerfern bis nachts um 11, auch im Winter, lassen außen rum die Bäume stehen, damit man’s nicht so sieht«, und er löst sein Herz gerne noch weiter auf. »Dann bauen sie Heizkraftwerke und müssen aus Thüringen das Holz herschaffen. Das ist doch nicht normal. Irgendwann stecken wir die Finger in die Steckdose und merken, dass wir davon nicht satt werden … ach, und dann die mit den Biogasanlagen! Nur die, die den Grund dafür haben kriegen die Genehmigung. Die, die dazu pachten müssen, das gilt nicht. Die kleinsten von den Dingern kosten 1.000.000, so ab 500.000 aufwärts … es ist immer nur für die anderen da, nie für unsereins. Wissen’s, ich will keine Kinder mehr, wie soll ich die großziehen? Das hier hält alles noch 20 Jahre und dann ist es aus. Das haben die sich ja ausgerechnet … aber was halte ich sie beim Wandern auf?«

»Nein, sie halten uns gar nicht auf«, beteure ich. 

 

Wir sind froh, hier mit irgendjemand reden zu können. Das war uns eine schöne Begegnung. Ein Mesner, der sich um die Welt sorgt, obwohl es ihm in der kargen Arbeitswelt dieser Gegend so gut geht. Er zeigt uns noch, wo wir lang gehen können, vielleicht stoßen wir ja so wieder auf unseren alten Weg.


Über einen Pfad geht es dann wieder den Hügel hinab zur jungen Eger. Wir werden von ein paar Kunsttafeln begleitet. Ein Kinderprojekt aus Röslau, vermute ich. 

Stele eines Kinderkunstprojektes »Hörst du den Wind?« vor Röslau
Stele eines Kinderkunstprojektes »Hörst du den Wind?« vor Röslau

Wir sind froh, hier mit irgendjemand reden zu können. Das war uns eine schöne Begegnung. Ein Mesner, der sich um die Welt sorgt, obwohl es ihm in der kargen Arbeitswelt dieser Gegend so gut geht. Er zeigt uns noch, wo wir lang gehen können, vielleicht stoßen wir ja so wieder auf unseren alten Weg. 

 

Über einen Pfad geht es dann wieder den Hügel hinab zur jungen Eger. Wir werden von ein paar Kunsttafeln begleitet. Ein Kinderprojekt aus Röslau, vermute ich. »Hörst du den Wind? Riechst du die Erde? Spürst du dein Herz? Siehst du die Steine? Wohin gehst du?« lauten die Fragen auf den Stelen. Nach dem Gespräch mit dem Mesner werfen die hier stehenden Fragen und die vielen Naturlehrtafeln in mir eine ganz andere Frage auf: Wieso versuchen wir unentwegt, unseren Kindern die Wertschätzung unserer Erde beizubringen, während wir dieselbe Erde hinter dem Rücken der Kinder zerstören?

 

Zwischen allen Tafeln Stationstafel 49, klein:

Sanftes Sterben

 

Ich habe meine Absicht klug erreicht, mich und meine Zuhörer fünf oder sechs Seiten von der traurigen Minute wegzuführen, in der vor unser aller Augen der Tod vor das Bett unsers Kranken tritt und langsam mit eiskalten Händen in seine warme Brust hineindringt und das vergnügt schlagende Herz erschreckt, fängt und auf immer anhält. Freilich am Ende kommt die Minute und ihr Begleiter doch.

 

Denn er hatte mir gesagt, nichts wäre schöner und leichter, als an einem heiteren Tag zu sterben: die Seele sähe durch die geschlossenen Augen die hohe Sonne noch, und sie stiege aus dem vertrockneten Leib in das weite blaue Lichtmeer draußen; hingegen in einer finsteren brüllenden Nacht aus dem warmen Leibe zu müssen, den langen Fall ins Grab so einsam tun, wenn die ganze Natur selber dasäße und die Augen sterbend zu hätte – das wäre ein zu harter Tod.

 

Wie war dein Leben und Sterben so sanft und meerstille, du vergnügtes Schul­meisterlein Wutz! Der stille laue Himmel eines Nachsommers ging nicht mit Gewölk, sondern mit Duft um dein Leben herum: deine Epochen waren die Schwankungen und dein Sterben war das Umlegen einer Lilie, deren Blätter auf stehende Blumen flattern – und schon außer dem Grabe schliefest du sanft.

 

Jean Paul »Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal«

1790 geschrieben, im Januar 1793 – in den Roman »Die unsichtbare Loge« eingelegt – erschienen

Der Himmel möge uns gnädig sein.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0