4. Bringst du mir Glück?

Döhlau - Schwarzenbach a.d. Saale
Döhlau - Schwarzenbach a.d. Saale

Döhlau - Schwarzenbach a.d. Saale


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Als wir heute morgen aufbrechen, treffen wir im Garten unseren Vermieter. Er plaudert auch sehr gerne. Wenn Peter mit ihm redet, hört es sich an, als ob zwei Oberpfälzer miteinander sprechen.
Er fragt uns, wie viele Kilometer wir denn gestern gemacht hätten. Unsere Vermieter leiden immer, wenn wir von den „langen Wanderungen“ erzählen. Ihnen würde ja schon beim Zuhören alles wehtun. Wir antworten, so um die 8 Kilometer, aber alles ganz langsam. Wir könnten auch, erst seit dem wir den Hund haben, diese Strecken bewältigen. Vor ein paar Jahren noch, hätten mir schon nach drei Kilometern die Gelenke gequietscht, hätte mir gar nicht vorstellen können, dass das jemals wieder weg geht, dachte schon, dass meine Knochen auf ewig verschlissen wären. Aber, oh Wunder! Jetzt geht es wieder. Ich staune selbst.

 

Könntens des noch amal machn?


„Ja, obwohl ...,“ räume ich ein, „seit gestern schmerzt mir der Knöchel, aber nicht vom Wandern, sondern von einem Sturz.“ Dann erzähle ich vom Radweg und von den aggressiven Radfahrern.
Da fängt auch der Vermieter an zu schimpfen und erzählt von seinem Erlebnis der besonderen Art: „Dou ham mir mal a Wanderung mit dem Kindergoartn gmacht, durch den Would. Da war so a langer Weg, erst gerade aus, leicht obfallnd und untn, dann gab es eine Kurve. Wir laufn da mit den Kindern runter, wissens, die springa ja auf dem Weg hin und her, die kann man niard beineinand haltn, sollns ja auch niard, die solln mal sich freun im Would. Dou kummt auf einmal vo om oina angschossn, wissns, die heard ma ja niard, was ham wir uns erschrockn! Sag i ina!“ Er spielt es uns ein wenig vor. „Da saust er an uns vorbei, wir auf die Seitn und i denk noch, d i e  Kurvn kreagt der nimma! Da hauts den doch tatsächlich voll ins Gebüsch nei! Ma darfs ja niard sougn, aber mir ham fei scho lachn müssn!“
Wir lachen mit ihm und über den lachenden Vermieter und überhaupt.
„Dann is der wieder aufgstandn ...,“ fährt er fort, „... und da hat der des Schimpfn angfanga, des glaubens niard. Mei, war der sauer, dass er sich selbst ausbremst hat. Auf die Weise sozusagn. I bin dann zu ihm hin und wissens, was i gsagt hab‘?“
Wir schütteln den Kopf.
„Das war ja sensationell! Könntens des noch amal machn?“
Wir platzen raus und all unsere seelischen Wunden heilen in diesem Augenblick spontan.
„Der is dann auf seinen Esel und nix wie fort, wutschnaubnd, sag i ina, der kam aus dem Schnauben gar nimma raus.“

Auf der Fahrt mit dem Auto zum nächsten Startpunkt in Döhlau müssen wir noch dauernd lachen. Wir nehmen uns diese Geschichte für heute mit auf den Weg, quasi als Meditationsformel: Können sie das noch mal machen?

Schönstes Regenwetter auf der Fahrt nach Döhlau
Schönstes Regenwetter auf der Fahrt nach Döhlau

Der Himmel ist heute schwer behangen, aber noch ist alles trocken. Solches Wetter, und dann noch leichter Wind dazu, finden wir am schönsten. Fast wie am Meer. Leichte, feuchte, lauwarme Brisen.


Aus Döhlau heraus, kommen wir schnell wieder in die Natur, auf einen schönen Weg, an Wiesen entlang, und erreichen Stationstafel 15 oder 6. Sie ist so zerkratzt, dass wir sie kaum lesen können. Auch macht der Zerstörer sich immer die Mühe, den Verlauf der Etappe unlesbar zu machen. Ständig fragen wir uns, warum tut das einer? Wir würden es so gerne wissen, den Grund der Wut kennenlernen, wie Profiler das Motiv ergründen. Vielleicht meldet er oder sie sich einmal bei uns, anonym versteht sich.

Tropfbad des Taus

Draußen schwammen alle Grasebnen und Samenfelder im Tropfbad des Taus und im kalten Luftbad des Morgenwinds.
Er wurde darin wie Eisen gehärtet; ein Morgenland voll unübersehlicher Hoffnungen umzog ihn, ...

Langsam watete er durch einen niedrigen Haselstauden-Gang und streifte ungern ihre erkälteten Käfer ab; er hielt an sich und stand endlich, um sich zu verspäten, damit er nicht im nahen Wäldchen wäre, wenn gerade die Sonne ihr Theater betrat. Er hörte schon den musikalischen Wirrwarr im Wäldchen - Rosenwolken waren als Blumen in die Sonnenbahn gebreitet - die Warte des Pfarrdorfs, dieser Hochaltar, worauf sein erster schöner Abend gebrannt, entflammte sich - die singende Welt der Luft hing jauchzend in den Morgenfarben und im Himmelbau - Funken von Wolken hüpften vom Goldbarren am Horizont empor - endlich wehten die Flammen der Sonne über die Erde herein ...

Jean-Paul-Weg Stationtafel 6 Tropfbad des Taus

... ein Morgenland voll unübersehlicher Hoffnungen umzog ihn ...

Vielleicht hat der Zerstörer etwas überlesen? Von „unübersehlichen Hoffnungen" ist die Rede. Im Morgenland umziehen ihn Hoffnungen, die so groß sind. So groß. So groß! Sie ließen sich so gerne sehen. Sie warten so sehnsüchtig darauf, gesehen zu werden, so sehr!

 

Die Wolken haben sich wieder verzogen, die Sonne kommt heraus, der Weg wird zum Pfad und wir laufen an der Einkehr Friedrichsruh vorbei, einem kleinen Ausflugslokal im Wald gelegen. Man sieht schon am großen Parkplatz, dass es häufig besucht wird. Es gibt einen großen Biergarten und einen Kinderspielplatz. Leider hat das Gasthaus so früh am morgen noch geschlossen. Ich google die Friedrichsruh - und (!) es muss ein echter Tipp sein! Wieder einmal schade, dass wir als Wirtshausliebhaber nicht zu unserem Spaß kommen.

 

Weiter geht‘s. Wir wollen ja noch bis Schwarzenbach. Da leuchtet Stationstafel 16 oder 7. Sie steht neben einer Bank, auf der man schon eine herrliche Aussicht auf Oberkotzau hat. Ein schöner Rastplatz.

Ich konnte nie mehr als drei Wege, glücklicher (nicht glücklich) zu werden, auskundschaften.

Der erste, der in die Höhe geht, ist: so weit über das Gewölke des Lebens hinauszudringen, daß man die ganze äußere Welt mit ihren Wolfsgruben, Beinhäusern und Gewitterableitern von weitem unter seinen Füßen nur wie ein eingeschrumpftes Kindergärtchen liegen sieht. -

Der zweite ist: gerade herabzufallen ins Gärtchen und da sich so einheimisch in eine Furche einzunisten, daß, wenn man aus seinem warmen Lerchennest heraussieht, man ebenfalls keine Wolfsgruben, Beinhäuser und Stangen, sondern nur Ähren erblickt, deren jede für den Nestvogel ein Baum, und ein Sonnen- und Regenschirm ist. -

Der dritte endlich - den ich für den schwersten und klügsten halte - ist der: mit den beiden anderen zu wechseln. -

Oh ja! Wie geht das mit dem Glücklichsein? Jean Paul grenzt das hier schon ein: nur „glücklicher“. Richtiges Glück ist für ihn wohl etwas anderes. Aber „Glück“, das ist heute in aller Munde. Hunderte von Ratgebern beschäftigen sich mit der Frage: wie kann man glücklich werden?
Eine Beantwortung tut wohl not. Die explosionsartig wachsende Menschheit steht derartig unter Druck, dass sie immer stärker unter Depressionen leidet. Man kann also mit diesem Thema viel Geld machen kann.

Laut Jean Paul ist der einzige Weg zum Glücklichersein der, einfach nicht auf Leid und böses Treiben zu schauen. Das geht am besten, in dem man sich in Perspektiven bringt, in denen man all das nicht mehr erkennen kann. Das wäre von ganz oben oder von ganz unten.

Ich weiß, es geht nicht anders, scheint nicht anders zu gehen. Leid und Grausamkeiten auszublenden, wird heute auch als Therapie empfohlen. Denn das Leid abzuschaffen und das böse Treiben in Schranken zu verweisen, so wird einem vorgebetet, sei unmöglich. Das ist im Klartext der Aufruf zur Resignation - und sich in ihr zurecht zu finden. Bei genauerer Betrachtung eine ziemlich ohnmächtige, alternativlose Möglichkeit, die einen doch ziemlich unglücklich machen kann. Komisch.

Dass wir diesen Weg genau mit dieser Einstellung gehen mussten, werden wir noch oft erleben, was wir so nicht erahnt hatten. Beim Wandern steigt man leider aus den Lerchennestern und Furchen heraus, und fliegen tut man dabei auch nicht.

Blick auf Oberkotzau
Blick auf Oberkotzau

Bald schon erreichen wir Oberkotzau. „Kotzau“ hat übrigens nichts mit „Kotzen“ zu tun, sondern der Name leitet sich aus dem früheren Ortsnamen „Koszaw“ ab. Oberkotzau ist eine der ältesten Ansiedlungen im nordöstlichen Oberfranken. Irgendwie entstand hieraus auch das alte Rittergeschlecht von Kotzau. Oder war es umgekehrt? Das ist nicht so leicht herauszufinden. Die erste urkundliche Erwähnung von Kotzau war jedenfalls im Jahre 1234.
 
Auf dem Jean-Paul-Weg gelangt man von „hinten“ in den Ort, also jenseits der Saale, der Eisenbahn und der viel befahrenen Straße von Schwarzenbach nach Hof. Wir waren erstaunt, wie schön der Ort hier ist. Oft sind wir auf dem Weg nach Hof eben auf der besagten Straße gefahren und da bietet sich rechts und links ein Bild des Grauens. Verlassene Häuser, Verwahrlosung, Zeugen verschwindenden Lebens. Hier aber: Marktplatzidyll, der Seitreiberbrunnen (zur Erinnerung an die Schweinehändler), ein Schloss, ein Kirchlein und eine wunderschöne, historische Dreibogenbrücke. Aus der eben erwähnten Historie wissen wir jetzt, warum das alles hier zu finden ist. Leider ahnt man davon so wenig, wenn man auf der Hauptstraße unterwegs ist.

Das gibt es aber ganz oft. Ortsdurchfahrten sind häufig so hässlich, dass man schnell wieder weiter will, und man versteht kaum, wieso die Verantwortlichen dieser Orte nicht alles daran setzen, die Durchfahrten als ihre Visitenkarten zu betrachten. Nun gut.

Seitreiberbrunnen in Oberkotzau
Seitreiberbrunnen in Oberkotzau

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Seitreiberbrunnens wartet schon Stationstafel 17 oder 8:

Erotische Akademie

Als junger Poet in Schwarzenbach/Saale stößt Jean Paul auf Schwierigkeiten bei der lebendigen Darstellung von Frauengestalten. Um mehr Erfahrung mit der weiblichen Psyche sammeln zu können, schart er einen Kreis junger Mädchen, Töchter aus dem Bildungsbürgertum Hofs um sich. Jeden Samstag läuft er nach Schulschluss nach Hof zu seiner „Erotischen Akademie“.

Bei Diskussionen, Schreibspielen, nächtlichen Friedhofsgängen, musikalischen Darbietungen beobachtet er die jungen Damen. Als Motto für diese Zusammenkünfte notiert er: „Preisfrage: wie weit darf die Freundschaft gegen das weibliche Geschlecht gehen und welcher Unterschied ist zwischen ihr und der Liebe?“ Abwechselnd erhält jede der hübschen, gebildeten Mädchen die Gunst des aufstrebenden Autors, bei Jean Paul „Simultan- oder Tuttiliebe“ genannt.

Seine mitfühlenden Einsichten in die zweitrangige Rolle der Frau zur damaligen Zeit lässt er in sein Werk einfließen:
 „Nicht nur den weiblichen Körper, sondern auch die weibliche Seele presset eine ewige Schnürbrust.“
„Sie gehen von einer Kette zur anderen.“
„Ihre Hände werden so viel, ihre Köpfe so wenig beschäftigt, sie dürfen statt der Füße bloß ihre Fächer bewegen, und ihnen wird nichts verziehen, am wenigsten ein Herz.“

Jean-Paul-Weg Stationstafel 8 Erotische Akademie

Ach Gott, „Erotik“ hilft jetzt auch nichts, es gibt schon wieder was zu Kacken. Wir gehen uns ja selber auf die Nerven, wir wissen schon. Peter hat ein ins Holz der Stationstafel geritztes Hakenkreuz entdeckt. Nach all den Verschandelungen, auch das noch! Wir leiden richtig mit dem Dichter. Andere würden uns wegen des übertriebenen Mitgefühls belächeln. Aber so sind wir nun mal. An der Straße arbeiten gerade ein paar städtische Bauleute. Peter spricht mit ihnen über die zerkratzten Tafeln und das Hakenkreuz. Wahrscheinlich hat hier das noch keiner bemerkt. Aber Touristen, die den Weg gehen, können sich an so etwas stören. Wir hoffen, Jean Paul wird geholfen.

An der Saale entlang verlassen wir das Örtchen. An ein paar Gärten vorbei, durch einen Wald. Jetzt regnet es leicht. Unter den Bäumen ist es nicht schlimm, Tropfen träufeln nur.


Dann, nicht weit, Stationstafel 18 oder 9:

Nur um den Einsamen schleichen Gespenster.

Wer die Seele einer Frau sucht, ist nicht immer enttäuscht, ihren Körper zu finden.

Wer die Laterne trägt, stolpert leichter, als wer ihr folgt.

Wie glücklich ist man doch, wenn man noch bewundern kann.

Jean-Paul-Weg, Stationstafel 18 oder 9, mit Bänkchen
Jean-Paul-Weg, Stationstafel 18 oder 9, mit Bänkchen

Und das ist neu: eine mit einem eigens gezimmerten Bänkchen. Wie süß! Ich nutze den Platz, um Fidel Wasser zu geben.

 

Das war eine „einfache“ Stationstafel. Das heißt, ein paar leicht verständliche Gedankensplitter. Bei den sonst häufig schwierigen, verschachtelten Texten Jean Pauls kann ich auch manchmal nur über meinen Bauch mit ihm kommunizieren, sozusagen.

Auf weichem Waldboden geht es weiter, immer links der Eisenbahn. Fast alle 15 Minuten schnurrt ein Zug vorbei. Die Strecke Schwarzenbach-Hof ist reichlich belebt.

 

Meine Kindheit auf Bahnhöfen

 

Zuggeräusche höre ich sehr gerne. Ich bin eine Eisenbahnerstochter und wurde in einem Bahnhof geboren, auf dem Sofa in der Küche. Das war 1956 im Hunsrückörtchen Kell und hier war mein Vater Bahnhofsvorsteher. So ein alter Bahnhof ist für Kinder ein unerschöpflicher Fundus an abenteuerlichen Spielplätzen. Schneemännerbauen auf den Bahnsteigen unter den immer freundlich lächelnden Augen der Reisenden. Schlittenfahren auf der Laderampe des Güterschuppens. War egal, wie kurz die Strecke war. Betätigen der Geld- und Fahrkartendurchreiche. Gummispringen im Wartesaal. Bei der Klofrau herumhängen. Akazien an den Bahndämmen. Beim Katholische-Messe-Spielen durch die Bahnhofsgaststätte ziehen und die Gäste mit Weihrauchschwaden aus der Milchbüchse weihen. Den Weihrauch hatte mein Bruder, der Messdiener war - jetzt beim Spiel natürlich den Pfarrer mimend - in der Sakristei geklaut. Der liebe Gott möge es verzeihen. Dann das unvergessliche Stellwerk! Weichenstellen mit den großen Hebeln. Ich bedaure alle Kinder, die das nicht mehr erleben können.

Auf dem Jean-Paul-Weg zwischen Oberkotzau und Schwarzenbach a.d. Saale
Auf dem Jean-Paul-Weg zwischen Oberkotzau und Schwarzenbach a.d. Saale

Alles das kommt hoch, wenn ich an Bahndämmen entlang gehe. Der letzte Bahnhof, auf dem wir lebten (wir mussten immer von Bahnhof zu Bahnhof umziehen, weil mein Vater nur so befördert wurde), war der Wein- und Fremdenverkehrsort Altenahr, am Ausläufer der Eifel Richtung Köln. Zwei Jahre lebten wir dort. Es waren die schönsten Jahre meines Lebens. Nie wieder habe ich Martinsumzüge und Fronleichnamsprozessionen so glanzvoll und hingebungsvoll gestaltet erlebt, wie dort. Es schien alles so heile. Mit Hilfe der gesamten Schule mussten alle Schüler, ob groß oder klein, - nein - durften wir Schüler -  eimerweise Blüten sammeln. Akzeptiert wurde alles, was irgendwie nur nach Blume und Blüte aussah. Damit wurden Blütenteppiche für die Fronleichnamsaltäre hergestellt, die so schön und kunstvoll waren, dass man richtig sah, wie der Pfarrer es fast nicht wagte, sie zu betreten. Ich kann mich an meine tiefe Ergriffenheit als Kind erinnern. All das ließ mich fühlen, wie schön Ehrfurcht sein kann, Ehrfurcht vor all dieser Größe und Schönheit.
Vor ein paar Jahren war ich wieder dort, aber der Ort schien heruntergekommen. Weg war der Glanz. Das Stellwerk ist eine Ferienwohnung, die wir natürlich für eine Nacht gemietet haben. Sie war leider schäbig.

Peter und ich wühlen in Erinnerungen. Seine Großeltern und Urgroßeltern waren auch Eisenbahner. Er kennt das mit den Gärten, das mit den kleinen bescheidenen Leben in den Eisenbahnerwohnungen.

Auf dem Jean-Paul-Weg zwischen Oberkotzau und Schwarzenbach a.a. Saale
Auf dem Jean-Paul-Weg zwischen Oberkotzau und Schwarzenbach a.a. Saale

Der Weg führt jetzt über einen schmalen Steg und geht dann zwischen hochgewachsenem Gestrüpp, oder sind es Brombeerhecken, weiter, öffnet sich und verläuft über einen breiten Grasweg am Hügel entlang, zwischen Feldern, gesäumt von kleinen Strommasten, die noch aussehen wie Telegrafenmasten.


Dann kommt Stationstafel 19 oder 10 in Sicht ...

Jean Paul liebte die weiche, hügelige Mittelgebirgslandschaft:

„Allerdings steht die Gegend um Hof im Vogtland, wo ich wohne, weit über der Lüneburger Heide, durch ihre vorbeifließende Saale, ihre nahen Tannenwälder und fernen Berge, und ich habe himmlisch genug da gelebt in der dortigen Natur.“

„So sind mir die langen fernen Fichtelgebirge lieber als die nahen Tyrolerberge bei München; nur jene lassen meine Phantasie über die Berge und hinter die Berge ziehen und in der Nebelwelt auf ihrem Nebelrücken eine neue Morgenwelt erbauen.“

... glücklicherweise auch mit einer Bank. Wir haben Hunger und machen Rast. Weil der Platz gar so reizvoll ist, nutze ich die Zeit fürs Tagebuch und Fidel für ein Nickerchen.

In der feuchten, lauen Luft duftet es noch nach dem frischgemähtem Korn. Peter schneidet die Pelle von der Wurst, die Wurst in Scheiben und isst diese gleich vom Messer, so wie mein Vater es liebte, und dafür liebe ich Peter. Weit hinten liegen die Berge im Regen und alles ist warm und gut.

Pause vor Schwarzenbach a.d. Saale
Pause vor Schwarzenbach a.d. Saale

Wir haben Hunger, Hunger, Hunger, haben Durst!

 

Um zur nächsten Stationstafel zu gelangen, müssen wir laut Karte einen Abstecher nach Fattigau machen. Dort gibt es auch eine Einkehrmöglichkeit. Das ist der Braukeller Fattigau, zu der auch die Traditionsbräu Schloßbrauerei gehört. Deren Biersortiment geht über Schloß Bock, Zwickl Pils, Urtyp Hell, Ritter Trunk bis hin zum Bio Gold, einem Bio-Bier, das streng nach Bioland-Vorschriften gebraut wird.

Das Gasthaus Braukeller kennen wir schon von früher. Es ist wirklich ein originales Lokal mit fränkischem Küchenzettel, deftiger Hausmannskost und Hausmacherwurst. Sogar der Kuchen wird selbst gebacken. Alles, was ein Wandererherz höher schlagen lässt. Natürlich gehen wir hin, nehmen den Umweg in Kauf.

Nur, als wir uns über die viel befahrene Straße bis dorthin durchgeschlagen haben, müssen wir eine Enttäuschung verkraften: Das Gasthaus hat zwar offen, aber wir werden nicht reingelassen. Es ist ziemlich voll. An der Theke fragt man uns, ob wir vorbestellt haben. Natürlich nicht. Wir erklären hoffend: „Wir sind doch nur zwei Personen mit einem kleinem Hund ...“ Kopfschütteln. Vielleicht erkennen sie an unseren Rucksäcken, dass wir Wanderer sind und lassen Gnade walten. Dann, ein letzter Versuch: „Gibt es wirklich keinen einzigen Platz mehr?“ betteln wir. „Wenn‘s net reserviert haben, geht nix." Die Absage ist unwiderruflich.

Es gibt viele fränkische Gasthäuser, da bemühen sich die Wirte, jeden Besucher unterzubringen. Da wird man einfach zu anderen Gästen an den Tisch gesetzt, da rückt man gerne zusammen und es is schee so! Man kommt ins Gespräch, lacht und scherzt und hat sich erstaunlicherweise oft viel zu erzählen. So haben wir in geselliger Bierlaune schon viele Nachmittage spontan bis zum Abend verlängert, weil‘s grod so schee war! Das liebe ich so sehr an Franken. Nirgends habe ich es schöner erlebt.

Deshalb sind wir jetzt nicht nur enttäuscht, sondern auch ein bisschen verletzt. Ja. Wir wollten doch nur auch Gast sein dürfen.

Auf dem Jean-Paul-Weg, in Fattigau, Stationstafel 20 oder 11, klein, zwischen zwei Müllcontainern - und schon entdeckt!?
Auf dem Jean-Paul-Weg, in Fattigau, Stationstafel 20 oder 11, klein, zwischen zwei Müllcontainern - und schon entdeckt!?

Mann! Und als wir draußen, direkt vor dem Braukeller, dann auch noch die Stationstafel 20 oder 11 zwischen Glas- und Müllcontainern und Schrottplatz entdecken, fragen wir uns, was das jetzt soll. Das ist bis jetzt der unlyrischste Platz für den Dichter der Idyllen, für den Dichter, der bis heute eigentlich der größte und langlebigste Werbeträger des fränkischen Bieres ist, der wie kein anderer, das fränkische braune Bier so liebte, dafür weit reiste und seine ungeliebte Heimat nicht verlassen konnte.

Stationstafel 20 oder 11:

Jean Paul war leidenschaftlicher Bierliebhaber.

Zum Leben brauchte er die (drei) „B‘s: Berge, Bücher, bitteres braunes Bier:“
Bier diente ihm als Genuss-, Heil- und Nahrungsmittel sowie als Schreibstimulanz. Seine Frau Caroline berichtet: „Bei der Einfahrt eines Bierfasses läuft er seliger umher als beim Eintritt eines Kindes in die Welt.“

Er selbst schreibt über die Entstehung seines „Trinkunfugs“:
„Von meinem 16. Lebensjahr an trank ich bis ins 20te weder Bier noch Kaffee, nur zuletzt diesen an Sonntagen. Dann häufiger, aber stets für den Kopf. Erst im 30sten nahm ich als Heilmittel Bier ein, um nicht im Kaffee zu ersaufen; und 8 Jahre später Wein. Ich kenne keinen Gaumen-, nur Gehirnkitzel; und steigt mir die Sache nicht in den Kopf, so soll sie auch nicht in die Blase.“

Euphorisch - Jean Pauls Bierhuldigungen:

„Himmel! Welch ein Bier! ... Mein Lethe ..., mein Nil, meine vorletzte Ölung, mein Weihwasser ...“

„Mich quält ein Ort, wo die Bürger nichts haben worin sie sich betrinken können.“

Auf dem Jean-Paul-Weg, in Fattigau vor dem Braukeller, Stationstafel 20 oder 11 "Jean Paul war leidenschaftlicher Biertrinker"
Auf dem Jean-Paul-Weg, in Fattigau vor dem Braukeller, Stationstafel 20 oder 11 "Jean Paul war leidenschaftlicher Biertrinker"

So laufen wir mit ungestilltem Hunger und Durst wieder zurück auf den Jean-Paul-Weg, auf die andere Seite der Saale. Die Landschaft ist weit und hügelig. Wieder über einen kleinen Holzsteg, dann hügelan. Nicht weit entfernt steht eine Gruppe Windräder. Die sind mittlerweile so hoch, dass sie uns fast auf dem ganzen Weg begleiten werden, immer am Horizont zu identifizieren.

Auf dem Jean-Paul-Weg, Windräder hinter Fattigau
Auf dem Jean-Paul-Weg, Windräder hinter Fattigau

Schlechte Schwingungen im Dorf Schwingen

 

Wir erreichen das Dorf Schwingen. Schon beim „Eintritt“ in den Ort spüren wir eine Unstimmung. Als Durchreisender kann man ja nur anhand von Gebäuden, Plätzen, Anordnungen, Begegnungen oder Begrünungen Momenteindrücke gewinnen. Hier scheint der Ort aus - sagen wir mal - drei großen Gehöften zu bestehen. Riesige Kuhställe, Mastställe, Landmaschinenhallen, Silagen, Autoreifen, Schrott. Nichts Liebliches, keine Katze, kein Birnbaum, keine Geranien, keine Menschen, nur ein Jeep rast an uns vorbei.

Ich leine Fidel an und sage zu Peter: „Das ist ein gewälttätiges Dorf. Hoffentlich kommen wir wieder heil raus.“ Mit „heil“ meine ich, dass ich hier nichts Schlimmes sehen muss. In meiner Kindheit bin ich zweimal nichts ahnend durch ein Dorf gelaufen, da waren sie gerade Kühe am Schlachten. Die eine hing im Tor, die andere an den hochgestellten Schaufelarmen eines Traktors. Bei der einen fuhren sie gerade die Eingeweide im Schubkarren weg, bei der anderen trennten sie die Hälften mit einer Axt.
Die Bilder verfolgen mich bis heute. Nicht, dass ich etwas gegen Fleisch essen habe oder Tiere schlachten, es kommt nur darauf an, wie. Auch will ich nicht dabei zusehen müssen, definitiv nicht. Aber wenn einem so die Entscheidung genommen wird? Ich weiß, Bauern scheren sich kaum um Gefühle, sonst würden sie das nicht so tun, wie sie es tun. Sie lieben nicht die Scholle (wie man von Bauern gerne sagt), sondern nur den Ertrag der Scholle. Je höher der ist, umso mehr sind Bauern zum Verrat bereit. Das heißt, Gift in Böden zu bringen oder Vieh zu quälen.
 
Am Dorfende, beim letzten Gehöft, wildes Hundegebell. Ich entdecke zwischen Müll und Schrott einen dunkeln Verschlag. Drei Schäferhunde randalieren darin. Sie sind so aufgebracht, dass sie die Wände hochlaufen. Der Drahtverhau an der Front wackelt und scheppert. Das ist also ihre Tierliebe, Hunde bis zum Wahnsinn einsperren. Ich kann nicht mehr, ich brülle so laut ich kann gegen das Gebell, für die Seele der Hunde und schreie heraus, was ich von solchen Menschen halte. Vor ihnen dauernd diese Ohnmacht ertragen müssen, das ist so schlimm.

 

Nur langsam kann ich mich wieder beruhigen, muss atmen, tief durchatmen, will mich wieder in Wanderstimmung bringen. Da hilft die nächste Tafel.

Am Ortsausgang Stationstafel 21 oder 12.

„Noch erinnert er sich eines Sommertages, wo ihn, da er auf der Rückkehr gegen 2 Uhr die sonnigen beglänzten Anhöhen und die ziehenden Wogen auf den Ährenfeldern und die Laufschatten der Wolken überblickte, ein noch unerlebtes, gegenstandsloses Sehnen überfiel, das aus lauter Pein und wenig Lust gemischt und ein Wünschen ohne Erinnern war.

Ach, es war der ganze Mensch, der sich nach den himmlischen Gütern des Lebens sehnte, die noch unbezeichnet und farbenlos im tiefen weiten Dunkel des Herzens lagen und welche sich unter den einfallenden Sommerstreifen flüchtig erleuchteten. Es gibt eine Zeit der Sehnsucht, wo ihr Gegenstand noch keinen Namen trägt und sie nur sich selber zu nennen vermag.

Auch noch später hat weniger der Mondschein, dessen Silberseen das Herz nur sanft in sich zerlassen und so aufgelöset ins Unendliche treiben und führen, als auf einer weiten Gegend der Nachmittagsschein der Sonne diese Macht einer peinlich sich ausdehnenden Sehnsucht behauptet.“

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 21 oder 12, hinter dem Gewalt-Dorf Schwingen
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 21 oder 12, hinter dem Gewalt-Dorf Schwingen

Dieses Erlebnis, das des gegenstandslosen Sehen, hatte Jean Paul auf seinem Rückweg von Hof nach Joditz. Hier und jetzt haben auch wir Sehnsucht. Wir blicken neben das Schild zum Horizont und weiter in das noch unsichtbare Land.

 

Und manchmal spaziert ein kleines "Unerwartet" vorbei

 

Eine kleine Überraschung. So etwas haben wir noch nie erlebt. Wir sehen schon auf der Karte, dass wir eigentlich wieder über die Saale, und dabei auch die Eisenbahnstrecke, kreuzen müssten. Von weitem sehen wir aber keine Brücke. Es geht leicht abwärts, unten macht der Weg einen 90- Grad-Knick und dann stehen wir plötzlich vor einer geschlossenen Bahnschranke. Hm, müssen wir jetzt warten bis sie aufgeht? Oder wie ist die Angelegenheit zu betrachten? Wir rätseln. Da macht Peter neben der Schranke eine Art Notrufsäule, wie wir sie von den Autobahnen her kennen, aus. Mit Gebrauchsanleitung drauf. Wir studieren.
„Den Knopf drücken und sprechen ...,“ liest Peter vor sich hin, „Das ist ein Fernsprecher. Da kann man mit dem Stellwerk kommunizieren, dass die die Schranke aufmachen,“ sagt er.
„Aha!“, sage ich, „bestimmt müssen wir dann wie bei einer Telefonschleife erst mal stundenlang warten. Na prima!“, lästert mein ewig skeptisches Herz.
„Gucken wir mal,“ meint Peter. Er drückt den Knopf. Prompt ertönt eine Stimme:
„Stellwerk Schwarzenbach. Sie sprechen mit Betriebsoberinspektor Petzold (Name geändert).“ Wir kriegen beinahe einen Schreck.
Peter stottert:
„Äh, Peter Zielinski. Äh, wir, wir stehen hier am Bahnübergang, äh ... zwischen Fattigau und Schwarzenbach ...,“
„Ich habe verstanden. Wieviel Personen sind sie?“
„Zwei Personen und ein Pudel,“ antwortet Peter.
„Ich bitte Sie, noch fünf Minuten zu warten bis der Personenzug Richtung Fattigau nach Schwarzenbach den Übergang passiert hat. Danach öffne ich ihnen die Schranke von hier aus,“ klärt uns Petzold auf.
„Oh, danke, wir warten ... äh, auf Wiederhören ...,“ fällt es Peter ein, oder wie sagt man da?

Wir lachen und sind gespannt wie die Kinder. Nein, der Apparat schlief nicht vor sich hin, da war richtiges Leben drin. Wir können‘s kaum fassen, dass da jemand prompt geantwortet hat. Wieder kommen meine ganze Stellwerk-Erinnerungen hoch, wie wir dort bei Papas Kollegen mit den Kopierstiften (Stifte mit einer wasserlöslichen farbigen Mine, zum dokumentenechten Kopieren) malen durften oder mit dem Fernglas die Strecke beobachten. Ich sehe Herrn Petzold praktisch vor meinen Augen.
So gerne warten wir vor der Schranke! Da kommt mir die Idee, dass ich ein Foto vom Zug machen könnte. Peter dann zu mir: „Und ich winke dabei dem Lokführer zu!“
Wie ein Kameramann, der unbedingt das Fußballtor drauf haben muss, fiebere ich dem Ereignis entgegen.
„Pass auf, du musst unbedingt die Zeitverzögerung bei den Digitalen mit einberechnen ...“
„Ja, ja, ja .... „
„Ich hör‘ ihn schon! Da kommt er! Pass auf!“ warnt mich Peter.
Ich gucke die Strecke hinunter, da braust der Zug schon um die Kurve. Ich zittere fast, und Peter winkt dem Zugführer zu. Klick! Klick. Wir inspizieren das Ergebnis sofort.
„Ich hab‘s! Ich hab‘s drauf!“ Ich kann‘s kaum glauben.
„Ich bin stolz auf dich!“, sagt Peter.
„Och!“
Das Foto ist wirklich schön. Das kleine Erlebnis lässt uns fühlen wie nach einem Zirkusbesuch. Peter meint noch, dass der Zugführer ihm tatsächlich zurück gewunken habe, was man auf dem Foto natürlich nicht sieht.

Bahnübergang zwischen Schwingen und Schwarzenbach a.d. Saale
Bahnübergang zwischen Schwingen und Schwarzenbach a.d. Saale

Bimmel, bimmel, bimmel geht die Schranke wieder auf. Peter kann nicht anders, als noch einmal den Knopf zu drücken, um sich bei Herrn Petzold zu bedanken.

Direkte Kommunikation mit der Bundesbahn
Direkte Kommunikation mit der Bundesbahn

Der Weg führt weiter bis zur Saalebrücke. Laut Karte kann man sich dort entscheiden, ob man rechts oder links des Flusses nach Schwarzenbach laufen möchte. Weil gerade diesseits der Saale die Aulandschaft so schön ist, wandern wir hier weiter. 

 

Schwarzenbach liebt die Künstler

 

An wilden Bauerngärten und historischen Wohnhäusern vorbei, gelangen wir im Schwarzenbacher Altstadtkern noch einmal an die Saale, die hier an grünen Ufern zwischen Hochwasserschutzmauern langsam dahin fließt. In kürzeren Abständen stehen weithin sichtbar Fischskulpturen, jede für sich anders gestaltet. Mal mit bunten Tupfen, mal frech gestreift oder mit Muster.
Sie stammen aus dem Kunstprojekt Schwarzenbacher Fischflut. Schwarzenbacher Künstler haben diese Fische entworfen. Sie stehen als Unikate nicht nur am Saaleufer, sondern sind auch als Sammlerstücke käuflich zu erwerben. Die Fischflut soll darauf hinweisen, dass Schwarzenbach a.d. Saale (die Stadt trägt auch einen Fisch im Wappen) ein Künstlerstädtchen ist.


Nicht nur Jean Paul Richter ist ein Sohn der Stadt, sondern auch Maler wie Anton Richter (1900-1962), der u.a. mit dem Albrecht-Dürer-Preis der Stadt Nürnberg ausgezeichnet wurde. Seine Werke sind heute in der Staatsgemäldesammlung sowie in zahlreichen Ministerien, Behörden und Städten in Bayern zu sehen.
Oder Dr. Erika Fuchs. Sie wurde als Disney-Übersetzerin zur Grand Dame des deutschen Comics. Seit 2007 gibt es hier nicht nur eine Erika-Fuchs-Stiftung, sondern für sie auch ein Museum, das Erika-Fuchs-Haus. Also auch ein bisschen Entenhausen in Schwarzenbach.

Kunstprojekt Schwarzenbacher Fischflut mit echten Gänsen
Kunstprojekt Schwarzenbacher Fischflut mit echten Gänsen

Jetzt schnattern doch tatsächlich drei echte, freilaufende Gänse zwischen dem Gras umher. Wie selten sieht man das noch? Misstrauisch beäugen sie Fidel, ich leine ihn an. Sicher ist sicher. Obwohl Hunde an sich, wenn man sie nicht darauf abgerichtet hat, keine Vögel jagen. Fidel zeigt sich wenig interessiert.

Wir laufen weiter zum Rathausplatz am Saaleufer. Hier finden wir Jean-Paul-Stationstafeln, die farblich ganz anders gestaltet sind, als die des Jean-Paul-Weges. Offenbar hat man in Schwarzenbach einen eigenen Jean-Paul-Rundweg eingerichtet, was einen leicht irritiert. Wo soll man jetzt weiter laufen?


Eigentlich wollen wir in Schwarzenbach hauptsächlich das Grab, oder besser gesagt die Grabplatte des Vaters von Jean Paul besuchen. Jetzt sind wir aber langsam zu müde und haben richtig festen Hunger. Auf der Fahrt zu unseren Startpunkten kamen wir hier in Schwarzenbach schon immer am Jean-Paul-Hotel vorbei. Dazu gehört auch das Gasthaus Zur Sonne. Genau das wollen wir uns jetzt „reinziehen“.

Im Gasthof "Zur Sonne", das zum Jean-Paul-Hotel in Schwarzenbach a.d. Saale gehört
Im Gasthof "Zur Sonne", das zum Jean-Paul-Hotel in Schwarzenbach a.d. Saale gehört

Der Gasthof ist historisch. Seit über 500 Jahren beherbergt man hier Reisende. Früher gab es auch Stallungen, hier konnten die Pferde gewechselt werden. Ein Kommen und Gehen, Fremde waren häufig in der Stadt, es war immer was los. Auch Jean Paul soll gerne hier Gast gewesen sein. Kann man ihn sich in den alten Gemäuern auch gut vorstellen.

 

Die Speisekarte hat neben internationalen Gerichten auch Fränkische Bräten mit Klößen zur Auswahl. Was Peter und mir immer das Herz im Magen lachen lässt. Nur schade, dass wir heute die einzigen Gäste sind. Ein wenig verloren kommen wir uns vor. Nun denn, es ist erst kurz nach fünf, da sind wir ein bisschen früh. Geschmeckt hat es uns super.

 

Bahnhof zum Glück

Aber jetzt müssen wir flugs zum Bahnhof, denn heute können wir mit dem Zug zurück nach Döhlau fahren. Man erinnere sich, wir sind ja an einer Bahnstrecke entlang gelaufen. Mein Gott, wie lange ist es her, dass wir Bahn gefahren sind? Noch länger ist es her, dass wir eine Regionalstrecke gefahren sind! Wir freuen uns richtig darauf. Vom Gasthof aus ist es auch gar nicht weit.

Und dann steht vor uns auch noch ein richtig schönes komplettes Bahnhof-Ensemble mit einem Postamt, das natürlich geschlossen wurde, einem großen alten Bahnhofsgebäude und einer Bahnhofsgaststätte, ist eine Pizzeria drin, und hinter dem Bahnhof der Güterschuppen, in dem es seit 2008 ein Traktormuseum gibt.

Schwarzenbach a.d. Saale, komplettes Bahnhofensemble mit ehemaligem Postamt
Schwarzenbach a.d. Saale, komplettes Bahnhofensemble mit ehemaligem Postamt

Leider kann man die Fahrkarten hier auch nur am Automaten ziehen, aber immerhin, schon allein auf einem Bahnsteig zu warten, macht mir heute Freude. Wir setzen uns ins Wartehäuschen, Fidel darf auf meinen Schoß, gebe ihm wieder Wasser zu trinken, der ärmste hat mächtig Durst. So tapfer läuft der Kleine mit, als ob er nie etwas anderes getan hätte. Im Gasthof hatte er unter der Bank geratzt wie ein Weltmeister. Langsam trudeln andere Fahrgäste ein, setzen sich dazu, spielen mit dem Smartphone, rauchen oder schweigen einfach.

Schwarzenbach a.d. Saale. Traktormuseum am Bahnhof
Schwarzenbach a.d. Saale. Traktormuseum am Bahnhof

Dann kommt der Zug. Er ist eher mehr eine Art Triebwagen. Mein Gott! Ich formuliere das so, als ob ich aus der Verkehrs-Steinzeit käme - fällt mir gerade auf - und wie leise die sind! Wir werden nur 10 Minuten brauchen. So schnell geht es zurück.

Während der Fahrt beobachte ich einen Marienkäfer auf dem Boden. Ich beuge mich zu ihm hinunter, um ihn auf meine Hand krabbeln zu lassen. Bleib sitzen, du kleiner Kerl, denke ich ganz fest. Nicht wegfliegen, ich rette dich! Mein Herz pocht. Wenn du bei mir verweilst, ist es ein Zeichen, und ich werde es mit mir tragen, sage ich zu ihm, ohne Worte. Er bleibt sitzen, läuft auf meiner Hand ein bisschen auf und ab. In den Kurven schwanke ich hin und her, aber der Käfer ist standhaft. Wir erreichen Döhlau, und kaum bin ich ausgestiegen, da fliegt er davon. Bringst Du mir Glück? Gab ich ihm meine bange, bittende Frage mit auf den Weg.

Viel, viel später geschah ein Geschehnis, das endlich die anhaltend erlösende Wendung in unser so sorgenvolles Leben bringen sollte. Glück wächst manchmal so langsam und unvermutet still.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0