4. Bringst du mir Glück?

Döhlau – Schwarzenbach a. d. Saale – Hilde mit Fidel auf einer Bank
Döhlau – Schwarzenbach a. d. Saale

Döhlau – Schwarzenbach a. d. Saale


Den kompletten Verlauf des Jean-Paul-Wegs finden Sie hier: Literaturportal Bayern

Donnerstag, der 9. August 2012.

Als wir heute Morgen aufbrechen, treffen wir im Garten unseren Vermieter. Er plaudert auch sehr gerne. Wenn Peter mit ihm spricht, hört es sich an, als ob zwei Oberpfälzer miteinander reden. Er fragt uns, wie viele Kilometer wir denn gestern gemacht hätten. Unsere Vermieter leiden, immer wenn wir von den »langen Wanderungen« erzählen. Ihnen würde ja schon beim Zuhören alles wehtun. Wir antworten, dass es so um die 8 Kilometer waren, aber alles ganz langsam. Wir könnten, auch erst seit dem wir den Hund haben, diese Strecken bewältigen. Vor ein paar Jahren noch hätten mir schon nach drei Kilometern die Gelenke gequietscht, hätte mir gar nicht vorstellen können, dass das jemals wieder weggeht, dachte schon, dass meine Knochen auf ewig verschlissen wären. Aber, oh Wunder! Jetzt geht es wieder. Ich staune selbst.

Könnens des noch amal machn?

»Ja, obwohl«, räume ich ein, »seit gestern schmerzt mir der Knöchel, aber nicht vom Wandern, sondern von einem Sturz.« Dann erzähle ich vom Radweg und von den aggressiven Radfahrern.

Da fängt auch der Vermieter an zu schimpfen und berichtet von seinem Erlebnis der besonderen Art: »Dou ham mir mal a Wanderung mit dem Kindergoartn gmacht, durch den Would. Da war so a langer Weg, erst gerade aus, leicht obfallnd und untn, dann gab es eine Kurve. Wir laufn da mit den Kindern runter, wissens, die springa ja auf dem Weg hin und her, die kann man niard beineinand haltn, sollns ja auch niard, die solln mal sich freun im Would. Dou kummt auf einmal vo om oina angschossn, wissns, die heard ma ja niard, was ham wir uns erschrockn! Sag i ina!« Er spielt es uns ein wenig vor. »Da saust er an uns vorbei, wir auf die Seitn und i denk noch, die Kurvn kreagt der nimma! Da hauts den doch tatsächlich voll ins Gebüsch nei! Ma darfs ja niard sougn, aber mir ham fei scho lachn müssn!«

Wir lachen mit ihm und über den lachenden Vermieter und überhaupt.

»Dann is der wieder aufgstandn«, fährt er fort, »und da hat der des Schimpfn angfanga, des glaubens niard. Mei, war der sauer, dass er sich selbst ausbremst hat. Auf die Weise sozusagn. I bin dann zu ihm hin und wissens, was i gsagt hab’?«

Wir schütteln den Kopf.

»Das war ja sensationell! Könnens des noch amal machn?«

Wir platzen heraus und all unsere seelischen Wunden heilen in diesem Augenblick spontan.

»Der is dann auf seinen Esel und nix wie fort, wutschnaubnd, sag i ina, der kam aus dem Schnauben gar nimma raus.«

 

Auf der Fahrt mit dem Auto zum nächsten Startpunkt in Döhlau müssen wir noch dauernd lachen. Wir nehmen uns diese Geschichte für heute mit auf den Weg, quasi als Meditationsformel: Können sie das noch mal machen?

Schönstes Regenwetter auf der Fahrt nach Döhlau
Schönstes Regenwetter auf der Fahrt nach Döhlau

Der Himmel ist heute schwer behangen, aber noch ist alles trocken. So ein Wetter finden wir am schönsten. Fast wie am Meer, wo einem leichte, feuchte, lauwarme Brisen ins Gesicht wehen.

 

Kaum aus Döhlau heraus, kommen wir schnell wieder in freie Natur. Auf einen schönen Weg, an Wiesen entlang, und erreichen Stationstafel 15 oder 6. Sie ist so zerkratzt, dass wir sie kaum lesen können. Auch gibt der Zerstörer sich immer die Mühe, den Verlauf der Etappe unlesbar zu machen. Ständig fra­gen wir uns, warum tut das einer? Wir würden es so gerne wissen, den Grund der Wut kennenlernen, wie Profiler Motive von Kriminellen ergründen. Viel­leicht meldet er oder sie sich einmal bei uns, anonym versteht sich.

Tropfbad des Taus

 

Draußen schwammen alle Grasebnen und Samenfelder im Tropfbad des Taus und im kalten Luftbad des Morgenwinds. Er wurde darin wie Eisen gehärtet; ein Morgenland voll unübersehlicher Hoffnungen umzog ihn, …

 

Langsam watete er durch einen niedrigen Haselstauden-Gang und streifte ungern ihre erkälteten Käfer ab; er hielt an sich und stand endlich, um sich zu verspäten, damit er nicht im nahen Wäldchen wäre, wenn gerade die Sonne ihr Theater betrat. Er hörte schon den musikalischen Wirrwarr im Wäldchen – Rosenwolken waren als Blumen in die Sonnenbahn gebreitet – die Warte des Pfarrdorfs, dieser Hoch­altar, worauf sein erster schöner Abend gebrannt, entflammte sich – die singende Welt der Luft hing jauchzend in den Morgenfarben und im Himmelbau – Funken von Wolken hüpften vom Goldbarren am Horizont empor – endlich wehten die Flammen der Sonne über die Erde herein …

Jean-Paul-Weg Stationtafel 6 Tropfbad des Taus

… ein Morgenland voll unübersehlicher Hoffnungen umzog ihn … Vielleicht hat der Zerstörer da etwas überlesen?

Von … unübersehlichen Hoffnungen … ist die Rede. Im Morgenland umziehen … ihn … Hoffnungen, die so groß sind. So groß. So groß! Sie ließen sich so gerne sehen. Sie warten so sehnsüchtig darauf, erkannt zu werden, so sehr!

 

Die Wolken haben sich wieder verzogen, die Sonne glänzt nun auch hier bei ihrem Auftritt, der Weg wird zum Pfad, und wir laufen an der Einkehr »Friedrichsruh« vorbei, einem kleinen Ausflugslokal im Wald gelegen. Man sieht schon am großen Parkplatz, dass es häufig besucht wird. Es gibt einen stattlichen Biergarten und einen Kinderspielplatz. Leider hat das Gasthaus so früh am Morgen noch geschlossen. Ich google die »Friedrichsruh« - und! es muss ein echter Tipp sein! Wieder einmal schade, dass wir als Wirtshaus­liebhaber nicht zu unserem Spaß kommen. 

Weiter geht’s. Wir wollen ja noch bis Schwarzenbach. Da leuchtet Stationstafel 16 oder 7. Sie steht neben einer Bank, auf der man schon eine herrliche Aussicht auf Oberkotzau erhaschen kann. Ein schöner Rastplatz.

Ich konnte nie mehr als drei Wege, glücklicher (nicht glücklich) zu werden, auskundschaften.

 

Der erste, der in die Höhe geht, ist: so weit über das Gewölke des Lebens hinaus­zudringen, daß man die ganze äußere Welt mit ihren Wolfsgruben, Beinhäusern und Gewitterableitern von weitem unter seinen Füßen nur wie ein eingeschrumpf­tes Kindergärtchen liegen sieht. –

 

Der zweite ist: gerade herabzufallen ins Gärtchen und da sich so einheimisch in eine Furche einzunisten, daß, wenn man aus seinem warmen Lerchennest her­aussieht, man ebenfalls keine Wolfsgruben, Beinhäuser und Stangen, sondern nur Ähren erblickt, deren jede für den Nestvogel ein Baum, und ein Sonnen- und Regen­schirm ist. –

 

Der dritte endlich – den ich für den schwersten und klügsten halte – ist der: mit den beiden anderen zu wechseln. –

Oh ja! Wie geht das mit dem Glücklich-Sein? Jean Paul grenzt das hier schon ein: Nur »glücklicher« werden. Richtiges Glück ist für ihn etwas anderes. Aber »Glück«, das ist heute in aller Munde. Hunderte von Ratgebern be­schäf­tigen sich mit der Frage: Wie kann man glücklich werden? Es scheint, dass mit diesem Thema viel Geld zu machen ist. Klar, die explosionsartig wachsende Menschheit steht derartig unter Druck, dass sie immer stärker unter Depres­sionen leidet und solche Bücher braucht.

 

Laut Jean Paul ist der einzige Weg zum »Glücklicher-Sein« der, einfach nicht auf Leid und böses Treiben zu schauen. Das geht am besten, in dem man sich in Blickwinkel setzt, aus denen man all das nicht mehr erkennen kann. Das wäre von ganz oben oder von ganz unten.

 

Ich weiß, es geht nicht anders, scheint nicht anders zu gehen. Leid und Grau­samkeiten auszublenden, wird heute auch als Therapie empfohlen. Denn das Leid abzuschaffen und das böse Treiben in Schranken zu verweisen, so wird einem vorgebetet, sei unmöglich. Das ist im Klartext der Aufruf zur Resigna­tion – und sich in ihr zurechtzufinden. Bei genauerer Betrachtung, eine ziem­lich ohnmächtige, alternativlose Möglichkeit, die einen doch ziemlich un­glücklich machen kann. Komisch.

 

Dass wir den Jean-Paul-Weg genau in diesem Verdrängungsmodus gehen mussten, werden wir noch oft erleben, was wir so nicht erahnt hatten. Beim Wandern steigt man leider aus den Lerchennestern und Furchen heraus, und fliegen tut man dabei auch nicht.

Blick auf Oberkotzau
Blick auf Oberkotzau

Bald schon erreichen wir Oberkotzau. »Kotzau« hat übrigens nichts mit »Kotzen« zu tun, sondern der Name leitet sich aus dem früheren Ortsnamen »Koszaw« ab. Oberkotzau ist eine der ältesten Ansiedlungen im nordöstlichen Oberfranken. Irgendwie entstand hieraus auch das alte Rittergeschlecht von Kotzau. Oder war es umgekehrt? Das ist nicht so leicht herauszufinden. Die erste urkundliche Erwähnung von Kotzau war jedenfalls im Jahre 1234.

 

Auf dem Jean-Paul-Weg wandernd gelangt man von »hinten« in den Ort, also jenseits der Saale, der Eisenbahn und der viel befahrenen Straße von Schwarzenbach nach Hof. Wir sind erstaunt, wie schön der Ort hier ist. Oft sind wir auf dem Weg nach Hof eben auf der besagten Straße ge­­fahren und da bietet sich rechts und links ein Bild des Grauens. Verlas­sene Häuser, Ver­wahrlosung, Zeugen verschwindenden Lebens. Aber hier: Markt­platz-Idyll, der »Seitreiberbrun­nen« (zur Erinnerung an die Schweine­händler), ein Schloss, eine Kirche und eine wunderschöne historische Drei­bogen­brücke.

Aus der oben erwähnten Historie wissen wir jetzt, warum das alles hier zu fin­den ist. Leider ahnt man davon so wenig, wenn man auf der Hauptstraße unterwegs ist.

Das gibt es aber ganz oft. Ortsdurchfahrten sind häufig so hässlich, dass man schnell wieder weiter will, und man versteht kaum, wieso die Verantwortlichen dieser Orte nicht alles daran setzen, die Durchfahrten als ihre Visitenkarten zu betrachten? 

Nun gut.

Der »Seitreiberbrunnen« in Oberkotzau
Der »Seitreiberbrunnen« in Oberkotzau

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite des »Seitreiberbrun­nens« wartet schon Stationstafel 17 oder 8:

Erotische Akademie

 

Als junger Poet in Schwarzenbach/Saale stößt Jean Paul auf Schwierigkeiten bei der lebendigen Darstellung von Frauengestalten. Um mehr Erfahrung mit der weiblichen Psyche sammeln zu können, schart er einen Kreis junger Mädchen, Töch­ter aus dem Bildungsbürgertum Hofs um sich. Jeden Samstag läuft er nach Schul­schluss nach Hof zu seiner »Erotischen Akademie«.

 

Bei Diskussionen, Schreibspielen, nächtlichen Friedhofsgängen, musikalischen Darbietungen beobachtet er die jungen Damen. Als Motto für diese Zusammen­künfte notiert er: »Preisfrage: wie weit darf die Freundschaft gegen das weibliche Geschlecht gehen und welcher Unterschied ist zwischen ihr und der Liebe?«

Abwechselnd erhält jede der hübschen, gebildeten Mädchen die Gunst des auf­strebenden Autors, bei Jean Paul »Simultan- oder Tuttiliebe« genannt.

 

Seine mitfühlenden Einsichten in die zweitrangige Rolle der Frau zur damaligen Zeit lässt er in sein Werk einfließen: »Nicht nur den weiblichen Körper, sondern auch die weibliche Seele presset eine ewige Schnürbrust.«

 

»Sie gehen von einer Kette zur anderen.«

 

»Ihre Hände werden so viel, ihre Köpfe so wenig beschäftigt, sie dürfen statt der Füße bloß ihre Fächer bewegen, und ihnen wird nichts verziehen, am wenigsten ein Herz.«

Auf dem Jean-Paul-Weg – Stationstafel 8 »Erotische Akademie« – aber nichts geht ohne Hakenkreuz
Auf dem Jean-Paul-Weg – Stationstafel 8 »Erotische Akademie« – aber nichts geht ohne Hakenkreuz

Ach Gott, »Erotik« hilft jetzt auch nichts, es gibt schon wieder was zu kacken. Wir gehen uns ja selber auf die Nerven, wir wissen schon. Peter hat ein ins Holz der Stationstafel geritztes Hakenkreuz entdeckt. Nach all den Ver­schandelungen, auch das noch! Wir leiden richtig mit dem Dichter. Andere werden uns wegen des übertriebenen Mitgefühls belächeln. Aber so sind wir nun mal. An der Straße arbeiten gerade ein paar städtische Bauleute. Peter spricht mit ihnen über die zerkratzten Tafeln und das Hakenkreuz. Wahr­scheinlich hat hier das noch keiner bemerkt. Aber Touristen, die den Weg gehen, können sich an so etwas stören. Wir hoffen, Jean Paul wird geholfen.

 

An der Saale entlang verlassen wir das Örtchen. An ein paar Gärten vorbei, durch einen Wald. Jetzt regnet es leicht. Unter den Bäumen ist es nicht schlimm, Tropfen tröpfeln nur. 

 

Dann, nicht weit, erreichen wir Stationstafel 18 oder 9 – und das ist neu: Es ist eine Stationstafel mit einem eigens gezimmerten Bänkchen. Wie süß! Ich nutze den Platz, um Fidel Wasser zu geben …

Nur um den Einsamen schleichen Gespenster.

Wer die Seele einer Frau sucht, ist nicht immer enttäuscht, ihren Körper zu finden.

Wer die Laterne trägt, stolpert leichter, als wer ihr folgt.

Wie glücklich ist man doch, wenn man noch bewundern kann.

Auf dem Jean-Paul-Weg – Stationstafel 18 oder 9, mit Bänkchen
Auf dem Jean-Paul-Weg – Stationstafel 18 oder 9, mit Bänkchen

Das war eine »einfache« Stationstafel, will meinen, auf ihr standen ein paar leicht verständliche Gedankensplitter. Bei den sonst häufig schwierigen, ver­schachtelten Texten Jean Pauls kann ich manchmal nur über meinen Bauch mit ihm kommunizieren, sozusagen.

 

Auf weichem Waldboden geht es weiter, immer links der Eisenbahn. Fast alle 15 Minuten schnurrt ein Zug vorbei. Die Strecke Schwarzenbach-Hof ist reichlich belebt.

Meine Kindheit auf Bahnhöfen

Zuggeräusche höre ich sehr gerne. Ich bin eine Eisenbahnerstochter und wurde in einem Bahnhof geboren, auf dem Sofa in der Küche. Das war 1956 im Hunsrückörtchen Kell und hier war mein Vater Bahnhofsvorsteher. So ein alter Bahnhof ist für Kinder ein unerschöpflicher Fundus an abenteuerlichen Spiel­plätzen. Schneemännerbauen auf den Bahnsteigen unter den immer freundlich lächelnden Augen der Reisenden. Schlittenfahren auf der Laderampe des Gü­ter­­schuppens, war egal, wie kurz die Strecke war. Betätigen der Geld- und Fahrkartendurchreiche. Gummispringen im Wartesaal. Bei der Toilettenfrau herumhängen. Akazien an den Bahndämmen. Beim Katholische-Messe-Spielen durch die Bahnhofsgaststätte ziehen und die Gäste mit Weihrauchschwaden aus der Milchbüchse segnen. Den Weihrauch hatte mein Bruder, der Mess­diener war – jetzt beim Spiel natürlich den Pfarrer mimend – in der Sakristei ge­­klaut. Der liebe Gott möge es verzeihen. Dann das unvergessliche Stellwerk! Weichenstellen mit den großen Hebeln. Schade, dass Kinder so etwas in echt nicht mehr erleben können.

Auf dem Jean-Paul-Weg zwischen Oberkotzau und Schwarzenbach a. d. Saale
Auf dem Jean-Paul-Weg zwischen Oberkotzau und Schwarzenbach a. d. Saale

An all das erinnere ich mich, wenn ich an Bahndämmen entlanggehe. Der letzte Bahnhof, auf dem wir lebten (wir mussten immer von Bahnhof zu Bahnhof umziehen, weil mein Vater nur so »befördert« wurde), war der Wein- und Fremdenverkehrsort Altenahr, am Ausläufer der Eifel Richtung Köln. Zwei Jahre lebten wir dort. Es waren die schönsten Jahre meines Lebens. Nie wieder habe ich Martinsumzüge und Fronleichnamsprozessionen so glanzvoll und hingebungsvoll gestaltet erlebt, wie dort. Es schien alles so heile. Mit Hilfe aller Schüler, ob groß oder klein, wurden eimerweise Blüten gesammelt. Akzeptiert wurde alles, was irgendwie nur nach Blume und Blüte aussah. Mit ihnen wurd­en Blütenteppiche für die Fronleichnamsaltäre hergestellt, die so schön und kunstvoll waren, dass man richtig sah, wie der Pfarrer es fast nicht wagte, sie zu betreten. Ich kann mich an meine tiefe Ergriffenheit als Kind erinnern. All das ließ mich fühlen, wie schön Ehrfurcht sein kann, Ehrfurcht vor all dieser Größe und Schönheit.

 

Vor ein paar Jahren war ich wieder dort, aber der Ort schien heruntergekom­men. Weg war der Glanz. Das Stellwerk ist eine Ferienwohnung, die wir na­türlich für eine Nacht gemietet hatten. Sie war leider schäbig. Alles so anders als damals.

 

Peter und ich wühlen in Erinnerungen. Sein Großvater und sein Urgroßvater waren auch Eisenbahner. Er kennt das mit den Gärten, das mit den kleinen bescheidenen Leben in den Eisenbahnerwohnungen.

Auf dem Jean-Paul-Weg zwischen Oberkotzau und Schwarzenbach a. d. Saale
Auf dem Jean-Paul-Weg zwischen Oberkotzau und Schwarzenbach a. d. Saale

Der Weg führt jetzt über einen schmalen Steg und geht dann zwischen hoch­gewachsenem Gestrüpp – oder sind es Brombeerhecken? – weiter, öffnet sich und verläuft über einen breiten Grasweg am Hügel entlang, zwischen Feldern, gesäumt von kleinen Strommasten, die noch aussehen wie alte Telegrafen­masten.

 

Dann kommt Stationstafel 19 oder 10 in Sicht …

Jean Paul liebte die weiche, hügelige Mittelgebirgslandschaft:

»Allerdings steht die Gegend um Hof im Vogtland, wo ich wohne, weit über der Lüneburger Heide, durch ihre vorbeifließende Saale, ihre nahen Tannenwälder und fernen Berge, und ich habe himmlisch genug da gelebt in der dortigen Natur.«

»So sind mir die langen fernen Fichtelgebirge lieber als die nahen Tyrolerberge bei München; nur jene lassen meine Phantasie über die Berge und hinter die Berge ziehen und in der Nebelwelt auf ihrem Nebelrücken eine neue Morgenwelt erbauen.«

… glücklicherweise auch mit Bank. Wir machen eine kleine Rast. Weil der Platz gar so reizvoll ist, nutze ich die Zeit fürs Wandertagebuch und Fidel für ein Nickerchen.

 

In der feuchten, lauen Luft duftet es noch nach dem frisch gemähten Korn. Peter isst trockenes Brot mit Salami, zieht die Pelle von der Wurst, schneidet sie in Scheiben und verspeist sie gleich vom Messer weg, so wie mein Vater es tat. Und dafür liebe ich Peter. Weit hinten liegen die Berge im Regen und alles ist warm und gut.

Wir wollten so gerne hinein …

Um zur nächsten Stationstafel zu gelangen, müssen wir laut Karte einen Ab­stecher nach Fattigau machen. Dort gibt es eine Einkehrmöglichkeit. Das ist der »Braukeller Fattigau«, zu der auch die Traditionsbräu »Schloß­brauerei Stelzer« gehört. Deren Biersortiment geht über Schloß Bock, Zwickl Pils, Urtyp Hell, Ritter Trunk bis hin zum Bio Gold, einem Bio-Bier, das streng nach Bio­land-Vorschriften gebraut wird.

 

Das Gasthaus »Braukeller« kennen wir schon. Es ist wirklich ein originales Lokal mit fränkischem Küchenzettel, deftiger Hausmannskost und Hausmacher­wurst. Sogar der Kuchen wird selbst gebacken. Alles, was ein Wan­de­­rerherz höherschlagen lässt. Natürlich gehen wir hin, nehmen den Umweg in Kauf.

 

Nur, als wir uns über die viel befahrene Straße bis dorthin durchgeschlagen haben, müssen wir eine Enttäuschung verkraften: Das Gasthaus hat zwar offen, aber wir werden nicht reingelassen. Es ist ziemlich voll. An der Theke fragt man uns, ob wir vorbestellt haben. Natürlich nicht. Wir erklären hoffend: »Wir sind doch nur zwei Personen mit einem kleinen Hund.«

Kopfschütteln. Vielleicht erkennen sie an unseren Rucksäcken, dass wir Wanderer sind, müde sind, und nur zufällig vorbeikommen können, und las­sen Gnade walten. 

Dann, unser letzter Versuch: »Gibt es wirklich keinen einzigen Platz mehr?«, betteln wir. 

»Wenn’s net reserviert haben, geht nix.«

Die Absage ist unwiderruflich.

 

Es gibt viele fränkische Gasthäuser, da bemühen sich die Wirte, jeden Besucher unterzubringen. Da wird man einfach zu anderen Gästen an den Tisch gesetzt, da rückt man gerne zusammen und es »is schee so«! Man kommt ins Gespräch, lacht und scherzt und hat sich erstaunlicherweise oft viel zu erzählen. So haben wir in geselliger Bierlaune schon viele Nachmittage spontan bis zum Abend verlängert, »weil’s grod so schee war«! Das liebe ich so sehr an Franken. Nirgends habe ich es schöner erlebt.

 

Deshalb sind wir jetzt nicht nur enttäuscht, sondern auch ein bisschen verletzt. Ja. Wir wollten doch nur auch Gast sein dürfen.

Auf dem Jean-Paul-Weg, in Fattigau vor dem Braukeller – Stationstafel 20 oder 11 »Jean Paul war leidenschaftlicher Biertrinker«
Auf dem Jean-Paul-Weg, in Fattigau vor dem Braukeller – Stationstafel 20 oder 11 »Jean Paul war leidenschaftlicher Biertrinker«

Mann! Und als wir draußen, direkt vor dem Braukeller, dann auch noch die Stationstafel 20 oder 11 zwischen Glas- und Müllcontainern und Schrottplatz erkennen, fragen wir uns, was das jetzt soll. Das ist bis jetzt der idyllenloseste Platz für den Dichter der Idyllen, für den Dichter, der bis heute eigentlich der größte und langlebigste Werbeträger des fränkischen Bieres ist, der wie kein anderer, das fränkische braune Bier so liebte, dafür weit reiste und seine unge­liebte Heimat nicht verlassen konnte!

Auf dem Jean-Paul-Weg in Fattigau – Stationstafel 20 oder 11 – klein, zwischen zwei Müllcontainern – und schon entdeckt?
Auf dem Jean-Paul-Weg in Fattigau – Stationstafel 20 oder 11 – klein, zwischen zwei Müllcontainern – und schon entdeckt?

Jean Paul war leidenschaftlicher Bierliebhaber

 

Zum Leben brauchte er die »drei B’s: Berge, Bücher, bitteres braunes Bier:« Bier diente ihm als Genuss-, Heil- und Nahrungsmittel sowie als Schreib­stimulanz. Seine Frau Caroline berichtet: »Bei der Einfahrt eines Bierfasses läuft er seliger umher als beim Eintritt eines Kindes in die Welt.«

 

Er selbst schreibt über die Entstehung seines »Trinkunfugs«:

»Von meinem 16. Lebensjahr an trank ich bis ins 20te weder Bier noch Kaffee, nur zuletzt diesen an Sonntagen. Dann häufiger, aber stets für den Kopf. Erst im 30sten nahm ich als Heilmittel Bier ein, um nicht im Kaffee zu ersaufen; und 8 Jahre später Wein. Ich kenne keinen Gaumen-, nur Gehirnkitzel; und steigt mir die Sache nicht in den Kopf, so soll sie auch nicht in die Blase.«

 

Euphorisch – Jean Pauls Bierhuldigungen:

»Himmel! Welch ein Bier! … Mein Lethe …, mein Nil, meine vorletzte Ölung, mein Weihwasser …«

 

»Mich quält ein Ort, wo die Bürger nichts haben worin sie sich betrinken können.«

So laufen wir mit ungestilltem Hunger und Durst zurück auf den Jean-Paul-Weg, auf die andere Seite der Saale. Die Landschaft ist weit und hügelig. Wieder über einen kleinen Holzsteg, dann über Wiesen. Nicht weit entfernt steht eine Gruppe Windräder. Die sind mittlerweile so hoch, dass sie uns fast auf dem ganzen Weg begleiten werden, immer am Horizont zu identifizieren.

Auf dem Jean-Paul-Weg – Windräder hinter Fattigau
Auf dem Jean-Paul-Weg – Windräder hinter Fattigau

Schlechte Schwingungen im Dorf Schwingen

Wir erreichen das Dorf Schwingen. Schon beim »Eintritt« in den Ort spüren wir eine Unstimmung. Als Durchreisender kann man anhand von Gebäuden, Plätzen, Anordnungen, Begegnungen oder Begrünungen nur Momentein­drücke gewinnen. Hier scheint der Ort aus – sagen wir einmal – drei großen Gehöften zu bestehen. Riesige Kuhställe, Mastställe, Landmaschinenhallen, Silagen, Autoreifen, Schrott. Nichts Liebliches, keine Katze, kein Birnbaum, keine Geranien, keine Menschen, nur ein Jeep rast an uns vorbei.

 

Ich leine Fidel an und sage zu Peter: »Das ist ein gewalttätiges Dorf. Hof­fentlich kommen wir wieder heil raus.« 

Mit »heil« meine ich, dass ich hier nichts Schlimmes sehen muss. In meinem Leben bin ich zweimal nichts ahnend durch ein Dorf gelaufen, da waren sie gerade dabei, Kühe zu schlachten. Die eine hing im Tor, die andere an den hochgestellten Schaufelarmen eines Traktors. Bei der einen fuhren sie gerade die Eingeweide mit einer Schubkarre weg, bei der anderen trennten sie die Hälften mit einer Axt.

Diese Bilder verfolgen mich bis heute. Nicht, dass ich etwas gegen Fleisch essen oder infolgedessen etwas gegen Tiere schlachten habe, es kommt nur darauf an, wie ich es erleben muss. Selbst im Tod hat jedes Lebewesen ein Recht auf Würde. Ich weiß, Bauern scheren sich kaum um Gefühle, sonst würden sie das so nicht tun, wie sie es tun. Sie lieben die Scholle nicht, wie Bauern es gerne von sich behaupten, sondern nur den Ertrag der Scholle. Je höher der ist, umso mehr sind Bauern zum Verrat bereit. Gift in Böden zu bringen oder Vieh zu quälen.

 

Am Dorfende, beim letzten Gehöft, wildes Hundegebell. Ich entdecke zwi­schen Müll und Schrott einen dunkeln Verschlag. Drei Schäferhunde randa­lieren darin. Sie sind so aufgebracht, dass sie die Wände hochlaufen. Der Drahtverhau an der Front wackelt und scheppert. Das ist also ihre Tierliebe, Hunde bis zum Wahnsinn einsperren. Ich kann nicht mehr, ich brülle, so laut ich kann, mit dem Gebell, für die Seele der Hunde und schreie heraus, was ich von solchen Menschen halte. Vor ihnen dauernd diese Ohnmacht ertragen zu müssen, das ist so schlimm.

 

Nur langsam kann ich mich wieder beruhigen, muss atmen, tief durchatmen, will mich wieder in Wanderstimmung bringen. Da hilft Gott sei Dank am Ortsausgang die nächste Stationstafel 21 oder 12:

»Noch erinnert er sich eines Sommertages, wo ihn, da er auf der Rückkehr gegen 2 Uhr die sonnigen beglänzten Anhöhen und die ziehenden Wogen auf den Ährenfeldern und die Laufschatten der Wolken überblickte, ein noch unerlebtes, gegenstandsloses Sehnen überfiel, das aus lauter Pein und wenig Lust gemischt und ein Wünschen ohne Erinnern war.

 

Ach, es war der ganze Mensch, der sich nach den himmlischen Gütern des Lebens sehnte, die noch unbezeichnet und farbenlos im tiefen weiten Dunkel des Herzens lagen und welche sich unter den einfallenden Sommerstreifen flüchtig erleuchteten. Es gibt eine Zeit der Sehnsucht, wo ihr Gegenstand noch keinen Namen trägt und sie nur sich selber zu nennen vermag.

 

Auch noch später hat weniger der Mondschein, dessen Silberseen das Herz nur sanft in sich zerlassen und so aufgelöset ins Unendliche treiben und führen, als auf einer weiten Gegend der Nachmittagsschein der Sonne diese Macht einer peinlich sich ausdehnenden Sehnsucht behauptet.«

Auf dem Jean-Paul-Weg hinter dem Gewalt-Dorf Schwingen – Stationstafel 21 oder 12
Auf dem Jean-Paul-Weg hinter dem Gewalt-Dorf Schwingen – Stationstafel 21 oder 12,

Dieses Erlebnis, das des gegenstandslosen Sehnens, hatte Jean Paul auf seinem Rückweg von Hof nach Joditz. Hier und jetzt haben auch wir unstillbarste Sehnsucht. Wir blicken, vorbei am Schild, zum Horizont und weiter in das noch unsichtbare Land.

Und manchmal fährt ein kleines »Unerwartet« vorbei

Eine kleine Überraschung. So etwas haben wir noch nie erlebt. Wir sehen schon auf der Karte, dass wir eigentlich wieder über die Saale und dabei auch die Eisenbahnstrecke kreuzen müssten. Wir sehen wir aber weithin keine Brücke. Es geht leicht abwärts, unten macht der Weg einen 90-Grad-Knick und dann stehen wir plötzlich vor einer geschlossenen Bahnschranke. Hm, müssen wir jetzt warten bis sie aufgeht? Oder wie ist die Angelegenheit zu betrachten? Wir rätseln. Da macht Peter neben der Schranke eine Art »Notrufsäule«, wie wir sie von den Autobahnen her kennen, aus. Mit Gebrauchsanleitung drauf. Wir studieren.

 

»Den Knopf drücken und sprechen …«, liest Peter vor sich hin. »Das ist ein Fernsprecher. Da kann man mit dem Stellwerk kommunizieren, dass die die Schranke aufmachen«, sagt er.

»Aha!«, sage ich. »Bestimmt müssen wir dann, wie bei einer Telefonschleife, erst mal stundenlang warten. Na prima!«, lästert mein ewig skeptisches Herz.

»Gucken wir mal«, meint Peter. Er drückt den Knopf. 

Prompt ertönt eine Stimme: »Stellwerk Schwarzenbach. Sie sprechen mit Betriebsoberinspektor Petzold (Name geändert).« 

Wir kriegen beinahe einen Schreck. 

Peter stottert: »Äh, Peter Zielinski. Äh, wir, wir stehen hier am Bahnübergang, ich, ich glaube zwischen Fattigau und Schwarzenbach …«

»Ich habe verstanden. Wie viel Personen sind sie?«

»Zwei Personen und ein Pudel«, antwortet Peter.

»Ich bitte Sie, noch fünf Minuten zu warten bis der Personenzug Richtung Fattigau nach Schwarzenbach den Übergang passiert hat. Danach öffne ich ihnen die Schranke von hier aus«, klärt uns Petzold auf.

»Oh, danke, wir warten … äh, auf Wiederhören …«, fällt es Peter ein, oder wie sagt man da?

 

Wir lachen und sind gespannt wie die Kinder. Nein, der Apparat schlief nicht vor sich hin, da war richtiges Leben drin. Wir können’s kaum fassen, dass da jemand prompt geantwortet hat. Wieder kommen meine ganzen Stellwerk­-Erinnerungen hoch, wie wir dort bei Papas Kollegen mit den Kopierstiften (Stifte mit einer wasserlöslichen farbigen Mine) malen oder mit dem Fernglas die Strecke beobachten durften. Ich sehe Herrn Petzold praktisch vor meinen Augen. Wie gerne warten wir vor der Schranke! Da kommt mir die Idee, dass ich ein Foto vom Zug machen könnte. 

 

Peter dann zu mir: »Und ich winke dabei dem Lokführer zu!«

Wie ein Kameramann, der unbedingt das Fußballtor »drauf« haben muss, fiebere ich dem Ereignis entgegen.

»Pass auf, du musst unbedingt die Zeitverzögerung bei den Digitalen mit einberechnen …«

»Ja, ja, ja!«

»Ich hör’ ihn schon! Da kommt er! Pass auf!«, warnt mich Peter.

Ich gucke die Strecke hinunter, da braust der Zug schon um die Kurve. Ich zittere und Peter winkt dem Zugführer zu. Klick! Klick. 

 

Wir inspizieren das Ergebnis sofort: »Ich hab’s! Ich hab’s drauf!« Ich kann’s kaum glauben.

»Ich bin stolz auf dich!«, sagt Peter.

»Och!«

 

Das Foto ist wirklich schön. Das kleine Erlebnis lässt uns fühlen wie nach ei­nem Zirkusbesuch. Peter meint noch, dass der Zugführer ihm tatsächlich zurückgewunken habe, was man auf dem Foto natürlich nicht sieht.

Bahnübergang zwischen Schwingen und Schwarzenbach a. d. Saale
Bahnübergang zwischen Schwingen und Schwarzenbach a. d. Saale

Bimmel, bimmel, bimmel … geht die Schranke wieder auf. Peter kann nicht anders, als noch einmal auf den Knopf zu drücken, um sich bei Herrn Petzold zu bedanken.

Direkte Kommunikation mit der Eisenbahn
Direkte Kommunikation mit der Eisenbahn

Der Weg führt weiter bis zur Saalebrücke. Laut Karte kann man sich dort entscheiden, ob man rechts oder links des Flusses nach Schwarzenbach laufen möchte. Weil gerade diesseits der Saale die Auenlandschaft so schön ist, wan­dern wir hier weiter.

Schwarzenbach liebt die Künstler

An wilden Bauerngärten und historischen Wohnhäusern vorbei, gelangen wir im Schwarzenbacher Altstadtkern noch einmal an die Saale, die hier an grünen Ufern zwischen Hochwasserschutzmauern langsam dahinfließt. In kürzeren Abständen stehen weithin sichtbar Fischskulpturen, wobei jede für sich anders gestaltet ist. Mal mit bunten Tupfen, mal frech gestreift oder mit Muster. Sie stammen aus dem Kunstprojekt Schwarzenbacher Fischflut. Schwarzenbacher Künstler haben diese Fische entworfen. Sie stehen als Unikate nicht nur am Saaleufer, sondern sind auch als Sammlerstücke käuflich zu erwerben. Die »Fisch­flut« soll darauf hinweisen, dass Schwarzenbach a. d. Saale – die Stadt trägt auch einen Fisch im Wappen – ein Künstlerstädtchen ist.

Kunstprojekt »Schwarzenbacher Fischflut« mit echten Gänsen
Kunstprojekt »Schwarzenbacher Fischflut« mit echten Gänsen

Nicht nur Jean Paul Richter ist ein Sohn der Stadt, sondern auch Maler wie Anton Richter (1900‒1962), der u. a. mit dem Albrecht-Dürer-Preis der Stadt Nürnberg ausgezeichnet wurde. Seine Werke sind heute in der Staatsge­mälde­sammlung sowie in zahlreichen Ministerien, Behörden und Städten in Bayern zu sehen. 

 

Oder Dr. Erika Fuchs. Sie wurde als Disney-Übersetzerin zur Grand Dame des deutschen Comics. Seit 2007 gibt es hier nicht nur eine Erika-Fuchs-Stiftung, sondern für sie auch ein Museum, das Erika-Fuchs-Haus. Also auch ein bisschen Entenhausen in Schwarzenbach.ein bisschen Entenhausen in Schwarzenbach.

 

Wir laufen weiter zum Rathausplatz am Saaleufer. Hier finden wir Jean-Paul-Stationstafeln, die farblich ganz anders gestaltet sind, als die des Jean-Paul-Weges. Offenbar hat man in Schwarzenbach einen eigenen Jean-Paul-Rundweg eingerichtet, was einen leicht irritiert. Wo soll man jetzt weiterlaufen?

 

Eigentlich wollen wir in Schwarzenbach hauptsächlich das Grab, oder besser gesagt, die Grabplatte des Vaters von Jean Paul besuchen. Jetzt sind wir aber langsam zu müde und haben langsam richtig festen Hunger. Auf der Fahrt zu unseren Etappenstarts kamen wir hier in Schwarzenbach schon immer am Jean-Paul-Hotel vorbei. Dazu gehört auch das Restaurant »Zur Sonne«. Genau das wollen wir uns jetzt »reinziehen«.

Im Gasthof »Zur Sonne«, das zum Jean-Paul-Hotel in Schwarzenbach a. d. Saale gehört
Im Gasthof »Zur Sonne«, das zum Jean-Paul-Hotel in Schwarzenbach a. d. Saale gehört

Der Gasthof ist historisch. Seit über 500 Jahren beherbergt man hier Reisende. Früher gab es auch Stallungen, hier konnten die Pferde gewechselt werden. Ein Kommen und Gehen, Fremde waren häufig in der Stadt, es war immer etwas los. Auch Jean Paul soll gerne hier Gast gewesen sein. Man kann ihn sich in den alten Gemäuern auch gut vorstellen.

 

Die Speisekarte hat neben internationalen Gerichten auch Fränkische Bräten mit Klößen zur Auswahl. Was Peter und mir immer das Herz im Magen lachen lässt. Nur schade, dass wir heute die einzigen Gäste sind. Ein wenig verloren kommen wir uns vor. Nun denn, es ist erst kurz nach fünf, da sind wir wieder ein bisschen früh. Geschmeckt hat es uns super.

Bahnhof zum Glück

Aber jetzt müssen wir flugs zum Bahnhof, denn heute können wir mit dem Zug zurück nach Döhlau fahren. Man erinnere sich, wir sind ja an einer Bahnstrecke entlanggelaufen. Mein Gott, wie lange ist es her, dass wir Zug gefahren sind? Noch länger ist es her, dass wir auf einer Regionalstrecke ge­fahren sind! Wir freuen uns richtig darauf. Vom Gasthof aus ist es auch gar nicht weit.

 

Und dann steht vor uns auch noch ein richtig schönes komplettes Bahnhof-Ensemble samt Postamt, das natürlich vor langer Zeit geschlossen wurde. Das Ensemble besteht aus einem großen alten Bahnhofsgebäude und einer Bahn­hofsgaststätte. Heute beherbergt sie eine Pizzeria. Und hinter dem Bahnhof liegt der Güterschuppen, in dem es seit 2008 ein Traktormuseum gibt.

Schwarzenbach a. d. Saale – komplettes Bahnhof-Ensemble samt ehemaligem Postamt
Schwarzenbach a. d. Saale – komplettes Bahnhof-Ensemble samt ehemaligem Postamt

Leider kann man die Fahrkarten nur am Automaten ziehen. Aber immerhin, schon allein auf einem Bahnsteig zu warten, macht mir heute Freude. Wir setzen uns ins Wartehäuschen, Fidel darf auf meinen Schoß. So tapfer läuft der Kleine mit, als ob er nie etwas anderes getan hätte. 

 

Langsam trudeln weitere Fahrgäste ein, setzen sich dazu, spielen mit dem Smartphone, rauchen oder schweigen einfach.

Schwarzenbach a. d. Saale – Traktormuseum am Bahnhof
Schwarzenbach a. d. Saale – Traktormuseum am Bahnhof

Dann kommt der Zug. Er ist mehr eine Art Triebwagen. Mein Gott! Ich formuliere das so, als ob ich aus der Verkehrs-Steinzeit käme – fällt mir gerade auf – und wie leise die heute sind! Wir werden nur 10 Minuten brauchen. So schnell geht es zurück.

 

Während der Fahrt beobachte ich einen Marienkäfer auf dem Boden des Trieb­wagens. Ich beuge mich zu ihm hinunter, um ihn auf meine Hand krabbeln zu lassen. Bleib sitzen, du kleiner Kerl, denke ich ganz fest. Nicht wegfliegen, ich rette dich! Mein Herz pocht. Wenn du bei mir verweilst, ist es ein Zeichen, und ich werde es mit mir tragen, sage ich zu ihm, ohne Worte. Er bleibt sitzen, läuft auf meiner Hand ein bisschen auf und ab. In den Kurven schwanke ich hin und her, aber der Käfer ist standhaft. Wir erreichen Döhlau, und kaum bin ich ausgestiegen, da fliegt er davon. 

 

»Bringst du mir Glück?«, gab ich ihm meine bange, bittende Frage mit auf den Weg.

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