3. Wie viele Male hat er hier gelitten?

Unterkotzau - Hof - Döhlau
Unterkotzau - Hof - Döhlau

Unterkotzau - Hof - Döhlau


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Heute Nacht hat Fidel zweimal gekotzt und bis jetzt noch immer nichts gefressen. Wir machen uns weiter Sorgen und nehmen Hunde-Snack-Sticks auf die Wanderung mit. Ohne Nahrung kann das doch nicht gehen. Wir werden genau auf unseren kleinen Kerl aufpassen, wir haben soviel Freude an seinem freundschaftlichen Wesen.

 

Fidel - das Wesen aus der anderen Welt

Peter und ich konnten aus gesundheitlichen Gründen keine Kinder bekommen. So richtig aufgefallen ist es uns, als es eigentlich schon zu spät für eine natürliche Schwangerschaft oder künstliche Befruchtung war. Die zündende Frage tauchte bei mir im Alter von 42 Jahren auf. Wieso bin ich nie schwanger geworden, in meinem ganzen Leben nicht? Genauere Untersuchungen haben es dann ans Tageslicht gebracht. Endometriose. Ich schreibe hier deshalb darüber, sie eine Krankheit ist, deren Ursache noch nicht vollständig erforscht wurde, aber viele Frauen betrifft. Den Schmerz, keine Kinder zu haben, spürten wir erst sehr spät, nämlich als uns klar wurde, dass nie jemand „Mama“ und „Papa“ zu uns sagen wird und folgerichtig auch nie jemand „Oma“ und „Opa“. Auch werden wir nie noch einmal unsere Kindheit wieder erleben können, so wie andere Eltern es tun, wenn sie ihren Kindern beim Großwerden zuschauen. Das Leben verliert so schleichend an Kontinuität, die doch ein wichtiger Stabilitätsfaktor ist. Familie eine eine elementar stützende Lebenserfahrung. Von außen weiß man doch, wie Familienlosigkeit einzuschätzen ist. „Ou, der hat keine Familie. Arme Sau." So oder ähnlich, eine Gedankenstraße, mal kurz gezusammengefasst.


Am schlimmsten wurde es bei uns, als uns an den vielen Weihnachten unsere Einsamkeit bewusst wurde. Durch unsere Berufe sind wir sehr gefordert. Und wir glaubten auch, so ausgefüllt zu sein, dass wir uns nicht krampfhaft aufs Kinderkriegen hätten versteifen müssen. Ich wollte, dass sie einfach in unser Leben kommen, wie kleine Engel aus dem Universum. Aber all das war ein einziger Irrtum! Wir hätten uns drum kümmern müssen. Immer glaubte ich mich strotzgesund, war nie ernsthaft krank, rauche und trinke nicht (räusper, räusper ... bis auf die leckeren Bierchen). Die Ärzte nahmen mich als Patientin schon gar nicht mehr wahr, wenn sie ihre Checklisten bei mir durchgingen und ich immer „nein“ sagen musste. Heute weiß ich, du warst doch krank. Du konntest keine Kinder kriegen. Das ist eine schwere Krankheit.

Aber was soll‘s. Es ist alles zu spät. Zu alt für eine Adoption, zu alt für ein Pflegekind. Tränen unter dem Christbaum. Jedes Jahr eine furchtbare Zeit. Wir mussten etwas dagegen tun. Da kamen wir auf den Hund. Soll niemand lachen jetzt.

Wir wollten einen Pudel. Einen Pudel aus dem Tierheim, ein herrenloses Kinderschirmchen, wie ich zuhauselose Wesen (oder vergessene, weggeworfene Schutzwesen) immer nenne. Pudel sind handlich, wohlproportioniert, haaren nicht, sind sehr intelligent und vor allem anhänglich. Das macht es, dass sie leicht zu erziehen sind. Sie wollen gefallen und man kann ihnen regelrecht dabei zuschauen, wie sie einen beobachten um herauszukriegen, was jetzt Sache ist. Bei allem zeigen sie ein so heiteres Wesen, dass sie einem ein Lachen ins Gesicht und in die Seele zaubern. Woher kommt sonst wohl der Begriff pudelwohl?

Per Internet haben wir dann den kleinen Pudel gefunden. Eine junge Familie wollte ihn nicht mehr haben, er war schon 10 Jahre alt. Ich glaube, sie hatten keine Lust mehr, Geld für den Tierarzt auszugeben. Die Kosten erhöhen sich natürlich bei einem älter werdenden Tier. Die Familie wohnte nicht weit weg. Es war eine Woche vor Weihnachten und wir fuhren durch tiefen Schnee in die Stadt. Eine Stunde redeten wir miteinander und Fidel, der damals noch Fila hieß, sprang um uns herum und gleich auf Peters Schoß. Der Teppichboden war neu und der Flachbildschirm riesengroß. Der testosteronische Ehemann vor allem wollte Fila nicht mehr und hatte ihn mit Körbchen in den Flur verbannt. Pudel unterstreichen nicht die Männlichkeit. Stimmt, wenn man eh keine hat, geht das nicht.

Zwischen Fila und uns funkte es sofort. Wir nahmen ihn an die Leine, bekamen sein Körbchen und seinen Napf und wir fuhren nach Hause, so als ob wir schon immer zusammengehörten. Fila angeschnallt auf dem Rücksitz, wachsam aus dem Fenster schauend, keinen Ton von sich gebend. Nie hat er eine Träne geweint. Was für ein tapferer Kerl. Im Vornamenbuch suchte ich nach einem Namen, der so ähnlich wie Fila klingt, denn wir wollten nicht, dass er wie eine Sportmarke heißt. Da fanden wir Fidel! Fidel, der Treue. Und wahrlich, das ist er wie kein anderer. Ein bisschen „El Commandante“ darf auch dabei sein, so sind wir nun mal.

All das ist der Grund, warum uns dieses Wesen so wichtig ist. Für mich gibt es überhaupt nur Wesen, Tier oder Mensch, Pflanzen oder Steine, alles ist und sind Wesen. Und wir Wesen, die Sehnsucht nach einander haben, werden uns alle auf der großen Sommerwiese jenseits des diesseitigen Lebens wieder sehen und wir werden uns aneinander freuen, so wie wir es im Leben getan haben. Dieses endgültige Nachhausekommen stelle ich mir wie Bruchtal, das Land der Elben aus Tolkiens „Herr der Ringe“, vor. Hier werden wir sein, heil und unversehrt und können alle miteinander sprechen, Tier und Mensch. Davon bin ich überzeugt.

Fidel mit 13 Jahren
Fidel mit 13 Jahren

Wir, die kleine herrenlose-Kinderschirmchen-Familie, machen uns jetzt auf die 3. Etappe und fahren nach Unterkotzau, um da weiter zu laufen, wo wir gestern aufgehört haben. Das Wetter ist wieder schön, traumhaft zum Wandern und das wird es diesen späten Sommer und den ganzen Herbst noch bleiben. Zu Peter sage ich dauernd, es soll wohl so sein, dass wir jetzt diesen Weg gehen.
Gut, dass es nicht regnet, denn Pudel mögen kein Wasser und keinen strömenden Regen. Nichts sieht tatsächlich unglücklicher aus, wie ein begossener Pudel. Hätten wir dauernd schlechtes Wetter, müssten wir wegen Fidel pausieren und würden wertvolle Zeit zum Wandern verlieren. Wegen des mauen Kamerateam-Geschäfts im Sommer ist für uns die Zeit zum Wandern jetzt ideal, denn wir brauchen keine Aufträge abzusagen. Das können wir uns nicht leisten. Jedenfalls nicht für einen längeren Zeitraum.

Der Weg geht auf Asphalt aus Unterkotzau heraus, kurz vor Hof an einer größeren Kläranlage vorbei zur Stationstafel 8. Sie ist verunstaltet. Eine Zeile und die Grafik des Wegverlaufs wurden zerkratzt. Die Romantik scheint hier aufzuhören.

Originalzitat aus den Selberlebensbeschreibungen, hg. von Eduard Berend 1927

„Vor einem Höhleneingange nahe an der Vorstadt, in welchem der Sage nach sich die Höfer im Dreißigjährigen Kriege geachtet hatten, ging er mit kindlichem Schauer vor alten Kriegen und Marterzeiten vorüber; und die nahe Tuch-Walkmühle machte mit ihren fortdauernden Donnerstößen und den unbändigen Maschinenbalken seine Dorfseele weit und groß genug, um die Stadt geräumiger darein aufzunehmen.“

Stationstafel 8, kurz vor Hof
Stationstafel 8, kurz vor Hof

... Schauer vor Kriegen und Marterzeiten ... Mir kommt sofort Jean Pauls Zeit in den Sinn. Man darf nicht vergessen: damals wurde noch öffentlich hingerichtet. Es gab Scheiterhaufen, Galgen und Pranger auf den Marktplätzen. Wenn ich so etwas live gesehen hätte, man hätte mich gleich in die Klapse stecken können.

Wir kommen jetzt nach Hof, müssen durch die Stadt. Als Wanderer vergeht einem ein bisschen die Lust, wenn man durchs Getöse geschickt wird. Mit dem angeleinten Fidel laufen wir bis zum Jean-Paul-Gymnasium. Vor der Schule steht Stationstafel 9:

Jean Paul besuchte vom 9.2.1779 bis 11.10.1780 das Hofer Gymnasium.

Nach einer Aufnahmenprüfung wird er in die vorletzte Klasse eingestuft. Seine geniale Begabung fällt schon während der Schulzeit auf. Erste schriftstellerische Arbeiten entstehen: „Übungen im Denken“: Nach 1 1/2 Jahren Schulzeit macht er als Bester das Abitur. Er hält die Abschlußrede unter dem Titel: „Über den Nutzen und Schaden der Erfindung neuer Wahrheiten“. Im Entlassungszeugnis beurteilt ihn der Rektor so: „Es ist an ihm zu loben, daß er seine außergewöhnlichen Geistesgaben nicht vernachlässigte“.

Das Gymnasium wurde 1546 von Markgraf Albrecht von Brandenburg-Kulmbach gegründet und hieß nach dem Gründer „Gymnasium Albertinum“. Anläßlich des 400 jährigen Bestehens wurde es 1946 nach seinem prominentesten Schüler in „Jean-Paul-Gymnasium“ umbenannt.

Jean Pauls Vater lebte noch, als er seinen Sohn hier anmeldete. Nach einer Prüfung hätte er direkt in die letzte Klasse aufgenommen werden können, aber der Vater steckte ihn in die mittlere Prima, um seinen Sohn vor dem Neid der Klassenkameraden zu schützen.
Von Eberhard Schmidt wissen wir schon, dass Jean Paul es in der Schule nicht leicht hatte. Wenn man bedenkt, dass er ein hochbegabtes Kind war und zudem über wenig Schulerfahrung verfügte, kann man sich ausmalen, dass er mit seinen Mitschülern und Lehrern eine Menge Probleme hatte. Ich stöbere auf der Webseite des Jean-Paul-Gymnasiums in Hof und finde einen Artikel von StD Günter Mulzer (Jean Paul und das Gymnasium in Hof, PDF). Ich zitiere:

... Der Übergang auf das Gymnasium, die Begegnung mit der Stadt Hof und ihrer Gesellschaft bedeuten ohne Zweifel einen sehr tiefen Einschnitt in die Welt seiner bisherigen Erfahrung. Die Skepsis gegenüber dem, was ihn in Hof erwartete, wird zur Enttäuschung. Über seine Lehrer und Mitschüler urteilt er: „Die Lerer sind Leute so so! Sie nären sich von Duft und Wind; sie geben ihrem Verstande nichts bedeutende Narung - und lassen das Herz verwelken. ... Und die Schüler! da weis ich dir noch weniger zu sagen. Viel Gutes vermutet’ ich von ihnen, aber meine gute Meinung sinkt. Sie sind Ebenbild ihrer Lerer. Wenn’s Original schon schlecht ist, mus nicht die Kopie unerträglich sein?- Ach Kälte, Kälte“! (5) „Man äft mich; denn ich bin fremd. Ich bin zu offenherzig, darum hält man mich für einen Einfältigen - darum werd’ ich so oft betrogen.“ (6)

5     Die Zitate erfolgen nach der Hanser-Ausgabe, München 1975: 2. Schulrede: H. II, 1, S. 22ff. und                       
        Abelard und Heloise: H.II,1, S. 122.
6    Abelard und Heloise H. II, 1, S. 123

Weiter heißt es: Die Eingewöhnung in eine Klasse mit 22 Schülern fiel also schwer; dennoch fand er unter diesen seine späteren Freunde: Johann Bernhard Hermann, Georg Christian Otto und Joh. Adam Lorenz v. Oerthel ...

Da hat er in Hof Freunde gefunden, aber das Schicksal nimmt sie ihm gleich wieder weg. Zwei von ihnen verliert Jean Paul schon bald, 1786 stirbt Oerthel und 4 Jahre später Hermann. Nur Otto überlebt Jean Paul.

Jean-Paul-Gymnasium in Hof
Jean-Paul-Gymnasium in Hof

Jean Paul und sein Verhältnis zu Hof und den Hofern

 

Weiter geht es ins Jean-Paul-Gäßchen am Schloßplatz mit dem Jean-Paul-Brunnen. Am Schloßplatz 12b stand eines der Häuser, in dem er während seiner Hofer Jahre zeitweise wohnte. Dieses Haus existiert nicht mehr. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1779 zog die Mutter mit der Familie von Schwarzenbach hierher, um in der Stadt besser Geld verdienen zu können, zudem besuchte der 16jährige Jean Paul hier die Schule. Der dortige Rektor Kirsch stellte ihm später ein Armutszeugnis aus, mit Hilfe dessen er 1781 in Leipzig das Studium der Theologie aufnehmen konnte. Jean Paul brach es aus Not wieder ab. Um seinen Gläubigern zu entkommen, kehrte er 1784 zur Mutter zurück. Bis 1797 lebte er immer wieder in Hof.
Immer waren es Zeiten der bittersten Armut und Herabsetzung.

Auch wir leben seit über 20 Jahren in Oberfranken, und wir haben oft genug erlebt, dass der Menschenschlag hier schon hart ist. Wir haben uns geschworen, das in diesem Tagebüchlein der Vollständigkeit halber zu erwähnen, auch wenn wir den ganzen Zorn der Region auf uns ziehen. Jean Paul hat es schließlich auch ausgesprochen. Wir können nur hinzufügen: 250 Jahre später ist es nicht besser.

Man sagt, dass ländliche Bevölkerungen im allgemeinen Fremde mit Argwohn beäugen. Es würde dauern, bis man von ihnen akzeptiert werde. Aber wenn man einmal ihr Vertrauen gewonnen hätte, hielte die Freundschaft ewig. Das kann man von den Oberfranken nicht sagen. Sie integrieren nicht. Die bleiben hart. Natürlich nicht alle. Wirklich nicht, sonst würden wir hier nicht mehr leben.

Aber Völker haben nun mal ihre eigenen Mentalitäten. Wie ist der Oberfranke? Der Oberfranke ist für seinen Geiz berühmt. Man sagt, sie hätten den Kupferdraht erfunden. Bevor sie einen Pfennig ausgeben, drehen sie ihn so lange herum, bis er zu Draht wird. Oberfranken sind nicht sparsam, wie beispielsweise die Schwaben, sondern geizig. Den Unterschied muss man festhalten. Bei der Sparsamkeit ist Vorsorge das Motiv, beim Geiz die Habgier. Da Habgier aber zu den Todsünden zählt, muss sie versteckt werden. Geiz bestimmt ein ganzes Leben und Handeln, prägt Denken und Fühlen. In Oberfranken sind viele reich, das darf aber keiner wissen. Deshalb verstecken sie ihren Reichtum hinter ärmlicher Erscheinung und ständigem Jammern. Oberfranken geben nichts preis, verraten nichts über sich, geheimniskrämern hartnäckig. Man gönnt sich nichts und erst recht nicht den anderen. Arme Menschen werden verachtet. Die selbstgeschaffene Hölle der Geizigen - so kommt mir das ganze vor -  scheinen sie als Normalzustand zu empfinden.
Der Oberfranke ist schlecht zugänglich. Keine fröhliche Nachbarschaft, kein Plappern und Plaudern, niemand darf dem anderen beim Leben zusehen. Fenster und Türen bleiben verschlossen. Einer Rheinländerin wie mir, geht das schon schwer an.

Wir haben Freunde in Hamburg, Anni und Wolfgang mit ihren vier Kindern. Sie wohnen am Stadtrand und wir besuchen sie seit über 20 Jahren. Als Wolfgang seinen 60. Geburtstag gefeiert hat, kam auch seine Cousine aus Bayreuth nach Hamburg. Am Tag nach dem eigentlichen Fest saßen wir, die Nachbarschaft und die Cousine im Garten, um die Reste zu verzehren. Wie so oft beneideten wir Anni und Wolfgang um ihre tollen, fröhlichen, hilfsbereiten Nachbarn. Die waren erstaunt und fragten: „Habt ihr so was da unten nicht?“ Bevor wir darauf antworten konnten, platzte die Cousine aus Bayreuth heraus: „Naa!!! Des gäb‘s bei uns nie! Da wird net gräd (geredet)! Da wird nur gschaut, was der annere macht und dann wird ghetzt.“ Das sagte eine Oberfränkin selbst über ihre Landsleute.

Wie muss es einem „Sonderling“ wie Jean Paul da ergangen sein? Nicht nur, dass er viel gelesen hat, gebildet war, philosophierte und sich für die ganze Welt interessierte, Jean Paul war auch noch ein warmherziger Menschenfreund, der sich für das Schicksal armer Menschen einsetzte, sich mit ihnen solidarisierte. In Oberfranken kommt das einem Verrat gleich.

Wie Jean Paul versuchte, damit umzugehen, dieses Ausgestoßen-werden zu kompensieren, lese ich bei Günter de Bruyn „Das Leben des Jean Paul Richter“:
... die Stadt Hof, und ähnlich wird sie ihn auch später behandeln: mit Hohn und Unverständnis. Er wird sich rächen durch Satire. Als Kuhschnappel, Krehwinkel und Flachsenfingen wird Hof in seine Werke eingehen, aber damit treffen wird er die Philister wohl kaum. 1813 notiert er: „Wie lächerlich ich mir vorkomme, wenn ich in meinen älteren Werken Seitenhiebe auf Hof vorfinde, welche ich in der Hoffnung tat, der Stadt etwas zu versetzen! Denn bis diese Minute hat sie es nicht gelesen.“
Erfolge, die den jungen Richter erheben, setzten ihn in den Augen der Kleinstädter nur herab. ...

Am Schlossplatz, etwas weiter weg vom Jean-Paul-Brunnen, steht Stationstafel 10 und 1:

Jean Paul (1763 - 1825)

Jean Paul gilt als einer der sprachgewaltigsten europäischen Prosaschriftsteller. Er nimmt eine Sonderstellung zwischen Klassik und Romantik ein. Zu Lebzeiten als Erfolgsautor gefeiert und mehr gelesen als Schiller und Goethe, verhindert der extrem hohe Schwierigkeitsgrad seines Schreibstils in unserer Zeit ein breites Lesepublikum. Nach wie vor ist er wegen der Musikalität seines Sprachflusses und der Bildhaftigkeit seiner Ausdrucksweise Lieblingsautor von Schriftstellern und Musikern.

Die Hungerjahre in Hof hatten prägenden Einfluss auf sein Werk. Hier und in Schwarzenbach a.d. Saale schrieb er seine bedeutendsten Romane („Schulmeisterlein Wutz“, „Unsichtbare Loge“, „Siebenkäs“, „Hesperus“). Über die Stadt, die er darin „Kuhschnappel“ oder „Flachsenfingen“ nennt, schreibt er: „Besehet Hof, wo ich das Meiste gelitten, aber das Beste geschrieben“.

In seiner Kindheit wanderte Jean Paul einmal in der Woche mit Rucksack und Wunschzettel zu den Großeltern von Joditz nach Hof, um das Notwendigste aus der Stadt zu holen. Jean Paul war ein leidenschaftlicher Wanderer. Er führte seine relativ stabile Gesundheit auf tägliche Gänge in der Natur zurück. Auch seinen Ideenfluss brachten Spaziergänge in Schwung: „Ich kann mich nicht erinnern, daß ein einziger Gedanke in der Stube gefasst wurde, sondern immer im Freien.“

Man hat das Gefühl, diese Stadt idyllisiert mit dem Jean-Paul-Weg heute ihr Verhältnis zu Jean Paul. Und wie sieht sie ihn außerhalb des Weges, frage ich mich? Ich recherchiere ein bisschen von meinem Schreibtisch aus, bei Wikipedia über Hof. Da finde ich ihn nur unter „Personen, die mit Hof in Verbindung stehen“. Während ich unter „Söhne und Töchter der Stadt“ auch ziemlich unbedeutende Menschen finde. Wie wichtig ist zum Beispiel jemand, der einfach nur bei RTL arbeitet, nicht einmal irgendwie prominent ist? (Lieber Olli, verzeih mir. Ich persönlich schätze dich sehr, aber Jean Paul spielt wirklich in einer anderen Liga.) Und was macht in dieser Auflistung, eigentlich ein NSDAP Abgeordneter? Mal nebenbei gefragt.


Jean Paul lebte nicht nur kurz, sondern über längere Zeitabschnitte in Hof, war sehr präsent in dieser Stadt. Wie sonst hätte Jean Paul sagen können: Hof, wo er das meiste gelitten, aber das Beste geschrieben? Warum gehört er heute nicht zu den „Söhnen und Töchtern der Stadt“?

Ja, und auch mal ganz nebenbei, Menschen glauben immer gerne, dass seelische Schmerzen dem Werk eines Künstlers gut tun. Eigentlich müsse man sie richtig leiden lassen. Künstler malen, schreiben, komponieren, musizieren, bildhauern und schauspielern einfach besser, wenn sie sich Ohren abschneiden oder das Leben nehmen wollen. Was für ein Quatsch. Dieser Leidens-Kreativ-Mythos ist nichts anderes als Sozialfaschismus und Reinwaschungsversuch der gerne-beim-Leiden-Zuschauender. Jedoch - wenn Leiden zu groß wird, arbeitet kein Mensch mehr, egal ob Beamter oder Künstler. Einziger Unterschied, der Beamte geht bei vollen Bezügen in Kur, während der Künstler in Episoden seine Einnahmequelle verliert, was gnadenlos direkt seine Existenz bedroht.

Hinten der Jean-Paul-Brunnen auf dem Schlossplatz in Hof, vorne Stationstafel 10 und 1
Hinten der Jean-Paul-Brunnen auf dem Schlossplatz in Hof, vorne Stationstafel 10 und 1

Diese Stadt muss sich für sehr wichtig halten. Denn sie erdreistet sich auch noch, die Stationstafel 10 einfach zur Stationstafel 1 zu erklären, was zur völligen Verwirrung führt, will man den Weg „ordentlich“ nachwandern.

(Im Flyer Jean-Paul-Weg 1 gibt es sogar eine Stationstafel 0 oder auch 10a in Hof. Sie liegt im Stadtpark Theresienstein. Hier, am Felsen "Fröhlichenstein" hielt sich Jean Paul in seiner Jugendzeit gerne auf und verwendete ihn als Motiv in seinem Roman „Siebenkäs“. Im Jahr 1975, zum 150. Todestag des Dichters, hat man hier eine Jean-Paul-Linde gepflanzt und 1978 einen Gedenkstein aufgestellt. Der Jean-Paul-Weg führt hier aber nicht vorbei.)

Stationstafel 11 oder 2 finden wir am Ende der Fußgängerzone in einer öffentlichen Parkanlage, dem Lorenzpark. Dieser war früher der Friedhof der evangelisch-lutherischen Kirche St. Lorenz, der ältesten Kirche in Hof.

Jean Pauls Mutter: Sophia Rosina Richter, geb. Kuhn (1737 - 1797)

Auf dem später aufgelassenen Friedhof an der Lorenzkirche wurde Jean Pauls Mutter 1797 beerdigt. An ihr Grab erinnert eine an der Kirche angebrachte Gedenkstafel. Der einem Brief entnommene Jean-Paul-Text lässt erahnen, wie sehr der Dichter seine Mutter liebte. Erst nach ihrem Tod verließ er Hof. In seinem in Hof entstandenen Roman „Siebenkäs“ hat er seiner Mutter in der Gestalt der Lenette ein literarisches Denkmal gesetzt.
„Die kränkliche, zartgebildete, aber schöne“ Sophia Rosina stammte aus der wohlhabenden Hofer Tuchmacherfamilie Kuhn. Erst nach der Heirat mit dem mittellosen Hilfsgeistlichen und Organisten Johann Christoph Richter in Wunsiedel lernte sie Geldsorgen kennen. Zwar wurde Richter an die besser bezahlten Pfarrstellen nach Joditz und später nach Schwarzenbach a.d.S. berufen, aber das Einkommen reichte nicht, die rasch wachsende Familie zu ernähren. Sieben Kinder brachte Sophia Rosina Richter zur Welt. Zwei Mädchen starben im Kleinkindalter an Blattern. 1779 stirbt auch Pfarrer Richter. Die Familie ist völlig unversorgt. Schulden sind zu begleichen. Es beginnen die Hungerjahre in Hof. Anfangs wird die Witwe von ihren Eltern unterstützt. Nach deren Tod macht ihr der Schwager Riedel, Gerichtsadvokat und Goldschmied, das Erbe streitig. Der Erbschaftsprozess verschlingt das gesamte Vermögen. Mit Spinnen und Altpapiersammeln versucht die Mutter sich und die fünf Buben durchzubringen. Mietrückstände führen zu häufigem Wohnungswechsel. Teile des Hausrats werden versetzt. 1779 begeht Sohn Heinrich, neunzehnjährig, aus Verzweiflung über die Armut Selbstmord. Ihr hochbegabter ältester Sohn Johann Paul Friedrich Richter will nicht, wie von ihr erhofft, Pfarrer werden. Er fühlt sich zum Schriftsteller berufen. Um die Familie unterstützen zu können, arbeitet er als Hauslehrer und schreibt nebenbei. Den Ruhm des Sohnes konnte die Mutter in den Anfängen miterleben. Am 25. Juli 1797 stirbt sie an einer längeren, schmerzhaften Krankheit. Nach dem Tod der Mutter schreibt Jean Paul an seinen Freund Otto: „Viel wollt ich dir schreiben über alle meine Schmerzen ... über meine Klage ohne Trost, daß meine Mutter nichts, nichts, nichts auf der Erde gehabt und daß ich ihr so wenig gegeben und über mein Erstarren über das Buch, worin sie aufschrieb, wie viel sie sonst von Monat zu Monat gesponnen. - Wenn ich alle Bücher der Erde wegwerfe, so les‘ ich doch, gute Mutter, deines fort, worin alle Qualen deiner Nächte stehen und worin ich dich in der Mitternacht mit der keuchenden stechenden Brust den Faden deines kargen Lebens ziehen sehe ...“

Direkt über der Stationstafel ist die Gedenktafel an der Kirche:

„Der Gedanke an eine kleine grüne Stelle neben der Lorenzkirche wird der einzige bittere Tropfe sein der in die Blumenkelche meines Frühlings rinnt."

Für Jean Pauls Mutter gest. 25.7.1797“

Lorenzkirche in Hof
Lorenzkirche in Hof

Zuwendung heilt

 

Ich stehe da und lese, da kommt ein Mann durch den Lorenzpark, hat ein Kässchen in der Hand und einen Schlüssel.
„Ich schließe die Kirche auf. Wenn sie möchten, zeige ich sie ihnen,“ sagt er zu mir.
„Oh, wir sind knapp. Wir wandern nämlich und haben noch eine ganze Etappe vor uns,“ antworte ich.
„Vielleicht wollen Sie noch einen Kaffee?“ fragt er weiter.
Ich verstehe nicht ganz und irgendwie verschwindet er dann in der Kirche. Ich warte auf Peter, der gerade fotografiert. Nach einer Weile folge ich dem Mann ins Gotteshaus, mit Fidel, habe das Gefühl, das ist in Ordnung so. Da steht der Mann im rückwärtigen Teil der Kirche doch tatsächlich hinter einem Tresen und kocht Kaffee. Wieder spricht er mich an: „Wirklich, es geht ganz schnell, ich mache ihnen auch noch frische Erdbeertörtchen.“ Flugs packt er kleine Biskuitböden aus, hat auch schon Erdbeeren und Sahne zur Hand: „Tortenguss habe ich leider nicht. Dafür sind sie aber schnell fertig.“
Ich bin sprachlos.
„Wir sind eine offene Kirche hier, und ich betreue das Café,“ fährt er fort.
„Offene Kirche?“, frage ich.

Dann erzählt er mir die ganze Geschichte. Im Lorenzpark um die Kirche herum herrschte vor einiger Zeit ziemlicher Vandalismus. Die Stadt hat sich zwar überlegt, was man dagegen machen könne, kam aber nicht in die Gänge. Da hatte die Kirchengemeinde eine Idee: nämlich die Kirche zu öffnen. Denn wenn hier tagsüber Leben ist, gibt es auch keinen Vandalismus mehr.
„Die Rechnung ging auf!“, sagt er stolz. „jetzt habe ich eine schöne Arbeit. Ich war lange sehr krank, und das hier ist eine richtige Stelle mit 30 Stunden in der Woche. Ich bin sogar der Leiter des Cafés und arbeite mit einem Team von Ehrenamtlichen. Wir kümmern uns um den Park, das Café und alle Gäste. Reden mit ihnen über Gott und die Welt und helfen, wo es nötig ist. Schauen sie mal, was da schon alles für Leute da waren.“ Er zeigt mir das Gästebuch auf dem Tresen.
„Aha!“, sage ich.
„Ja, das ist schon der zweite Band, hier ist der erste!“ 
Ich blättere, während er weiter redet.
„Gestern noch waren zwei Radfahrer hier, denen habe ich beim Platten geholfen. Das waren Franzosen, die sind durch ganz Europa unterwegs...“ Er zeigt mir ihren Eintrag auf Französisch und sprüht dann Sahne auf die Törtchen.
„Wo wollen sie sitzen, draußen oder drinnen?“
Ich fasse es nicht, auch in der Kirche ein Café?
„Nicht nur ein Café, wir machen auch Konzerte und Ausstellungen, verkaufen Bücher, den ganzen Sommer bis Weihnachten,“ ergänzt er noch.
„Draußen,“ antworte ich „ich muss noch meinen Mann holen.“
Natürlich unterbrechen wir die Wanderung, auch wenn wir für heute noch nicht weit gekommen sind. Egal. Das hier ist es wert. Eine Oase inmitten der Stadt. Und wir sind beileibe nicht die einzigen Gäste. Ständig kommen neue Leute. Man begrüßt sich herzlich, kennt sich gut.

Andreas Putzhammer, Chef des Kirchen-Cafés St. Lorenz in Hof
Andreas Putzhammer, Chef des Kirchen-Cafés St. Lorenz in Hof

Zum Abschied schreiben wir für Andreas Putzhammer, so heißt die Seele der Lorenzkirche, ins Gästebuch: Zuwendung heilt alle Wunden. Das haben wir hier erfahren.

 

Saale-Inseln

Gleich hinter der Kirche sind es - wie Andreas Putzhammer meinte - nur wenige Meter hinunter bis zur Saale. Malerisch fließt das Flüsschen mitten durch die Stadt. Man ist überrascht. Ein breiter, viel befahrener und belaufener Weg führt über eine Brücke. Davor steht Stationstafel 12 oder 3:

„Ostindische Gewürzinseln“ oder „Molucken“

Auf der Hofer Stadtkarte von 1823 befinden sich am Mühlgraben in der Saale unterhalb der Michaeliskirche einige Inseln. Sie wurden aus Schuttmassen zur Füllung der ausgehöhlten „Wasserwände“ des höher liegenden Mühlgrabens künstlich aufgebaut. Auf einer dieser Inseln befand sich das Lagerhaus des Bürgermeisters und Gewürzhändlers Köhler, mit dessen Tochter Helene Jean Paul befreundet war.

In seinem Roman „Die Unsichtbare Loge“ hat der Dichter die Saale-Inseln als „Ostindische Gewürzinseln“ oder „Molucken“ in phantasievoller Übertreibung verherrlicht. Die Insel Teidor, zwischen den Inseln Sumatra, Ceylon, Banda und Ambiona macht er zum Schauplatz einer von allen Zaubereien der Poesie verklärten Geburtstagsfeier.

„Da wir heute durch unser singendes Thal, eh‘ noch die Morgenstrahlen hereingestiegen waren, hinaus gingen, um noch vor neun Uhr recht gemächlich auf der kleinen Molucke Teidor anzukommen: so streckte sich ein ganzer kristallener quellenheller Tag auf den weiten Fluren vor uns hin ... die Berg- und Waldspitzen standen nackt im tiefen Blau, sozusagen ungepudert von Nebeln ... die Luft war nicht schwül, aber sie ruhte auf den Gewürz-Fluren unbeweglich ...

Es war der Ruhetag der Elemente, die Sieste der Natur.“

... quellenheller Tag ... ungepudert von Nebeln ... von solchen Wortgebilden kann ich nicht genug kriegen. Ich stelle mir alles bildlich vor. Und wie schön ist dieses Bild! Noch schöner als das beschriebene Bild selbst.

Also das Bild vom Bild ist noch schöner als das Bild. Deshalb ist für mich Dichtung so etwas wie lebenspendende Religion. Das im Bild innenliegende Bild, das hingebungsvoll von einem anderen Menschen gesehen und von ihm quasi für mich beschrieben wurde, gibt mir Zuversicht. Daran kann ich mich festhalten. Es gibt mir Hoffnung, weil da ein Mensch ist, der sieht. Das tiefe Innenliegende in der Schöpfung zu sehen und weiterzutragen ist ewiges Leben. Es gibt Menschen, die machen sich diese Mühe, die ihnen selbst nichts als Schmerzen bereitet, denn das Gegenteil von Ignorieren ist Wahrheit sehen. Die mag nicht jeder aushalten. Das ist jenseits von Ertrag-Denken.

Von der Brücke aus, sehen wir, wie Männer in wasserfesten Fischerhosen Springbrunnen mitten in der Saale aufbauen. Da, jetzt sind sie fertig und probieren aus, ob die Anlage funktioniert. Und ob! Auf beiden Seiten der Brücke gibt es nun Springbrunnenfeuerwerk. Was haben wir für ein Glück, das zu sehen. Von Passanten erfahren wir, dass am Wochenende in den Saaleauen das Saalefest stattfindet. Dafür seien diese Vorbereitungen. Ja, und da hinten wird auch noch reichlich Sand ans Ufer gekippt. Das ist für die Beachparties. Leider können wir nicht dabei sein.

Immer Stress mit den Radfahrern

 

Ich freue mich, weil wir wieder an einem Wasser entlang laufen können. Es geht jetzt stadtauswärts. Wird das Saaletal jetzt schön? Immer meine ich in Erinnerung zu haben, dass Jean Paul das Saaletal so liebte. Ja, stimmt, die letzte Stationstafel hatte es doch auch beschrieben. Aber dann führt der Weg durch ein Industriegebiet und wir landen auf einem viel befahrenen Radweg. Er ist eine Verbindung von Hof zum Naherholungsgebiet Untreusee. Das kriegen wir an diesem Sommertag auch heftig zu spüren.

Bekanntlich nehmen Radfahrer wenig Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer. Fußgänger werden als rangniedriger, weil schwächer, eingestuft und können deshalb mit Geschwindigkeit aus der Bahn geschossen werden. Das heißt für uns, den Weg frei zu machen und in die Büsche zu springen. Um den Hund zu schützen, bleibt uns auch nichts anderes übrig. Bei einem der Beiseite-Fluchten knicke ich an der hohen Teerkante des Radweges ab und stürze. Heftig. Der den Sturz verursachende Radfahrer kümmert sich einen Dreck. Reaktionslos saust er weiter. Schürfwunden am Knie, mein Knöchel schwillt an. Da kommt Wut hoch. 

Irgendwie wollen wir uns wehren. Der Weg gehört doch auch den Wanderern, er ist als Jean-Paul-Weg offiziell ausgeschrieben. Also dürfen auch wir hier sein. Wir laufen nebeneinander weiter, stur, weichen nicht mehr aus, sollen doch die anderen bremsen. Aber nicht, dass damit Ruhe einkehren würde. So geht das Rangeln erst richtig los. Jeder Radfahrer ein neuer Kampf. Das stresst und nervt, denn Biker sind aggressiv. Wir fluchen auf die Wegwarte, die Radwege als Wanderwege ausloben.
Wir fluchen auf die Radweg-Politik. Offensichtlich hat man viel Geld für Radwege übrig - überall werden sie neu gebaut - aber für neue Wanderwege - ja, Pfade würden völlig reichen -  ist kein Budget da. Dass, obwohl man weiß, dass Wanderer für den Tourismus und die Gastronomie wichtiger sind als Biker. Biker rasen weiter, der Wanderer hat Zeit zur Rast. Es sind fast 6 Kilometer bis zum nächsten Ort Döhlau, 6 Kilometer Stress auf Asphalt.

Unterwegs Stationstafel 13 oder 4:

Die Saale, vertrauter Fluss der Kindheit, weckte bei Jean Paul zeitlebens sehnsuchtsvolle Gedanken:

Wie himmlisch und italienisch-dunkelblau bist du, heutiger Tag!
Ich ruhe jetzt, in schöner dankbarer Erinnerung an eine Familie voll elterlicher und kindlicher Liebe, am romantisch-bewachsenen Ufer der Saale (bei Weißenfels) und blicke in den vertrauten Strom, an welchem ich aufwuchs und worin das träumende Kind oft seinem schwimmenden Lächeln lange nachgesehen und den ich nach so langer Zeit hier in der Ferne wiederfinde.

O wie linde und weich laufen deine lieben Wellen vorüber, die ja alle vor meinen Geliebten in Hof und vor ihren Spaziergängen vorbeigezogen sind!
 Sehnsüchtig und bekannt schau ich jeder daherflatternden Woge entgegen und folge dann lange dem fliehenden Wasserringe nach und möchte die liebe Flut trinken und sie auf meine Brust kühlend sprengen.-
Möget ihr nur, ihr Wellen, lächelnde Gestalten und rote Abende nachgespielet haben und den breiten Glanz der Mondesnacht, und keine Träne soll euch geflossen kommen!

Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf

Wenn man das nun auf den Stationstafeln liest, wünscht man sich Jean Paul herbei, will ein Stück des Weges gemeinsam mit ihm laufen. Jetzt brauchen wir seine Idyllen. Heute ist alles nicht nur hässlicher, sondern auch noch wesentlich schneller und aggressiver, als zu Jean Pauls Zeiten. Die Welt ist so platt, wie sie noch niemals zuvor war. Peter und ich wollten mit dieser Wanderung in ein Refugium entfliehen, eine Auszeit nehmen, zum Aufatmen, nein noch mehr, zur Ablenkung, damit man die kalte Welt irgendwie aushalten kann ...

Stationstafel 14 oder 5:

Ein froher Sinn ist wie der Frühling, er öffnet die Blüten der menschlichen Natur.

Mit einer Kindheit voll Liebe kann man ein halbes Leben hindurch für die kalte Welt aushalten.

Kinder und Uhren dürfen nicht beständig aufgezogen werden, man muss sie auch gehen lassen.

Ich möchte noch den Totenkopf des guten Mannes streicheln, der die Hundsferien erfand;

Aus Quintus Fixlein

Eine ernst gemeinte Frage: Warum?
Eine ernst gemeinte Frage: Warum?

Wir erreichen Döhlau. Der Weg führt durch ein Wohngebiet. Die Menschen sind hier alle damit beschäftigt, Gärtlein und Häuslein zu pflegen, Rasenmäher brummen, Heckenscheren klappern, Blumenbeete werden geharkt. Alles ist so gepflegt hier.

Vom endlosen Asphalt sind wir jetzt so müde und mein Knöchel schmerzt. Wir denken daran, die Etappe für heute zu beenden und steuern die nächste Bushaltestelle an, aber den Bus haben wir knapp verpasst. Zwei Stunden müssten wir jetzt warten. Gott sei Dank gibt es ein Gasthaus in Nähe. Da trinken wieder lieber erst mal ein Bier.
Im Landgasthaus Jahn (Gasthaus und Metzgerei, Hofer Str. 17 in Döhlau, Webseite haben wir keine gefunden) bestellen wir ein Taxi, denn mit der ganzen Umsteigerei in Hof wird es uns mit dem Busfahren für heute zuviel. Der Gasthof füllt sich immer mehr, wird brechend voll. Es gibt Braten und Köße! An einem Wochentag? Das hatten wir nicht erwartet. Wir bereuen jetzt richtig, das Taxi schon bestellt zu haben. 
Obwohl das Bier wieder mal aus einer der Großbrauereien kommt, das ehrliche, fränkische Essen hier und der gut besuchte Gasthof gibt uns Sicherheit, ihn als echten Tipp zu erwähnen.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0