27. Leben und Sterben in Bayreuth - Teil 3: Im Schwabacher Haus

Bayreuth - Friedrichstraße 5 , das "Schwabacher Haus"
Bayreuth - Friedrichstraße 5 , das "Schwabacher Haus"

Bayreuth - Friedrichstraße 5


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Nun beginnt die "Geschichte eines Hauses" ...

 

Jean Paul war also zu Martini, am 15. November 1813, in die Friedrichstraße 5, 2. Stock, gezogen. Dieses Haus gehört heute noch den Nachfahren der damaligen Hausbesitzer, Familie Schwabacher. Ein Nachfahre ist Dr. Philipp Hausser. Er hat aus Anlass des 200. Geburtstags von Jean Paul Friedrich Richter am 21. März 1963 das Buch "Die Geschichte eines Hauses" herausgegeben. Hierin beschreibt er das Leben der Familie Richter in der Friedrichstraße 5.

Das Schwabacher Haus heute, Friedrichstraße 5 in Bayreuth, Jean Pauls letzte Wohnung
Das Schwabacher Haus heute, Friedrichstraße 5 in Bayreuth, Jean Pauls letzte Wohnung

Aus Philipp Hausser:

"... Jean Paul war also in den 2. Stock unseres Hauses (N. 5) eingezogen mit Frau Caroline, geb. Mayer, aus Berlin, den Töchtern Emma und Odilie, dem Sohn Max, dem Hund, wahrscheinlich auch mit Vögeln, Fröschen und einem Eichhörnchen. Doch von all dem, der Wohnung, dem Familienleben, der Arbeitsweise in diesem Hause werden wir aus Berichten besuchender Zeitgenossen später mehr hören.

Zunächst tauchten schon im August 1814 neue Wohnungssorgen auf. Das Haus sollte verkauft werden, Richters war gekündigt worden. Jean Paul suchte sich eine neue Wohnung, überlegte ernstlich, nach Nürnberg zu verziehen. Aber auch in der Nachbarschaft schaute er sich um. Am 9. August 1814 schreibt er wieder an seinen jüdischen Freund Emanuel Osmund (Bankier):

'Könnte man den Juden gegenüber nicht zum Ausziehen auf freundlichste Weise (bringen)? Heute geht in meiner Quartier-Noth mein Brief nach Nürnberg.'

Und gleich am nächsten Tag resignierend:

'Beide Quartiere hatte C(aroline) heute besucht und unbrauchbar gefunden. Kein Logis ist wohl bequemer als das, was man ganz allein bezieht, nie verläßt und das zugleich zu einer Art Bette dient.'

Und am 17. August 1814 wieder an Emanuel:

'Noch schweb' ich zwischen Baireuth und Nürnberg, so konsequent bleibt sich mein Teufels Quartal oder Teufels Sommer, wie man einen Mädchen Sommer hat. Sovielen Menschen ich auch meine Noth bekannt gemacht, oder viel mehr eben darum habe ich die neue Bemerkung gewonnen, daß unter allen Nöthen des Nächsten die Menschen gegen die Quartier-Noth am gleichgültigsten sind.' ..."

 

Mieter sein, heißt oft Mensch zweiter Klasse zu sein

 

Das ist eine Lebenserfahrung, die ich absolut teilen kann. Nichts im Leben ist nackender, entblößender und kleinmachender, als sich als ein Wohnungssuchender, zumal noch aus einer Not heraus, und sei es die der Zeit, zu erkennen zu geben. In Anbetracht dessen, dass der Mensch nicht anders kann als zu wohnen, wundert einen wirklich die Gleichgültigkeit, die einem hierzu entgegengebracht wird, so als ob es eine Schande wäre, bei solchen Problemen zu helfen, mit was auch immer. Die nächste Stufe wäre ja "Obdachlosigkeit" und da wird die Schande, die einer "Wohnungssuche" inneliegen könnte, sichtbar.

 

" ... Doch alles ging gut aus. Das Logis 'ganz nach seinem Wunsche' blieb, Jean Paul blieb, gottlob, und nicht nur des Hauses wegen, Bayreuth erhalten. Denn am 26. August 1814 frohlockt er wieder:

'Guten Abend, Emanuel! Ich habe auch einen. Ich bleibe im Quartier, weil der Hausverkauf krebsgängig geworden.'

Und andertags:

'Guten Morgen, mein Paradies-Gärtner! Heute gefällt mir der Herbst ganz anders, weil diese Jahreszeit gerade zum häuslichen Bleiben eingerichtet ist wie der Frühling zum Fliegen.'

Dem großen Manne scheint so recht hörbar ein Stein vom Herzen gefallen zu sein. Wie aus späteren Zitaten deutlich wird, kümmerte sich Jean Paul um die kleinsten Dinge des täglichen Lebens. So verwundert sein Kummer in diesen Wohnungsangeleiten nicht. [...]

 

Drei Jahre später wurde das Haus dann doch verkauft. Jean Paul befand sich auf einer Reise und wurde von seiner Frau brieflich unterrichtet. Wieder zogen Wolken am Richterischen Logishimmel auf. Aber bevor wir zusehen, wie sie sich rasch wieder zerstreuten, wollen wir uns auf den neuen Hauswirt, meinen Ur-Ur-Urgroßvater besehen. ..."

Bildnis Isaak Joseph Schwabacher und Gattin Rosa Schwabacher
Foto aus dem Buch "Jean Paul in & um Bayreuth, Hrsg.: Bayreuth Marketing & Tourismus GmbH

Ich stehe vor dem Haus und fotografiere. Auch ein kleines Schild am Zaun mit der Aufschrift "Friedrichstraße 5 Garten". Passanten wundern sich, von was ich da wohl Fotos mache, was denn da so interessant sei. Zwei Frauen kommen vorbei, die eine liest jetzt selbst das Schild: "Da steht was mit Jean Paul ..." sagt sie. Die andere: "...ja, da war doch was?" Und schon sind sie weg.

 

Jetzt macht Peter seine Fotos. Ein Pärchen schlendert vorbei. Sie weiß, was mit dem Haus ist und sagt zu ihm: "Da hat der Jean Paul gewohnt." "Aha", sagt der Mann und guckt noch einmal zurück. "Das ist doch der mit dem Titan", ergänzt sie. "Bist du aber schlau", wundert sich ihr Begleiter. "Nein, nur belesen!" Dann sind auch sie weg.

 

Vor dem Haus finde ich keine Jean-Paul-Station mit Tafeln, nur das kleine Gartenschild mit der Aufschrift:

"Führungen in den Jean-Paul-Garten mit seiner berühmten Dichter-Laube können gebucht werden unter 0921-885-88 oder info@bayreuth-tourismus.de bei der Bayreuth Marketing & Tourismus GmbH. In der Apotheke erhalten Sie ein Faltblatt zu dieser Station. Bitte haben Sie Verständnis, dass dieses Privatgrundstück öffentlich nicht zugänglich ist."

 

Hinter dem Haus erkennt man auch einen Garten, das Tor steht offen, Garagen sind zu sehen. Erst trauen wir uns nicht hinein. "Komm Peter, wenigstens von hier vorne könnten wir doch ein paar Fotos machen ...", überrede ich meinen Mann. Und kaum dass wir ein paar Schritte hinters Haus gemacht haben, kommt ein junger Mann auf uns zu. Wir befürchten eine Rüge, aber er sagt dann gut gelaunt: "Gehens nur nach hinten, durch den ganzen Garten. Da hat der Jean Paul gewohnt. Die Tafeln sind ganz hinten an der Mauer. Aber passens auf, bei dem Efeu da ist ein Wespennest. Nicht zu nah rangehen. Ich hab' sie fei gewarnt, wenn was passiert ..." "Oh danke! Das ist ja klasse! Durch den ganzen Garten?" frag ich noch einmal. "Ja, ja ... nur zu!"

 

Und hier die Stationstafel der Groß- und Sonderstation 123 "Jean Paul und das Schwabacher Haus":

Groß- und Sonderstation 123 "Jean Paul und das Schwabacher Haus" ganz hinten im Garten an der Mauer
Groß- und Sonderstation 123 "Jean Paul und das Schwabacher Haus" ganz hinten im Garten an der Mauer

Herr und Frau Schwabacher

 

Zum Vermieterehepaar hatten Jean Paul und seine Frau ein sehr freundliches Verhältnis.

Wohnte man hier zunächst beim Bergrat Kamblah zur Miete, so erwarb 1817 der jüdische Handelsmann und Bankier Isaak Joseph Schwabacher das Haus.

 

Schwabacher wurde 1774 in Ansbach geboren, 1800 ist er in Bayreuth mit Schutzbrief und Konzession amtlich eingetragen.

1817 kaufte der wohlhabende Mann das Gebäude Friedrichstraße 5 und zog mit seiner Familie auch dort ein. Sein Geschäft führte er im Seitenflügel des ersten Stocks. Hier lebte er bis zu seinem Tod im Jahre 1844 zusammen mit seiner Frau Rosa, genannt Rösel, einer geborenen Neustädter.

 

Das Bankwesen brachte es mit sich, dass Jean Paul sich manchmal auch in Geldsachen an Schwabacher wandte. Besonders bei seinen "Auslandsreisen" war der Dichter auf die Dienste des Bankiers angewiesen. Gelegentliche Vorbehalte in geschäftlichen Angelegenheiten konnten die gegenseitige Achtung nicht trüben.

 

Es ist bemerkenswert, dass das Haus bis heute in Besitz der Familie Schwabacher und ihrer Nachkommen blieb. Über Salomon und dessen Sohn Michael Schwabacher, die auch Bankiers waren, gelangte es an Philipp Hausser, den Ururenkel von Jean Pauls Vermieter, der 1980 seine bedeutende Jean-Paul-Sammlung als Grundstock des im selben Jahr eröffneten Jean-Paul-Museum der Stadt Bayreuth stiftete.

Ja, und dann muss ich es zugeben: beim Durchschreiten des Gartens wurde es jetzt auch mir ganz warm ums Herz. Allein beim Gedanken, dass  e r  hier ein und aus ging, die Natur beobachtete und genoss, sich freute, der Äolsharfe lauschte, seinen Pudel Ponto badete, schrieb und las, seine Kinder umher hüpften, seine Frau Karoline ihn besuchte, ihn herzte und sie sich auch mal küssten, die Mägde die Aborteimer entsorgten, im Winter die Kinder sich in Schneeballschlachten verausgabten und alles voller Lachen war. So verwunschen sieht der Garten aus, so als ob sich nie etwas verändert hätte. Ein kleiner Gemüsegarten, ein bisschen vernachlässigt, eine leicht schief gewordene Sandsteintreppe, mit Efeu umschlungene Mauern, eine verrostete Kinderschaukel.

 

Uns trennten jetzt nur 200 Jahre und ich hätte nur über den Zaun zu spingsen brauchen. Da sind sie, die Reliquien-Gefühle. Auch mich haben sie jetzt gepackt.

In Jean Pauls Garten ... fast ist alles so, als ob er gerade hier gesessen hätte.
In Jean Pauls Garten ... fast ist alles so, als ob er gerade hier gesessen hätte.

Philipp Hausser fährt fort:

 

"... Wenn wir nun Jean Paul etwas eingehender in unserem Hause selbst beobachten wollen, seine Person, seine Umgebung, seine Arbeitsweise und Lebensgewohnheiten, so dürfen wir nicht vergessen, daß er beim Einzug 1813 ein Mann auf der Höhe seines Lebens war, geachtet, geliebt von der Intelligenz seiner Zeit, aber schon sehr nachlässig in seinem Äußeren, ein Original würden wir heute dazu sagen, doch eben ein Genie, das sich die Freiheit der Originalität nehmen konnte. In den letzten Jahren hingegen ein kranker, körperlich verbrauchter, halbblinder Mann war der Dichter doch immer noch ein Feuerkopf, der unermüdlich arbeitete.

 

Wenn wir den großen Mann also besuchen oder - noch besser - mit ihm zusammen zu seiner Wohnung aufsteigen wollen, dann sind wir, um ein Bild Jean Pauls in unserem Hause zu gewinnen, auf die Niederschriften fleißiger Besucher angewiesen, die meist in großer Verehrung zu dem Dichter gewallfahrtet sind. Und es waren damals wirklich Wallfahrten zu Fuß oder in tagelangen Postkutschen-reisen. ..."

 

Nach unterem Plan war Raum A das Arbeitszimmer Jean Pauls, "das ein Fenster zum Hof und eines zum Garten hat. Durch das letztere konnte man den Garten mit der Laube übersehen und den Blick bis zu den 'blauen Höhen des Fichtelgebirges' schweifen lassen.. [...] Gegenüber dem Hoffenster liegt die andere Tür, die über einen winzigen Korridor - das ist heute noch alles unverändert - Jean Paul ein von Besuchern unbemerktes Entweichen erlaubte. ..."

 

Die Wohnung ließ also ein regelrechtes "Empfangsspiel" zu, schon fast wie bei Hofe. Gelangten die Gäste über die Treppe nach oben, konnten sie im schönsten Raum, dem Saal, empfangen, um dann über die Räume D und C ins oder auch direkt ins Vorzimmer geführt zu werden, in dem man auf Jean Paul warten mußte. Wenn er denn kam. Denn bei unliebsamen Gästen konnte er durch seine Familie "von hinten" quasi unbemerkt vorgewarnt werden und ebenso dort entschwinden. "Ein herrlicher Rundlauf für die Kinder, aber auch die Erwachsenen können sich oft lange suchen, wenn sie hintereinander herlaufen."

Plan von Jean Pauls Wohnung, Friedrichstraße 5 in Bayreuth, aus dem Buch von Philipp Hausser: "Die Geschichte eines Hauses"
Plan von Jean Pauls Wohnung, Friedrichstraße 5 in Bayreuth, aus dem Buch von Philipp Hausser: "Die Geschichte eines Hauses"

Um ein wenig die Wohnung zu verstehen eignet sich ein Bericht des schwedischen Dichters Atterbom  von 1817:

 

"... Atterbom war von Jean Pauls Tochter Emma entzückt, was wir nach Zeichnungen ihres späteren Mannes Ernst Förster verstehen können:

' ... Also begaben wir uns um 11 Uhr auf die Wanderung nach der Wohnung dieses merkwürdigen Wesens (Jean Paul). In einem geräumigen und zierlichen Hause der schönsten Gasse der Stadt stiegen wir zwei Treppen hinauf, die prosaischer aussahen als jene des Lustschlosses in Lilars Park. Unser Diener ergriff die Klingel der Saalüre und schellte - aber niemand kam, um zu öffnen. Hierauf legte ich die Hand an eine Seitentür, die sofort aufging und in ein kleines Gemach führte, dessen ganzer Inhalt weibliche Tätigkeit und weiblichen Aufenthalt verriet. Ein [...] Mädchen, schlank gewachsen und höchst einfach gekleidet, stand überrascht und verlegen vor mir und blickte mich mit großen Augen, die halb von den langen Wimpern beschattet waren, gerade so sittsam und ehrbar an wie das Miniaturbild einer Holbeinschen Madonna.

'Wohnt hier der Legationsrat von Richter?' fragte ich. - 'Sind sie der schwedische Dichter?' erwiderte sie halblaut. - 'Ja, freilich bin ich der!' das war meine Antwort. - 'Ei, das will ich gleich dem Vater sagen!' rief sie, und damit hüpfte sie durch eine Tür zur Rechten, die sich gleich darauf auch für mich und Hjort öffnete. Wir gelangten nun in ein größeres Gemach, welches wahrscheinlich (obwohl im übrigen höchst simpel) die Ehre und Würde eines Vorzimmers bekleidete. Daselbst saß eine andere, jedoch kleinere Tochter Jean Pauls und spielte Klavier an der Seite eines Musiklehrers, den ich in der ersten Verwirrung für Jean Paul selbst hielt, aber natürlich meinen Irrtum sehr schnell einsah. In dem selben Augenblick öffnete sich eine andere Türe, und siehe da! eine Gestalt watschelte auf uns zu, die das Aussehen eines wohlhabenden Gastwirts hatte: feist und kahlscheitelig, einen alten grauen Überrock nachlässig über den stattlichen Bierbauch zugeknöpft, im übrigen ohne Halstuch und Weste offenstehend über der breiten, ziegelroten, behaarten Brust, mit einem Worte: im tiefsten Negligé.'

 

Eine lustige Wohnung voller Leben

 

Am Endes des gleichen Briefes berichtet Attenbom noch über den "Saal":

'Nun wurden wir auf spezielle Veranlassung seiner Frau auf einem anderen, auf einem wahren Prachtwege, hinausgeleitet, nämlich durch den Saal, der wirklich sehr schön und mit verschiedenen Malereien versehen war; ...'

 

Eine gewisse Marie Moier berichtet von der Erzählung des russischen Dichters Schukowski (Jukow) (1822), derJean Paul besuchte:

 

"... 'Jukow bat ihn, ihm sein Studierzimmer zu zeigen, was der Alte auch tat. Das Studierzimmer war das vierte vom Gesellschaftszimmer; je weiter sie gingen, desto unordentlicher wurde es; endlich machte er eine Tür auf, und ein großer Pudel sprang heraus. Jean Paul befahl ihm, sich wieder hinzulegen, und Jukow sah die schmutzigste und unordentlichste Stube in der Welt Gottes. Da waren drei Kanarienvögel, die Bücher und gehackte Eier durcheinander, endlich ein großer Schrank, worin lauter Hefte lagen, in welchen Jean Pauls Gedanken klassifiziert eingeschrieben sind.' ..."

(Hausser)

 

Ehefrau Karoline beschreibt den Tagesablauf der Richters 1818 in einem Brief an Ernestine Voß (Ehefrau des Philologen Heinrich Voß, und auch Freund von Jean Paul) in Heidelberg:

"... 'Um 6 1/2 oder 7 steht mein Mann auf, der wegen seines unterbrochenen Schlafs und des Schweißes, welcher seiner Gesundheit unerläßliche Bedingung ist, länger im Bette bleiben muß. Er wartet mit dem Kaffee noch eine Viertelstunde, bis er Wasser getrunken hat, und trinkt ihn beim Lesen vorbereitender Sachen auf dem Kanapee liegend allein auf seinem Zimmer ... Wir essen spät, ... nur ein Gericht, doch muß es kräftig und mit Behutsamkeit gekocht, gedämpft oder gebraten werden, damit es die Mitte hat, und da das keiner Magd in seinen feineren Nuancen beizubringen ist, so bewache ich es selbst ... Um 1 1/2 Uhr schlägt die Mittagsglocke, wo mein Mann nicht eine sechzehntel Sekunde zu früh gerufen werden darf, dem übrigens am Vormittag alle glänzenden Marktakquisitionen jubelnd gezeigt werden dürfen ..."

(Hausser)

 

Oder die Geschichte über Jean Pauls Fliegenzucht von Rudolf Wagner ...

Auf der Stationstafel der Groß- und Sonderstation 123 am Schwabacher Haus wird noch einmal ein wenig Jean Pauls Familie vorgestellt, seine Ehefrau Karoline, wie er sie kennenlernte, seine Kinder, und wie sie hier alle zusammen lebten:

Die Treppe zum Ehebette

 

Jean Pauls erotische Flegeljahre endeten in einer bürgerlichen Ehe.

Die Erotische Akademie in Hof mit ihren empfindsamen Harmlosigkeiten war mit zunehmender Prominenz des Junggesellen von den Titaniden abgelöst worden. Was immer er auch für sein Werk daraus gewann, die Verehrerinnen meist adligen Geblütes (Charlotte von Kalb, Emilie von Berlepsch, Gräfin Henriette von Schlabrendorff u.a.) mussten auf die Dauer lästig fallen. Freilich hat sie Jean Paul genug genossen, dadurch aber auch eine prekäre Mischung aus Gehemmtheit und Koketterie überwunden ...

1801 heiratete Jean Paul die so geistig rege wie bürgerlich solide Karoline Mayer. Der 38jährige entschied sich für Bürgerlichkeit und Sesshaftigkeit.

 

Manfred Eger (1981)

Die Gattin: Karoline Mayer

 

Jean Pauls Frau Friederike Leopoldine Karoline Mayer, Tochter des Obertribunalrats (Gerichtsbeisitzers) Johann Siegfried Mayer, wurde 1777 geboren. Sie war also 14 Jahre jünger als der Dichter. Er lernte sie und ihre beiden Schwestern Mitte 1800 in Berlin kennen. Noch im November verlobte er sich mit ihr, nachdem sie eine frühere Verlobung gelöst hatte, und schon am 27. Mai 1801 fand in Berlin die Hochzeit statt: "Einzige! Endlich hat mein Herz ein Herz!"

 

Karoline Richter verehrte zunächst ihren Mann als "gottähnlichsten Mann", der ihr je begegnet sei.

1802 bis 1804 kamen ihre drei Kinder zur Welt, im regelmäßigen Jahresrhythmus: Emma, Max und Odilie.

 

Später kühlte sich das Verhältnis der Eheleute merklich ab, so dass Jean Paul sogar an Scheidung dachte. Sie beklagte sich über seine Erziehungmethoden und seine Abwesenheiten, ihn störte ihr hausfraulicher Ordnungssinn. Aber, so Jean Paul:

"Iß ordentlich und trinke Bier, damit du blühest." in den 12 Punkten, die er ihr auf Reisen hinterließ.

"Die eheliche Liebe erhält sich unter der Schneedecke der ehelichen Zänke ganz warm."

 

Karoline sollte ihn um 35 Jahre überleben. Sie blieb bis 1850 in der alten Wohnung in Bayreuth und starb mit 83 Jahren im Jahr 1860 in München, wo auch ihre verheirateten Töchter lebten, nach dem der Sohn Max bereits 1821 mit 17 Jahren gestorben war.

August Lewald (1816) erzählte: "Seine liebenswürdige, geistreiche Frau Frau schätzte er sehr. 'Sie hat mehr Verstand als ich', sagte er mir einmal."

Was die Kinder erlebten ...

 

"Er hatte allerlei Tiere, die er zähmte; einmal Mäuse; dann eine große Kreuzspinne, die er in einen pappenen Schachteldeckel sperrte, über den er ein Fensterglas geklebt. Unten hatte er ein Türchen von Papier gemacht, durch das er sorgfältig Futterfliegen hineinließ. Im Herbst sammelte er für seine Laubfrösche und für die Spinne Winternahrung. Gering hat er gar nichts geachtet.

 

Wie er von jedem Menschen, er mochte noch so unbedeutend scheinen, zu lernen wußte, so ließ er auch kein Bindfadenendchen, Glasstückchen, keinen abgebrochenen Korkstöpsel usw. liegen. Was er der Art fand, trug er in seine 'Lumpenschachtel'.

'Ich bin doch neugierig, wozu ich das gebrauchen werde', sagte er, wenn er wieder etwas Weggeworfnes fand. Schmerzlich war ihm der Gedanke des bloßen Untergangs, am meisten wenn es Menschenarbeit war. Er verbrannte keinen Brief, ja die unbedeutendsten Zettel hob er auf.

 

So hat er sogar dicke Bücher mit den Einfällen, Redensarten und Gewohnheiten von uns Kindern vollgeschrieben. Den Kindern war jeder Scherz erlaubt; oft baten wir: 'Vater tanz' einmal', dann machte er einige Sprünge. Oder er mußte französisch reden, wobei er besondern Wert auf die Nasenlaute legte, die niemand so gut ausspräche als er; es klang kurios. In der Dämmerstunde erzählte er uns früher Märchen oder sprach von Gott, von der Welt, dem Großvater und vielen herrlichen Dingen."

 

Aus den Erinnerungen der Tochter Emma

... und was die Besucher sahen

 

"Gegen Abend traf ich ihn bei guter Laune in einem ziemlich eleganten Hause, umgeben mit Frau (einer echten Berlinerin) und zwei ungezogenen artigen Mädchen; sein abgenutzter Überrock war ehedem blau und sonst, wie auch das Hemd auf der Brust, nicht eben rein zu nennen, seine Rockschlippen unter dem Kragen waren Nadelkisschen, denn wohl sechzig Nadeln konnte man hier eingesteckt zählen, wahrscheinlich zum Festheften der Papierstücke."

 

Ferdinand Grimm (1815 in einem Brief an Jakob und Wilhelm Grimm)

 

 

"Das Arbeitszimmer ist klein und so vollgekramt, daß nur ein Gang in der Mitte bleibt, wo zwei Menschen gehen können. An der Wand links zwischen Ofen und Tür steht ein Bücherschrank, in dem die Bücher durch- und aufeinander liegen, als seien sie in Jahren nicht in der Hand eines Lesers gewesen. Am Fenster, der Tür gegenüber, ist ein großer Tisch, der mit Papieren und Büchern und Weingläsern bekramt ist. Am Tisch steht ein Kanapee statt eines Stuhles, so sonderbar gestellt, daß man nicht anders hinzukann, als wenn man über den Tisch wegsteigt, denn dicht an der einen Seite des Tisches lehnt sich ein zweiter Bücherschrank, worin eine große Menge Exzerpte liegen und mehrere Bücher [...]

Nun denke man sich das kleine Zimmer kaum zehn Schritte lang, worin wir uns im Kreise herumdrehten."

 

Aus dem Reisetagebuch des kurländischen Arztes Karl Bursy (1816)

 

 

"Jean Paul hat sich itzt einen trefflichen Flügel von Dresden kommen lassen, dies wird ihn zum großen Kompositeur noch machen, letzt phantasierte er über 1 1/2 Stunde, daß mir Hören und Sehen geradezu verging."

 

Henriette von Knebel (1818)

Endlich ein eigener Garten!

 

Das schönste aber, das Jean Paul mit dieser Wohnung zuteil wurde, war ein eigener Garten. Dort gibt es auch einen eisernen Hofzaun zur Straße hin. Hierzu erzählt Hausser vorab ein lustiges Geschichtchen:

 

"... Und an dieser Brüstung, so erzählt man, sei Jean Paul eines Abends schon bei Dunkelheit gestanden, von der Harmonie (Gesellschaft Harmonie e.V., eine Art Club könnte man sagen, wo man sich traf, trank, speiste, diskutierte oder Veranstaltungen besuchte) oder sonstwoher, des guten Bieres voll heimkehrend, nicht willens, seine Not noch zwei Treppen hinaufzutragen. Da sei ein Bayreuther Bürger vorbeigekommen, der die dunkle Gestalt nicht erkannte, und nur das Plätschern vernahm, und habe entrüstet ausgerufen: Pfui! Ausgerechnet am Hause Jean Pauls ... . ..."

 

Über Jean Pauls Liebe zu diesem Garten ist Philipp Hausser sehr gerührt:

"... Und im Goethe-Schiller-Archiv in Weimar befindet sich Jean Pauls Brief vom 13. Mai 1822 an seine Frau mit einer so reizvollen Stelle, daß ich mir eine Photokopie davon besorgt habe:

'Aber im Ganzen fehlt mir doch manche Traum-Erfüllung und ein Schwabachers Garten u. meine Seele ermattet unter der Menge durch die Fernen. --'

Man wird mir nachsehen, daß mir diese Briefstelle immer wieder besondere Freunde macht und mir den Schweiß versüßt, den ich heute in diesem Garten Sommer für Sommer vergieße. ' ..."

 

Und weiter hinten:

"... In der 'Festgabe', einer Broschüre, die zu Jean Pauls 100. Geburtstag 1863 erschienen ist, kann man über den Garten lesen:

'Ein an das Haus grenzender Garten mit einer künstlichen Laube bot dem Dichter Gelegenheit, sich von Zeit zu Zeit von seinen anstrengenden Studien zu erholen.

In solchen Erholungsstunden versammelte dann Jean Paul seine Familie in der schattigen Laube um sich und erzählte; oder er sprang mit den Kindern oft sogar auf allen vieren im Garten herum, sich zu allerlei mutwilligen Scherzen gebrauchen zu lassen und mitspielend, als ob er selbst noch ein Kind wäre. Im Hause selbst erinnert heute nichts mehr an Jean Paul. Die Zimmer, die derselbe bei Lebzeiten bewohnte, sind gegenwärtig anderweitig vermietet und nur die Laube, der Lieblingsplatz Jean Pauls im anstoßenden Garten ist noch in demselben Zustand wie früher...' ..."

 

Weiter heißt es auf der Stationstafel 123:

Ein eigener Hausgarten

 

Jean Paul zog mit seiner Familie 1813 in dieses Haus, nachdem er im Streit mit dem Vermieter die letzte Wohnung in der Maximilianstraße (Maxstraße) verlassen hatte.

Das Haus war nicht nur Teil der herrschaftlichen barocken Friedrichstraße, in der ja auch sein Freund Emanuel wohnte und die ihn schon früh (im Vergleich zum "Gassengedärm" Nürnbergs) begeistert:

"Keine Straße ist so breit und lang wie die Friedrichstraße."

 

Als besonders vorteilhaft empfand er die Tatsache, dass das neue Haus einen Garten besaß, den er vom Arbeitszimmer aus sah und den er benutzen durfte. Niemals zuvor war er Mieter in einem Gebäude gewesen, zu dem ein Garten gehörte.

Schwabachers Garten gab ihm in den letzten Jahren das Gefühl, auch innerhalb der Maueren einer Stadt die Natur genießen zu können, die er nicht nur als Naturliebhaber, auch als Schriftsteller benötigte.

 

So arbeitete oder saß er oft in seiner Cornelikirschenlaube (von der sich Insekten fernhalten), während in den Bäumen Äolsharfen hingen, durch die der Wind fuhr und "romantische" Klänge verursachte, die den Dichter inspirierten.

Der alte Pumpbrunnen mit seinem Steintrog hier an der Mauer diente ihm als Hundebad und die Kinder genossen den Garten auch. Der Garten, schrieb er, sei "besser für meine Lunge und meinen Kopf als jede Arznei."

 

Vielleicht ist dies alles der Grund, wieso Jean Paul 12 Jahre lang hier lebte - länger als in jeder anderen seiner Bayreuther Wohnungen - und auch hier starb.

Haus- und Gartenplan des Schwabacher Hauses, aus Philipp Hausser "Geschichte eines Hauses"
Haus- und Gartenplan des Schwabacher Hauses, aus Philipp Hausser "Geschichte eines Hauses"

Anhand der Fotos, die wir im Garten machen durften, ahnt man eine Ähnlichkeit zu Haussers Plan und freut sich mit den Gedanken, da ist ja fast noch alles wie früher!? So manches lässt sich wieder erkennen ...

Auch wenn es nur trübe Herbstbilder sind, die wir heute einsammeln konnten, so spürt man doch den ganzen Charme eines so geliebten Gartens, durch man man wandeln kann wie durch einen Park.

Von Ebene zu Ebene kann man über steinerne Stufen steigen. Man könnte sich gegenseitig zuwinken, von hier nach dort, wie schön.

Hier also lebte Jean Paul bis zu seinem Tod am 14. November 1825.

 

Zehn Jahre zuvor, 1815, übernimmt der bayerische Staat seine jährliche Pensionszahlung. 1816 heiratet sein Freund Emanuel, der bislang ewige Junggeselle, Flora Benda aus München und Jean Paul lernt Heinrich Voß kennen, zunächst nur brieflich. Sie werden innigliche Freunde. Im selben Jahr noch stirbt Jean Pauls verarmter und "umherirrender" Bruder Adam. Er begräbt ihn im nahe gelegenen Meiernberg. 1817 wird Jean Paul in Heidelberg auf Initiative von Heinrich Voß die Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg verliehen. "Jean Paul wir gefeiert wie niemals zuvor." (Hausser) Hegel selbst überreicht die Ehrenurkunde, es gibt eine Lustfahrt auf dem Neckar mit Studenten, unter ihnen der schwedische Kronprinz, und zu seinen Ehren einen Fackelzug.

 

1818 besteht sein Sohn Max das Gymnasialexamen mit einer Schulprämie. Dafür wird dem früheren "Zwergpackträger" (so nannte Jean Paul seine Kinder auch, wenn sie kleine Briefchen über die Straße zu Emanuel brachten) erlaubt, in der Kutsche Briefe und Zeitungen nach Emanuels Gut in Weiher, das bei Hollfeld liegt, zu bringen. Zu Jean Pauls Leid verbrachte sein Freund oft den ganzen Sommer auf seinem neuerworbenen Gut.

Im Jahr 1820 wird Jean Paul Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie.

1821 wird sein Sohn Max sterben und 1822 sein Freund Heinrich Voß. Jean Paul wird viele Reisen unternehmen, nach Mannheim, Mainz, Wiesbaden, Worms, Stuttgart, München, Frankfurt, Nürnberg, Erlangen, Dresden und 1819 nach Löbichau auf Einladung von Herzogin Dorothea von Kurland, um dort ihren legendären literarischen Salons beizuwohnen.

 

Jean Paul besaß nie Grund und Haus, zeit seines Lebens blieb er Mieter.

 

Er wird sich mit seiner Frau Karoline immer wieder streiten, immer wieder geht es eigentlich nur um verletzte Gefühle, um Ordnung und Sauberkeit, Kindererziehung und andere Alltäglichkeiten. Beide leiden. In Heidelberg wird sich Jean Paul noch in eine sehr junge gewisse Sophie Paulus verlieben. Aber alles nur in Gedanken. Darüber wird er einen Aufsatz schreiben "Über das Immergrün unserer Gefühle", der zur Lieblingslektüre des Biedermeier wird.

 

Dann kehrt Jean Paul für immer zu seiner Familie zurück. Er weiß, was sein Zuhause, seine Schreibstube, sein Garten, die gemeinsamen Mahlzeiten, seine Familie und die Treue zu ihr wert sind. An Karoline schreibt er voller Sehnsucht:

"... 'An  meinem Herzen waren viele; in ihm warst, und bleibst nur Du, - und so traue mir denn durch die kleine Zeit meines Lebens gar hindurch.'

Oder ...

'... alle Zimmer lachen, sogar die Küche. Seit Jahren war ich nicht mehr so häuslich seelig.'

Oder ...

'Ach wahrlich, wir sollten diese Freuden eines noch unzerbrochenen Kreises höher halten und genießen. Wie lange währt es, so zieht Max fort! Allmählich ziehen ihm die andern nach und dann sitzen wir beide allein da und zuletzt Du ganz allein! Ach laßt uns lieben, so lange noch Zeit zu lieben ist ...' ..."

(Hausser)

Jahre später ...

 

Karoline Richter wohnte nach Jean Pauls Tod 1825 noch weitere 25 Jahre in der dann verkleinerten Wohnung im Schwabacher Haus. 1850 zog sie zu ihren Töchtern Emma und Odile nach München. Beide hatten geheiratet und Kinder bekommen. Karoline starb dort 1860.

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