27. Leben und Sterben in Bayreuth – Umzugsmarathon

Bücher von Dr. Philipp Hausser: Jean Paul und Bayreuth
Bayreuth – Maxstraße – Vorstadt Dürschnitz – Stein(Kulmbacher)straße – Friedrichstraße 10 – Friedrichstraße 5

Bayreuth – Maxstraße – Friedrichstraße 5


Den kompletten Verlauf des Jean-Paul-Wegs finden Sie hier: Literaturportal Bayern

Siehe auch: Historische Innenstadt von Bayreuth

Wenn man die moderne Welt weglassen könnte, die Asphaltstraßen, die Autobahnen, die Gewerbegebiete, die Windräder, die Strommasten, alles, dann würde die Landschaft und das Städtchen Bayreuth einem total lieblich er­scheinen. Dann wäre auch die Aussicht von der A 9 auf dem Bindlacher Berg hinunter ins Tal auf die Ebene von Bayreuth, genau so erhebend, wie es wohl der junge Jean Paul bei seiner ersten Ankunft erlebt hatte. Wie ein hin­reißendes Idyll musste ihm Bayreuth und sein Ländchen anmuten. Ihm, der vom kargen, kalten Hof, das ohne Schloss und Park war, hinunterreiste in die Offenbarung dessen, was alles in dieser Welt möglich sein konnte.

 

Aus Dr. Philipp Hausser zum Bayreuth der damaligen Zeit:

… Jean Paul zog sich in eine Stadt zurück, die sich […] geschlossen und mit zarten Konturen auf des Dichters »grünangestrichenem Präsentierteller« darbot. Nirgends ein Klettern zum Tellerrand hinauf. Dort lagen vielmehr eigenständige, kleine Gemeinden, durch den Wechsel von ziegelroten und schiefer- oder schindelgrauen Dächern das sie umschließende vielfältige Grün belebend, von Kirchtürmen inmitten, die trotz ihrer Gedrungenheit noch alles überragten und in den Himmel wiesen. Die Stadt selbst hatte sich ihren Mauergürtel bewahrt, der Stadtgraben davor war in Gärten oder Promenaden verwandelt, das Wasser, wie in der Dammallee, in hübschen, baumbestandenen Teichen gesammelt. […]

 

Unmittelbar geöffnet hatte sich der gotische Stadtkern nur nach Osten zu einer harmonisch mit dem Alten sich verbindenden barocken Neustadt mit den Prachtstraßen der Friedrichstraße und entlang dem Neuen Schloß. Dessen Hofgarten wiederum war nur ein Landschaftsfinger aus der Stadt in die Weite.

Bayreuth übertraf an Größe Weimar, Meiningen und Coburg, von anderen Kleinresidenzen zu schweigen, die Jean Paul (später) besucht hatte. Dabei zählte es kaum zehntausend Bewohner in wenig mehr als achthundert Häusern. Diese, soweit nicht im mittelalterlichen Mauerring gelegen, zeigten durch vielfache Verwendung des Hartmannsreuther Sandsteins nicht nur Details, sondern für ganze Fronten, großzügige Würde und Schönheit, so daß sie alles übertrafen, was Jean Paul bisher an Häusern gesehen haben mag. […]

 

Neben solchen selbstbewußten Bürgerhäusern standen das Neue Schloß, aber auch Wilhelminens Opernhaus, das Reithaus, …

Bayreuth um 1830 – Stahlstich von Ludwig Richter
Bayreuth um 1830 – Stahlstich von Ludwig Richter

Renate Wirth, der junge Verheißungsengel in Bayreuth

Kommen wir zu Jean Pauls Freundin Renate Wirth – aus Hof. Sie brachte Jean Paul dazu, nach Bayreuth zu reisen und dass er sich in alles hier verliebte. Renate Wirth war eine sehr gute Freundin des jungen Dichters. Sie schrieben sich gerne und viel und Flirt war wohl auch mit im Spiel. Die Jugendliche hatte Verwandtschaft in Bayreuth, weswegen sie sich dort häufig und lange aufhielt, was Jean Paul bewog, die Gelegenheit zu nutzen und auch nach Bayreuth zu wandern, meist zu wandern, statt mit der Kutsche zu fahren. So konnte er dem engen Hof entfliehen.

 

Bei Dr. Philipp Hausser »Jean Paul und Bayreuth« heißt es:

… Im März 1790, schon mit der Arbeit an der »Unsichtbare Loge« beschäftigt, geht Jean Paul, wiederum als Hauslehrer, nach Schwarzenbach an der Saale, um die Kinder einiger Bürger zu erziehen.

Von Bayreuth ist in diesen Jahren kaum die Rede. Es lag weit, weit im Süden, und von jenem Ausflug hoch zu Roß 1781 dürfte kaum eine nachhaltige Erinnerung verblieben gewesen sein. Die Stadt wird von Jean Paul nur zuweilen in recht realer Weise erwähnt, wenn er von einer dort stattfindenden Lotterie hört, über den Buchhandel klagt oder die Mutter bei einem Geldwechsel berät. Da taucht in der Schwarzenbacher Hauslehrerzeit 1790 neben anderen, meist flüchtig wie in bengalischem Licht auftretenden Mädchen, eine neue Freundin auf, Renate Wirth. Zart, warm, gescheit, knapp 15 Jahre alt, war sie nun so erblüht, daß sie Richters herzlichtes Interesse weckte und er sie und ihre Eltern – der Vater war Postmeister in Hof – längst gekannt hatte. Später wird man diese junge Hoferin als die Frau ansprechen, die neben Charlotte von Kalb von allen Frauen auf Jean Pauls Entwicklung den größten Einfluß ausgeübt hat. Durch Renate wird Richters Blick mit einem Mal wieder auf Bayreuth gelenkt. …

 

Anmerkung zu Charlotte von Kalb: Sie war deutsche Schriftstellerin und Freundin Jean Pauls. Sie wollte sich gerne mit ihm verloben – übrigens auch mit Schiller. Jean Paul konnte seine Verlobung mit ihr gerade noch abwehren.

 

Renates Mutter, eine Frau Postmeisterin, war die Tochter des Geheimen Hofkammerrats Seidel aus Bayreuth. Die Postmeisterin besuchte, begleitet von ihren Töchtern und Christian Otto, mit Wagen und Rössern den jungen, angehenden Dichter in Schwarzenbach zu Kirchweihen und Tänzchen. Jean Paul und Renate, sie damals 15-jähig, waren sich sehr nah. Renate reiste immer wieder zu ihrer Tante nach Bayreuth, blieb dort eine Weile und führte einen regen Briefverkehr mit Jean Paul. Natürlich erzählte sie darin von dem schönen Städtchen, den Menschen dort, den Stelldicheins und von der Eremitage:

… Renate war alljährlich mehrmals bei der Bayreuther Verwandtschaft zu Besuch und dort fast mehr zu Hause, sicher aber glücklicher als in Hof. Als das Mädchen wieder mit der Postmeisterin bei der Bayreuther Tante verweilte, suchte Jean Paul, der allwöchentlich einmal von Schwarzenbach nach Hof zu seiner Mutter und den Brüdern wanderte, die Freundin in Gedanken in Bayreuth, erinnerte sich ihrer Erzählungen von Stadt und Gegend, der Eremitage […] und begann in gewohntem Überschwang sein Elysium aufzubauen mit Renate mittendrin. Da diese ihm von Bayreuth nicht geschrieben hatte, neckte er die nach Hof Zurückgekehrte: »Da sie mir aus Bayreuth in ihren Freuden und Seeligen schrieben …« und fügte einen Brief an, als schriebe Renate an ihn aus Bayreuth, worin er ihr und ihrer Mutter erdachtes Verhalten in der besuchten Stadt schildert. Gegen Ende heißt es:

(Jetzt folgt der Text von Stationstafel 121)  

»O du geliebtes Baireut, in das ich wie in einen Himmel fuhr und in dem ich jede Minute verschlang, aus Furcht, sie fliege ungenossen vorüber – besuche mich in meinen Hofer Träumen und spiegle dich in ihnen mit deinen Gegenden und Einwohnern ab wie der Himmel im klaren Bach …«

 

Diese Form der Begeisterung, die sich an einer Person emporrankt und dabei die ganze Umgebung mitverklärt, wird man bei dem Dichter immer wieder finden. Hier wurde Bayreuth nebenbei beschenkt. …

Dr. Philipp Hausser

 

Renate hatte ihm von der Eremitage vorgeschwärmt und Jean Paul greift alles auf:

… Die Eremitage mit den Klausner-Häuschen, die Jean Paul noch gar nicht kannte, hatte – wohl nach den Erzählungen der Freundin – so viel Eindruck gemacht, daß sie in dem Roman schon erwähnt worden war …

Dr. Philipp Hausser

 

Dann, ab 1792, war Jean Paul immer wieder in Bayreuth, manchmal nur kurz. Oft waren seine Reisen aber umrankt von traurigen Ereignissen. Sein Freund Christian Oerthel stirbt an Blattern. Doch Jean Paul wird neue Freunde finden. Und gerade durch Renate Wirth. 

… sie war es, die Jean Paul in seinen entscheidenden Jahren – er arbeitete an der Vollendung des »Hesperus« – immer wieder auf Bayreuth hinwies, durch ihre zahlreichen Verbindungen zu der Stadt seine eigenen aufbauen half und den aus der Hofer Gegend elementar Wegdrängenden unbewußt in die Lichte der ehemaligen Residenzstadt trieb …

Dr. Philipp Hausser

Renate Wirth ist auch der Verheißungsengel neuer, immerwährender Freundschaft

… So kam der Dichter schon bei seinem nächsten Bayreuther Besuch schon Anfang September 1793 auch zu dem Mann, mit dem Renate von ihren Bayreuther Aufenthalten her gut bekannt war und der neben Christian Otto Jean Pauls engster Freund werden und ihn nicht zuletzt zeitlebens an Bayreuth fesseln sollte: Emanuel, der später auf Richters Betreiben den Zunamen Osmund annahm. 

Er war 1766 in Altenkunstadt geboren, …

Dr. Philipp Hausser

 

Emanuel brachte es vom Hausierer zum reichen Handelsherren und Bankier. Mehr über Emanuel Ostmund.

Der neue Freund Emanuel Osmund in Bayreuth

.… Er wohnte in der Friedrichstraße (wahrscheinlich Friedrichstraße 6 oder 8; ganz sicher läßt es sich nicht ermitteln). Schon als junger Mann zeigte er nicht nur nach dem Urteil Jean Pauls außerordentlichen Anstand und Würde in Erscheinung und Handlungsweise und es liegt nahe, daß gerade dies im Zusammenhang mit dem orthodoxen Judentum (dem er bis an sein Ende anhing) 1792 zu einer schweren Mißhandlung durch zwei Offiziere geführt hatte, wodurch Emanuel zeitlebens schwerhörig und zum Gebrauch eines Hörrohres gezwungen war. […] Seine (Emanuels) Briefe, zumal wenn er zu Dritten von Jean Paul spricht, berühren gerade dadurch so angenehm, daß ihnen der Richterische Überschwang gänzlich fehlt. Geschickt in allen praktischen Dingen des Lebens und als freundschaftlicher Helfer immer zweckvoll bemüht, war er dabei sehr belesen, an Philosophie interes­siert und vor allem […] von gesundem Menschenverstand erfüllt. Christian Otto hingegen, als Schriftsteller auch von Jean Paul freundschaftlich über­schätzt, […] Auch er war nach Bayreuth gezogen, als sich Richter 1804 endgültig in der Stadt niederließ. Beide Freunde bildeten mit dem Dichter eine Art Dreieinig­keit, zu der sich andere nur im Abstand von Heiligengestalten gesellten. […]

 

Im September 1793 also schreibt Jean Paul aus Bayreuth an Renate:

»Es gießet der Himmel jetzt, und meine Feder solls auch so machen. Der ganze Tag steht vor mir hin mit lauter Visitten wie mit Trachten besetzt – Es ist nichts Schöners als so (wie ichs mache) zur Thüre hineinfahren – die Person zum ersten mal sehen – ihr einen geliebten Brief hingeben – in drei Minuten bekannt werden – in fünf Minuten lustig werden – und in achten verliebt – – […]

 

(Und hier folgt weiter der Text von der Stationstafel 121)

Du liebes Baireut, auf einem so schön gearbeiteten, so grün angestrichenen Präsentierteller von Gegend einem dargeboten, man sollte sich einbohren in dich, um nimmer heraus zu können – …

Ich schreibe so lange es regnet, damit ich mich um den ganzen Himmel nicht scheere und meine Heiterkeit ohne die seinige behalte. – – Gestern ging ich unter Finsternis, Regen und Musik der Vogelschützen-Armee zum guten, guten – – – Mandel [Emanuel]! …

Unser theuerer Mandel hört ohne Hörrohr, wenigstens mein Sprachrohr, und braucht die Krücke wie wir den Stock, zu nichts. Er ist kein Jude, sondern ein Philosoph – und den Offizieren hätte man in ihrer Jugend so viel Verstand ein­prügeln sollen als sie ihm ausprügelten. Diese schöne Seele sollte nichts feil haben als – Wahrheiten … […] Wir disputierten fast blos – ich konnte gar nicht fort – ein alter Jude mit einem Barte so lange wie ein Kometenschwanz kam dazu und sprach dazu recht gut – Sein erstes Wort klang Renata – Seine edle Wärme für Sie ist so groß, daß ich nicht weiß, welches schöner ist, die Wärme zu empfinden wie er oder zu verdienen wie Sie …« […]

Der Grundstein für Jean Pauls Bayreuth-Liebe war gelegt. Mit Renate kommt es in den nachfolgenden Monaten zu Eifersüchteleien. Der Dichter dachte in jenen Jahren an keine dauernde Verbindung, und Renate heiratete schließlich Christoph Otto, einen Bruder des Freundes Christian, was Richters Zuneigung zu der jungen Frau nicht lähmte. …

Dr. Philipp Hausser

 

Soweit mein erster kleiner Ausflug in die mit Jean-Paul-Geschichten prallgefüllten »Hausserschen Bücher«.

Die »Hausserschen Bücher«
Die »Hausserschen Bücher«

Jean Paul kannte seinen besten Freund Emanuel Osmund also schon lange bevor er 1804 selbst mit seiner Frau Karoline, seiner Tochter Emma und dem Sohn Max, nach Bayreuth zog. Emanuel war es, der ihm bei der Suche nach einer passenden Wohnung behilflich war, und der großes Verständnis für seine Bierliebe aufbrachte, denn er organisierte bislang die aufwendigen Biertransporte dorthin, wo Jean Paul vorher wohnte, wie nach Meiningen oder Coburg.

 

Osmund wohnte in der Friedrichstraße 6 oder 8 und Jean Paul erst später, nach mehreren Umzügen innerhalb der Stadt, von 1808 bis 1811 in der Nr. 10. Sie waren Nachbarn und schrieben sich täglich kleine Briefchen, manchmal sogar mehrmals am Tag.

 

Im Haus Friedrichstraße 10 befindet sich heute das Restaurant »Herpichs«, dessen Küchenchef sich ganz und gar auf den früheren und berühmten Mieter Jean Paul eingelassen hat. Man siehts an den angebotenen Speisen und Ge­tränken. Es gibt Jean Pauls »Schichtbierfleisch«, »Luftschiffer Giannozzos Glas­pralines mit Poetenschnittchen« und »süffiges Braunbier vom Fass«. Im ersten Stock wurden Jean Pauls ehemalige Wohnräume nach strengen Denkmal­schutz­auflagen renoviert. Man kann sie für private Feiern anmieten.

Auf dem Jean-Paul-Weg in der Friedrichstraße 10 in Bayreuth – Stationstafel 122 »Jean Paul und sein Kardinalfreund«
Auf dem Jean-Paul-Weg in der Friedrichstraße 10 in Bayreuth – Stationstafel 122 »Jean Paul und sein Kardinalfreund«

Vor dem Haus empfängt Stationstafel 122 alle Gäste: 

Jean Paul und sein Kardinalfreund

Emanuel Osmund

 

Schon lange bevor Jean Paul nach Bayreuth zog, lernte er 1793 den besten Freund seines Lebens kennen, der selber u. a. in der Friedrichstraße 8 wohnte, während Jean Paul 1808‒1811 hier in Haus Nr. 10 und 1813‒1825 in der Friedrichstraße 5 in seiner Nähe blieb. 

Emanuel Samuel (später Osmund, geb. 1766 in Altenkunstadt, gest. 1842 in Bay­reuth) war gläubiger Jude und erfolgreicher Kaufmann und Bankier – und als Herzensfreund ein Mensch, der viele Wünsche des Dichters erfüllte, etwa zahlreiche Bierlieferungen. Antisemitismus gab es damals schon und so wurde er 1792 von zwei Bayreuther Offizieren misshandelt und blieb von da an schwerhörig.

 

Eine solche Seelenfreundschaft zwischen Christ und Jude war also eine Seltenheit. Die Freundin Charlotte von Kalb wünschte, dass alle Christen wie dieser Jude seien. 1813, als die bayerischen Juden per Gesetz Nachnamen vorweisen mussten, suchte Jean Paul seinem Freund den Nachnamen »Osmund« aus dem Lexikon heraus, worüber dieser sich mokierte: »Kann ich nur das Maul zur rechten Zeit halten, so werden mir meine zwei Munde nichts schaden, umso weniger, als unser Richter mir diesen Namen gegeben.«

Und hier Jean Paul im Zitat:

 

Ich und Sie gehören zusammen – unsere Bekanntschaft ist kurz, aber unsere Ver­wandtschaft ewig. 

30.10.1794

 

Was mir an Ihrem Tagebuche außer dem philosophierenden Geiste darin so wohltat, ist Ihre Toleranz mit allen Menschen, mit ihren Schwächen, mit fremden Schlägen, mit eigenen Schmerzen. 

9.2.1795

 

Ich wünschte mir, Sie teilten statt einzelner Samenperlen Ihrer Rabbinen eine ganze Halsschnur in Druckpapier eingewickelt zu. Leider hab ich mehr über die Juden gelesen als von den Juden gelesen … Ich beklag es, daß ich die Unterdrückten fast bloß aus dem Mund der Unterdrücker kenne … 

3. und 15.4. 1795

 

Ihnen habe ich nicht bloß Freuden, sondern auch Menschen zu danken. Möge auch Ihnen der Himmel immer beide geben, da sie mit einer Wärme lieben, die zu gut ist für die aus Eisbergen gehauenen Menschenstatuen um uns her. 

5.5.1795

 

Sie bleiben mein und ich Ihr mit frohen Flügeln über den Eckstein des Lebens wegflatternder Freund. 

11.7.1795

 

Möge Gott Ihnen von den Freuden, die Sie andern geben und wünschen, recht viele in Ihr Herz zurückkehren lassen … Meine ganze Seele liebt Sie unveränderlich, heiß, fest und ewig! 

26.6.1813

Seit dem Kennlernen geht es zwischen den Freunden ständig hin und her. Nach der Hochzeit 1801 zieht Jean Paul mit seiner Frau Karoline nach Mei­nin­gen, dort bekommen sie ihr erstens Kind, Tochter Emma. 1803 ziehen sie nach Co­burg und Sohn Max wird geboren. Als Jean Pauls Entschluss feststeht, in die Nähe der Freunde Emanuel und Otto und der Quelle des guten Bieres zu ziehen, können alle Parteien den Umzug kaum mehr erwarten.

Bayreuth und Bier, ich komme!

Bei Dr. Philipp Hausser ist zu lesen:

… Die Ankunft einer der letzten Bierfuhren aus Bayreuth weckt neben Entzücken sogar gute Vorsätze: »Aber bin ich nur einmal in Bayreuth: so soll ein ganz anderes Mäßigkeits-System anfangen. Himmel, wie werd’ ich trinken, und doch mäßig! – «

 

Beide Freunde bieten Bayreuther Wohnungen an. Emanuels Logis mit dem Garten will er wählen. Dann gefällt ihm ein Mansarden-Quartier am Main besser, wenn keine Stubenmauer darin schief und es unter dem Dache nicht zu heiß sei. Niedliche, lichte, lustige Zimmer wie in Meiningen will er haben. Aber nur mieten, nur zu, wenn man vom Fenster aus Berge sehe! So schnell finden die Freunde nichts Passendes. Sie kennen den Mieter, der dann in Bayreuth siebenmal umziehen soll. Richter mahnt, er müsse am 1. August – wo nach der alten Sage der Teufel vom Him­mel gefallen sei – das Quartier beziehen, das man ihm leider noch nicht habe machen können. Man schreibt schon den 21. Juni.

 

»Lieber Emanuel! und Hiob! Die Hiobspost des Logis martert Sie und mich. Ich bleibe nicht hier und sollte mich die Noth nach Nürnberg oder Erlang[en] jagen. Könnte man denn auf meine Kosten die Frage ins Zeitungsblatt inserieren? Thuts! – Eine Magd – bei Gott, es ist zu arg – brauchen wir auch; da die Mutter ihre herr­liche Tochter mit einem Madonnengesicht … und mit einem durchaus vollendeten Betragen nicht mitziehen lässet.«

 

»Ich bitt’ um Quartier«, fleht Richter am 26. Juni. Es wird höchste Zeit für eine Erlösung. Endlich am 21. Juli, kann sich Jean Paul erleichtert bei Emanuel bedanken:

»Lieber Alter! Nun ist denn alles ins Reine. Der Himmel gebe nur, daß wir Ihnen in Bayreuth nichts mehr zu machen brauchen als Vergnügen und sehr wenig Plage … Ich wollte, mir würde von der ehrsamen Bierbräumeisterei ein Deputatus mit einem Schleifkännchen entgegengeschickt auf halbem Weg, um mich zu empfangen, so lechz’ ich …«

 

Emanuel, voller Ungeduld seine Richters erwartend, bittet inständig um weitere Beschäftigung bis zur Ankunft:

»Brauchen Sie denn gar nichts, was man braucht? Caroline, sagen Sie!«

Natürlich benötigt man Emanuel. Er soll also Schränke mieten, eine Bettstelle für die Magd, für Richter selbst einen »elenden, altväterischen, mit einer Schublade versehenen« Schreib- und Schmiertisch. »Um Gottes Willen keinen verfluchten zarten Sekretär von Mahagony!« Er sei eben ein Möbelverächter, wobei er nur sein geschmackloses Kanapee ausnehme. Nach vier Wochen sei die Augenlust auch am schönsten Möbel vorüber. »Ich kenne nur ein geschmackvolles, immer erfrischendes, gut fourniertes Möbel, die sogenannte Natur oder Erde.«

 

Am 12. August werde man in Bayreuth ankommen. Was in Coburg leider zurückbleiben müsse, sei der schöne Tintentopf. »Das erste, was ich in Bayreuth mache, ist gute Dinte; nachher Karten und Besuche und Geld … Mögen wir uns fröhlich wiederfinden und niemals fröhlich trennen!« »Dann ists – Gott weiß, auf wie lange Zeit oder Ewigkeit – mit dem Briefstellen vorüber; und das Billetstellen (Briefchen oder Zettel schreiben) stellt sich ein.« …

 

So zauberhaft! Man kann sich den Richterschen-Osmundschen Kosmos gut vor­stellen. So war es also, als

… Jean Paul mit Familie und Spitz am 12. August (1804) gegen vier Uhr nachmittags in der Kutsche einfuhr, den Packwagen hinter sich …

Dr. Philipp Hausser

1804 – Jean Pauls 1. Wohnung in Bayreuth – Maxstraße 9

 … Jean Paul war in die älteste der drei damaligen Bayreuther Prachtstraßen gezogen, auf den Markt, in das Palais der Justizratswitwe Münch (jetzt Maxstraße 9). So begann und endete der Bayreuther Weg des Dichters in schönen Barockhäusern. …

Dr. Philipp Hausser

Bayreuth, Maxstraße 9 – Jean Pauls 1. Wohnung in Bayreuth, von 1804 bis 1805
Bayreuth, Maxstraße 9 – Jean Pauls 1. Wohnung in Bayreuth, von 1804 bis 1805

Jean Pauls Wohn-Chronologie folgend – anders als der Jean-Paul-Weg durch die Stadt führt – ziehe ich hier nun Stationstafel 124 vor:

Im herrschaftlichen Palais

 

Am 12. August 1804 zog der Dichter mit seiner hochschwangeren Frau Karoline Mayer, den Säuglingen Emma und Max und einem Spitz nach Bayreuth, zunächst in die Maxstraße 9, in das 1666 erbaute herrschaftliche Palais der Justizratswitwe Münch.

 

Hier bewohnte man sechs schöne hohe Zimmer und er zog sicher auch nach Bayreuth, weil hier seine beiden »Kardinalfreunde« Christian Otto und Emanuel Osmund wohnten, die ihm dieses Quartier vermittelt hatten. Für Bayreuth sprachen auch das gute Bier und die schöne Landschaft.

 

Schon am 13. August schrieb er an Emanuel: »An Sie die erste Zeile in Bayreuth! Guten Morgen! Ich hatte einen noch besseren, denn erst heute seh’ ich, wie herrlich mein Logis ist.«

 

Im November kam die zweite Tochter Odilie hier zur Welt und in diesem Haus entstanden immerhin der 4. Band des Romans »Flegeljahre« und Teile der großen pädagogischen Schrift »Levana«.

 

Dies sollte jedoch nur die erste seiner zahlreichen Bayreuther Wohnungen sein. Schon 1805 zog er hier wieder aus. Verschiedenen Versuchen, ihn für andere Städte zu erwärmen, stand er trotz der bis 1813 kriegsbedingten persönlichen Erschwernisse mit Einquartierung von französischen Soldaten ablehnend gegenüber, denn die Widrigkeiten hätten ihn auch andernorts erreicht. Frieden für längere Zeit fand er erst in der Friedrichstraße 5, im Haus der Bankiersfamilie Schwabacher, wo er von 1813 bis zu seinem Tod 1825 wohnte, Garten und Gartenlaube inklusive.

Insgesamt sollte Jean Paul siebenmal in Bayreuth umziehen.

 

Weiter bei Dr. Philipp Hausser:

… Karoline hatte der kleinen Kinder und ihres eigenen Zustandes wegen – der dritten Schwangerschaft – nicht höher als im ersten Stock wohnen wollen, und Emanuel hatte ihren Wunsch erfüllt, was die Verzögerung bei der Quartiersuche erklärt. Jean Pauls Bitte um Höhe und Blick auf Berge, um ein doppeltes Wolkenkuckucksheim, mußte da zurückstehen. Was an Möbeln brieflich erbeten war, wartete schon in den sechs hohen Zimmern und wurde durchs Mitgebrachte ergänzt. Alles muß in kärg­lichem Kontrast zu den hohen schönen Räumen gestanden haben. Karoline konnte sich auch außerhalb Jean Pauls armseliger Studierstube, die meist sogar ohne Vorhänge blieb, selbst in ihrem eigensten Reich gegen den Hofer Enge- und Bescheiden­heits­komplex, den der Dichter für seine Person nie verlor, nicht durchsetzen. Teppiche kannte man ohnehin kaum. Die Weichholzdielen waren bestenfalls gestrichen, Parkett fand man nur in Residenzen. Geschnitzte, geschweifte Möbel des Rokoko wurden auch in Deutschland, mit dem Louis-Seize-Stil als Vorboten, mehr und mehr von den glatten, etwas steifen Biedermeiermöbeln abgelöst. […].

Die Pracht eines Goethe-Hauses hatte Jean Paul regelrecht verschreckt; nicht einmal dem bescheidenen Schein von Wohlhabenheit in einem Schillerschen oder Wieland­schen Domizil mochte er sich nähern. Es gibt zahllose Berichte interessierter oder auch enttäuschter Besucher darüber. Die Enttäuschung betraf auch den oft be­spöttelten, nachlässigen Anzug, dem Richter nach den kleinen Mode-Eskapaden jüngerer Jahre treu blieb. Karoline mochte mahnen und flehen.

 

Natürlich mußten zunächst wieder Töpfe gekauft werden. Noch von Coburg aus hatte Jean Paul Emanuel über das zerbrechliche Gut geklagt: »Mich jammerte von jeher bei unseren Nomadenzügen nichts mehr als das Zurücklassen der schönsten Tiegel und Töpfe. Dem Himmel sei Dank, daß noch die Nachttöpfe von Zinn sind und zu transportieren.«

Eine Reise-Tintenfläschchen muß Richter noch mit nach Bayreuth genommen haben – das fleißig geübte Herstellen neuer Tinte, wegen deren kräftiger Farbe er sich immer wieder lobte, bedurfte einiger Wochen –; …

 

Am 14. November brennen in der Bayreuther Vorstadt mehrere Häuser ab, wor­­über Jean Paul sein tiefstes Mitgefühl für die immer mehr verarmenden Mieter ausdrückt. Wie auf Stationstafel 115 »Jean Paul und der Adel« bereits be­schrie­ben wurde.

Soviel Jammer!

Vieles ergibt sich nicht so, wie alle es erhofft hatten. Die Kinder werden krank, besonders die kleinste Tochter Odilie. Wo medizinische Hilfe holen? Und was wäre dann überhaupt die richtige Therapie? Jean Paul erwartet Zahlungen, die nicht eintreffen. Es gibt viel Streit mit Karoline und die Arbeit will auch nicht vorangehen. Und dann auch noch:

… Des Jammers ist kein Ende. Der alte, kranke Spitz des Dichters war blind ge­worden und verirrte sich, kam wieder und lief endgültig weg. Dazwischen kaufte Emanuel geschwind einen Kanarienvogel – »er singt himmlisch« – um den Freund von einem neuen Hund abzuhalten, weil er dachte: »Wer eine so liebenswürdige Karoline (die keinen Hund leiden kann), drei dergleichen Kinder und einen sin­genden Kanarienvogel hat, könnte wohl einen Spitz entbehren. Der Heinrich mußte aber gestern schon einen Spitz für zwei Gulden beschaffen. (P. S. der alte ist wieder da, also zwei.)« Die Gewöhnung an den neuen Hund fiel schwer. …

Dr. Philipp Hausser

 

Eigentlich der ganz normale Wahnsinn einer jungen Familie mit noch ganz kleinen Kindern. Gott sei Dank kann ihnen niemand etwas wirklich anhaben, denn sie haben Emanuel und die Billets:

… Aus den zahllosen Billets an Emanuel spricht die alte Herzlichkeit. Umgekehrt gehen immer Geschenke, die ersten Früchte, Blumenkörbchen an Karoline und die Kinder. Die Kleinen empfinden es gar als höchstes Glück, auf Emanuels Kanapee für ein paar Stunden abgeliefert zu werden. …

Dr. Philipp Hausser

 

Dann wird es Sommer 1805.

Ein für Jean Paul sehr wichtiger Besuch kündigt sich an ...

… Die Königin Luise kommt mit ihrem einsilbigen Friedrich Wilhelm nach Bayreuth und besucht die Luxburg bei Wunsiedel, die erst seither der Königin Namen trägt. Richter hat noch immer keine Pension, keinerlei Sicherung für die Familie. Man kann verstehen, daß er auf »strenge Ökonomie« halten muß. Minister Hardenberg, alter Bekannter aus der Berliner Zeit, begleitet die allerhöchsten Herrschaften. Das ganze Fürstentum ist in Aufregung, und auch Jean Paul beteiligt sich an den schier nachbarocken Huldigungsspielen, mit denen man das Paar in der Luxburg besingt, mit einem »Wechselgesang der Oreaden und Najaden«, der aus den Felsenklüften tönt. (In der 12. Etappe »Die große Ode« war schon da­r­über zu lesen)

 

Er hatte auch den Einfall gehabt, Thieriots (Paul Emil Thieriot, Violinist, Philologe und leicht versponnener Freund Jean Pauls) Geige dort tönen zu lassen, und wollte den Freund aus Offenbach holen, damit er den König »auf den zwei höchsten Bergen um Wonsiedel, die er samt Suite und Königin besteigt, mit einer wahren erhebenden Bergmusik … überraschen« könne. Durch Hardenberg könnt’ er alles so karten. Doch man mußte sich mit der Antwort begnügen, es sei kein Geld da, um Thieriot zu bezahlen.

 

Am Festtage wurde Jean Paul, der durch seine Aufgabe endlich wieder nach Wunsiedel gekommen war, nach der Mittagstafel durch Hardenberg dem König und der Königin präsentiert. Man kann sich ebenso vorstellen, was der amu­sische König beim Anblick des Dichters dachte, wie, daß er trotz der gütigen Königin (deren Hochzeitsgeschenk, ein silbernes Kaffee-Service [das übrigens die Ur-Ur-Enkelin Jean Pauls, Adele Metzner, 2010 dem Jean-Paul-Museum ge­stiftet hat], sich in der kärglichen Bayreuther Wohnung kaum wohlfühlen konn­te) von einer Pension keine Rede war. …

Dr. Philipp Hausser

 

Jean Paul drücken also finanzielle Sorgen.

 

… Zudem war er mit seiner Hauswirtin, der Justizrätin Münch, uneins geworden und hatte das Quartier wechseln müssen. Die alte Dame hat sicher nicht gewußt, wie sie der Dichter in seinen »Bemerkungen« verewigt hat: »die gemeinen Seelen z. B. die Münch), die Jahrzehnte lange in einerlei Perspektive des Erbärmlichen fortkrochen, finden eine wahre Wirklichkeit der Poesie, wenn sie nur in der Wirklichkeit plötzlich höher aufgerückt werden und z. B. einen Hof erblicken …« … 

Dr. Philipp Hausser

1805 – Jean Pauls 2. und 3. Wohnung in Bayreuth – »von einem schlechten Logis« in die Vorstadt Dürschnitz

Auf einem kurzen Umweg über ein »schlechtes Logis vor der Stadt« am Weg nach der Eremitage zog Richter am 23. Juli 1805 in die Vorstadt Dürschnitz zum Registrator Schramm (Richard-Wagner-Straße 58, inzwischen abgerissen). Jetzt konnte er ein wenig die Berge sehen. …

Dr. Philipp Hausser

Zwischendurch ein Mini-Ausflug in die Geschichte

Um diese Zeit, so ab 1804, besser verstehen zu können, gibt es jetzt einen Mini-Ausflug in die Geschichte. Was war gerade los in Europa? Erinnern wir uns: Im Jahr 1789 fand am 14. Juli der Sturm auf die Bastille, dem berüchtigten Staatsgefängnis von Paris, statt. Das arme, hungernde, rechtlose Volk wehrt sich gegen den absolutistischen, feudalen Staat, in dem der König der Staat ist. Das ist der Auftakt zur zehn Jahre andauernden Französischen Revolution.

 

Es geht dabei um alles, um die Menschenrechte, um Demokratie, um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Das fordert die Abschaffung der Monarchie. Es ist Schluss mit dem Adel, dem alles gehört, der so satt ist, der keine Steuern zahlt, der nicht arbeitet, aber alle politischen Ämter besetzt. Jetzt ist Schluss mit dem »Verarschen« des Volkes – man verzeihe mir diesen Ausdruck. Jetzt ist Zeit für die Realisierung der Ziele der Aufklärung, um die schon seit Jahrzehnten Philosophen denkend streiten: Aufklärung in der Bildung, der Wissenschaft und der Forschung, mehr ra­tio­nales Denken, mehr Toleranz, für Naturrechte, Menschenrechte, Bürgerrechte, alles für alle. Das hat Vorrang vor allem anderen.

Eine neue Herrschaftsform der Gleichberech­tigung soll das durchsetzen: die Demokratie. Frankreich wird eine Republik. Das Volk wählt seine Regierung. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben es 1776 mit ihrer Unabhängigkeits­erklärung und 1789 mit der Bill of Rights vorgemacht.

 

Kaum gab es ein größeres, wirkungsvolleres, umwälzenderes historisches Ereignis in der eu­ro­päischen Geschichte. Letzten Endes aber öffnete sie dem Großbürgertum Tür und Tor, welches dann mithilfe der industriellen Revolution den heutigen Turbokapitalismus zu verantworten hat. Jean Ziegler beschreibt ihn in seinem Buch »Was ist so schlimm am Kapitalismus?« als eine »kannibalische Weltordnung«, die nahezu unreformierbar ist.

Napoleon und das Schicksal Preußens

Im Zuge dieser Revolution entwickelte sich, sozusagen paral­lel im Militär, ein kleiner Emporkömmling ganz prächtig: Napoleon Bonaparte (er hat auch noch am gleichen Tag Geburtstag wie ich, am 15. August). 

 

Im Land waren militärische Durch­setzer gerade gefragt, weil jetzt die noch feudalistischen Nachbarländer Frankreich mit Kriegen drohten, um eine mögliche Verbreitung der Revolution im Keim zu ersticken. Napoleon löste das Problem schnell mit ein paar erfolgreichen Feldzügen.

Zurück in Frankreich konnte der dauersiegende Napoleon dann durch einen Staatsstreich – zunächst, nur als einer von drei Konsuln – die Macht in Frankreich übernehmen. Doch durch ein paar geschickt eingefädelte politische Intrigen, wurde er nun doch Erster Konsul und damit zum Allein­herr­scher von Frankreich. Quasi ein revolutionärer Diktator. Und schlussendlich – durch eine »Volksabstimmung« legitimiert – wurde er auch noch zum Kaiser »gewählt«. 1804 hat er sich selbst gekrönt. 

 

Zwar brachte er Frankreich wirtschaftlich nach vorne, gründete eine Staats­bank und ein modernes Rechtssystem, aber er duldete keinen Widerspruch. Wen wundert’s. Und dann kam es, wie es kommen musste, der Kaiser wollte mehr. Er wollte jetzt die Vorherrschaft in Europa und zog in mehr als sechzig Feldzügen über den Kontinent – wohlgemerkt: als Sieger vom Schlachtfeld! Die Großmächte (Preußen, Österreich, Russland und Großbritannien), gegen die er kämpfte, schlossen sich immer wieder in Kriegs-Koalitionen zusam­men, blieben aber zunächst erfolglos. In der legendären Schlacht bei Jena und Auerstedt im Jahr 1806 mussten die Preußen eine verheerende Niederlage und im Folgenden schwere Veränderungen mit und in ihren Kleinstaaten hinnehmen. Die linksrheinischen besetzten Gebiete unterstanden als »Rhein­bund« Frankreich. Alle übrigen geistlichen Territorien, Reichsritter, freie Reichsstädte, Herzogtümer und Königreiche wurden in ihren Rechten und ihrem Status extrem geschwächt, das Ende des Heiligen Römischen Reiches schien nahe.

 

Dennoch, Jahre später, machte auch der große Napoleon schlapp. 

1812 wurde ihm der Russlandfeldzug zum Verhängnis. Großbritannien hatte eine Flotte ins Meer gestellt und eine Armee in Spanien platziert. Man formier­te sich nun in den Befreiungskriegen gegen Frankreich, und vom 16. bis zum 19. Oktober 1813 kam es in der Völkerschlacht bei Leipzig zur ent­scheiden­den Niederlage Napoleons. 

 

Das Ende kennt man. Verbannung auf Elba. 1815 Rückkehr nach Paris. Hun­dert Tage hielt sein neuer Macht-Vorstoß, ein Versuch wars wert. Dann aber die Schlacht bei Waterloo – einem Dörfchen bei Brüssel – und die totale Niederlage. Von den Briten wurde er als Kriegsgefangener auf die Atlantikin­sel St. Helena verbannt, wo er 1821 starb.

Noch war das Fürstentum Bayreuth preußisch ...

Kommen wir zum Jahr 1806, zum Städtchen Bayreuth, zu Jean Pauls Bayreuth. Es war ein Fürstentum und unterstand dem Markgrafentum Brandenburg. Man erinnere sich: Deswegen war ja auch die Markgräfin Wilhel­mine von Preußen, geboren in Potsdam, da.

 

Die politischen Ereignisse haben der Dichter und die Menschen in Bayreuth natürlich auch mitgekriegt. Es gab Zeitungen, Illustrierte, es wurde diskutiert. Soldaten zogen durch die Stadt, besetzten sie und wurden einquartiert. Zu­nächst waren es französische Truppen, dann Einheiten des bereits erwähnten Rheinbundes – einem von dem Eroberer Napoleon erzwungenen militärischen Bünd­nisses deutscher Staaten mit Frankreich.

 

Jean Paul wollte oder musste wieder umziehen. Er überlegte, ob ein Wegzug aus Bayreuth, nach München oder Leipzig zum Beispiel, helfen könnte, irgend­wie den Kriegswirren zu entkommen. Immer wieder wurden Soldaten und In­validen in den privaten Wohnungen der Bevölkerung zwangsweise einquar­tiert. Zudem verlangte man hohe Kontributionszahlungen. Das heißt, in den von Napoleon besiegten und besetzten Gebieten wurden Geld und Gold zur Finanzierung und Versorgung der Truppen erpresst oder beschlagnahmt. Jean Paul stellte fest, dass es nichts bringen würde, die Stadt zu verlassen. Womöglich käme er vom Regen in die Traufe.

1806 – Jean Pauls 4. Wohnung in Bayreuth – Steinstraße (heute Kulmbacher Straße)

Aus Dr. Philipp Hausser:

… Richters zogen nicht nach Leipzig und nicht nach München, sondern am 1. Oktober aus der Dürschnitz (ein Stadtteil Bayreuths) in die Steinstraße [Kulmbacher Straße]. So war Jean Paul zunächst wohl nicht unmittelbar beim Einmarsch der französischen Truppen zugegen, die am 7. Oktober, einem prachtvollen Herbsttag, von der Dürschnitz her die Stadt besetzten; Einheiten des Rheinbundes folgten ihnen […] Jean Paul schreibt: »Erst nachdem ich mich aufgeweckt, sah ich, daß ich von niemand wach geworden als von neuen französischen Regimentern, die mich unter General Soult vor meinen Fenstern in der Baireuter Steinstraße mit Feldmusik aufgeweckt hatten …« […]

Der Kampf gegen die Einquartierung blieb der gleiche. An Emanuel gingen die alten Sorgen. […] Daß am 15. Oktober die Schlacht bei Jena wieder die Landkarte verän­derte, wurde bei dem Jahre andauernden Länder-Pfänderspiel weniger wichtig genommen …

 

Es waren Zehntausende Soldaten, die zuweilen tagelang durch Bayreuth zogen. Aber nicht, wie gern in Filmen dargestellt: Munter singend und sauber in Reih und Glied marschierend, mit Trommelwirbeln und lustigen Pfeifen im Gleichschritt gehalten. Sondern ihnen folgten ein riesiger, lärmender Versorgungstross. Darunter Frauen und Kinder, vor Hunger laut blökendes Schlachtvieh, Tausende von Pferden und Zugochsen, die ja auch gefüttert werden mussten, polternde Kanonen, klirrende Waffen, krachende Wagen mit Zelten, Feldbetten, Feldküchen, Feldlazaretten, Sanitätsfuhrwerke, immer Geheul und Gebrüll, und auch nachts. Im ganzen Umkreis wurden sämtliches Vieh, Getreide, Pferde und Fuhrwerke gnadenlos beschlagnahmt. Das ist die gewaltige Maschinerie des Krieges.

 

Jean Pauls Kinder kränkeln wieder und der Dichter nimmt an Körpergewicht zu. Aber schon ziehen die Richters wieder um.

1807 – Jean Pauls 5. Wohnung in Bayreuth – wieder in die alte Mansardenwohnung in der Vorstadt Dürschnitz

Also ein Umzug zurück in die alte, enge, aber gemütliche Mansarde bei Regis­tra­tor Schramm. Aber genau in dieser kleinen Wohnung müssen sie doch noch Ein­­quartierungen über sich ergehen lassen. Die ganze Familie mit den Kindern und dazu noch fremde Menschen, Männer, wie soll da ein Dichter arbeiten können? Jean Paul kauft ein Klavier, das ihm Emanuel vermittelt. Der Billet-Verkehr bleibt rege. Dr. Philipp Hausser schreibt:

… »Den guten Morgen, den ich habe, eigentlich wieder durch Sie! Nämlich ich und meine Frau sind in Entzücken über die Sphärenmusik, die wir bei Schuckmann (der das Klavier verkauft hat) gekauft. Kommen Sie nur, Herrlicher, nur aber lieber gegen 6 Uhr, weil vorher das Instrument gestimmt wird.« …

 

Über Jean Pauls – je nach Empfinden des Zuhörers – »himmlisches Phantasieren« oder grässliches Wüten am Klavier war die Meinung geteilt. …

1808 – Jean Pauls 6. Wohnung in Bayreuth – Friedrichstraße 10

Ein erneuter Umzug steht an. Dieses Mal zum Justizkommissar Fischer in die Friedrichstraße 10, ganz in die Nähe von Emanuel.

Dr. Philipp Hausser:

… Von nun ab liefen die Kinder nicht nur als Postillions über die Straße, sondern verbrachten halbe Tage auf Emanuels Kanapee. Durch den Umzug war Max’ und Odiliens Geburtstag am 9. November vergessen worden, von Emanuel keineswegs. Unter dem neuen Dach glomm wieder ein Streitfunken über den Eheleuten. Er war erloschen, als Jean Paul seiner Karoline Zettelchen aus seinem Arbeitszimmer sandte: »Liebe! Ob ich gleich alles für Recht halte in der Minute, was ich sage, so hab’ ich doch Schmerz erregt und Unrecht gethan. Könnt’ ich die Wirkung meiner Explosionen berechnen: so unterblieben sie. Am wenigsten möcht’ ich Thränen in die Augen bringen, aus denen ich sie sonst abgetrocknet. Wollen wir also froh sein in einer so kurzen und bedenklichen Zeit.«

 

Natürlich war Emanuel wieder der Ruhestifter gewesen und mußte benachrichtigt werden: »… übrigens ist zwischen mir und Caroline alles wieder im ältesten Gleise, nämlich im guten.« 

Weihnachten 1808 stand bevor. Emanuel mußte Puppen für die Töchter besorgen;­ denn die guten Puppen sind so selten in Bayreuth […]. Karoline erhielt ein Briefchen: 

»An mein gutes Weib. Dein Weihnachtsgeschenk sei ein gutes, warmes Hauskleid, das Du durchaus nach Deiner Phantasie am Montage kaufst – und ein guter warmer Haus- und Ehemann; und Deine Kinder mögen meine Fehler vergüten. Dein alter liebender Ehemann Richter.« …

 

Jean Pauls »Friedenspredigt«, »Feldprediger Schmelzle«, »Dr. Katzenbergers Badereise« und »Leben Fibels« erscheinen. Nachdem Königin Luise und ihr Preußenkönig das Thema »Pension« einfach ignoriert hatten, gibt Jean Paul die Hoffnung auf eine solche aber nicht auf. In diesem Jahr schreibt er deswegen

… an einen Fürsten, der nicht weniger Einfluß hat als der Preußenkönig, bei dem er aber auf mehr Verständnis hoffen kann. Der Fürst ist ein Mann der Wissenschaften und der schönen Künste, Freund Wielands, Schillers, Goethes, Vertreter der kirchlichen Aufklärung, Verfasser von 35 Werken über Staatslehre, Geschichte, Bildende Kunst, Ästhetik, Ethik, Naturwissenschaften, dazu aber auch, in erster Linie Staatsmann: ein Philosoph auf dem Thron sozusagen. …

Günter de Bruyn »Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter«

 

Der Fürst ist Karl Theodor Reichsfreiherr von Dalberg. Zur Zeit des Rheinbundes von 1806 bis 1813 war Dalberg als Fürstprimas der vorsitzende Fürst der Rheinbundstaaten.

Dann, 1809 erhält Jean Paul endlich eine Pension!

Aus Günter de Bruyn:

… Denn Karl Theodor Reichsfreiherr von und zu Dalberg, so sein Name, ist ein Vertrauter Napoleons, hat von der Zukunft Deutschlands ähnliche Vorstellungen wie Goethe und Jean Paul und wird vom französischen Kaiser zum Fürst-Primas (eine Art Präsident) des Rheinbundes gemacht, dem seit 1808 alle deutschen Staaten außer Preußen und Österreich angehörten. Er ist also formell die höchste Amtsperson des Staatenbundes, in dem Jean Paul nicht ungern lebt, wenn er auch wirkliche Macht nur in Frankfurt ausübt. Und dieser Mann antwortet Jean Paul prompt, macht ihn zum Ehrenmitglied der von ihm in Frankfurt gegründeten gelehrten Gesellschaft »Museum« und setzt ihm eine Rente von 1 000 Gulden jährlich aus, die er aus seiner Privatschatulle bestreitet. …

 

1809 – Es wird 

… ein schlimmes Jahr für Bayreuth. Der lang befürchtete Krieg Napoleons gegen Österreich bricht aus. Die Stadt wird vorübergehend von den Österreichern und ihren Verbündeten besetzt … […]. Es fließt nur wenig Blut, aber die Kriegslasten, die auf die arme Stadt gewälzt werden, sind ungeheuer […]. Jean Paul wird von alledem sicher berührt, aber es gibt über die wiederholte, eiferlose Klage wegen der leidigen Einquartierungen hinaus kaum Äußerungen darüber. Brummt er einmal lauter, so begütigt Emanuel wie im Januar 1809: »Aber im Ernst, welcher Teufel reitet Sie denn seit einiger Zeit, und läßt sie mit uns Armen so unzufrieden sein?« …

Dr. Philipp Hausser

1810 – Das preußische Fürstentum Bayreuth wird vom Königreich Bayern einverleibt

Schon seit 1806 war Bayreuth bereits von französischen Truppen besetzt. Das Fürstentum war ja von Napoleon erobert worden, sozusagen. Der französische Kaiser betrachtet das Fürstentum aber lediglich als »pays reservés«, ein Gebiet al­so, das er sich für zukünftige Tauschhandlungen in Reserve hält. Und so kann er es nach mehreren Verhandlungen schließlich für 15 Millionen Francs ans Königreich Bayern verkaufen. Somit endet die Existenz des preu­ßischen Fürstentums Bayreuth.

 

Zurück zu Jean Pauls Leben. Durch unnötige Missverständnisse, wie durch ein Nichts, entsteht ein Zwist zwischen Jean Paul und Emanuel. Es herrscht Stille zwischen den Freunden, die »Zwergpackträger« laufen mit Zettelchen zwar im­mer noch über die Straße, aber nur zu Otto, der jetzt die doppelte Anzahl der Billets erhält. Die beiden Verstimmten leiden. Es dauert Monate, doch dann:

… Die Frühlingsluft läßt auch das Eis zwischen Emanuel und Jean Paul schmelzen: »Willkommen, Wiedergekommener! … Seltsam ist der Mensch; schon vor Ihrer Abreise wollt’ ich Sie besuchen; aber noch immer heb’ ich diese Minute, wie ein Winter den Frühling in mir auf, halb auch aus Angst, Sie nachmittags nicht allein zu finden …« 

Die Zeitungsträger, deren er – Jean Paul – sich »genug dazu gezeugt« habe, traben nun wieder mehrmals täglich über die Friedrichstraße.

 

Im Juni wird mit Kind und Kegel das Exaudi-Fest (6. Sonntag nach Ostern) gefeiert. Richters Programm an Otto:

»1. Sämtliche Herrschaften speisen in der hölzernen Stiftshütte (kleiner Bau im Garten der Rollwenzelei) neben der Rollwenzelei –

2. Nach dem Essen erheben sie sich nach Kohlendorf [Colmdorf] zum Kaffee – ein Paar vorher auf der Treppe ins Bett –

3. Nachmittags rückt aus Bayreuth die lange Reserve-Armee von Kindern in Kohlendorf ein

4. Abends geht man nach Haus – und Du doch auch?« …

Dr. Philipp Hausser

 

Ach, und dann: Jean Pauls Ehe wird immer schlimmer. 

… Ende Juli stürzt Jean Paul in ein neues Gefecht mit Karoline und schließlich gar in den Main. Diesmal ist es aber so arg, daß er sich beim Schwiegervater in Berlin rechtfertigt. Emma war kränklich. Der Vater nahm sie wohl zu in seinem Sinne besserer Pflege in sein Zimmer, so daß die aufgelöste Mutter die Tür aufbrach »… die schwarze Idee der Scheidung wurde mir immer lichter. Ein Engel in Gesellschaft, gegen Mann, Kinder und Hausgenossen eine Furie.« …

Dr. Philipp Hausser

 

Jean Paul war bei seinem Freund Otto und suchte Trost. Nachts auf dem Nachhauseweg stürzt er in den Main, der zu dieser Zeit Hochwasser führt. Er kann sich gerade noch ans Ufer retten. Seinen Hut findet man am nächsten Morgen am anderen Ufer, und

… seine Bücher kamen an der Mühle gemahlen an …

 

Überhaupt flieht er zur Zeit auch gerne, unternimmt wieder Reisen. Wie zum Beispiel nach Bamberg, wo er den Verleger E. T. A. Hoffmanns trifft. Dann 1811 nach Erlangen. Der Dichter genießt den dortigen Menschenschlag. Sie lesen Bücher! Was übrigens heute noch so ist! 

Und die Lebens­mittel sind besser und billiger. Karoline reist für längere Zeit mit Tochter Emma zu ihrer Schwester nach Altenburg. Da Karoline auch für Jean Paul Schreibarbeiten erledigt hatte, fehlt sie ihm jetzt. Emanuel hilft ihm mit einem Herrn Welzel aus, der wesentlich weniger Fehler macht.

Karoline kehrt wieder zurück

Und es droht wieder ein neuer Wohnungswechsel. Finanzrätin Georg will zu ihrem Schwager, dem Justizkommissar Fischer, Jean Pauls jetzigem Vermieter, in die Friedrichstraße 10 ziehen. Das heißt »Auszug« für die Familie. In die Maxstraße 16.

Bayreuth – Maxstraße 16 heute, gleich neben dem Alten Schloss, heute Finanzamt – Jean Paul wohnte hier von 1811 bis 1813
Bayreuth – Maxstraße 16 heute, gleich neben dem Alten Schloss, heute Finanzamt – Jean Paul wohnte hier von 1811 bis 1813

1811 – Jean Pauls 7. Wohnung in Bayreuth – Maxstraße 16

Mit »rechtem Getöse« ziehen die Richters um, jetzt in die Maxstraße 16, der Schloß-Apotheke am Markt, zum Apotheker Braun. Sie wohnen nun über den kinderreichen Seebecks in der Mansarde. Zu den Seebecks und ihren sechs Kindern (später acht) hatten sie ein gutes Verhältnis, man unternahm gemeinsame Ausflüge, die Jean Paul sehr genoss.

 

Johann Thomas Seebeck, 1770 im heutigen Tallinn geboren, war Mediziner, Physiker, Naturwissenschaftler, Erfinder, Experte für Photovoltaik und Licht­streu­ung, und war Entdecker des thermoelektrischen Effektes, den man bis heute den Seebeck-Effekt nennt. Er kannte Hegel und Goethe, an dessen Farben­­lehre er großen Anteil hatte. Die Familie Seebeck war finanziell un­ab­hän­gig. Sie wohnte ab 1810 im selben Haus wie Jean Paul und zog 1812 nach Nürn­berg.

 

Die Richtersche Ehe kriselt jedoch weiterhin. Die Freunde Otto, Emanuel und jetzt auch Seebeck lassen gerne mal einen Tisch bei der mittlerweile entdeckten Rollwenzelin reservieren, ohne »Weiber« versteht sich:

… Zum Jahresende schreibt Jean Paul an Otto: »Ich war gestern bei Seebeck; er rollwenzelt mit. Nur wir 3 Herren besetzen das Land des Tisches. Die Rollwenzel weiß es schon. Ihr neuer französischer Rothwein ist reiner.« »Weiber» waren aus­geschlossen. …

Dr. Philipp Hausser

 

Die Einquartierungen und der »zeitfressende Adel« machen Jean Paul das »bücherdürftige« Bayreuth immer madiger. Am liebsten würde er jetzt nach Nürnberg umziehen, so wie schon die Seebecks. Aber da würden ihm doch seine inniglichsten und langjährigen Freunde fehlen, die er in Bayreuth hat.

 

Napoleon unterliegt im Russlandfeldzug. Später dann war der französische Kaiser selbst sogar zweimal kurz in Bayreuth, Truppen ziehen hin und her, mal die einen dort hin, dann die anderen da hin, es hört nicht auf. 

Jean Paul nimmt kaum mehr Notiz davon. Etwas anderes kratzt ganz ge­waltig an sei­nem Gemüt: Ein drohender Gerichtsprozess mit seinem Vermie­ter, dem Apo­theker Braun und seiner Magd, den er gerade noch mit einem »Rück­zug« verhindern kann:

… Jean Paul war sicher mit Recht der Meinung gewesen, daß Brauns Magd seinen Keller, den Weinkeller besonders, plündere. Der Ruf der Person war schon vorher miserabel. Richters Wunsch, die Magd »abzudanken (nicht fortzujagen)«, ihr also zu kündigen, wurde von Braun nicht erfüllt, vielmehr darin verkehrt, daß er der Familie Richter kündigte. (Seebecks waren schon nach Nürnberg gezogen.)

Jean Paul hatte gemeint, das Beste sei doch fort, »nämlich über 100 ausgesuchte Bier- und Weinkörke, der Flaschen und des Inhalts nicht einmal zu gedenken«, mußte aber schließlich noch dies bezeichnende Zeugnis für die Magd ausstellen: »Ich bezeuge hiermit, daß Katharina Hofknechtin mir nichts entwendet hat, was ich ihr im Geringsten gerichtlich nachzuweisen vermöchte, und daß der bisherige Argwohn ein Mißverständnis geblieben.«

Auch Braun geht in Jean Pauls »Bemerkungen über den Mensch ein«. …

Dr. Philipp Hausser

 

»So wird mir denn von Bestien ein Tag nach dem anderen gestohlen oder versäuert, mir, der ich keinem Menschen übel will und nur im Wissen und Schreiben lebe«, grollt Richter (an Otto). Braun, der »rachsüchtige Schurke«, wie man ihn jetzt auch von anderen nennen höre, wollte die verfrüht bezogene Wohnung noch dazu vor dem üblichen Wechseltermin Martini geräumt haben.

Doch diesmal zog der Apotheker den kürzeren. Ein gewisser Witz liegt in der Tatsache, daß Jean Paul schon damals erfüllt war von der Arbeit an seinem »Anti-Titan«, dem komischen »Komet«-Roman, in dem ein Apotheker eine bedeutende Rolle spielt. Zu diesem Beruf hatte sich der Dichter angemerkt, daß die Menschen am närrischsten werden, von denen es nicht viele in ihrem Stand gebe, z. B. Apotheker. Auch Braun geht in Jean Pauls »Bemerkungen über den Mensch ein«. …

Dr. Philipp Hausser

 

Im November 1813, zu Martini, zieht Jean Paul dann doch um, in seine geliebte Friedrichstraße, wieder in die direkte Nachbarschaft zu Emanuel, dieses Mal in die Friedrichstraße 5.

Bayreuth – Friedrichstraße 5, rechte Haushälfte – im zweiten Stock wohnte Jean Paul von 1813 bis zu seinem Tod 1825
Bayreuth – Friedrichstraße 5, rechte Haushälfte – im zweiten Stock wohnte Jean Paul von 1813 bis zu seinem Tod 1825

1813 – Jean Pauls 8. und letzte Wohnung in Bayreuth – Friedrichstraße 5

Richters Bitte an Emanuel vor dem Umzug:

… »Wünschen Sie mir, daß die Ausziehwoche von einem Feinde zum anderen – vielleicht mitten unter Freunden oder alliierten Truppen – überstanden sei.« Und als es vorbei war, die zufriedene Mitteilung an Otto: »Das Ausziehen in meinen Sitz der Seeligen hindere mich, den armen Preußen so viel zu schicken als ich gestern an die noch ärmeren Russen an Branntwein und Taback und Semmeln vertheilte.« …

Dr. Philipp Hausser

 

Man muss noch erwähnen, dass damalige Umzüge nicht vergleichbar sind mit heutigen. Jean Paul hatte viele Möbel gemietet, ein Hausrat war viel kleiner, der Mensch hatte nicht zehntausend Dinge. Und so viele Bücher besaß der Dichter gar nicht, da er sich lieber welche auslieh oder Bibliotheken besuchte. Lediglich seine Exzerpte, Zettel und Notizen folgten ihm in seine Arbeitsstuben.

 

Nach langer bayreuthischer Irrfahrt war der Dichter mit seiner Familie endlich »Zuhause« angekommen. 

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