31. "Idyllenreich und Schäferweltchen"

Arkadienweg Oberwaiz - Teufelsloch - Waldhütte - Neustädtlein (superschön!)
Arkadienweg Oberwaiz - Teufelsloch - Waldhütte - Neustädtlein (superschön!)

Arkadienweg Oberwaiz - Teufelsloch - Waldhütte - Neustädtlein


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Gewandert sind wir am Samstag, den 20. Oktober 2012.

 

Da lebte Fidel ja noch. Endlich kann ich wieder Etappen schreiben, bei denen Fidel dabei war. Mit ihm ist nicht nur das Wandern, sondern auch das Schreiben schöner. (Übrigens ist heute, wo ich beginne die Etappe zu schreiben, Jean Pauls Todestag, der 14. November.)

 

Es ist wieder herrliches Herbstwetter, zwanzig Grad. Dieser Oktober ist mehr ein Spätsommer, als ein Herbst. Wir sind mit dem Auto unterwegs nach Oberwaiz, da beginnt diese Etappe. Unterwegs kaufen wir uns noch schnell ein Frühstück, denn wir kennen ein klassisches Frühstück fast überhaupt nicht. Bei unseren Berufen lebt man ohne Pausen, immer in Bereitschaft, Regel-Mahlzeiten nur spät abends nach Dienstschluss, wann immer das auch sein mag. Der Hunger wird verschoben, so lernt man das. Also schieben wir auch heute unser Frühstück "rein". Beim Bäcker gab es griechische Pizza. Die ist so saftig, dass sie beim Essen aus allen Löchern tropft.

 

Von Daunenfein und Gunda

 

Noch während wir beißen, kommen wir an einem Garten vorbei, in dem ich zwei Gänse erblicke und einen Gockel. Ja, Prachtgockel muss man dazu sagen! So groß und stolz ist er. Die Tiere stehen irgendwie ganz seltsam still.

Ich zu Peter: "Fotografiere doch mal die Gänse da!"

Peter drückt mir seine Pizza in die Hand und flucht. Der ganze Sucher ist voll getropft.

Ich schmunzle: "Also Fotos kannste machen, essen nich ..."

Peter: "Mensch! Hol doch mal die Tempos aus dem Rucksack!"

Ich drücke ihm meine Pizza in die Hand und krame und wurschtele bis ich endlich die Tempos finde, da kommen die Hausbesitzer, so vermute ich, wohl um die fünfzig, in ihren Garten. Sie bewegen sich langsamer als andere Menschen und bleiben neben uns stehen. Wir sabbern, kramen, tropfen und schniefen.

Dann frage ich sie: "Sind die da Gänse lebendig? Sie stehen so still?"

"Ja, ja ...", antworten sie, "die sind schon sechs Jahre alt. Die Hühner da, das sind Brahmas. Die sind so groß und ne ganz alte Rasse, von einem Züchter aus Bayreuth."

Ich: "Wie heißen die denn?"

Die Besitzer: "Der Hahn, das ist der Zeus und die beiden Hühner sind Hera und Lara, das kleinere Hühnchen da."

Er zeigt mit dem Finger.

Er: "Die Gänse? Das ist der Dauni, wie Gans Daunenfein aus dem Nils Holgersson Film, mit seiner Frau, der Gunda. Aber seit der Fuchs da war, legen sie keine Eier mehr und brüten auch nix mehr. Aber des glaubens net, der Dauni hat den Fuchs aber gebissen und vertrieben! Die beißen ganz schön, große blaue Flecken kriegt man da. Unseren Sohn Jan und den Schwiegervater, die haben sie auch schon gebissen. Ich darf sie sogar tragen ..."

Sie: "Einen Hund hatten wir auch, der war sechzehn, und Zwergziegen. Eigentlich hätten wir auch gern mal ein Wollschwein ..."

Er: "Drei Katzen hammer immer noch und früher mal 70 Kaninchen. Die zwei Alten leben noch, die sind vom Sohn ..."

Sie: "Der Kindergarten kommt öfter vorbei, zum Füttern. Is schon schön, da braucht man keinen Fernseher mehr ..."

Er: "Mer ham das Grundstück in ein Mischgrundstück eintragen lassen, wissens, dass sich keiner beschweren kann, wegen der Viecher und so ..."

Dann gehen die beiden sogar noch mit uns ein Stück des Weges. Früher haben sie das jeden Tag gemacht, erzählen sie weiter, früher gingen auch die Ziegen mit ...

 

Fürwahr, der Weg gleich neben ihrem Haus gleicht auch einem Idyllenreich. Ein Hohlweg träumt sich zwischen moosigen Felsen und alten Buchen. Ein Pfad für Verliebte, Faune, Gnome und Fabelwesen.

Auf dem Jean-Paul-Weg von Oberwaiz zum Teufelsloch
Auf dem Jean-Paul-Weg von Oberwaiz zum Teufelsloch

Hohlwege sind schon so eingetreten, weil über die Jahrhunderte Mensch und Tier und Wagen über sie zogen. Könnten wir zeitreisen oder sähe man alle dagewesenen Wesen kumuliert in einem Bild, so wären wir jetzt gar nicht allein, könnten grüßen, winken, plappern, tragen helfen, würden vielleicht ein Stück in der Kutsche mitgenommen, würden Lieder singen oder streiten. So viel Leben auf den Wegen. So viele Begegnungen.

 

Und auch mit Jean Paul und seiner Stationstafel 141 "Feierabend im Pfarrgarten"

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 141 "Feierabend im Pfarrgarten" bei Oberwaiz
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 141 "Feierabend im Pfarrgarten" bei Oberwaiz

Feierabend im Pfarrgarten

 

Niemand übrigens wundere sich über ein Idyllenreich und Schäferweltchen in einem kleinen Dörfchen und Pfarrhaus. Im schmalsten Beete ist ein Tulpenbaum zu ziehen, der seine Blütenzweige über den ganzen Garten ausdehnt; und die Lebenlust der Freude kann man aus einem Fenster so gut einatmen als im weiten Wald und Himmel.

 

Jetzo fing das Leben in dem, nämlich unter dem Himmel an. Die Morgen glänzen mir noch mit unvertrocknetem Tau, an welchem ich dem Vater den Kaffee in den außer dem Dorfe liegenden Pfarrgarten trug, wo er im kleinen nach allen Seiten geöffneten Lusthäuschen seine Predigt lernte, so wie wir Kinder den Lange (Joachim Lange: Verbesserte und Erleichterte Lateinische Grammatik) später im Grase.

 

Der Abend brachte uns zum zweiten Male mit der Salat brechenden Mutter in den Garten vor die Johannis- und die Himbeeren. Es gehört unter die unbekannten Landfreuden, daß man abends essen kann ohne Licht anzuzünden. Nachdem wir diese genossen hatten, setzte sich der Vater mit der Pfeife ins Freie, d.h. hinaus in den ummauerten Pfarrhof, und ich samt den Brüdern sprang im Hemdtalare in der frischen Abendluft herum und wir taten als seien wir die noch kreuzenden Schwalben über uns und wir flogen behend hin und her und trugen etwas zu Nest.

 

Selberlebensbeschreibung

Wenn wir Menschen heute in unserer digitalen Welt, in unserer, der Natur so fernen Welt, uns nach analogen und natürlichen Erlebnissen zurücksehnen und sie deshalb auch wieder wertschätzen, wieso war für Jean Paul, der ausschließlich in analogen und natürlichen Welten lebte - damals gab es kein Plastik, keine Computer, keinen Strom - seine eigene erlebte Welt so wichtig, dass er sie aufschrieb, sie im Besonderen erwähnte, sie schilderte als das alles Seligmachende?

Er hatte doch im Überfluss davon, was wir fast gar nicht mehr haben. Keine knarzenden Treppen, keine rußenden Feuerstellen, keine glühenden Herde, keine Eisblumen an Fensterscheiben, ja kaum mehr Schwalben, die in der Dämmerung ihre Flugkünste feiern, keine Feierabende am Dorfbrunnen, keine Misthaufen im Hof, keine Kartoffelfeuer, kein beruhigendes Muhen aus dem Kuhstall. Als wollte Jean Paul es aufschreiben für uns, für die Menschen, die Jahrhunderte später, all das nicht mehr haben.

 

Der Weg bleibt noch ein Weile so verwunschen. Immer wieder leuchten Fliegenpilze mit ihren roten Kappen aus dem Unterholz oder braune Pilze, die wir nicht kennen, wachsen in munteren Grüppchen am Wegesrand.

Dann, wir sehen es schon, uns erwartet wieder ein Depressionsforstweg.

Aber vorher werden wir von Stationstafel 142 "Im Dom der Natur" getröstet.

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 142 "Im Dom der Natur" auf dem Weg zum Teufelsloch
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 142 "Im Dom der Natur" auf dem Weg zum Teufelsloch

Im Dom der Natur

 

Vier Priester stehen im Weiten Dom der Natur -

und beten an Gottes Altären, den Bergen:

 

Der eisgraue Winter,

mit dem schneeweißen Chorhemd -

 

Der sammelnde Herbst, mit Ernten unter dem Arm,

die er Gott auf den Altar legt

und die der Mensch nehmen darf - 

 

Der feurige Jüngling, der Sommer,

der bis nachts arbeitet, um zu opfern -

 

Und endlich der kindliche Frühling,

mit seinem weißen Kirchenschmuck von Blüten,

der wie ein Kind Blumen und Blütenkelche 

um den erhabenen Geist herumlegt

und an dessen Gebeten alles mitbetet,

was ihn beten hört.

Und für Menschenkinder ist ja der Frühling der schönste Priester.

 

Die unsichtbare Loge

Nun ist es gar nicht mehr weit und wir dürfen in die Schlucht des Teufelsloches einsteigen. Auf schmalen Pfaden tänzeln wir mal links herum, mal rechts herum zwischen zerfurchten Sandsteinfelsen hindurch. Hier und da versperrt eine umgestürzte Fichte den Weg und wir müssen klettern. Fidel ist amüsiert, wie immer, wenn die Wege weich, klein, eng, niedrig, kurvig und spannend sind. Gut gelaunt hüpft er mit seinem rechten Hinterbeinchen wie ein Schulkind. Das macht er immer, wenn er von der Leine darf und es ins Grün geht. Am Anfang, als wir ihn bekamen, war ich erschrocken und dachte, er hätte etwas an der Pfote, aber es stellte sich heraus, dass es lediglich eine Art Marotte von ihm ist, die uns zur Heiterkeit verführt, wenn er so vor uns her hüpft.

 

Das Teufelsloch ist eine 1 Kilometer lange Schlucht und bietet alles, was ein Familienausflug mit Kindern benötigt. Da wäre zum Beispiel ein guter Schuss des Lebensmittels "Abenteuer", denn nach jedem Unwetter warten unterdies Überraschungen auf einen. Wasserfälle können da sein, wo sie vorher nicht waren, umgeknickte Bäumen zeigen ihr Wurzelreich, in dessen Gewirr sich sehr gerne Waldwichtel versteckt halten, dunkle Höhlenlöcher verlangen Mut, in sie hinein zu steigen. Wer allerdings Angst vor dreckigen Schuhen hat, sollte auf den Forstwegen bleiben.

 

Doch gleich am Anfang der Schlucht mahnt uns Stationstafel 143 "Furcht, Mut und Hoffnung":

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 143 "Furcht, Mut und Hoffnung" am Teufelsloch
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 143 "Furcht, Mut und Hoffnung" am Teufelsloch

Furcht, Mut und Hoffnung

 

Bloß heftige Phantasie, nicht Mangel an Mut, schafft die Geisterfurcht.

 

Nichts steckt leichter an, als Furcht und Mut; nur daß die elterliche Frucht sich am Kinde gar verdoppelt; denn wo schon der Riese zittert, da muß ja der Zwerg niederfallen.

 

Mut besteht nicht darin, daß man die Gefahr blind übersieht, sondern, daß man sie sehend überwindet.

 

Recht viele Erzählungen von siegendem Mut sind Stärkemittel.

 

Der Furchtsame erschrickt vor der Gefahr, der Feige in ihr, der Mutige nach ihr.

 

In jedem Fall ist Hoffen besser als Fürchten. Wer hofft, hat schon gesiegt und siegt weiter.

 

Die Hoffnung lässt uns mehr Verstand und Glück übrig als die Furcht.

 

Nur um den Einsamen schleichen Gespenster.

 

Die reisenden Eheleute denken unterwegs, wie jetzt zu Hause Geister in ihrer Gestalt ihr Leben nachäffen.

 

Nicht Menschen, sondern Sitten sind zu fürchten, nicht das fremde Ich, sondern das eigne.

 

Nichts in uns schützt uns gegen Furcht einer geheimen gräulichen Welt - deren Kräfte und Bosheiten gar nicht zu berechnen sind - selbst keine Standhaftigkeit, sondern nur Bewußtsein des moralischen Werts: damit können wir Teufeln trotzen, ja Gott, wenn es kein Widerspruch wäre.

 

Vieles davon aus der Levana

Unser Fidel macht uns Mut. Dank seiner Stärkung wagen wir es, den Graben des Grauens zu überqueren.

Nun sind wir mitten in einem wilden Naturschutzgebiet. Auch von dieser furchteinflößenden Schönheit wussten wir während unseres 25jährigen Lebens in Oberfranken nichts. Nein, wir sind immer ahnungslos an ihr vorbeigefahren, ganz nah, wie wir es jetzt wissen. Und dabei lieben wir Wandern so sehr und von solchen herausfordernden Wegen träumen wir immerzu. Nun gut, kein geringerer als Jean Paul - quasi - natürlich waren es die Wegplaner - führte/n uns nun hierher. Schon wieder sind wir im Idyllenreich.

Zwischen Bäumen und Zweigen hindurch erkennen wir dann die Sandsteinbrücke. Sie verkündet das Ende des Grabens und hilft uns mit einem Aufstieg wieder aus ihm heraus.

Am Westende des Teufelsloch-Weges steht die Sandsteinbrücke.
Am Westende des Teufelsloch-Weges steht die Sandsteinbrücke.

Zurück im Licht, erzählt uns Stationstafel 144 "Im Teufelsloch" ein wenig über Teufel und Höllen ...

Im Teufelsloch

 

Kinder, welche den Gegenstand der Furcht, zum Beispiel einen Mantel mit Hut auf einem Stock längst durchsucht und selber zusammengebaut haben, laufen doch vor ihm mit Grausen davon.

 

Wie wir Teufel leichter als Götter malen, Furien leichter als als die Venus Urania, die Hölle leichter als den Himmel, so glauben wir auch leichter jene als diese, leichter das größte Unglück als das größte Glück: wie sollte nicht unser an Fehlschlagungen und Erdenketten gewöhnter Geist über ein Utopien stutzen, an dem die Erde scheitert, damit die Lilien derselben das Ufer zum Blühen finden, und das die gequälten Menschen errettet und befriedigt und erhebt und beglückt?

 

Das Kampaner Tal

 

 

Der Teufel schleppt ordentlich meinem frömmsten Wachen und Wandel zum Trotze mich im Schlaf Niederliegenden an die sündlichsten Träume hinein.

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 144 "Im Teufelsloch" und Landschaftstafel"Naturschutzgebiet Teufelsloch" an der Brücke Teufelsloch
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 144 "Im Teufelsloch" und Landschaftstafel"Naturschutzgebiet Teufelsloch" an der Brücke Teufelsloch

Naturschutzgebiet Teufelsloch

(Brücke Teufelsloch)

 

Das Teufelsloch (auf der Strecke Oberwaiz und Waldhütte, Gemeinde Eckersdorf) ist uralt und war bereits im 19. Jahrhundert ein beliebtes Ausflugsziel.

Seit 1941 ist es Naturschutzgebiet.

Die beiden Felswände des Teufelslochs bildeten einst ein Stück. Sie gehören zum Wall des Rotsandsteins (oder Keuper), der heute noch den Bayreuther Talkessel umsäumt. Das schmale Bächlein, das durch die Felstrümmer des Teufelslochs fließt, hat sich vor Jahrmillionen in die Mulde des einst kompakten Steins gearbeitet und dafür gesorgt, dass sich Felsblock um Felsblock aus der allmählich entstehenden Talwand herauslöste. Das Abgleiten der Gesteinsschichten wird durch die wasserundurchlässigen und rutschigen Tonlager der Lettenschichten begünstigt. Und die Natur arbeitet weiter ...

 

Heute führt der schmale Pfad von der Teufelsbrücke steil hinab - über Moose, Farnkräuter, Fichtenwurzeln und Sämlinge und sogar den seltenen Tannenbärlapp (sonst nur im Fichtelgebirge zu finden).

 

Abenteuerlich säumen Teufelskanzel, Teufelssteg, Teufelsbad (ein Tümpel), Teufelsklamm und das enge "wahrhaftige Teufelsloch" die Felsschlucht Richtung Oberwaizer Forst. Auf der anderen Seite der Teufelsbrücke ziehen Bächlein und Schlucht etwas offener in Richtung "Aftergraben".

Den Aftergraben lassen wir sozusagen links liegen und folgen weiter dem Jean-Paul-Weg, jetzt auf breitem, eben verlaufendem Forstweg, der sich zugleich auch als Baumlehrpfad (von den "Kunterbuntis"/Netz für Kinder in Oberwaiz) entpuppt. Es geht drei Kilometer durch den Limmersdorfer Forst.

Unterwegs finden wir auch eine Landschaftstafel "Der wildromantische Lettenwinkel", der auf eine Stelle etwas abseits des Weges weist, der sich auch lohnen würde zu gehen ...

Auf dem Jean-Paul-Weg, Landschaftstafel "Der wildromantische Lettenwinkel" zwischen Teufelsloch und Waldhütte
Auf dem Jean-Paul-Weg, Landschaftstafel "Der wildromantische Lettenwinkel" zwischen Teufelsloch und Waldhütte

Der wildromantische Lettenwinkel

(zwischen Teufelsloch und Waldhütte)

 

Die Felsen im sogenannten Lettenwinkel umrahmten schon zu Jean Pauls Zeiten eine wildromantische Waldlichtung. Er verdankt seinen Namen jedoch nicht den alten Letten, die hier niemals siedelten, oder den Lettenschichten (Tonschichten), die in dieser Gegend vorkommen, sondern den Angehörigen der Labor-Service-Einheit der US-Army, die aus Lettland stammten, nach 1945 im nahen Forst stationiert und vor allem mit Wachaufgaben betraut waren. Die Soldaten haben ihre Spuren in den Namens-Inschriften in der Rätsandsteinkante hinterlassen, vor allem aber in einer Teufelsfratze, die auf das nahe Teufelsloch verweist: "Velna Ala": diese lettische Inschrift bedeutet einfach "Teufelsloch". Der kleine Abstecher dorthin, etwa auf der Mitte der Forststraße Teufelsloch bis Waldhütte, lohnt sich ...

Wir sind nicht bis zum Lettenwinkel gekommen. Wir wurden abgelenkt. Ich höre das Schnauben von Pferden und laufe dem schönen Geräusch nach. Zwei Reiterinnen machen gerade Rast und ich ein Foto.

Ich schließe Augen und bin justament in Jean Pauls Zeit. Auf seinen Wanderreisen hat bestimmt auch das eine oder andere Pferd, das seine Wege kreuzte, geschnaubt.

 

Bald schon ereilt uns die Stationstafel 145 "Deutschen-Beschimpfung" mit Bank. Fidel nutzt die Gelegenheit, um endlich auch mal eine Tafel lesen zu können. Denn, wie bereits erwähnt, der Pudel hört nicht nur gut, er versteht auch alles und kann schreiben und lesen.

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 145 "Deutschen-Beschimpfung" im Limmersdorfer Forst
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 145 "Deutschen-Beschimpfung" im Limmersdorfer Forst

Deutschen-Beschimpfung

 

Es wäre ebenso schlimm für die Erde, wenn es lauter Deutsche, als wenn's keine gäbe, und kein Volk ersetzt das andere.

 

Sie kamen, sahen und siegten - über alles, was sie erwartete auf den Tischen, Himmel!

Es waren aufgeklärte Achtzehnjahrhunderter -

 

- Sie standen ganz für Friedrich II.,

- für die gemäßigte Freiheit und gute Erholung-Lektüre und einen gemäßigten Deismus - und eine gemäßigte Philosophie -

- Sie erklärten sich sehr gegen Geistererscheinungen, Schwärmerei und Extreme -

- Sie lasen ihren Dichter sehr gern als ein Stilistikum zum Vorteil der Geschäfte und zur Abspannung vom Soliden

- Sie genossen die Nachtigallen, wie die Italiener andere, als Braten und machten mit der Myrte, wie die spanischen Bäcker mit der andern, den Ofen heiß -

- Sie hatten die große Sphinx, die uns das Rätsel des Lebens aufgibt, totgemacht und führten den ausgestopften Balg bei sich

- und mußten es für ein Wunder halten, daß ein anderer eines annimmt.

 

Nur für ein Ding brennt ihr frostiger Geist, für den Leib; dieser ist solid und reell, dieser ist eigentlich der Staat, die Religion die Kunst, und diesem diene die Berliner Monatsschrift.

 

Ich bin ohnehin schon längst die seichte Menschheit durchgewatet.

Ihr allgemein-deutsch-bibliothekarischen Menschen,

ihr Kopiermaschinen der Kopien,

die ihr niemals ahnet und erratet als Ebenbilder,

wie selig seid ihr;

denn wenn Madame des Houlieres in ihren Idyllen

schon einen mouton [Hammel] glücklicherweise preiset als einen Menschen:

wie muß es erst einer sein, der beides zusammen ist!

 

Giannozzo

Ich kann mich jetzt kaum mehr richtig konzentrieren. Manchmal habe ich damals auch die Texte schlecht verstanden und konnte mit einem Wort wie "Giannozzo" nichts anfangen. Da hätte mich gefreut, wenn hier und da ein knappe Erklärung dabei gestanden hätte. Jetzt weiß ich natürlich, dass "Giannozzo" (mehr über eine kürzlich erschienene Ausgabe des "Seebuchs", mehr über den italienischen Politiker Giannozzo Manetti) der Titel eines Werkes von Jean Paul ist, 1801 erschienen ist und vollständig "Des Luftschiffers Giannozzos Seebuch" lautet. 

 

Nun denn, bald schon gesellt sich Stationstafel 146 "Europa" thematisch hinzu.

Europa (und die Bücher)

 

Europa ist ein Durcheinander gewachsener Lianen-Wald, woran die andern Weltteile als Wucherpflanzen sich aufschlängeln und ausgesogen sich ansaugen.

 

Die Bücher stiften eine Universalrepublik, einen Völkerverein oder eine Gesellschaft Jesu im schönen Sinne oder humane society, wodurch ein zweites oder doppeltes Europa entsteht, das, wie London, in mehren Grafschaften und Gerichtsbarkeiten liegt.

 

Wie nun auf der einen Seite der überall umherfliegende Bücherblumenstaub den Nachteil bringt, daß kein Volk einem unverfälschten, mit keinen fremden Farben besprengten Blumenflor mehr ziehen kann; -

 

wie jetzo kein Staat sich aus sich so rein, langsam, stufenweise wie sonst mehr ausformen kann, sondern wie ihm gleich einem indischen, aus Tierleibern zusammengereiheten Götterbilde, die verschiedenen Glieder der Nachbarstaaten in seine Bildung hinein verwachsen - so ist auf der andern Seite durch das ökumenische Konzilium der Bücherwelt kein Geist mehr der Provinzialversammlung seines Volks knechtisch angekettet - und ihn führet eine unsichtbare Kirche aus der sichtbaren heraus.

 

Und darum nun wird jetzo mit einiger Hoffnung gegen die Zeit erzogen, weil man weiß, das gesprochen Wort des deutschen Lehrers klinge vom dem gedruckten wieder und der Weltbürger gehe unter der Aufsicht der Universalrepublik nicht im Bürger eines verderbenden Staats zugrunde, um so mehr, da, wenn Bücher verstorben, aber verklärte Menschen sind, ihr Lehrling sich immer zu ihren lebendigen Seitenverwandten halten wird.

 

Levana

Wie immer am Ende einer Etappe freuen wir uns über die Möglichkeit einer viel versprechenden Einkehr. Heute ist es die Waldhütte und sie liegt, wie ihr Name es verrät, mitten im Wald. Im Sommer kann man auch draußen sitzen, davon zeugen die vielen Biertische, Tische und Stühle, die sich um die Hütte versammeln. Heute aber ist es schon ziemlich frisch und draußen sitzt niemand mehr. 

Es scheint ein wenig menschenleer, so dass wir befürchten, die Gasstube sei gar nicht geöffnet. Aber welch' ein Glück, die Tür geht auf und uns strömt eine Welle wunderbar warmer Luft entgegen. Es wird gut geheizt heute, in der Stube bullern sogar zwei Öfen gemeinsam um die Wette. Ein paar Leute sind da. Wir nehmen auf einer Eckbank platz. Für Fidel habe ich immer eine alte, kleine Decke dabei, die lege ich unter die Bank. So weiß Fidel ganz genau, ah, es gibt für ihn eine Decke, das bedeutet, dass es länger dauert hier und er getrost eine Weile schlafen kann. Das versteht er, ja, und verschwindet gerne unter der Bank und schlummert im warmen Dunkel. Nach dieser Wanderung, sowieso tief und fest.

 

Das erste Bier wird uns schnell gereicht. Unser Blick schweift umher. Die Stube sieht aus, als ob seit Jean Pauls Zeiten niemand etwas hier gemacht hätte. Ich will ein paar Fotos machen, aber mein Fotoapparat ist kaputt. Habe ihn im Wald fallen lassen. Der wievielte ist das eigentlich?

 

Das Feuer knistert, in der Küche wird geklappert, die Gäste plaudern. An diesem Herbsttag ist mir das so heimelig. Die Wirtin, die uns das Bier gebracht hat, ist schon betagt, sie setzt sich selbst an einen Gasttisch und liest die Bildzeitung. Zu einem Gast, der gerade reinkommt, sagt sie ...

"Der Fußball war scho blamabel ..."

... zu einem, der gerade geht:

"Komm gut heim und fahr net wieder an Platten, Eberhard."

Eberhard: "Ade, Anni."

Anni: "Wart, da hob i noch was ...", sie steht auf, geht in die Küche und kommt mit einer Tupperdose wieder raus. 

"Da, nimsd die mit. San ausm Wald. Die Pfiffer san scho fertig, die Staapilz nur mit Pfeffer un Salz."

"Des kanni, Anni."

"No, was willst du no im Wald num dappen, da bricht ma sich doch die Baa." Sagt gerade die Anni, in ihrem Alter! Denke ich mir.

"In Italien, Anni, da isst man die roh! Nur mit Parmesan und Salat." Er bedankt sich noch und weg ist er.

 

Anni liest weiter Bildzeitung. Dann zu anderen Gästen, die weiter hinten sitzen:

"Die Lilli is die Treppn runtergfallen. An ganzen Doch hat die glegn bis die Putzfra se gfunna hat. A ganz dörrs Weibla ist die ...

Un am Deinzer is es a schlecht gangn, oder hast der Daunzer? Na, der Daunzer war der in Kulmbach und der Doktor Deinzer, war der in Barat. Jedenfalls der Deinzer muss opriert werden. Hat der geschimpft, der wollt net. Aber auch ein Doktor muss sich operieren lassen!" 

 

Ich glühe mittlerweile, so warm ist es hier.

 

"Und Ilona, sind deine Mädels noch gut hamkumma?

Ilona: "Ja ging, ganz gut. Eine mussten wir führen ...", dann leise zu ihrem Mann: "Wir hatten ganz schön viele Schnäpse."

In der Waldhütte im Jahr 2012
In der Waldhütte im Jahr 2012

Ich habe leider nur dieses eine Foto aus der Waldhütte, von damals, am Samstag, den 20. Oktober 2012. Hier in der Waldhütte erschien uns heute das Glück in Gestalt der Wirtin Anni. Die Waldhütte gibt es heute so nicht mehr, die Besitzer haben gewechselt. Aber was ist aus Anni geworden?

 

Mehr über Anni Baumann. Unbedingt lesen! Übrigens, der im Artikel des Nordbayerischen Kuriers von 2013 erwähnte Metzger, Walter Schreiner, stammt aus unserem Städtchen Hollfeld und machte dereinst den besten Leberkäs der Welt.

 

Mehr über die Waldhütte heute: Waldhuette.de 

 

Nach dem Verzehr einer üppigen Brotzeit trollen wir uns von dannen. Es dämmert schon ein wenig. Irgendwie haben wir uns so wohlig aufgewärmt, dass wir draußen die Groß- und Sonderstation 147 "Jean Paul und die Waldhütte" völlig übersehen. Aber hier sei sie zumindest von mir niedergeschrieben: 

Markgräfliche Jagdlust

 

Die Waldhütte wurde um 1750 als Markgräfliche Försterei gegründet. Da die Markgrafen die Jagd liebten, ist anzunehmen, dass auch Markgraf Friedrich und Markgräfin Wilhelmine hier eingekehrt sind.

Im nahen Neustädtlein am Forst bestand schon ein kleines Schloss. Bereits 1398 ist dort ein herrschaftlicher Ansitz bezeugt, der den Herren von Lüchau gehörte, die auch in Donndorf - bei der späteren Fantaisie - guter besaßen.

Markgraf Georg Wilhelm ließ 1726 in Neustädtlein über den mittelalterlichen Grundmauern des Ansitzes ein sehr hübsches Jagdschlösschen errichten, an dem der Jean-Paul-Weg nach Sanspareil vorbeiführt.

Seit dem 19. Jahrhundert galt die Waldhütte als romantisches Ausflugsziel. So kam auch Richard Wagner seit 1877 oft und gern mit seiner Familie an diesen idyllischen Ort, wo er meist bei bester Laune war.

Ob Jean Paul jemals hier war, ist nicht historisch bezeugt, aber es ist leicht vorstellbar, dass er auch diesen schönen Ort geschätzt hätte.

Die Liebe im Walde

 

Nämlich im Fangwalde seines Vaters stand ein einsames Jägerhaus, worin nichts wohnte als der verwittibte Jäger mit seiner einzigen Tochter, welche man jetzt schon in ihren unreifen fahren die Wildmeisterin nannte, weil sie dem Jagdmann Hausfrau, Haushofmeister, Ratskollegium und alles war, was er brauchte, um ruhig zu schießen und zu schnarchen.

Die Wildmeisterin - Drotta - hatte Helfen schon in der Kindheit, wenn sein Vater im Walde Finken durch Aneinanderleimen fing, auf schönere Weise an ihre Psyches-Flügel geleimt, weil er immer zu ihr hineinsprang. Sie hatte aber den Fehler, den sie lange fortsetzte, daß sie ihren jungen Siegwart häufig ausprügelte, eine Sache, für welche er aus Geschmack so wenig war, daß er am Ende nur auf den Waldberg ging, von welchem aus er geradezu die Fenster des Jägerhauses und auf den Spielplatz sehen und alles finden konnte, was einem Herzchen Flügel und Flammen gibt.

 

Leben Fibels 

Die Waldhütte als "letzter Ort"

 

Wenn du in der Schlacht, wo Tausende mit dir wirken und stürmen,

mitten in der blitzenden donnernden Menschenwelt stehst und mitglühst:

so siehst du keine Einsamkeit, sondern eine ganze Menschheit um dich; -

und doch ist eigentlich niemand bei dir als du.

 

Eine einzige Bleikugel, welche als ein finsterer Erdball in deine Himmel - oder Gehirnkugel dringt,

wirft das ganze Schall- und Feuerreich der Gegenwart um dich fern hinunter in die Tiefe,

du liegst als Einsiedler im Getümmel,

und hinter den zugeschloßen Sinnen schweigt die Welt;

 

dieselbe Einsamkeit umschließt dich, ob dir in der entlegnen Waldhütte

oder auf dem Pracht- und Trommelmarkte des Todes die Sinnen brechen.

 

Wenn aber auf diese Weise, was aus der Ferne als Menschenbund gesehen,

in der Nähe nur eine Menschentrennung wird und ein Einsiedlerheer,

ein unauflöslicher Nebelfleck zusammenfließender Sonnen ist,

welche in der Wahrheit sich voneinander durch Weltenräume scheiden; -

und wenn dieses, was für die Prunkstätten des Lebens gilt, ebenso für jede andere Stätte gilt:

ist denn nichts vorhanden, damit der Einzelne nicht einzeln bleibe,

sondern sich zu einem Ganzen und Große vereine?

 

Ja, ein Wesen lebt von Ewigkeit, das alle Wesen zugleich bewohnt und beherbergt

und so alle einander selber zunähert.

Wir sind Sennenhirten, jeder auf seiner Alpenspitze fern von andern,

aber der Gesang geht zu den Hirten über die Abgründe hinüber und herüber

und wohnt und spricht von Berg zu Berg in denselben Herzen auf einmal.

 

So sind wir alle nicht allein, sondern immer bei dem, der wieder bei allen ist

und in welchem alles von innen und außen zusammenfließt;

und dies ist Gott, durch den allein das Größe und Liebe wird, was in der Welt Größe und Liebe scheint. -

Und so bleibt denn auch nicht einmal unsere letzte dunkelste verschlossenste Minute einsam.

 

Einsamkeit der Menschenseele, in: Der Komet (1820)

Der Traum im Walde

 

Mir träumte, ich stehe in der zweiten Welt: um mich war eine dunkelgrüne Aue, die in der Ferne in hellere Blumen überging und in hochrote Wälder und in durchsichtige Berge voll Goldadern - hinter den kristallenen Gebirgen loderte Morgenrot, von perlenden Regenbogen umhangen - auf den glimmenden Waldungen lagen statt der Tautropfen niedergefallenen Sonnen, und um die Blumen hingen, wie fliegender Sommer, Nebelsterne [...]

Zuweilen schwankten die Auen, aber nicht von Zephiyrn (Windgottheit), sondern von Seelen, die sie mit unsichtbaren Flügeln bestreiften. - Ich war in der zweiten Welt unsichtbar; unsere Hülle ist dort nur ein kleiner Leichenschleier, nur eine nicht ganz gefallene Nebelflocke.

 

Der Traum im Traum

Den folgenden Tafeltext zitiere ich, weil es eben auch auf der Tafel steht. Was aber das Jagdmuseum auf Burg Zwernitz mit Jean Paul zu tun hat, eröffnet sich mir nicht wirklich. Nun denn, alles, was mit dem Thema "Jagd" tun hat, mag ich gar nicht und werde mich der Huldigertruppe auch nicht im Entferntesten anschließen. Ich bezweifle auch, das Jean Paul sich unter Jägern mit ihrem Jägergetue wohlgefühlt hätte.

Das Jagdmuseum zu Zwernitz

 

"Die Jagd der Hohenzollern in Franken" ist der eigentliche Titel dieses in Burg Zwernitz bei Sanspareil von der Bayerischen Schlösserverwaltung neu eröffneten Museums.

Die höfische Jagd wird anhand teilweise sehr wertvoller historischer Exponate an einem originalen Schauplatz, dem markgräflichen Jagdrevier Sanspareil, thematisiert und macht eine uns heute fremd gewordenen Epoche wieder anschaulich und lebendig.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die 22 Jagdgemälde, die die Oberfrankenstiftung als Dauerleihgaben zur Verfügung stellt. Daneben werden in Vitrinen u.a. Gewehre, Jagdbekleidung, Urkunden, Waffen, Geweihe, Gläser und andere Jagdutensilien gezeigt.

Und wenn ich die beiden letzten Texte von Jean Paul auf der Stationstafel 147 lese, "Waldhütte als 'letzter Ort' " und "Der Traum im Walde", so steht der "Wald" oder eine "Waldhütte" als ein Sinnbild da, für Traum, für eine zweite Welt, für Einsamkeit, für Schutz, für Größe und Liebe. Ich glaube, dem Thema "Jagen" nähert sich jemand wie Jean Paul nur als Satiriker. 

 

Aber egal, wir entfernen uns nun von der Waldhütte, wandern auf einem breiten Forstweg in Richtung Neustädtlein. Wir sind schon fast zwei Kilometer unterwegs, da sage ich zu Peter: "Riech mal! Das duftet ja immer noch nach Ofenqualm. Bis hierher kann man Annis Öfchen riechen. Das hab' ich so gern!"

 

Nein, diese Waldhütte steht nicht für Einsamkeit. Sie steht für Zuhause. 

 

Langsam wächst der breite Weg immer mehr zu, wird immer schmaler, immer arkadischer. Im Laufe der Zeit hat die Natur sich wieder ihr Land zurück erobert. Kleine Tannen säumen den Weg oder stehen manchmal mitten auf ihm, aufgereiht wie Weihnachtsbäumchen. Der Weg ist mit Gras bewachsen, Moos und Pilze überall, langsam wandeln wir nur noch einspurig. Zum Schluss ist der Weg gar ganz verwildert. Aber Stationstafel 148 "Jean Pauls Spitz* schreibt an den Jagdfürsten**" zeigt uns immer noch den Weg zur Zivilisation:

Jean Pauls Spitz* schreibt an den Jagdfürsten**

 

Ich* kann Attentate von meinem Prinzipal beibringen, daß ich so wenig von der Jagd verstehe als er und daß ich stets hinter seinem Stock der nächste bin; und die einzige niedere Jagd und freie Pirsch, die ich mir erlaube, weil mich der Reichsanzeiger dazu ermuntert, ist zu Zeiten eine Feldmaus.

 

Da ich nun mein Brod bei meinem Brodherrn verlieren würde, wenn er mich nicht außerhalb des Tors brauchen dürfte, wohin gerade seine Geschäfte mit mir fallen - da ich sein einziger Viehstand bin und seine Poularderie und Fasanerie und sein Wappentier;

 

und da sie ihn gewiß halb so lieben als er Sie;

und da Sie oft, wenn Sie bei ihm waren, die Gnade gehabt, mich armen Hund zu streicheln und zu sagen: Komm Spitz - so verseh ich mich zu meinem Glückstern und Hundstern, daß mir verstattet werde, früher als ich zu Schuhen zugeschnitten bin und auf andern Füßen als auf fremden, vor das Tor zu kommen.

 

Meiningen, 19. September 1802

 

* Spitz [zur Zeit Hund bei Herrn Jean Paul]

** an den Herzog Georg von Meiningen

Ich ahnte es, auch Spitze können lesen und schreiben.

 

Wir klettern ins Dörflein Neustädtlein, fast wie durch ein Tor, durch das wir nun in die untergehende, güldene Herbstsonne treten. Vor uns liegt das alte Schlösslein, daneben eine kleines Holzhaus, eine Frau fegt gerade Laub, vor dem Gasthaus "Zur Linde" steht wirklich eine riesengroße, steinalte Linde und neben ihr sitzen noch ein paar Gäste in den letzten warmen Strahlen und genießen den späten Samstagnachmittag mit der Vorfreude auf Sonntag.

Dieser wunderbare Tag lässt sich noch einmal krönen, und zwar mit einem Besuch in der Pöhlmannschen Gastwirtschaft zur realen Schankgerechtigkeit im nahegelegenen Limmersdorf (das Dorf, wo es noch eine echte Tanzlinde mit Tanzlindenfest gibt). Das ist eine Wirtschaft, wie es sie heute wohl kaum mehr zu finden ist. Sie verblieb einfach in ihrem Urzustand. Hier darf man sogar rauchen. Es ist das einzige Gasthaus, in dem mich das überhaupt nicht stört. Gerade wird die Sportschau geguckt. Vorher darf kein Gast die Ergebnisse verraten. Das ist Gesetz.

 

Im Sommer kann man direkt neben dem Wirtshaus im Biergarten sitzen, unter alten Linden, die ihre Äste wie ein Nest über die Bierbänke und -tische gestrickt hat. Jahrzehnte braucht es für so ein Laubendach.

 

Fidel schläft tief und fest unter der Bank auf seiner Kuscheldecke. Dass seine Pfoten bis unter den Bauch vermatscht sind, interessiert ihn nicht. Uns auch nicht. Es gibt Bernsteinbier von der Kulmbacher Kommunbräu - und heute haben wir Glück, Veit Pöhlmann, der Wirt, der wegen seiner Statur immer für Peters Bruder gehalten wird, hat heute Bratkartoffeln frisch gebraten, dazu gibt es beste Sülze.

Das Bier kostet immer 1,50 EURO und die Brotzeiten 3,00 EURO. 

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