30. Auf nach Arkadien!

Arkadienweg Schloss Fantaisie - Salamandertal - Oberwaiz ... Pudel Fidel hat sein Pudelglück im Schlosspark Fantaisie gefunden
Arkadienweg Schloss Fantaisie - Salamandertal - Oberwaiz ... Pudel Fidel hat sein Pudelglück im Schlosspark Fantaisie gefunden

Arkadienweg Schloss Fantaisie - Salamandertal - Oberwaiz


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Gewandert sind wir diese Etappe am Sonntag, den 15. Oktober 2017.

 

Arkadien pur!

 

Es ist ein wahrhaft arkadischer Tag. Die Sonne verschüttet ihr Herbstgold in Hülle und Fülle. Heute wird es warm, über 25 Grad heißt es. Wir freuen uns so. Wir fahren von Ronneburg nach Bayreuth und genießen wieder die Aussicht vom Bindlacher Berg auf das Städtchen im güldenen Tal. Während der Fahrt erhasche ich aus dem Auto nur ein flüchtiges Bild, das aber auf seine Weise auch eine Verheißung erahnen lässt.

Blick auf Bayreuth vom Bindlacher Berg - aus dem Auto.
Blick auf Bayreuth vom Bindlacher Berg - aus dem Auto.

Wir streifen noch einmal die Groß- und Sonderstation 132 "Jean Paul und die Tiere" bei Gut Geigenreuth. Wie lustig. Jetzt ist das Feld abgeerntet und ein Hügel Runkelrüben ruht hinter der Stationstafel. Davon muss ich noch einmal ein Foto machen.

Dann fahren wir weiter den wunderschönen Talweg zum Schloss Fantasie. Wir müssen den Weg leider mit dem Auto zurück legen, denn Peter wird später noch viel laufen müssen, durch den Schlosspark und durch das Salamandertal. Deshalb fahren wir soviel Strecke, wie es möglich ist, wir möchten ja Fotos machen, wenigstens.

 

Und es ist schlimm. Wir befürchten es schon, wir stören mit dem Auto. Heute sind wirklich alle unterwegs, ob zu Fuß, mit Rad, Roller und Skatern, mit Hund oder mit Kind und Kegel. Wir fahren ganz langsam, warten immer wieder. Aber die Menschen sind nicht verärgert, sie winken uns lachend zu und wir winken lachend zurück. Was ist denn heute los? Frage ich Peter ...

Noch bevor wir den Schlosspark betreten und das Schloss sehen können, finden wir Die Groß- und Sonderstation 133 "Jean Paul und die Fantaisie (1)", nahe des Autoparkplatzes und des Sportplatzes des TSV Donndorf-Eckersdorf. 

Schloss Fantaisie
Schloss Fantaisie

Die Schloss-Besitzer

 

1758          

Beginn des Schlossbaues unter Markgraf Friedrich und Markgräfin Wilhelmine

(Pläne von Architekt Carl Philipp Christian von Gontard, nach Vorbild der florentinischen Villa Doria Pamphilj auf Grund der Italienreise des Markgrafenpaares)

 

1763

Herzogin Elisabeth Friederike Sophie von Württemberg (sie galt als die schönste aller deutschen Prinzessinnen)Tochter der Markgräfin Wilhelmine, übernimmt den Besitz von von Markgraf Friedrich Christian       

 

1765 

Die Herzogin zieht in das fertig gebaute Schloss ein, in dem sie bis 1780 lebt

 

1780 - 1791

Markgraf Alexander von Ansbach

 

1791 - 1793

Preußischer Staat 

(Verwalter ist der Oberforstmeister Traugott Friedrich von Obernitz)

 

1793 - 1795

Herzogin Friederike Dorothee Sophie und Herzog Friedrich Eugen von Württemberg

 

1795 - 1833

Herzog Alexander I. von Württemberg

 

1833 - 1881

Herzog Alexander II. von Württemberg

 

1882 - 1895

Konsortium Feustel, Schwabacher, Eysser

 

1895 - 1897

Ernst Hüttenrott, preußischer Forstassessor

 

1898 - 1908

Martin de Cuvry, Oberleutnant aus Bonn

 

1908 - 1928

Familie Schmidt-Oertel

 

1929 - 1937

Fürst Edmund von Wrede

 

1937 - 1945

Nationalsozialistischer Lehrerbund

 

1945 - 1948

US-Regierung (Sanatorium der US-Armee)

 

1948 - 1961

Bayerisches Rotes Kreuz (Lungenheilanstalt)

 

seit 1961

Freistaat Bayern (mehrfach untervermietet an Firmen und andere Nutzer)

 

2000

Eröffnung des ersten deutschen Gartenkunstmuseums durch die Bayerische Schlösserverwaltung

 

Mehr unter schloss-fantaisie.de oder gartenkunst-museum.de 

Schlosspark Fantaisie
Schlosspark Fantaisie

Weiter geht es vorbei an mehreren kleinen Teichen, die vom Talmühlbach gespeist werden, so dann auch der Herzog- oder Talmühlweiher, zu dem wir gleich gelangen und von dem aus man eine herrliche Sicht auf das auf der Anhöhe gelegene Schloss Fantasie hat.

Schloss Fantaisie - Talansicht
Schloss Fantaisie - Talansicht

Auf dem Weiher wohnt schon seit Jahren ein Trauerschwan-Paar. Wir haben schon einige ihrer Küken aufwachsen sehen. Wieviele Großeltern mögen da schon mit ihren Enkeln hierher spaziert sein, um das putzige Schauspiel zu beobachten und die Schwäne und Entchen aller Art zu füttern? Immer, wenn wir da waren, gab es am Ufer ein kleines Spektakel.

Einmal waren wir 2011 just am 21. März - Jean Pauls Geburtstag - im Schlosspark. Da war Fidel noch mit dabei. Auf der großen Wiese über dem Weiher fanden wir eine vermutlich verloren gegangene rote Fisbeescheibe. Ich dachte, probier doch mal, ob Fidel so ein Spielzeug interessieren könnte. Und ob! Peter und ich waren völlig überrascht, weil ansonsten nur gelbe Tennisbälle für Fidel als Spielobjekt in Frage kamen. Wobei Fidel auch nicht derjenige ist, der Gegenstände apportiert, sondern mit ihnen davon läuft und er will, dass man ihn einfängt um so an das Objekt der gemeinsamen Begierde zu gelangen. Jedenfalls war Fidel in seinem Pudelglück und das Glück wollte kein Ende nehmen.

Wozu ist ein Hund nütze? Das fragte sich einer unserer besten Freunde, dessen Töchter sich bei einer Haustieranschaffung in Form eines Hundes schlussendlich durchsetzten. Die Frage stellte er noch lange, vor allem, als der neue Hausgenosse gerne mal justament auf den Teppich kotzte oder nächtens verbotenerweise, deshalb heimlich, nicht ohne Spuren zu hinterlassen, auf dem Sofa schlief. Ich stelle mir diese Frage auch, nur etwas anders. Woher kommen sie eigentlich, diese Tiere, diese Aliens? Warum besuchen sie unsere Welt nur? Mir scheint, als ob sie uns irgendwie abholen wollten, uns einladen wollten, uns mitnehmen wollten. Kommt mit! Stupsen sie uns mit ihren Nasen an. Ja, wohin denn? Wohin denn nur? Was ist denn da, wo wir hin sollen?

 

Der geheime Schlüssel

 

Tiere sind nicht da, um uns nütze zu sein, wie wir es uns gerne einbilden, sondern sie verfolgen eine uns noch unbekannte Aufgabe. Der Sinn ihrer Existenz ist vielleicht, uns in ihre Welt mitzunehmen. Und ihre Welt ist so dumm gar nicht, überhaupt nicht schlechter, unbequemer, unfreier als unsere. Ich habe die Ahnung, sie besitzen einen geheimen Schlüssel zu einer gar besseren Welt.

Jean Paul und die Fantaisie

 

Die Fantasie ist einer wenigen konkreten Bayreuther Orte, die in Jean Pauls Werk namentlich genannt werden. Allein daraus ersieht man, welche Bedeutung der markgräfliche Lust- und Sommerort, das "Rosen- und Blütental", der "erste Himmel um Bayreuth", für den Dichter und Menschen einnahm. Im Roman Siebenkäs spielen zwei wichtige Szenen an diesem Ort.

 

Freilich kannte der Dichter ihn noch nicht, als er ihn zum Handlungsort seines Romans machte.

Im April 1796 schrieb er an seinen Bayreuther Freund Christian Otto:

 

"Die Szene mit Natalie in der Fantaisie liegt wie eine sanfte Mondnacht vor mir, und ich freue mich, wenn ich einmal in Bayreuth die Stätten besuchen werde; ich hätte in meinen anderen Büchern nur auch mehr meinem Gefühle, das mir solche Szenen vergeblich rein vorhielt, mehr folgen sollen als der Sucht, ein Mosaik von böhmischen Steinen zusammenzulegen."

 

Nachdem er den Park kennengelernt hatte, wurde er mit seinen Hecken-Labyrinthen, Grottennischen und Sandsteinfelsen für den leidenschaftlichen Spaziergänger Jean Paul zu einem gern besuchten, romantischen Sehnsuchtsort. Er war - über die Chaussee von Bayreuth nach Fantasie - noch zu Fuß erreichbar. Diese Straße, schrieb J.C. Ernst von Reiche im Jahr 1795, "ist schön gepflastert, fast überall mit schattenreichen Alleen besetzet, und selbst der Wandelnde hat zu beiden Seiten bequeme Gehwege."

 

Hier besuchte er zu Beginn seiner Bayreuther Zeit die Großfürstin Konstantin (?) und hier lernte er den Prinzen Alexander I. von Württemberg kennen, der ihm noch zu Lebzeiten (1820) einen Ehrenstein setzte.

So viele Menschen sind heute im Park. Das habe ich in den letzten 25 Jahren noch nie so erlebt. Man sitzt auf den schönen alten Steinbänken, läuft Händchen haltend durch die Hecken-Labyrinthe, spielt Boule auf dem Platz zwischen den Obstquartieren, trifft alte Freunde völlig überraschend, bleibt stehen und hält ein Schwätzchen, wundert sich über die "Spirale" im Rasen neben dem großen Springbrunnen, öffnet Genuss verheißend ein Piccolöchen, Japaner fotografieren unermüdlich, dabei immer freundlich lachend, die wiederaufgebauten Kaskaden mit Neptun, Nixen, Rössern und Delphinen, eine Mutter knipst stolz ihr vor Glück quiekendes Kind, das das so schön raschelnde Herbstlaub hochwirft, andere lesen die unlesbar gewordenen Aufschriften an den leeren Gruften und ein junges Mountainbike-Pärchen versucht vergebens die krumm getretenen Steinstufen hoch zu radeln. Soviel Heiterkeit allüberall.

 

Vom Wandeln und Verwandeln

 

Schon mein ganzes Leben lang habe ich Schlösser und ihre Parks geliebt. In meiner Jugend war das eine eher uncoole Leidenschaft, war doch alles auf Protest gepolt. Schlösser? Das hat doch was mit Imperialismus zu tun. Das geht gar nicht. Aber ich besuchte sie immer so gerne. Wenn der Tag grau war oder gerade in den aller schwärzesten Zeiten, dann hat ein Spaziergang durch einen Schlosspark oder eine Führung durch ein Schloss mich immer wieder aufgerichtet. Warum ist das so? Oft denke ich mir, es ist die Ordnung, nein, mehr die Geordnetheit, die Geborgenheit, und doch die Verspieltheit, die spürbare Liebe zu allen Details, das gelungene Zusammenwirken aller Künste, der Webereien, der Stuckateure, der Schreiner, der Maler, der Gärtner, der Architekten, die vielen Schnörkel, das allgegenwärtige Sprudeln, nicht nur von Wasser, sondern auch von Heiterkeit, die alles erhebende und über allem schwebende Andacht und Feierlichkeit. Das Wandeln in all dieser Seligkeit verwandelt meine Seele.  

 

Mein Vater liebte auch Schlösser. Vor allem das kleine Schloss Linderhof des Bayernkönigs Ludwig II., darin hätte er selbst gerne gelebt. "Hilde, das wäre genau passend für mich. Es ist so klein, das es fast wie ein Häuschen ist, aber es ist doch ein Schloss. So voller Edelmut und Glanz. Und! Es ist immer und überall warm, weil man es beheizen kann", sagte er, als wir tatsächlich einmal Linderhof besuchten.

"Im nächsten Leben Papa, ganz bestimmt, da wohnen wir in so einem Schlösschen, das wär schön, was?"

Die Phantasie (im Kopf)

 

Wie aber nun ist vom Erzieher der tragischen Übermacht der geisterrufenden Phantasie zu wehren? [...]

Dadurch, daß man die Phantasie selber gegen die Phantasie bewaffnet und den Geistern den Geist gegenüberstellt, dem Teufel Gott und Recht.

 

Selberlebensbeschreibung

 

 

Phantasie in einer Fürstin gebiert häufig fürstliche Phantasien - und Sturmlaufen gegen den Himmel - und allerlei vulkanische Produkte - und Verkalkungen der Schatzkammer - und Verflüchtigen der Kron-Juwelen und sonst manches, was ich weiß. Kann eine phantastische Frau das Landes-Grün in Wiesen und Wälder zusammengezogen und verdichtet an einem Ringfinger tragen in Gestalt des größten Smaragds? Sie tuts, Pomponne, bei Gott!

 

Ich bäte mir daher lieber gesunden Menschenverstand dafür aus, wenn ich keinen hätte. Freilich, glänzen kann man wenig mit ihm; aber desto mehr ausrichten. Letztes weiß ich gewiß; manche Fürstin, welche unter der Regierung ihres Gatten bloß eine verständige, liebende Mutter und Gattin bescheiden dagestanden war, konnte nach seinem Tode [...] den Landesvater ersetzen durch die Landesmutter und mit klarem Auge und lehrbegierigem Ohre die Fahrt des Landes richtig steuern.

Phantasie und Phantasien sind auf dem Throne, um welchen wie um andere Höhen mehr Winde wehen als hinter dem Staatsschiffe, nur aufgespannte Segel im Sturm, in welchem sie gerade der Schiffer oder der Verstand einzuziehen hat.

 

Levana

 

 

Übrigens treibt die Phantasie in keiner Seelenbewegung - nicht einmal in der Liebe - ihre Schaff- und Herrschaft so weit als in der Furcht.

 

Levana

Schloss Fantaisie am Sonntag, den 15. Oktober 2017
Schloss Fantaisie am Sonntag, den 15. Oktober 2017

Folgt man weiter den Jean-Paul-Wegzeichen, gelangt man vom Talweg im Park Fantasie zum Parkausgang Richtung Salamandertal. Hier wartet die Groß- und Sonderstation 134 "Jean Paul und die Fantaisie" (2)

Die Fantaisie - poetisch verklärt

 

Er übernachtete daher in Fantaisie,

einem artistischem Lust- Rosen- und Blütental, eine halbe Meile von Baireuth.

 

Heb alles auf, bis wir im warmen Schloß Abrahams sitzen, in der Eremitage,

welches nach Fantaisie der zweite Himmel um Bayreuth ist,

denn Fantaisie ist der erste,

und die ganze Gegend der dritte.

Siebenkäs

 

Um 12 Uhr sank ich in Fantaisie bei Baireuth zum Essen nieder.

Blühendes, tönendes, schattendes Tal! -

Wiege der Frühlingsträume! Geisterinsel des Mondlichts!

Und deine Eltern, die Berge, die in dich hereinblicken, sind so reizend wie ihr Kind im Kranz.

Fort von der Lust zu der Lust!

Giannozzo

 

"Da geht er nach der Fantaisie, legt sich unter den Schatten eines großen Baumes,

läßt sich kalten Braten und Butterbrot geben und fängt dann an zu schreiben.

Abends geht er zurück."

Friedrich Meier über Jean Paul (1809)

 

"Unter den hiesigen Sehenswürdigkeiten rühmte er mir vorzüglich die Fantaisie und die Eremitage."

Karl Bursy (1816)

Herzog- oder Talmühlweiher mit Badehaus im Schlosspark Fantaisie, an ihm führt der Talweg entlang.
Herzog- oder Talmühlweiher mit Badehaus im Schlosspark Fantaisie, an ihm führt der Talweg entlang.
Groß- und Sonderstation 134 "Jean Paul und die Fantaisie" (2) auf dem Talweg im Schlosspark Fantaisie
Groß- und Sonderstation 134 "Jean Paul und die Fantaisie" (2) auf dem Talweg im Schlosspark Fantaisie

Als Jean Paul die Fantaisie besuchte, wohnte sozusagen gerade Herzog Alexander I. von Württemberg im Schloss. Er lud Jean Paul gerne zu sich ein und Jean Paul liebte es zu kommen.

 

Wer genau dieser Herzog Alexander I. war, erklärt uns auch die Groß- und Sonderstation 134 am Talweg des Parks: 

Verwandt mit höchstem Adel

 

Alexander I. (1771 - 1833) war der Sohn des späteren Herzogs Friedrich Eugen von Württemberg, der 1793 bis 1795 als Generalgouverneur von Brandenburg-Ansbach und Brandenburg-Bayreuth im Neuen Schloss zu Bayreuth lebte.

Über seine Mutter  Friederike Dorothee Sophie von Brandenburg-Schwedt, die den Park Fantaisie sentimental ausgebaut hatte, war er mit dem preußischen Königshaus verwandt. Alexander war also der Großneffe Friedrichs des II. und  Wilhelmine von Bayreuth, von deren Tochter  Herzogin Elisabeth Friederike Sophie von Württemberg das Schloss einst fertig gestellt worden war.

 

Der Herr der Fantaisie war mit den höchsten Adelskreisen seiner Zeit verwandt:

Seine Schwester Sophie Dorothee war russische Zarin,

ihre Kinder Alexander I. und Nikolaus I. wurden Zaren.

Alexander war also der Onkel zweier russischer Herrscher.

Sein Bruder Friedrich war König von Württemberg,

aber noch die heutigen Chefs des Hauses Württemberg stammen aus der "herzoglichen Linie", die von Herzog Alexander begründet wurde.

Er selbst war - über seine Gemahlin Antoinette von Sachsen-Coburg-Saalfeld - auch mit dem Hause Coburg-Gotha verbunden, damit auch direkt mit dem belgischen König Leopold I. und der britischen Königin Viktoria.

 

Alexander ging als russischer Beamter und General in die Geschichte ein.

1799 trat er in die russische Armee ein.

Nachdem er 1811 zum Gouverneur von Weißrussland ernannt worden war, kämpfte er 1812/13 als russischer General gegen Napoleon.

Nach dem Krieg leitete er, wieder als Gouverneur von Weißrussland, seit 1822 das russische Verkehrsministerium.

Er starb 1833 in Gotha und wurde auch dort beerdigt.

Alexander Friedrich Karl von Württemberg (Gemälde von George Dawe, 1823/25)
Alexander Friedrich Karl von Württemberg (Gemälde von George Dawe, 1823/25)

Gedenkstein für Jean Paul

 

Nachdem Friederike Dorothee Sophie 1795 zum Regierungsantritt ihres Mannes Friedrich Eugen an den Stuttgarter Hof zurückgekehrt war, nutzte ihr Sohn Alexander I. von Württemberg Schloss und Park Fantaisie als Sommersitz.

Die Anlage wurde vernachlässigt, da der Herzog seit 1806 in russischen Diensten an den napoleonischen Kriegen aktiv teilnahm. Nach Ende dieser welthistorischen Auseinandersetzungen konnte er sich wieder intensiver um die Fantaisie kümmern.

1819 lernte er hier Jean Paul kennen und schätzen. Jean Paul schrieb einige Zeit später:

 

"Der Herzog Alexander aus Russland (er war General in russischen Diensten gewesen) [...] gibt mir in hiesiger Fantaisie fast tägliche Stelldichein der Liebe, sogar eine Lobschrift auf mich ließ er in einen dortigen Felsen hauen, für mich eine aufrichtige Grabplatte."

 

Dies war nicht die erste Begegnung Jean Pauls mit dem Hochadel in der Fantaisie. Schon zu Beginn seiner Bayreuther Zeit pflegte er den Kontakt mit der "schönen kindlich-kräftigen Großfürstin" Konstantin und ihrer Hofdame Charlotte von Schlammersdorf.

 

Der Jean-Paul-Stein jedenfalls steht heute noch auf seinem Platz, an dem breiten Weg vom Herzogweiher hinauf zum Hotel Fantaisie (und zum Schloss). Die Inschrift lautet:

 

"Jean Paul!

Dem sinnigen und erhabenen Dichter;

Deutschlands vorzüglichstem Musensohne,

dem Freunde der Natur und Kunst,

Deutschlands Zierde, Deutschlands Stolz."

 

Gedenkstein für Jean Paul

am Jean-Paul-Felsen

im Schlosspark Fantaisie, 1820."

Aber jetzt müssen wir uns langsam vom Schlosspark Fantaisie losreißen und weiter dem Jean-Paul-Weg folgen. Dazu verlässt man den Park und begegnet von dieser Seite aus, quasi von hinten, dem Örtchen Eckersdorf. Von hier kann man die evang.-lutherische Kirche St. Ägidius sehen, die wie eine Burg auf einem Felssporn liegt, genau da, wo die beiden Schluchten des Salamandertales und des Lüchautales zusammenstoßen und steil abfallen. Ein neuer schöner, kleiner Teil des Jean-Paul-Weges wartet auf uns.

 

Das Salamandertal

Evang.-lutherische Kirche St. Ägidius in Eckersdorf
Evang.-lutherische Kirche St. Ägidius in Eckersdorf

Nachdem man auf schmalen Gassen an ein paar Gärten vorbei gewandert ist, tritt man zunächst in einen kurzen Abschnitt des Salamandertales ein. Er ist vielleicht nur 200 Meter lang.

Jetzt entlang am Mühlbach in Eckersdorf ...
Jetzt entlang am Mühlbach in Eckersdorf ...

Dann wird es eng und man muss ein paar Stufen hinaufsteigen und gelangt wieder auf eine Straße. Oben sitzen zwei Katzen. Sie scheinen auf uns gewartet zu haben, wie an einer unsichtbaren Pforte ...

Da ist es schon wieder, dieses Phänomen. Zwei Wesen aus einer anderen Welt halten Ausschau nach uns, wo wir denn bleiben? Und wenn das hier eine Pforte wäre, wohin wollen sie, dass wir dann gehen?

 

Natürlich streicheln wir die beiden Miezen, zumindest versuchen wir es. Haben dann aber Sorge, dass sie gleich davon laufen. Also gehen wir ruhig an ihnen vorbei, wollen sie an diesem herrlichen Sonntag nicht vertreiben. 

 

Wir fragen uns, ob das nun schon das schöne Salamandertal war? Das wäre ein bisschen kurz. Wir haben auch keine neuen Stationstafeln gefunden. Also laufen wir einfach weiter, wieder vorbei an Gartenzäunen und Garageneinfahrten, irren ein wenig herum. Ich frage einen Passanten, ob er weiß, wo der Jean-Paul-Weg weitergeht oder ob er wüsste, wo so grüne Tafeln mit Texten drauf stehen. Ich gehe schon fast davon aus, dass den meisten Menschen "Jean Paul" nichts sagt. Aber, oh Wunder! Er weiß, was ich meine. Natürlich kenne er Jean Paul und auch den Weg. "Sie sind hier richtig!" sagt er noch. So ein schöner Tag heute, denke ich schon wieder!

 

Es dauert nicht lange, dann sehen wir auch die nächste grüne Tafel. Und da ist sie, Stationstafel 135 "Der Fremde als Bruder", direkt am eigentlichen Eingang des Salamandertales. Rechts plätschert der Mühlbach, links ragen ein paar Felsen in die Höhe.

Der Fremde als Bruder

 

Überhaupt ist jeder Mensch seine eigne Kopiermaschine, die er an andere ansetzt, und wenn er gern alles in seine geistliche und geistige Verwandtschaft als Seelen-Vettern hineinzieht.

 

Bringe nur deinem Kinde das fremde Leben und Ich lebendig genug vor das seinige, so wird er es lieben.

 

Das Erregungsmittel besteht in Versetzung in fremdes Leben - und in Achtung für Leben überhaupt.

 

Um zur Wahrheit zu gelangen, sollte jeder die Meinung seines Gegners zu verteidigen suchen.

 

Nicht der äußere Mensch, aber der innere hat Spiegel nötig.

Man kann sich nicht anders ganz sehen als im Auge des fremden Sehers.

 

Einzelwesen, ja Völker, sterben oft, ohne je sich an eine andere Stelle gedacht zu haben als an die ihrige.

Was für ein entzückendes Tal! Wir sind überrascht. Jahrelang, ja, jahrzehntelang kann man fast sagen, fahren wir auf der B22 von Hollfeld nach Bayreuth und kommen dabei durch Eckersdorf, dann durch Donndorf, erhaschen im Vorbeifahren immer einen Blick auf das Schloss Fantaisie und den Park, hatten aber keine Ahnung, dass sich ein wenig abseits der Bundesstraße, mitten durch den Ort so einer romantischer Weg unten durch ein Tälchen schlängelt.

 

Peter muss ich dann wieder auf der Bank bei Stationstafel 135 zurücklassen und alleine weitergehen, durch das ganze Tal, vorbei auch an der nächsten Stationstafel, an bemoosten Felsen, über kleine, rutschige Holzstege, Radfahrer bleiben stehen und lassen mich auf dem schmalen Pfad sicher vorbei laufen, die Sonne steht schon tief und glitzert zwischen den Zweigen hindurch. Fast schon scheint es, als ob erster Nebel im kühlen Grund zu steigen beginnt. 

Mitten im Tal finde ich Stationstafel 136 "Krieg dem Kriege":

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 136 "Krieg dem Kriege" im Salamandertal
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 136 "Krieg dem Kriege" im Salamandertal

Krieg dem Kriege

 

Das Unglück der Erde war bisher, daß zwei den Krieg beschlossen und Millionen ihn ausführten und ausstanden, indes es besser, wenn auch nicht gut gewesen wäre, daß Millionen beschlossen hätten, und zwei gestritten.

 

Nur der herbste, zäheste Barbarismus der Vorzeit, der Krieg, bleibt noch dem uns angebornen Antibarbarus zuletzt zu überwinden übrig.

 

Der Krieg kommt endlich selbst am Kriege um; seine Vervollkommnung wird seine Vernichtung.

 

Das Gute wächst auf den Jahrhunderten, das Böse auf dem Augenblick, jenes lebt von der Zeit, dieses stirbst an ihr.

 

Es gibt eine höhere Tapferkeit - die Tapferkeit des Friedens und der Freiheit, der Mut zu Hause.

Ich laufe den ganzen Weg durch das Tal bis zum Ende, wo man über Stufen durch den Privatgarten eines Anwohners steigen muss und dann wieder durch Gassen zum Ortsausgang geführt wird. Dann sehe ich, dass der Weg weiter durch Landschaft, unter Bäumen hindurch an Feldern vorbei geht ... 

Auf dem Jean-Paul-Weg hinter Eckersdorf
Auf dem Jean-Paul-Weg hinter Eckersdorf

Ich laufe zurück zu Peter, der immer noch auf der Bank im Salamandertal auf mich wartet.

 

Die Bayreuther Etappe bis zum Schloss Fantaisie und Oberwaiz ist für uns jetzt ein bisschen wie eine Schnitzeljagd. So von Stationstafel zu Stationstafel, ohne Wanderung und ohne Fidel. Diesen -Etappen-Abschnitt hatten wir, wie erwähnt, 2012 ausgespart, um mit Fidel nicht durch die Stadt laufen zu müssen. Dann kam 2013 Peters Unfall dazwischen, was die Eröffnung der Kaffeestube Märchenwinkel zwingend als Existenzsicherung erforderte, dann aber schon 2015 wegen Erschöpfung wieder aufgegeben werden musste und der Umzug nach Ronneburg folgte. Erst 2017 konnten wir die Etappe nachholen und ins Wandertagebuch einfügen.

 

Also fahren wir jetzt mit dem Auto zum Ortsausgang von Eckersdorf und suchen Stationstafel 137. Noch einmal fragen wir Leute, die gerade vorbei kommen, nach den grünen Tafeln. Auch hier kennt man diese und auch Jean Paul. Schon wieder freuen wir uns. Wir freuen uns so, als ob Jean Paul unser Bruder wäre. Wir sind stolz, dass man seinen Weg kennt.

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 137 "Unsere arme Erde" hinter Eckersdorf
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 137 "Unsere arme Erde" hinter Eckersdorf

Unsere arme Erdkugel

 

Auch macht ja die Erde jetzo überall Härt-Anstalten des Gefühls, nämlich Kriege. Wie kalt geht man in der Geschichte über die unzähligen Schlachtfelder, welche die Erde mit Todes-Beeten umziehen!

 

Wenn der Krieg seinen Ameisen- oder Maulwurfspflug auf unserer Kugel einsetzt und mit einer Pflugschar, welche Länder durchschneidet, die aufgeworfen Ameisen-Hügel, die man Städte nennt, aushebt, umstürzt und zerreibt:

Fallen denn nicht alle aufgehoben Hämmer des Handwerks der Kriegsmaschine immer nur auf einzelne Herzen herunter, jeder Hammer auf seines?

 

So wenig geht bisher der Mensch noch den Menschen an; er sieht noch nicht, daß jeder Edenkrieg ein Bürgerkrieg ist.

 

Die ganze Erde muss einmal ein einziger Staat werden, eine Universalrepublik.

 

Die Erde ist das Mutterland der Vaterländer.

Ich gehe sogar noch weiter: es muss werden wie bei "Raumschiff Enterprise" oder, wie die US-Serie original heißt, "Star Trek".

Die Führungsoffiziere und Besatzungsmitglieder des oben genannten Raumschiffs gehören nämlich zur "Vereinten Föderation der Planeten", einer im 22. Jahrhundert gegründeten und von der Erde aus regierten Allianz von Völkern in der Milchstraße. Dabei sind die Völker im Star-Trek- Universum recht unterschiedlich in Farbe, Form, Geschlecht, Temperament, Gedanken, politischen und ethischen Weltanschauungen. Stört keinen, sie arbeiten in erstaunlichster Weise zusammen, denn es geht immer darum, die Rechte aller Wesen zu wahren und zu verteidigen, aller Wesen! Sonst geht's ja nicht.

 

Die politische Welt von oben

 

Ich sage immer zu Peter, wenn wir uns über Weltpolitik unterhalten, dass erst eine "Draufsicht" auf die Erde eine sinnvolle Sichtweise ermöglicht. Dann kann man sehen, dass alle Bewohner der Erde in einem Boot wohnen, sozusagen, und erst dann, wenn die Rechte weltweit für jeden gleich gelten, wird es vielleicht einmal Ruhe geben. Gleiche Löhne und Steuern für alle, die auch gezahlt werden müssen, dann ziehen die Unternehmen vielleicht nicht mehr in Horden um die Erde. Die Erde, der Grund, die Bodenschätze, die Elemente Wasser, Luft, Erde und Energie (Feuer) gehören entweder allen oder keinem.

 

Das hat Jean Paul auch schon gewusst. Da gab es noch gar kein "Star Trek", auch keine Bilder vom blauen Planeten aus dem Weltall. Aber das ist auch nix Schlaues. Alle wissen das. Ab und zu sagt es mal einer laut, wie Jesus zum Beispiel. Der beantwortet übrigens auch schon die Glück-Frage: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Aber laut der Zeitrechnung von Star Trek können wir bis vor dem 24. Jahrhundert kaum mit so einer intelligenten Lösung rechnen. 

Auf dem Jean-Paul-Weg hinter Eckersdorf
Auf dem Jean-Paul-Weg hinter Eckersdorf

Gar nicht weit von Stationstafel 137, vor dem Sport- und Tennisplatz des Ortes und noch in Sichtweite der Grund- und Mittelschule von Eckersdorf, finden wir Groß- und Sonderstation 135 (eigentlich 138) über "Jean Paul und Kindheit".

Jean Paul als Kind ...

 

Da die uferlose Tätigkeit unseres Helden sich mehr auf geistige als auf körperliche Spiele warf, - die er aber alle mit unsäglicher Wollust trieb, - so erfand er auch statt neuer Sprachen, neue Buchstaben. Er nahm geradezu die Kalenderzeichen, oder geometrische aus einem alten Buche, oder chemische, oder neueste aus seinem Kopfe, und setzte daraus ein ganz neues Alphabet zusammen. Hatt' er es fertig: so war sein Erstes, daß er selber von seinem alphabetischen Solitär Gebrauch machte und eine oder ein Paar Seiten voll geschriebener Materien darein kleidete.

 

Eine an sich bedeutende Lustbarkeit innerhalb des Hofes [...] bestand darin, daß er in der Scheune auf einer Leiter einen freiliegenden Balken bestieg und von ihm auf das zwei Stockwerk tief gelegte Heu hinuntersprang, um unterwegs das Fliegen zu genießen.

 

Selberlebensbeschreibung

 

 

Da bauete er sich mit der Schwester in den Heuschober ein und fuhr auf dem architektonisch gewölbten Heu-Gebirge des Wagens heim.

 

Schulmeisterlein Wutz

... und als Vater

 

"Als wir ganz klein waren, bewohnten wir zwei Stockwerke eines Hauses, der Vater arbeitete oben in den Mansarden. Wir Kinder krabbelten nun morgens mit Händen und Füßen die Treppe hinauf und hämmerten an der schließenden Falltüre, bis der Vater sie aufhob und nach unserem Einlaß sie wieder schloß und dann von einem alten Schrank eine bereits durchlöcherte Trommel herunternahm und eine Pfeife, mit denen wir stark musizierten, während er drinnen schrieb.

Dann durften wir auch hinein zu ihm und mit dem Eichhörnchen spielen, das er abends in seiner Tasche mit in die Harmonie nahm."

 

Aus den Erinnerungen der Tochter Emma 

Kinderspiele zwischen Mensch und Tier

 

Es gibt zweierlei Kinderspiele, kindische und ernsthafte - die ernsthaften sind die Nachahmungen der Erwachsenen, das Kaufmann-, Soldaten-, Handwerker-Spielen, die kindischen sind Nachäffungen der Tiere.

Wutz war beim Spielen nie etwas anderes als ein Hase, eine Turteltaube oder das Junge derselben, ein Bär, ein Pferd oder gar der Wagen daran.

Glaubt mir! ein Seraph [Hoher Engel] findet auch in unseren Kollegien und Hörsälen keine Geschäfte, sondern nur Spiele und, wenn ers hoch treibt, jene zweierlei Spiele.

 

Schulmeisterlein Wutz

 

 

Sein Kunstgriff nämlich, sich auf dem Lande den Hering zu ersetzen in solcher Ferne von der Küste, bestand darin, daß er, wenn er Semmel holen mußte, in den Bach watete und leise einen Stein aufhob, worunter eine Grundel oder ein noch kleineres Fischchen zu fangen war.

Diese tat er in einen ausgehöhlten Krautstrunk (er stellte eine Heringtonne vor) und salzte sie gehörig ein, und so hatt' er, sobald das Tönnchen voll war, Heringe zu essen gehabt, wenn nicht alles gestunken hätte.

 

Selberlebensbeschreibung 

Riesen-Eltern, Klein-Eltern und Kinder

 

Die Eltern haben ein leichtes, reines Mittel, den Kindern zugleich sehr zu predigen, zu erzählen und wohlzutun, nämlich durch Erzählung ihres Kindheit-Lebens unter den eigenen Eltern. Schon an und für sich ist dem Kinde, dem Kleinen, das Kleine das Liebste, und sie baten den Verfasser zuweilen um ein kleines Meer, einen kleinen lieben Gott.

 

Wie Kinder alles Verkleinerte und als ihnen Ähnliches lieben: so hören sie es gern, wenn ihr Vater ihnen seine Kindheitsgestalt vormalt und sich zu ihrem Maße herab verkleinert. In dieser Verkleinerungseinkleidung kann er allen Lehren, die ihm sein Vater gab, und alle guten Beispiele legen, die er selber gab. Nur behalte sich der erzählende Vater ein kleines Übergewicht über seine Brüder vor, um den Kindern in aller Größe zu erscheinen.

 

Tritt ihnen nun vollends Vater oder Mutter von den hohen Wuchsstufen auf ihre herab, so können sie es kaum begreifen, dass Eltern sonst Kinder gewesen, und sehen lern-durstig in dem Verkleiner-Spiegel ihre jetzigen Riesen-Eltern sich nur als Kinder bewegen.

 

Groß-Eltern befehlen nun den Klein-Eltern, und Menschen gehorchen, denen das Kind zu gehorchen hat. Hier findet dieses in der Erzählung nur jetzige Fortsetzung des vorigen Rechts, und keine Willkür - hier findet es, dass der Vater nur jetzo befehle, was er sonst als Kind befolgte; - und daß er seinen Eltern recht viel Liebe zuwandte und abgewann, denen sich wieder der Enkel desto wärmer aus Nachliebe und Freiheit an die Brust wirft.

 

Levana

Weiter geht es über die B 22 nun noch durch das nördliche Siedlungsgebiet von Eckersdorf und dann hinaus über die Felder in Richtung Oberwaiz ...

Immer sind noch viele Menschen unterwegs. Ich freue mich jetzt auf das letzte Stückchen über die Höhe nach Oberwaiz. Es ist, als ob man der Sonne entgegen laufen würde. So viel Licht, man möchte sich darin baden. Peter muss leider im Auto warten, sein Fuß schmerzt. Für ihn war es schon viel heute. Bald erreiche ich Stationstafel 139 "Glück im Winkel". Eine kleine Bank hat sich zu ihr gesetzt. 

Glück im Winkel

 

Er erinnerte sich in den Abendstunden, was er im Kindheit-Dezember vornahm:

 

wie er sonst abends sich aufs Zuketten der Fensterläden freuete, weil er nun ganz gesichert vor allem in der lichten Stube hockte, daher er nicht gerne lange in die von ihm abspiegelnden Fensterscheiben über die Läden hinausgelagerte Stube hinein sah,

 

wie er und seine Geschwister die abendliche Kocherei der Mutter ausspionierten, unterstützten und unterbrachen, und wie er und sie mit zugedrückten Augen und zwischen den Brustwehrschenkel des Vaters auf das Blenden des kommenden Talglichts sich spitzten,

 

und wie sie in dem - aus dem unabsehlichen  Gewölbe des Universums herausgeschnittenen oder hineingebauten - Closet ihrer Stube so beschirmt waren, so warm, so satt, so wohl.

 

Schulmeistereien Wutz

Mit einem guten Freund des abends auf dieser Bank zu sitzen, voll stiller Zuneigung, umgeben von Wesentlichem und einem zufriedenen langsamen Abschied, beschienen von der Sonne eines nie versiegenden Glücks. Was für ein Ende.

 

Gar nicht weit und Stationstafel 140 "Glück im Alltag", begrüßt mich am Wegesrand, mir zuwinkend, am Ziel unserer heutigen Etappe.

Glück im Alltag

 

Den ganzen Tag freute er sich auf oder über etwas.

"Vor dem Aufstehen", sagt' er, "freu' ich mich auf das Frühstück, den ganzen Vormittag aufs Mittagessen, zur Vesperzeit aufs Vesperbrot und abends aufs Nachtbrot - und so hat der Alumnus Wutz sich stets auf was zu spitzen.

 

Trank er tief, so sagt' er: "Das hat meinem Wutz geschmeckt" und strich sich den Magen.

Niesete er, so sagte er: "Helf dir Gott, Wutz!"

Im fieberfrostigen Novemberwetter letzte er sich auf der Gasse mit der Vormalung des warmen Ofens und mit der närrischen Freude, daß er eine Hand um die andre unter seinem Mantel wie zu Hause stecken hatte.

War der Tag gar zu toll und windig [...], so war das Meisterlein so pfiffig, daß es sich unter das Wetter hinsetzte und sich nichts darum schor;

 

es war nicht Ergebung, die das unvermeidliche Übel aufnimmt, nicht Abhärtung, die das ungefühlte trägt, nicht Philosophie, die das verdünnte verdauet, oder Religion, die das belohnte verwindet: sondern der Gedanke ans warme Bett wars.

 

"Abends", dacht er, "lieg' ich auf alle Fälle, sie mögen mich den ganzen Tag zwicken und hetzen, wie sie wollen, unter meiner warmen Zudeck und drücke die Nase ruhig ans Kopfkissen, acht Stunden lang." Und kroch er endlich in der letzten Stunde, eines solchen Leidentages unter sein Oberbett: so schüttelte er sich darin, krempte sich mit den Knien bis an den Nabel zusammen und sagte zu sich: "Siehst du, Wutz, es ist doch vorbei."

 

Ein anderer Paragraph aus der Wutzischen Kunst, stets fröhlich zu sein, war sein zweiter Pfiff, stets fröhlich aufzuwachen - und um dies zu können, bedient' er sich eines dritten und hob immer vom Tage vorher etwas angenehmes für den Morgen auf, entweder gebackne Klöße oder ebensoviel äußerst gefährliche Blätter aus dem Robinson, der ihm lieber war als Homer oder auch junge Vögel oder Pflanzen, an denen er am Morgen nachzusehen hatte, wie Nachts Federn und Blätter gewachsen.

 

Schulmeisterlein Wutz

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 140 "Glück im Alltag" vor Oberwaiz
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 140 "Glück im Alltag" vor Oberwaiz

Auf der Heimfahrt fliegen wir noch am Hotel Fantasie vorbei, das von Herzog Alexander von Württemberg erbaut und 1866 eröffnet wurde, in dem auch Richard Wagner genächtigt haben soll, das zur Zeit aber wieder einmal geschlossen ist. Und dann erwische ich auch noch im Vorbeifahren das Hauptportal mit Schloss Fantaisie ...

Zum Abschluss des Tages beglücken wir uns noch mit einem Besuch beim Becher Bräu.

 

In der Gaststube sind nur die Plätze auf der Bank unter den Fenstern besetzt. Wir setzen uns ans Stirnende und blicken wie auf eine lange Tafel. Heute ist es da so laut wie noch nie. Das Gebrüll in fränkischen Gasthäusern ist normal, denn die Franken reden laut. Von weitem glaubt man, sie streiten. Wenn also einer hier in der Gaststube anfängt zu reden, müssen die anderen dagegen halten, damit man verstanden wird. Und so wird es immer lauter und lauter.

 

Es ist Sonntagabend, gegen sechs Uhr, essen will von den anderen Gästen heute keiner mehr irgendwas, also wird nur das gute Bier getrunken und Cortney, die junge Wirtin, hat sie alle im Griff. Wir wissen es schon: heute gibt es Bock! Die Vorfreude darauf zog uns schon durch den ganzen Tag. Der erste war gleich gezischt. Es gibt ein zweites und auch etwas Warmes zu essen. Umhüllt vom Gemurmel oder besser gesagt vom Geschrei, gutem Bier, Klößen und Jean Paul. Per Bierdeckelspruch ist er uns hierher nachgewandert und gesellt sich nun zu uns an den Tisch, heute mit seinen Worten: "Bier ist ein Göttertrunk. Denn nur Gott weiß, was drin ist."

 

Die Heimfahrt nach Ronneburg war ruhig, kaum Verkehr, Peter schnurrt ganz entspannt nach Hause, weil 1 Schäufele und 3 Bock, ich 1 Schweinebraten und 2 Bock. Mein Gott, das darf man nicht erzählen.

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