25. Leben und Sterben in Bayreuth - Teil 1: Ankünfte

Bayreuth um 1800, Kupferstich von J.C. Koeppel
Bayreuth um 1800 (J.C. Koeppel) - Colmdorfer Schloss - Jean-Paul-Schule - Miedelpark - Jean-Paul-Museum - Hofgarten - Geißmarkt - Jean-Paul-Platz

Bayreuth


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Auch wir als Jean-Paul-Weg-Wanderer kommen jetzt in Bayreuth an, sozusagen ...

 

Wir sind die Etappe durch die Stadt erst am 29. September und 2. Oktober 2017 gelaufen. Mit Fidel war uns das im eigentlichen Wanderjahr 2012 zu viel Stress. Und jetzt, im Jahr 2017, mussten wir ganz ohne unseren Fidel durch Bayreuth. Seit seinem Tod im Januar fehlt er uns, immer noch. Es vergeht kein Tag, an dem nicht Erinnerungen aufsteigen. Für mich jedoch ist es das warme gegenseitige Gefühl zu einem anderen Wesen, das ich so vermisse.

 

Die Etappe durch die Stadt ist sehr, sehr, sehr informativ, umfangreich und lohnenswert. Behilflich ist Buch "Jean Paul in & um Bayreuth", herausgegeben von Bayreuth Marketing & Tourismus GmbH unter der Federführung von Karla Fohrbeck und Frank Piontek. Jetzt fehlt uns nur noch das Jean-Paul-Museum von innen ...

 

Die Bayreuther Etappe durch die Stadt, vorbei an den Groß- und Sonderstationen 115 bis immerhin 130, erst auf der Königsallee vorbei am Colmdorfer Schlösschen, der Jean-Paul-Schule mit Miedelpark, dann dem Jean-Paul-Museum, dem Hofgarten, dem Jean-Paul-Platz, der Friedrichstraße 10, wo Jean Paul auch wohnte, dann zur Friedrichstraße 5, dem Schwabacher Haus, in dem Jean Paul bis zu seinem Tod lebte.

Es geht weiter über die Maxstraße, Jean Pauls erster Wohnung in Bayreuth, der Stelle wo einstmals das bekannte und von Berühmtheiten frequentierte Hotel "Zur Sonne" stand, dem Schlossberglein, dem Kurierhaus "Mühltürlein", entlang am Sendelbach, vorbei am Stadtfriedhof bis die in die Altstadt (nicht zu verwechseln mit der Innenstadt), wo der "Becher" auf seine Gäste wartet.

Am Colmdorfer Schlösschen ...

Colmdorfer Schloss bei Bayreuth
Colmdorfer Schloss bei Bayreuth

Auf der Königsallee steht gegenüber des Colmdorfer Schlösschen die Groß- und Sonderstation 115 "Jean Paul & der Adel":

Kleine Colmdorfer Schlossgeschichte

 

Schon im 16. Jahrhundert gab es in Colmdorf (1398 noch "Kolbendorf") ein Schloss, das 1622 als "jüngst abgebrannt" bezeichnet wird. Als prominente Besitzerin wird später die Markgräfin Erdmuthe Sophie (1644 - 1670) erwähnt, die Gemahlin von Markgraf Christian Ernst. Sie war eine der gelehrtesten Frauen ihrer Zeit, die sich für Literatur interessierte und zwei bedeutende, der Frühaufklärung verpflichtete Geschichtswerke schrieb.

 

1754 wurde dieses Schloss abgebrochen.

Für den Freiherrn von Reitzenstein baute man kurz darauf den neuen jetzigen Mittelflügel.

Bereits 1759 erwarb Markgraf Friedrich das Schloss zurück und schenkte es seiner zweiten Frau Sophie Caroline Marie von Braunschweig-Wolfenbüttel, die 1759/60 die beiden Seitenflügel vom Hofbauinspektor Rudolf Heinrich Richter anbauen ließ, der auch als Bauleiter am Italienischen Bau des neuen Schlosses beteiligt war. Nach ihr wurde es auch "Carolinenruhe" genannt.

Weiter vorgelagert an der Grundstücksgrenze zur Königsallee befindet sich heute noch das damalige Gärtnerhäuschen.

 

1787 (in diesem Jahr trat Jean Paul das Amt eines Hofmeisters in Töpen an) gelangte das Schloss in den Besitz von Dietrich Ernst Freiherr Spiegel von Pickelsheim (1737 - 1789). Er war Oberforstmeister und einer der wenigen Dichter der Markgrafenzeit, die über die Grenzen des Fürstentums hinaus bekannt waren, da er zum Halberstädter Freundeskreis des Dichters Johann Wilhelm Ludwig Gleim gehörte.

 

Um 1886 kaufte der Gärtner Johann Friedrich Popp das Schloss und vermietete es.

 

1900 wohnten hier die Dirigenten Franz Beidler und seine Frau Isolde - die erste Tochter Richard und Cosima Wagners.

 

Nach dem zweiten Weltkrieg war Schloss Colmdorf der Wohnsitz von Herbert Barth und seiner Frau Grethe Barth. Sie gründeten 1950 das heutige Festival Junger Künstler Bayreuth, das unter der Patronage des finnischen Komponisten Jean Sibelius stand.

 

Die Nachkommen des Gärtners Popp besitzen das Schloss als Erbengemeinschaft noch heute.

Jean Paul & der Adel

 

In seiner in Bayreuth geschriebene Erziehungslehre Levana hat Jean Paul die Leitsätze seiner Pädagogik fixiert, doch ging es ihm dabei nicht allein um die "Individualität des Idealmenschen." Der "Idealmensch" verkörperte sich neben den sozusagen "normalen" Menschen in den Adligen, deren Erziehung er in einzelnen Kapiteln geschlechtsspezifisch erläuterte: zum einen in der "Geheimen Instruktion eines Fürsten an die Oberhofmeisterin seiner Tochter", zum anderen in der "Bildung eines Fürsten".

 

So sehr Jean Paul auch aus einer "armen" Gesellschaftsschicht kam, so sehr hat er sich am Adel gleichsam "abgearbeitet". Man darf nicht vergessen, dass er ein Kind des Fürstentums Bayreuth, damit ein Untertan des jeweiligen Markgrafen war - und Bayreuth, das er schon in seiner Jugend oft besuchte, die "angehimmelte" ehemalige Residenzstadt des Fürstentums.

 

Schon der erste Roman, der ihm literarischen Ruhm verschaffte - Hesperus oder 45 Hundsposttage - hat es mit Adligen zu tun:

an der Spitze des Kleinstaats steht der Fürst Januar, der in der Residenzstadt Flachsenfingen herrscht. Dessen Söhne sind verschollen und werden schließlich alle gefunden - einschließlich des Erzählers Jean Paul selbst!

 

Der Titan ist ein Bildungsroman, der sich um einen Prinzen dreht:

Albano de Cesara, Regent des kleinen Fürstentums Pestiz.

 

Noch der letzte Roman Jean Pauls, Der Komet, reflektiert den Adel in einer auf die Spitze getriebenen Satire:

Der bürgerliche Apotheker Nikolaus Marggraf (!) bemüht sich verzweifelt, seinen fürstlichen Vater zu suchen - aber alles Streben bleibt vergeblich.

 

Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich Jean Paul immer wieder insbesondere zum weiblichen Adel hingezogen fühlte, so wie der Adel sich für Jean Paul interessierte.

In seiner Jugend umschwärmten ihn die Weimarer "Titaniden", 1820 reiste er zum Münchner Hof, wo er von Max I. Joseph und der Königin Karoline empfangen wurde. Die Königin Luise von Preußen war ihm schon 1805 in Bayreuth  begegnet. In der Eremitage traf er Herzog Pius von Bayern, in der Fantaisie Herzog Alexander I. von Württemberg, nachdem der preußische Adel nach der bayerischen Übernahme Bayreuth weitgehend verlassen hatte.

 

In der Mitte zwischen den frühen und den späten Wegen zum Adel lagen bürgerlich-warmherzige Orte wie Kuhschnappel, denen er im Siebenkäs ein Denkmal setzte, und in denen ein Adliger wie Rosa von Meyern eine eher komische Rolle zu spielen hatte.

Mitgefühl mit "hohen" ...

 

Gewisse Menschen nenn' ich hohe oder Festtagmenschen.

Unter einem hohen Menschen mein' ich nicht den geraden ehrlichen festen Mann, der wie ein Weltkörper seine Bahn ohne andere Abirrungen geht als scheinbare - noch mein' ich die feine Seele, die mit weissagendem Gefühl alles glättet, jeden schont, jeden vergnügt und sich aufopfert, aber nicht wegwirft - noch den Mann von Ehre, dessen Wort ein Fels ist und in dessen von der Zentralsonne der Ehre brennenden und bewegten Brust keine anderen Gedanken und Absichten sind als Taten außer ihr - und endlich weder den kalten von Grundsätzen gelenkten Tugendhaften, noch den Gefühlvollen, dessen Fühlfäden sich um alle Wesen wickeln und zucken in der fremden Wunde und der die Tugend und eine Schöne mit gleichem Feuer umfasset - auch den bloßen großen Menschen von Genie mein' ich nicht unter dem hohen, und schon die Metapher deutet dort waagerechte und hier steilrechte Ausdehnungen an.

 

Sondern den mein' ich, der zum größern oder geringem Grade aller dieser Vorzüge noch etwas setzt, was die Erde so selten hat - die Erhebung über die Erde, das Gefühl der Geringfügigkeit alles irdischen Tuns und der Unförmlichkeit zwischen unserem Herzen und unserem Orte, das über das verwirrende Gebüsch und den ekelhaften Köder unseres Fußbodens aufgerichtete Angesicht, den Wunsch des Todes und den Blick über die Wolken.

 

Die unsichtbare Loge

 

 

... und "niederen" Menschen

 

Nach dem Brand mehrerer Häuser in der Bayreuther Vorstadt "Neuer Weg" drückte Jean Paul im Winter 1804 sein Mitgefühl für die Armen aus:

 

Die Unglücklichen darunter sind die, die in den abgebrannten Häusern zur Miete wohnten und denen die paar elenden Gerätschaften, womit sie sich durchs Leben spinnen, beschädigt oder verbrannt oder gestohlen wurden. Den meisten von uns kann der härteste Schlag des Zufalls nicht so viel auf einmal zertrümmern, als einer Armen untergeht, die das Spinnrad einbüßt. Es ist fürchterlich, wenn der Arme wieder verarmt.

An der Jean-Paul-Schule ...

 

Weiter stadteinwärts erreicht man die Jean-Paul-Grundschule an der Königsallee 19. Die Grundschule war früher eine Übungsschule der Hochschule für Lehrerbildung, die 1962 als Grundschule in Jean-Paul-Schule umbenannt wurde. Ganz einfach weil Jean Paul hier fast täglich auf seinem Weg zur Rollwenzelei vorbei kam.

Die Groß- und Sonderstation 116 vor der Jean-Paul-Schule erzählt etwas über "Jean Paul und das Schulwesen":

Jean Paul und das Schulwesen

 

Eine Familie von armen Schulmeistern

 

Jean Paul wird am 21. März 1763 in Wunsiedel geboren. Er entstammte einer Dynastie von Schulleuten: Schon der Großvater Johann Richter war Lehrer in Neustadt am Kulm, der Vater amtierte seit 1760 als Lehrer in Wunsiedel.

 

Der Großvater war immerhin Rektor gewesen, der Vater hatte es gerade einmal zum Tertius, zum dritten Lehrer gebracht - und dies erst nach zehn Jahren Wartezeit, die er als Hauslehrer im Bayreuthischen fristete.

 

War schon die Stelle des Großvater nicht besonders gut bezahlt worden, so ging es in Joditz, wo Jean Paul zunächst die Schule besuchte, erst recht arm zu. Jean Paul spricht in seiner Selberlebensbeschreibung von der "gewöhnlichen bayreuthischen Hungerquelle für Schulleute".

 

Die Prägung des Dichters durch die Schule war indes außerordentlich stark: er sollte nicht nur 1780 in Hof die Rede zur Schulentlassung halten und selbst 1787 bis 1789 in Töpen als Hofmeister tätig sein. 1790 gründete er in Schwarzenbach a. d. Saale eine Elementarschule, die er bis 1794 leitete und an der er auch lehrte.

 

1807 veröffentlichte der Vater von drei Kindern, jetzt in Bayreuth zuhause und hauptberuflich Dichter, auch eine große pädagogische Schrift, die Erziehungslehre Levana. Sie enthält heute zum Teil überholte, aber für die damalige Zeit kluge, aus dem Leben gewonnene Ratschläge für eine geglückte Erziehung - auch Hinweise auf die miserable Bezahlung der Lehrer im Bayreuthischen:

"Die einzige Schulkrankheit, welche Lehrer haben, ist Heißhunger."

Auch Goethe, der Jean Pauls Dichtungen nicht gerade mochte, gehörte zu den begeisterten Lesern der Levana.

 

In Bayreuth traf sich Jean Paul - u.a. in der Harmonie - häufiger mit Johann Baptist Graser. Dieser wirkte hier seit 1810 als Kreisschulrat und war einer der bedeutendsten Schulpolitiker und Pädagogen seiner Zeit. Jean Paul meinte, dass Graser es nicht nötig habe, die Levana zu lesen, denn er könne die Zeit besser nutzen: zum Verwirklichen eben der Erziehungslehre.

Keine Schule ohne Ferien

 

Durch langes Belehren, dem kein Schritt des Schülers abgemessen genug ist, können Schulleute von Verstand auf die Frage kommen:

'Wie will der arme Scholar einmal ohne unser Lenken rechtgehen, da er schon bei demselben irreläuft?'

Die Furcht des Schulherren ist der ähnlich, die eine Mutter darüber hätte, wie wohl der kahle nackte Fötus, wenn er in die kaltwehende Welt kommt und mit nichts mehr von ihrem Blute ernähret wird, sich doch fortfriste.

 

Daß das Zeitalter so viel über Erziehung schreibt, setzt gleich sehr ihren Verlust und das Gefühl ihrer Wichtigkeit voraus. Nur verlorne Sachen werden auf der Gasse ausgerufen.

 

Levana

 

 

Ich möchte noch den Totenkopf des guten Mannes streicheln, der die Hundsferien erfand;

ich kann nie in ihnen spazieren gehen, ohne zu denken: jetzt richten sich im Freien tausend gekrümmte Schulleute empor, und der harte Ranzen liegt abgeschnallet zu ihren Füßen, und sie können doch suchen, was ihre Seele lieb hat, Schmetterlinge - oder Wurzeln von Zahlen - oder die von Worten - oder Kräuter - oder ihre Geburtsdörfer.

 

Quintus Fixlein

Grausame Zeiten für Kinder

 

Nur möchte unter allen Schullehrern,

welche den Verfasser und die Leser desselben geprügelt haben,

und welche mit dem Stocke zu erleuchten gewußt,

oder welche mit ihrer Faust zu wuchern verstanden,

selten ein Johann Jakob Häuberle aufzutreiben sein.

 

Wer unter uns will sich rühmen,

wie Häuberle in 51 Jahren und 7 Monaten Schulamts

911.527 Stock- und 124.000 Ruten-Schläge ausgeteilt zu haben -

dann 20.989 Pfötchen mit dem Lineal -

nicht bloß 10.235 Maulschellen,

sondern dabei noch 7.905 Ohrfeigen Nachschuß -

und an den Kopf im ganzen 1 Million und 115.800 Kopdnüsse?

 

Wer hat 22.763 Notabenens ["Beachtewohls"] bald mit Bibel,

bald mit Katechismus, bald mit Gesangbuch,

bald mit Grammatik gegeben als Jakob Häuberle?

 

Und ließ er nicht 1.707 Kinder die Rute, die sie nicht empfingen,

doch emporhalten, wieder 777 Kinder auf runde Erbsen

und 631 auf einem scharfen Holzprisma knien,

wozu noch ein Pagencorps von 5.001 Esel-Trägern stößt?

 

Denn wenn es einer getan hätte,

warum hätte er diese Wundenzettel nicht ebensogut als Häuberle,

von welchem allein es ja nur zu erfahren war,

in einem Prügel-Diarium oder Martyrologium

oder Schul-Prügel-Reichs-Tags-Journal eingetragen?

 

Levana

Man hätte das eigentlich exzesshafte dieser Form von Gewalt gegenüber Schwächeren nicht erschütternder beschreiben können. Latenter Sadismus heißt das in der Fachsprache. Gut. Menschen in meinem Alter haben das in ihrer Kindheit und Schulzeit genau so erfahren müssen, mehr braucht man nicht zu sagen.

 

Jean Paul und die Prügelstrafe

 

Nun, wäre aber auch noch zu erwähnen, dass Jean Paul seinem Sohn Max gegenüber auch nicht anders gestrickt war, was die Prügelstrafe betrifft. Während seine Töchter die volle und entspannte Zuneigung des Vaters genießen durften, wurde Max einer anderen Behandlung unterzogen.

 

1926 schreibt Emma, die älteste Tochter Jean Pauls an den Kunstkritiker und Maler Ernst Förster ihren (zukünftigen?) Ehemann über Jean Paul: "... Wir durften alles sagen, sogar jeden Spaß über den Vater zu ihm selber. Seine Strafen gegen uns Mädchen waren mehr passiv als aktiv; sie bestanden im verweigern oder in einem Strafwort; unser Bruder aber, der aus Knabenscham sein Herz nicht mit den Händen bedeckte, sondern mit den Fäusten und mit diesen oft uns, wurde zuweilen körperlich gezüchtigt. Der Vater sagte dann: 'Max, heute nachmittag kommst du um drei zu mir, da kriegst du deine Prügel." Er kam pünktlich und litt sie ohne einen Laut."  (aus Eduard Berend "Jean Pauls Persönlichkeit in Berichten der Zeitgenossen").

 

Gewiss, so war die Zeit. Jean Paul wollte aus seinem Sohn einen Soldaten machen, das ließ er Karl August Varnhagen von Ense, Diplomat und Schriftsteller, wissen: "... Jean Paul zweifelte keinen Augenblick , daß die Deutschen nicht gleich den Spaniern sich erheben, daß die Preußen ihre Schmach rächen und das Vaterland befreien würden; er hoffte, sein Sohn würde es erleben, und wollte es nicht leugnen, daß er ihn zum Soldaten erziehe. ..."  (aus Eduard Berend "Jean Pauls Persönlichkeit in Berichten der Zeitgenossen").

 

So schließt sich der Kreis der Gewaltanwendung, oder ich sage einmal der mehr oder weniger weniger subtilen Gewaltanwendung: der Demütigung. Insbesondere sind Männer darin gefangen. Demütigung ist das große Thema, bis in unsere Zeit. Neue Wörter gibt es sogar dafür: Mobbing, Dissen, Viktimisieren, Shitstorm auslösen ... In der Soldatenwelt immer ein probates Mittel der Machtausübung.

 

Im kleinen Miedelpark in Bayreuth
Im kleinen Miedelpark in Bayreuth

Im Miedelpark - Jean Pauls grünes Schreibstübchen

 

Läuft man nun ein bisschen weiter, erreicht man schon bald die nächste Station auf dem Bayreuther Jean-Paul-Weg: den Miedelpark, zwischen dem Ortseil Dürschnitz und der Königsallee gelegen

Hier ein Zitat aus der Webseite Expedia.de zum Thema "Miedelpark":

 

"Der Miedelpark in Bayreuth liegt etwa zehn Minuten Fußweg vom Hofgarten entfernt. Auf einem kleinen Rundweg spaziert man zwischen den Bäumen an einem Steinhaus und einem Wetterpilz vorbei. Die kleine, verträumte Grünanlage spielte eine besondere Rolle im Leben des Künstlers Jean Paul, der sich dorthin zum Schreiben zurückzog.

 

Die Parkanlage birgt eine ganz besondere Geschichte. Sie gehörte zum Anwesen des Kammerrats und Landtagsabgeordneten Johann Martin Christoph Miedel (1765-1822). Er war es, der dem fränkischen Dichter Jean Paul erlaubte, seinen Garten zu nutzen, als kreativen Arbeitsplatz und als Ruhestation. Jean Paul schrieb dort unter anderem Teile seines letzten Romans "Der Komet". Im Jahr 1821 notierte er an dieser Stelle den dazugehörigen "Traum über das All".

 

Auf einer der Informationstafeln am Parkrand, gleich neben dem Steinhaus, ist ein Holzschnitt abgebildet. Darauf sieht man den Künstler, wie er in der Gartenlaube sitzt, mit der Feder in der Hand, anscheinend im Traum versunken. Auf der Tafel steht auch die Telefonnummer eines mobilen Reiseführers. Dort kann der Parkbesucher anrufen, um sich Jean Pauls "Sprung auf den Mond" in aller Ruhe vorlesen zu lassen und dabei die Atmosphäre des Gartens zu genießen.

 

Mit dem Parkherrn verstand sich der Poet offenbar gut, denn sie tauschten oft Geschenke aus. Manchmal schickte Miedel Johannisbeerwein oder Blumenstöcke. Jean Paul bedankte sich unter anderem mit einer Flasche „nicht vino tinto, sondern bloße Dinte“, die Tinte zum Schreiben. Ein wertvolles Geschenk, denn der Dichter stellte sie nach einem aufwendigen Verfahren selbst her.

Daher ist der Miedelpark eine Etappe auf dem Jean Paul Weg durch Bayreuth mit dem Thema "Jean Paul und die Dinte". ..."

 

Gerade bin ich auf der Suche nach einem Foto aus dem Miedelpark, entdecke ich Folgendes auf der Webseite der SPD Ortsteil Neue Heimat/Birken/Oberkonnersreuth: Unter dem Bild 13, der Gedenktafel Jean Paul im Miedelpark:

"Bild 13: Tafel am Miedelspark. Wenns in Bayreuth schon einen mittelmäßigen Dichter gab, muss man pausenlos daran erinnert werden."

 

Ich bin sprachlos und enttäuscht.

 

Da hilft mir dann doch Groß- und Sonderstation 117 "Jean Paul und die "Dinte" im Miedelpark:

Groß- und Sonderstation 117 "Jean Paul und die 'Dinte'" im Miederpark - Bayreuth
Groß- und Sonderstation 117 "Jean Paul und die 'Dinte'" im Miederpark - Bayreuth

Jean Paul und die "Dinte"

 

Selbstgemachte "Dinte"

 

bereits 1745 ist ein Park an dieser Stelle bezeugt, wo die Königsalle die Dürschnitz und den ehemaligen Verlauf des Tappert-Baches berührt. 

Aus der Zeit Wilhelmines von Bayreuth hat sich am Gebäude Dürschnitz Nr. 7 noch das Gartenzimmer des Hauses mit seinen bunten Stukkaturen erhalten. Hier fanden gelegentlich Feste statt, auch kleine Konzerte im Grünen.

 

JeanPaul durfte seit 1808 den Park, der zum Anwesen des Kammerrats und des Landtagsabgeordneten Johann Martin Christoph Miedel (1765 - 1822) gehörte, als idyllische Arbeitsstätte nutzen. Oft diente er einfach als Ruhestation auf dem Weg von oder zur geliebten Rollwenzelei. In Miedels Garten wurden die "Sommerkinder" des Dichters geboren, z.B. schrieb er hier Teile seines letzten Romans Der Komet. 1821 notierte er an dieser Stelle den dazugehörigen Traum über das All (der auch als Hörtext erlebbar ist).

 

Parkherr und Poet verstanden sich offenbar gut. Manchmal schickte der Gastgeber dem Dichter zur Erfrischung und poetischen Berauschung Johannisbeerwein oder Blumenstöcke.

 

Jean Paul wiederum bedankte sich mit einem Stück Schweizer Käse von einem Laib, den er von einem Schweizer Verehrer geschenkt bekommen hatte. Es blieb genug übrig, denn der Laib Käse war riesig: nämlich "so groß wie eine Tischplatte in Miedels Garten".

 

Und das Geschenk eines "Miniatürgartens" beantwortete Jean Paul mit einer Flasche "nicht vino tinto, sondern bloß Dinte". Dies war ein wertvolles Geschenk, denn Jean Paul pflegte seine Tinte selber herzustellen (was einiger Wochen bedurfte) und lobte sich gerne wegen seiner kräftigen Farbe.

 

Nicht vergessen werden sollten auch die Tanzstunden und Bälle bei Miedels, bei denen sich besonders Odilie, die jüngste Tochter des Dichters vergnügte.

Briefe an Kammerrat Miedel

 

Dank an den Abgeordneten in München

 

Ihr reizender Garten - aus dem ich eben schreibe - und der Gärtner werden diesmal 1 1/2 Monate eher fertig, so wie wahrscheinlich die Stände-Versammlung um eben so viele später. -

Der Blumen-Harem freilich blüht und verblüht, wie ein orientalischer, ohne den Besitzer; die Feldhelm ist ab - und die weiße Ca.rmel aufgeblüht. Welch' ein Blumenweiß! -

Es gehe Ihnen recht froh! - Ihr ergebner J.P.F. Richter

 

Jean Paul am 4.3.1822

 

 

Geschenke-Tausch

 

Ich wollte Ihnen heute, hochgeschätzter H. Kammerrat, im Garten für Ihr köstliches Geschenk eines Miniatürgartens danken, welchen ich jetzo sogar bei schlechtem Wetter besuchen kann. Hier send' ich Ihnen eine Bouteille nicht vino tinto, sondern bloße Dinte, mithin Schwarz auf Weiß Ihres Bäumchens.

Da ich als Autor blos mit Dinte bei dem Publikum handle, obwohl nicht mit dem rohen Materiale, sondern schon fein verarbeitet zu Buchstaben: so kann ich Ihnen auch nichts bessers geben und Sie werden die rohe Einfuhr schon wie ein Engländer zu einem kostbaren Ausfuhrartikel zu veredlen wissen; denn Sie müssen als ein der Wissenschaft Lebender durchaus eine bessere Dinte haben als die gelbe Kanzlei-Dinte.

Mit Dank und Hochachtung Ihr ergebenster J.P.F. Richter

 

Baireuth, 11. Juni 1823

Brief an Miedel, Orig. i. Besitz v. Beatrix Eickelberg, Kopie a. d. Buch "Jean Paul in & um Bayreuth"/Bt Mark. u. Tourism. GmbH
Brief an Miedel, Orig. i. Besitz v. Beatrix Eickelberg, Kopie a. d. Buch "Jean Paul in & um Bayreuth"/Bt Mark. u. Tourism. GmbH

Garten-Idylle

 

Jean Paul sendet ein Porträt von sich

 

Etwas Angenehmeres als das Original, das Sie jeden Sommermorgen in Ihrem Garten sitzen sehen, kann ich Ihnen hier in Ihre Kunst-Schiebladen einquartieren, nämlich den guten Kupferstich von mir.

Möge dieser erste Abdruck Sie an den Dank erinnern, den Ihnen das Urbild für so viele Freuden Ihres Gartens schuldig ist!

 

Jean Paul am 17. Januar 1823

 

 

Eine Bitte um Frühlingserde

 

Der Empfänger und Pfleger des Orangebäumchen bittet den gütiger Geber desselben um ein kleines Almosen und Konvikt von Frühlingserde, damit seine Blätter nicht so gelb werden wie dieses Blatt. Er wünscht übrigens dem Gartenfreunde und Gartenschöpfer Glück, daß der Winter und Frühling mit seinem Gedeihen besser umgingen als mit dem des ganzen Gewächsreiches.

 

Jean Paul im Frühling 1823

Das Jean-Paul-Museum

 

Gar nicht weit vom Miedelpark versteckt sich unter der Adresse Wahnfriedstraße 1 nun Groß- und Sonderstation 118 "Jean Pauls Ich & sein Werk" , im Pavillon im Garten des Jean-Paul-Museums. Zum Museum später mehr ...

 

Wenn man gerade zu müde für den Besuch des Museums ist - könnte ja am Ende einer Wanderetappe durchaus sein - kann man anhand der im Pavillon befindlichen Texttafeln einiges von und über Jean Paul selbst erfahren. Man muss schon genauer hinschauen, um sie darin zu entdecken.

Groß- und Sonderstation 118 "Jean Pauls Ich & sein Werk"  im Pavillon im Garten des Jean-Paul-Museums
Groß- und Sonderstation 118 "Jean Pauls Ich & sein Werk" im Pavillon im Garten des Jean-Paul-Museums
Groß- und Sonderstation 118 "Jean Pauls Ich & sein Werk"  im Pavillon im Garten des Jean-Paul-Museums
Groß- und Sonderstation 118 "Jean Pauls Ich & sein Werk" im Pavillon im Garten des Jean-Paul-Museums

Jean Pauls Ich & sein Werk

 

Meine Wenigkeit: Jean Paul

 

Wenn Ihr wüßtet, wie wenig ich nach J.P.F. Richter frage;

ein unbedeutender Wicht: aber ich wohne darin, im Wicht.

 

Ich habe nichts als mich von meinen Eltern geerbt.

 

Nie vergeß' ich die noch keinem Menschen erzählte Erscheinung in mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewußtsein stand, von der ich Ort und Zeit anzugeben weiß. An einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind unter der Haustüre und sah links nach der Holzlege, als auf einmal das innere Gesicht 'Ich bin ein Ich' wie ein Blitzstrahl vom Himmel vor mich fuhr und seitdem leuchtend stehen blieb: da hatte mein Ich zum ersten Male sich selber gesehen.

 

Man sollte alle möglichen Einfälle auf und gegen sich haben, damit sie kein anderer hätte.

 

Oft, wenn ich so meine eigenen Sachen wiederlas und mich begeistert fand - nicht vom einzelnen, dessen Ursprünge und Zusammentragungen ich ja kenne, sondern - vom Geist des Ganzen: so sagt' ich und weinte: nun Gott gebe, daß du etwas wert bist - und am Ende glaub ich selbst, er hat das Gebet schon früher erhört. -

Auch ärgere ich mich beim Wiederlesen über die Kürze; und beim Schreiben über das Gegenteil.

Jean Paul und Bayreuth

 

Die Beziehung Jean Pauls zu Bayreuth fing schon lange an, bevor er mit seiner Familie in die kleine Stadt am Roten Main zog. Bedenkt man, dass er zu seiner Zeit ein beliebter Dichter war, der sich eine eigene Welt erschrieb und damit zu den ausdrucksstärksten Schriftstellern der deutschen Literatur gehört, verwundert es, dass er - abgesehen von längeren Aufenthalten in Leipzig, Weimar, Berlin, Meiningen und Coburg und kleineren Reisen - kaum die Grenzen seiner Heimat Oberfranken überschritt.

Die Alpen und Italien, die er im Titan eindrucksvoll beschrieb, hat er nie gesehen.

21 von 61 Jahren lebte er zuletzt in Bayreuth.

 

War seine äußerliche Lebenswelt viele Jahre lang auch eng, so öffnen sich dem geduldigen Leser durch sein Werk die farbigsten Tiefendimensionen zwischen Humor und Traurigkeit, bürgerlichem Gefühlsüberschwang und adliger Kälte, spießbürgerlicher Enge und kosmischer Weite, satirischem Realismus und empfindsamer Metaphorik. Einige seiner wichtigsten Werke entstanden in Bayreuth.

 

Bereits 1780 betrat der Siebzehnjährige zum ersten Mal die ehemalige Residenzstadt, die im Vergleich zu Weimar - zumindest der Anzahl der Einwohner (10.000) und Häuser (800) nach - nicht ganz unbedeutend war. Als Jean Paul hier wohnte, lebten immerhin ein paar bedeutende Wissenschaftler, denen heute allesamt Artikel in Wikipedia gewidmet sind (so der Physiker Thomass Seebeck, Georg F. Hegel späterer Berliner Nachfolger Georg Andreas Gabler, der Pädagoge Johann Baptist Graser) und weltläufige preußische Verwaltungsbeamte in Bayreuth, mit denen sich der Dichter unterhalten konnte, obwohl er seinen Zeitgenossen äußerlich wie ein behäbiger und nicht immer gepflegter Bürger entgegenkam.

 

Auch erhielt er oft Besuche, zum Teil von heute noch bekannten Persönlichkeiten: vom Dichter August von Platen, von Ferdinand Grimm (aus der berühmten Grimm-Familie) oder von den Philosophen Friedrich von Schelling, Friedrich Schleiermacher und Johann Gottlieb Fichte.

 

Nachdem Jean Paul 1804 hier - nach einem Dutzend zwischenzeitlicher Besuche bei Freund Emanuel Osmund und anderen Bekannten - dauerhaft Quartier genommen hatte, schrieb er noch an den letzten Teilen seiner großen Romane Siebenkäs und Flegeljahre und den unvollendeten Komet.

Gleichzeitig zog er mehrmals um; er war ein unruhiger Mieter - und ein Familienflüchtling, der seit 1809 regelmäßig die Rollwenzelei als Arbeitsstätte nutzte.

1809 schrieb er seinen kleinen Roman Dr. Katzenbergers Badereise.

 

Wichtig ist die finanzielle Unterstützung, die ihn 1809 erreichte: der Fürstprimas des Rheinbundes Karl Theodor von Dalberg gewährte Jean Paul eine jährliche Pension von 1000 Gulden. In das Jahr 1810 fiel eine wichtige Begegnung: die mit dem in Bamberg lebenden Dichterkomponisten E.T.A. Hoffmann, der ihn 1811 in Bayreuth besuchte.

 

In den nächsten Jahren sollten einige lesenswerte politische Schriften entstehen, die direkten Bezug nehmen auf die politsch höchst unruhige Zeit zwischen der Besetzung der deutschen Lande durch französische Truppen (1806 - 1813) und der Restaurationsepoche unter Fürst von Metternich.

Seit 1811 unternahm Jean Paul einige Reisen, die er sehr genoss.

1817 wurde ihm in Heidelberg, auf Veranlassung des Philosophen Georg Friedrich Hegel (den er schon 1812 in Nürnberg getroffen hatte), die Ehrendoktorwürde der Universität verliehen, bevor er nach Mannheim, Mainz und Frankfurt reiste.

1818 sollte ihn eine zweite Reise nach Heidelberg und Frankfurt führen, 1819 zog es ihn nach Stuttgart, im folgenden Jahr nach München, wo er von König Max Joseph I. empfangen wurde.

In dieser Zeit entstand auch der Beginn seiner Autobiographie, die Selberlebensbeschreibung.

Nachdem sein Sohn Max 1821 gestorben war, begann Jean Paul zu kränkeln.

1825 erblindete er und starb schließlich nach kürzerer, schwerer Krankheit, betrauert von der Bayreuther Bevölkerung.

Aus Börnes Denkrede

 

Am 2. Dezember 1825 hielt der bedeutende jüdische Publizist Ludwig Börne im Frankfurter Museum eine Denkrede auf Jean Paul, die prophetische und erinnernde Worte enthielt. Sie haben ihre Gültigkeit nicht verloren.

 

Hier ein Auszug:

 

Ein Stern ist untergegangen, und das Auge dieses Jahrhunderts wird sich schließen, bevor er wieder erscheint; denn in weiten Bahnen zieht der leuchtende Genius, und erst späte Enkel heißen freudig willkommen, von dem trauernde Väter einst weinend geschieden.[...]

Wir wollen trauern um ihn, den wir verloren, und um die andern, die ihn nicht verloren. Nicht allen hat er gelebt! Aber eine Zeit wird kommen, da wird er allen geboren, und alle werden ihn beweinen. Er aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme. Dann führt er die Müden und Hungrigen ein in die Stadt seiner Liebe; er führt sie unter ein wirtliches Dach: die Vornehmen, verzärtelten Geschmacks, in den Palast des hohen Albano; die Unverwöhnten aber in seines Siebenkäs enge Stube, wo die geschäftige Lenette am Herde waltet und der heiße beißende Wirt mit Pfefferkörnern deutsche Schüsseln würzt. [...]

Er sang nicht in den Palästen der Großen, er scherzte nicht mit seiner Leier an den Tischen der Reichen. Er war der Dichter der Niedergebornen, er war der Sänger der Armen, und wo Betrübte weinten, da vernahm man die süßen Töne seiner Harfe. [...]

Fragt ihr: wo er geboren, wo er gelebt, wo seine Asche ruhe? Vom Himmel ist er gekommen, auf der Erde hat er gewohnt, unser Herz ist sein Grab. [...]

Er ist zurückgekehrt in seine Heimat; und in welchem Himmel er auch wandere, auf welchem Sterne er auch wohne, er wird in seiner Verklärung seine traute Erde nicht vergessen, nicht seine lieben Menschen, die mit ihm gespielt und geweint und geliebt und geduldet wie er.

 

Die ganze Rede bei bei zeno.org (lesenswert!)

Jean-Paul-Museum in Bayreuth, Wahnfriedstraße 1
Jean-Paul-Museum in Bayreuth, Wahnfriedstraße 1

Jean Paul wohnt nicht allein in seinem Museum ...

 

Quasi neben der Villa Wahnfried, dem Wohnhaus von Cosima und Richard Wagner, steht das Haus Chamberlain und im Erdgeschoss dieses Hauses, das ja auch eine Villa ist, befindet sich das Jean-Paul-Museum. (Siehe auch unter Literatur Portal Bayern).

Nun muss man sagen, dass das Haus Chamberlain der Wohnsitz des Schwiegersohns Richard Wagners war. Housten Steward Chamberlain (geb. 1855 in Portsmouth, England und gest. 1927 in Bayreuth) war Schriftsteller. Er verfasste Werke über Richard Wagner, Imanuel Kant und Johann Wolfgang von Goethe und vor allem wurde sein bekanntestes Werk, das 1200 Seiten umfasst, "Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts" (1899), (zeit online) zur theorietischen Grundlage des rassistischen und ideologischen Antisemitismus in Deutschland.

 

Wie kam Chamberlain nach Bayreuth? Er war Wagnerianer und hielt sich gerne in Wagner-Kreisen auf. So gelangte er schlussendlich in den inneren Wahnfried-Zirkel um Cosima Wager, der Ehefrau Richard Wagners. Dann machte sich Chamberlain an ihre Töchter ran, Blandine, Isolde und Eva Wagner. Letztere nahm seinen Antrag an. Allerdings musste sich Chamberlain vorher noch von seiner alten Gattin scheiden lassen. Ging schnell. Und bisweilen schneite gar hoher Besuch in beide Villen, kein geringerer als Adolf Hitler ...

 

Und all das schießt mir durch den Kopf, denke ich an Wagner, Wahnfried ... und jetzt auch Chamberlain.

 

Und ausgerechnet im Erdgeschoss des Hauses Chamberlain wurde 1980 das Jean-Paul-Museum einquartiert. Ehrlich, hatte es nichts besseres gegeben? Es ist doch so, als ob man einem wichtigen Künstler quasi im Nachbargarten eines anderen wichtigen Künstlers ein Denkmal setzt. Geht das? Bayreuth meint "ja". Die Stadt dreht es einfach herum und meint, der Glanz des Villenbesitzers fällt auf den Glanz des  Nachbargartenbewohners ab - oder anders formuliert, er hilft den Nachbargartenbewohner nicht zu vergessen.

(Siehe Pressemitteilung der Stadt Bayreuth zum 30. Geburtstag des Jean-Paul-Museums 2010).

Ich bin wieder sprachlos.

 

Die umfangreichen Schenkungen ans Museum

 

Unter der Anwesenheit zweier Urenkelinnen des Dichters, Gertrud Lacroix-Förster und Adele Metzner wurde also das Museum 1980 eröffnet. Zum 30jährigen Jubiläum schenkte Adele Metzner wertvolle Schätze aus dem Nachlass Jean Pauls dem Museum:

 

" ... Bei dieser Schenkung handelt es sich um mehrere äußerst wertvolle Kunstgegenstände: Ein Portrait Jean Pauls in Öl aus dem Jahr 1823; ein Kinderbildnis der Ehefrau Jean Pauls – Karoline Mayer – aus dem Jahr 1783; ein weiteres Ölportrait von Karoline – gefertigt von Ernst Förster – aus dem Jahr 1839; ein Portrait von Jean Pauls Sohn Maximilian Ernst Emanuel Richter; eine Zeichnung von Jean Pauls Enkeln Brix, Laura, Herrmann und Erwin von Ernst Förster sowie das Hochzeitsgeschenk für Jean Paul, das er von der ihn verehrenden Königin Luise von Preußen im Mai 1801 erhielt – einen silbernen Samowar mit Teekanne, zwei Leuchtern und einem silbernen Tablett – und ein kostbares Brillant-Halsband, ebenfalls ein Geschenk der Königin."

(Zitat aus o.g. Presseerklärung der Stadt Bayreuth)

 

Adele Metzner starb am 19. September 2015 im Alter von über 90 Jahren.

 

Ein anderer wichtiger Spender einer Jean-Paul-Sammlung ist Dr. Philipp Hausser. Er, seines Zeichens Arzt, leidenschaftlicher Jean-Paul-Verehrer und Nachfahre der Vermieter Jean Pauls, dem Bankier Josef Isaak Schwabacher und seiner Gattin Rosa. Ihnen gehört das Haus in der Friedrichstraß 5 in Bayreuth, das Schwabacher Haus, in dem Jean Paul zuletzt wohnte und auch starb.

 

Dr. Philipp Hausser verdanken wir oder auch das Museum die Bücher "Die Geschichte eines Hauses", 1963 und "Jean Paul und Bayreuth", 1969, wertvolle Original Handschriften, Briefe und Drucke, sämtliche Erstausgaben der Werke Jean Pauls, bis auf den zweiten Band der Grönländischen Prozesse, dessen Erstausgabe verschollen ist. ...

 

Desweiteren gibt es zeitgenössische Gemälde und Objekte aus dem Besitz des Dichters hier zu sehen, wie eine Schnupftabakdose, eine Standuhr, einen Kachelofen, einen Schreibsekretär, Briefe und Skizzen, kurz, es ist die umfangreichste Kollektion zum Thema "Jean Paul", die es gibt.

2013, zu Jean Pauls 250. Geburtstag, wurde das Museum neu eröffnet. Dr. Frank Piontek und der Architekt Florian Raff haben die Präsentation neu konzipiert, so dass der Schwerpunkt auf der Darstellung des Werks und der Gedankenwelt Jean Pauls - und seiner ganz eigenen Schreibart liegt.

Jean Paul und Richard Wagner - Jean Paul konnte ihn gar nicht kennen

 

Geht man weiter vom Jean-Paul-Museum im Haus Chamberlain  Richtung Hofgarten, sieht man rechts das  Siegfried-Wagner-Haus, dahinter die Villa Wahnfried mit dem Richard-Wagner-Museum und links das Franz-Liszt-Museum (übrigens war Cosima Wagner die uneheliche Tochter von Franz Liszt, also dann Richard Wagner dessen Schwiegersohn) und dann gelangt man in den Hofgarten, östlich des Neuen Schlosses von Bayreuth.

 

 

Hier, am Hofgarten, befindet sich die Groß- und Sonderstation 119 "Jean Paul und Richard Wagner":

Jean Paul und Richard Wagner

 

Prophetische Worte

 

1813 - ausgerechnet im Geburtsjahr von Richard Wagner - schrieb Jean Paul die gern zitierten messianischen Worte zum Dichterkomponisten.

Er schrieb dies in Bayreuth, auf Bitten des Verlegers C.F. Kunz, in der Vorrede zu den "Fantasie-Stücken in Callots Manier" des Dichters E.T.A. Hoffmann, der in Bamberg lebte. Der Verleger war auch Weinhändler und Jean Paul ließ sich seine Arbeit in natura honorieren.

 

Jedenfalls ging das Zitat in die Bayreuther Geschichte ein, denn hier gab es scheinbar nur einen, auf den diese Prophetie zutraf, nämlich Richard Wagner, der beim Tode Jean Pauls gerade zwölf Jahre alt war.

Und hier sind sie, die bedeutsamen und vielseitig interpretierbaren Worte.

Kenner und Freunde E.T.A. Hoffmanns

und die musikalische Kenntnis und Begeisterung im Buche selber

versprechen und versichern von ihm die Erscheinung eines hohen Tonkünstlers.

Desto besser und desto seltener!

Denn bisher warf immer der Sonnengott die Dichtgabe mit der Rechten

und die Tongabe mit der Linken zwei so weit auseinander stehenden Menschen zu,

daß wir noch bis diesen Augenblick auf den Mann harren,

der eine echte Oper zugleich dichtet und setzt.

Kopie aus dem Buch "Jean Paul in & um Bayreuth"/Bt Mark. u. Tourism. GmbH
Kopie aus dem Buch "Jean Paul in & um Bayreuth"/Bt Mark. u. Tourism. GmbH

Die oben zitierte Stelle findet man am Ende der Vorrede Jean Pauls zu E.T.A. Hoffmans "Fantasiestücke in Callots Manier".

 

Da diese Worte Jean Pauls für Bayreuth und seinen Richard Wagner so überaus wichtig erscheinen, lese ich nach.

 

Zu E.T.A. Hoffmann (Wikipedia): Er war ein Zeitgenosse Jean Pauls und wohnte 1813 gerade in Bamberg. Er war Jurist, Schriftsteller, Komponist, Kapellmeister, Musikkritiker, Zeichner und Karikaturist. Ab 1810 arbeitete er beim Bamberger Theater als Direktionsgehilfe (Regisseur), Dramaturg und Dekorationsmaler. Jean Paul und Hoffman hatten sich in Berlin durch Karoline Mayer (Jean Pauls spätere Ehefrau) kennengelernt. Beide mochten sich nicht sonderlich.

Mehr zum Verhältnis der beiden Künstler unter Frank Pionteks Logen-Blog.

Ernst Theodor Amadeus ( eigentlich Wilhelm) Hoffann
Ernst Theodor Amadeus ( eigentlich Wilhelm) Hoffann

E.T.A. Hoffman war der Schriftsteller der Romantik. Seine Werke wie "Der Sandmann", "Lebensansichten des Kater Murr" oder "Die Elexiere des Teufels", "Nussknacker und Mausekönig", um nur wenige zu nennen, kennt man, vielleicht. Alles sonderbare, unheimliche, traumhafte, dunkle, düstere, finstere, verworrene, verschlungene, verwandelnde, sehnsuchtsvolle, poetische, märchenhafte, prophetische, visionäre, seelisch aufwühlende und Einblicke in die Tiefen der Seele zeigende, der Zauberei anheim fallende, in Abgründe versinkende, mit dem Tod redende, mit dem Teufel paktierende, den Göttern ausgeliefert seiende, dem Wahn verfallene und was weiß ich für Geschichten. Im Grunde alles aus dem weltweiten und immerwährenden Fundus: Mythen, Sagen und Legenden. Als Künstler kennt man die Kiste. Egal ob man malt, bildhauert, inszeniert, schreibt oder komponiert. Geschichten solcher Art müssen nicht neu erfunden, sondern nur gefunden werden.

Titelvignette zu Band 1 der „Fantasiestücke in Callot’s Manier“, Bamberg 1814. Kupferstich von Carl Frosch nach Vorlage E.T.A. Hoffmanns (L.g.o.1135(1). Staatsbibliothek Bamberg
Titelvignette zu Band 1 der „Fantasiestücke in Callot’s Manier“, Bamberg 1814. Kupferstich von Carl Frosch nach Vorlage E.T.A. Hoffmanns (L.g.o.1135(1). Staatsbibliothek Bamberg

Nebenbei gefragt, was meint eigentlich "Fantasiestücke in Callots Manier"? E.T.A. Hoffmann beschreibt es selbst nach der Vorrede von Jean Paul (zeno.org):  "... Warum kann ich mich an deinen sonderbaren phantastischen Blättern nicht sattsehen, du kecker Meister! ..."

Callot war ein Zeichner, Kupferstecher und Radierer aus Frankreich, zu Zeiten des Barocks, bekannt durch seine phantastischen Realismus. Deshalb empfand Hoffmann zu ihm eine tiefe Seelenverwandtschaft.

E.T.A. Hoffmann konnte spannende Geschichten finden und erkennen, er konnte spannende Bilder suchen, finden und erkennen, er konnte Musik verstehen, spielen, deuten und gestalten und alles miteinander in Verbindung bringen. Jedes Künstlerherz versteht auf seine Weise den Atem der Welt, spürt die Rhythmen der Zeit und wandelt in imaginären Räumen. Alles ist möglich. Erinnert euch.

 

Jean Paul hat das verstanden und brachte es in seiner Vorrede zum Ausdruck. Das alles Umschließende ist die Sehnsucht. Aber Kunst ist mehr als mystische Sehnsucht oder Sehnsucht nach Mystik. Dieses "mehr" liegt Jean Paul inne und er sucht es bei E.T.A. Hoffmann.

 

Weiter geht es mit dem Text auf der o.g. Stationstafel:

Jean Paul und Richard Wagner

 

Als Jean Paul die nebenstehenden Sätze über E.T.A. Hoffmann schrieb (1776 - 1822), konnte er nicht ahnen, dass seine prophetischen Worte nur noch mit Richard Wagner in Verbindung gebracht werden. Denn selbst Hoffmann war, wenn auch nur in einem einzigen Fall, sowohl Musiker als auch Dirigent gewesen, als 1798 das Singspiel "Die Maske" schrieb.

 

In den "prophetischen" Worten hatte Jean Paul übersehen, dass bereits Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth dem von Jean Paul geforderten Idealbild entsprach, als sie ihre 1740 ihre Oper "Argenore" zugleich dichtete und komponierte.

In der Oper verarbeitet Wilhelme ihre traumatische Kindheit am Berliner Hof des Soldatenkönigs und endet, für eine Barockoper untypisch, tragisch. Wilhelmine war es auch, die mit ihrem Mann zusammen den Bau des Markgräflichen Opernhauses in Bayreuth initierte. Es ist eines der glanzvollsten Opernhäuser, in einer kleinen Residenzstadt, fern aller europäischen Zentren. Weil es kein freistehedes Gebäude ist, fällt es im Stadtkern eigentlich kaum auf. Aber es ist ein wahres Juwel.

(mehr über ihr wahrhaft dramatisches Leben und außerordentliches Kulturschaffen, besonders in Bayreuth, bei Wikipedia und natürlich in ihren Memoiren zu lesen.)

 

Richard Wagner hat sich interessanterweise genau dieses Idealbild schon in früher Jugend - gestützt auf die Lektüre von Hoffmanns Dialog "Der Dichter und der Komponist" - zu Eigen gemacht.

Hier konnte er lesen:

"Eine wahrhafte Oper scheint mir nur die zu sein, in welcher die Musik unmittelbar aus der Dichtung als notwendiges Erzeugnis derselben entspringt."

(Ganzer Text bei gutenberg.spiegel.de)

 

Für Wagner umfasste später das ideale Musikdrama allerdings die Einheit aller Künste.

Auch die Oper "Undine"  hat er doch komponiert. Die kenn' ich doch. Gut "Undine"  hat Hoffman nicht selbst geschrieben, sondern das Libretto stammt von Friedrich de la Motte Fouqué. Ich hätte Hoffmann aber durchaus die Geschichte einer Wassernixe zugetraut ...

Mehr unter Staatsbibliothek Berlin/200 Jahre Undine von E.T.A. Hoffmann ...

 

In Hoffmanns Dialog zwischen einem Dichter (Ferdinand) und einem Komponisten (Ludwig) geht es des öfteren hin und her ...

 

Einmal heißt es:

"... da sind Dichter und Musiker die innigst verwandten Glieder einer Kirche: denn das Geheimnis des Worts und des Tons ist ein und dasselbe, das ihnen die höchste Weihe erschlossen." ...

 

Dann wieder:

 "... Und das ist ja eben das wunderbare Geheimnis der Tonkunst, daß sie da, wo die arme Rede versiegt, erst eine unerschöpfliche Quelle der Ausdrucksmittel öffnet!

Ferdinand: Auf diese Weise müßte der Operndichter rücksichtlich der Worte nach der höchsten Einfachheit streben, und es würde hinlänglich sein, die Situation nur auf edle und kräftige Weise anzudeuten.

Ludwig: Allerdings: denn wie gesagt, der Stoff, die Handlung, die Situation, nicht das prunkende Wort, muß den Komponisten begeistern, und außer den sogenannten poetischen Bildern, sind alle und jede Reflexionen für den Musiker eine wahre Mortifikation. ..."

 

Es ist ja auch alles schwer genug. Die Oper mögen viel als das Höchste der Kunst empfinden, weil alle Künste sich in ihr vereinen. Ich selbst finde keinen rechten Zugang zu Opern. Der Gesang, der die einen verzückt, weil so artifiziell, stört mein Ohr. Ich kanns bald nicht mehr hören. Er zertrümmert mir die Worte, die sie singen, ich verstehe sie nicht. All übermächtig erscheint mir der Ton. Das Bild ist manchmalmal ansprechend und zieht einen vielleicht in die andere Welt, die modernen Inszenierungen fremdeln mir. Das Schauspiel ist vom unverständlichen Gesang dominiert. Das Zahnrad der ineinander greifenden Künste greift nicht. Für mich nicht. Ich bin ja auch vom Film.

 

Da stehen mir das spannende Drehbuch, das natürliche und spritzige Dialogbuch, das gekonnte Schauspiel, das atemberaubende Bühnenbild, die echten Köstüme, die unvergessliche Filmmusik, die subtilen Geräusche, das fesselnde Bild, die einfühlsame Kamera, der verzaubernde Rhythmus des Schnitts, des Erzählens, des Timings, der Spannung, des Lachens, des Gruselns, der Trauer, des Hells und des Dunkels und heute auch aller Effekte für das zeitlose Gelingen eines Gesamtkunstwerkes, in wahrhaft demokratischster Weise für das Zusammenspiel aller Künste, zu schauen und zu verstehen für jedermann. Ist das auch bei der Oper so?

 

Hätte Jean Paul den Film erahnen können, hätte er ihn vielleicht als Idealbild der Kunst prophezeit? So stelle ich die kühne Frage.

 

Vielleicht verkörperte E.T.A. Hoffmann in seinem Kunstschaffen für Jean Paul nur eine Art Ansatz. Nach dem Motto, ok, so könnten sich die Künste in einem Künstler vereinen, wenn sie Geschichten, Worte, Bilder und Musik selbst verfassen. Aber schaffen sie dabei auch Tiefe? Oder versacken sie in mystischem und oberflächlichem Geplänkel, das Menschen schon immer fasziniert hat? (Und heute erst recht dem gesamten Fantasy-Markt Milliarden-Umsätze verschafft?) Jean Paul fragt, für mich, nach dieser Tiefe. Und sehnt sich nach ihr.

 

Oder anders: wenn es denn um Sehnsucht geht. Ich glaube Richard Wagner sehnte sich stärker nach einem wie Adolf Hitler als Jean Paul nach einem wie Richard Wagner.

Zurück zu Richard Wagner. Eine ganze Groß- und Sonderstation ist ihm gewidmet, weil Jean Paul mal einen Satz geschrieben hat, den man auf den Wichtigsten der Stadt münzt. Ob Jean Paul damit Richard Wagner überhaupt im entferntesten gemeint haben könnte? Richard Wagner kannte Jean Paul, ob Jean Paul den kleinen Richard Wagner kannte? Wohl kaum, dieser war derzeit in Leipzig, Dresden, Eisleben und Prag und noch namenlos.

 

Hier der Text der Tafel:

Richard Wagner und Jean Paul

 

Richard Wagner dachte differenziert über Jean Paul.

1842 schrieb er schwärmerisch, heimatlos in Paris sitzend:

"Deutscher sein ist herrlich, wenn man zu Haus ist, wo man Gemüt, Jean Paul und bayerisches Bier hat."

 

In Bayreuth fand er 1873 zu seinem eher distanzierten Urteil:

"Ja, und doch, er hat originelle Gedanken gehabt wie der Tod nach dem Tode, wusste sie nicht anders auszudrücken als in der Form, die uns affektiert erscheint."

 

1879 erinnert er sich (laut Cosima Wagner) schließlich an seine Lektüre des Siebenkäs:

"welches ihm Eindruck gemacht, wie z.B., als dem Helden plötzlich der Gang seiner Braut so auffällt und mißfällt".

 

Und 1849 hatte Wagner zwei Artikel zur Theaterreform witzigerweise mit dem Kürzel "J.P.-F.R." unterzeichnet, woraus man schließlich als Eingeweihter auf Jean Paul Friedrich Richter schließen könnte.

 

Die beiden Meister hatten verwandte Interessen:

War Jean Paul ein großer Freund der romantischen Tonkunst, so liebte Wagner die klassische Literatur, und so wie der begeisterte, wenn auch laienhafte Klavierspieler Jean Paul in seinen Werken immer wieder, in einem gleichsam musikalischen Stil, bezwingende Musik-Bilder erfand, so schuf der Dichter Wagner literarische Operntexte.

 

Die Forderung Richard Wagners an das Gesamtkunstwerk ging allerdings viel weiter als die Jean Pauls - aber die Sehnsucht Jean Pauls hat sich schließlich im Musikdrama Richard Wagners erfüllt, so dass sich die "prophetischen Worte" denn doch bewahrheitet haben.

Warum vergißt man,

daß die Musik freudige und traurige Empfindungen verdoppelt, ja sogar selber erzeugt -

daß die Seele sich in die Reize ihrer Tongebäude wie in Tempel verliert -

daß sie allmächtiger und gewaltsamer als jede Kunst uns von Freude zu Schmerz

ohne Übergänge in Augenblicken hin und her stürzt -

ich sage, warum vergißt man eine höhere Eigentümlichkeit von ihr?

Ihre Kraft des Heimwehs,

nicht jenes nach einem alten, verlassenen Lande,

sondern nach einem unbetretenen,

nicht nach einer Vergangenheit, sondern nach einer Zukunft.

 

J.P Selina

Ich weiß nicht, was ich zu dem oberen Text auf der Tafel sagen soll. Ich will mich auch gar nicht intensiver mit Richard Wagner beschäftigen, denn es geht doch um Jean Paul. Ich habe nur erfahren, dass der Dichter eine innigliche Beziehung zur einer ehrlichen Wirtin pflegte, der Rollwenzelin. Eine einfache Frau aus dem Volk, sozusagen. Ich weiß nur, dass Jean Paul aus einer eher bäuerlichen Umgebung stammte und seine Mutter zum Schluss verarmt war. Er sich alle Bildung selbst exzerpiert hatte. Er über inneren Zugang zu allem, zu Wissen, zu Gefühlen, zu Musik, zu Natur, zu Tieren, zu Worten, zu Menschen, zu breitesten Erfahrungen verfügte. Brachte ihn all das nicht zu seiner herrlichen, wirklich nur ihm zu eigen, schrägen, absurden, skurrilen, scharfen und lustigen Sprache? Wie stand es da um Richard Wagner? Ich werde das Gefühl nicht los, dass eben er der Affektierte war, wohl aber genau wusste, wie man sich über die richtigen Beziehungen geschickt am Kunstmarkt etabliert.

 

Wieviele hochtalentierte Künstler mit ungesehenen Werken mag es geben, die eben nicht wussten oder wissen, wie sie sich erfolgreich in Kunstmärkte einrichten sollten oder sollen? Die deshalb unerkannt im Orkus verschwinden, ohne dass sie einer je beachtet? Ist nur das Kunst, die den Weg auf den Kunstmarkt geschafft hat?

Jean Paul und der Hofgarten

Groß- und Sonderstation 120 "Jean Paul und der Hofgarten" am Geißmarkt in Bayreut
Groß- und Sonderstation 120 "Jean Paul und der Hofgarten" am Geißmarkt in Bayreut

Der Weg führt uns nun in und durch den markgräflichen Hofgarten bis zur Jean-Paul-Straße hinter dem Hofgarten. Eigentlich erzählt uns hier die nächste Groß- und Sondertafel 120 "Jean Paul und der Hofgarten" auf dem Parkplatz am Geißmarkt - Ecke Jean-Paul-Straße, genau von dieser Verbundenheit Jean Pauls zu allem, was ihn umgab.

Jean Paul und der Hofgarten

 

Eine Begegnung im  Hofgarten

 

Jean Paul kam einmal auf seinem Weg, der ihn zur Rollwenzelei führte, im Hofgarten an einem weinenden Mädchen vorbei. In dieser Zeit gab es für Witwen weder eine Pension noch eine staatliche Fürsorge. So mussten die sechs Kinder der Witwe des Gymnasialprofessors Menzel mithelfen. Die Witwe selbst fristete als schlecht bezahlte Porzellanmalerin ihr Leben. Luise, die Kleinste, musste im Hofgarten beinahe täglich Socken und Strümpfe stricken.

 

Da sie nicht mit den anderen Kindern spielen konnte und ihre kleinen Finger schmerzten, begann sie zu weinen.

"Luisle, das bist ja du! Warum weinst du denn so sehr?", fragte Jean Paul.

Luise, die sich schämte, den wahren Grund anzugeben, schluchzte: "Der Strumpf ist schwer."

Der Dichter lachte: "So, der Strumpf ist so schwer. Ich muß ihn aber noch schwerer machen."

Er band den Strumpf mit einer Schnur unten zu und ließ etwas Hartes hineinfallen, wickelte das Gestrick fest zu und sagte:

"So, jetzt kannst du nicht weiterstricken. Ich hab selbst gesehen, daß der Strumpf zu schwer ist. Geh zu deiner Mutter und sag ihr einen schönen Gruß!"

 

Zuhause fand die Mutter einen blanken Krontaler in den Strumpf hineingewickelt.

"Gott sei Dank, für ein paar Tage war der Not wieder gesteuert, dank dem guten Dichter."

 

Nach den Erinnerungen des Weidener und Weißenstädter Pfarrers Moritz Menzel (1805 - 1883)

 

 

"Oft haben wir ihn gesehen, wie er morgens auszog, um über den Gymnasiumsplatz durch den Hofgarten zur Rollwenzelei zu gehen, den ledernen Sack mit allem Bedarf um die Schultern gehängt, eine Rose als Repräsentantin der Blumenwelt an der Brust, den unbedingt ergebenen Freund, den treuen Pudel, als Begleiter an seiner Seite."

 

Johann Christioph von Held (1791 - 1873), Rektor des Bayreuther Gymnasiums

Kanalweg im Hofgarten von Bayreuth
Kanalweg im Hofgarten von Bayreuth

Kleine Geschichte des Hofgartens

 

Bereits 1580 befand sich hier unter Markgraf Georg Friedrich ein Nutzgarten, der einige Jahre später in einen "Lustgarten" umgewandelt wurde.

Ab 1670 wird der anfänglich kleine Nutzgarten ständig erweitert und reicher ausgestattet und erhält schließlich sogar ein Ballhaus.

Damals legte man im hochbarocken Garten die Hauptallee an, die bis heute das Rückgrat des Gartens bestimmt. Hier wurde 1679 in der Mittelachse eine Bahn für das "Baille-Maille-Spiel" angelegt, einem Vorläufer des Crocket.

 

Als 1754 das Neue Schloss gebaut wurde, legte man eine neue dominierende Achse an, die durch den Kanal und einige Inseln akzentuiert wird. Die große Gruppe des "Triumphzugs Neptuns und der Amphitrite" sollte das Zentrum des Kanals bilden, doch blieb sie nach dem Tode Markgrafs Friedrichs unvollendet und wurde zerstört. Südlich des Kanals wurden Alleen, Heckenquartiere, Laubengänge und Parterres angelegt.

Die dritte Achse geht vom Badetrakt aus.

 

Die Umwandlung des Hofgartens in einen "Englischen Garten" konnte daher seit 1789 mit den bereits bestehenden, nicht mehr rein barocken Strukturen arbeiten, denn der Kanal endete nicht am Horizont, sondern machte einen Knick, so dass sein Ende vom Ausgangspunkt aus nicht erkennbar ist - eine Idee, wie sie seit ca. 1730 in Großbritannien auftaucht.

Markgräfin Wilhelmine hatte auch einen "Indianischen" oder  "Mohrengarten" in diesem neuen Gartenstil anlegen lassen, der weiterentwickelt schließlich in der Jean-Paul-Zeit zur Norm wurde. Die Grundzüge des markgräflichen, nach französischen Mustern angelegten geometrischen Gartens mit seinen drei Alleen sind dennoch bis heute erkennbar.

 

1805 erbaute man schließlich ein Tempelchen zu Ehren des Königs Friedrich Wilhelm III., das man aber nach der Königin Luise benannte, die den Dichter Jean Paul sehr verehrte, und die mit ihrem Gemahl Mitte Juni 1805 in einem Hofgartenfest gefeiert wurde.

Neues Schloss Bayreuth - Ansicht aus dem Hofgarten
Neues Schloss Bayreuth - Ansicht aus dem Hofgarten

Jean Paul und die Bayreuther Gärten

 

Neben dem guten Bayreuther Bier und den engen Freunden Emanuel Osmund und Christian Otto gab es eine weitere wichtige Motivation für Jean Paul schließlich nach Bayreuth zu ziehen: die reiche Garten- und Parklandschaft.

 

Jean Paul kannte sie bereits seit den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts, als er Bayreuth erstmals besuchte. Bayreuth war die ehemalige Residenzstadt des nördlichen Teils des Fürstentums Ansbach-Bayreuth, die auf den Natur- und Rousseauliebhaber Jean Paul einen großen Eindruck machte - und dies auch, weil er aus ärmsten dörflichen Verhältnissen kam.

 

So konnte Jean Paul sowohl grosse Schlossgärten besuchen - den Hofgarten, die Fantaisie, die Eremitage -, aber auch kleine, charmante Gartenwirtschaften wie die der Harmonie und der Rollwenzelei. Befreundete Familien stellten ihm ihre Privatgärten zur Verfügung, als Orte der Muße und der Arbeit: Miedels Park in der Dürschnitz, das Hagengut in Moritzhöfen.

Etwas weiter entfernt liegt der immerhin einige Male besuchte Felsengarten von Sanspareil.

Der wichtigste Garten aber war der, in den er seit 1813 täglich gehen konnte: Schwabachers Garten.

Schon immer hatte er sich einen eigenen Garten gewünscht -

nun hatte er ihn direkt an seiner eigenen Wohnung in der Friedrichstraße 5.

 

Die Gartenleidenschaft fand ihren Niederschlag auch in Jean Pauls Werken. Berühmt wurden besonders die Szenen des Siebenkäs, die in der Eremitage und dem Park der Fantaisie spielen. Auch die romantischen Parkbeschreibungen im Titan zeugen von Jean Pauls lebenslanger Liebe zum kultivierten Grün.

Neues Schloss Bayreuth - Stadtseite/Ludwigstraße
Neues Schloss Bayreuth - Stadtseite/Ludwigstraße

Die kleine ewige Bäckerei Lang

 

Am Geißmarkt, Jean-Paul-Straße 7, ist die Bäckerei Lang zu finden. Als Bäckerei gibt es sie seit 1764, also ein Jahr nach Jean Pauls Geburt. Mit Sicherheit hat Jean Paul und seine Familie, als sie später in Bayreuth wohnten, auch von hier Brot und Pfeffernüssla eingekauft.

 

Die Bäckerei Lang hatte das Glück das Model, das einst der Mann der Rollwenzelin für Jean Paul geschnitzt haben soll und in dessen Form der Gebäckteig gedrückt wird, zu erwerben. Ab Herbst 2012 und im Jubiläumsjahr 2013 gibt es wieder hier die Spezialität.

Im idyllischen Innenhof der Bäckerei gibt es auch die "Buschenschänke", die viermal im Jahr, von Mai bis Oktober, eine Woche geöffnet hat. Termine findet man auf der Webseite der Bäckerei. Dort und gibt es auch das braune Bier Jean Pauls, den Jean Pauls Beck'n Trunk, zu genießen. Dazu deftige fränkische Speisen und gute Musik. Das sollte man sich nicht entgehen lassen.

Das Jean-Paul-Denkmal auf dem Jean-Paul-Platz

 

Nun, nur noch ein paar Schritte, so gelangt man zum Jean-Paul-Platz und auf die Friedrichstraße, die schon als Jean-Paul-Meile bezeichnet wurde, soviel "Jean Paul" gibt es hier. Sie war und ist fürwahr eine kleine Prachtstraße, sie ist breit und weit, und mit stattlichen, einheitlichen, barocken Sandsteinhäusern bebaut. Die Straße kann sich sehen lassen. Jean Paul steht ihr gut.

 

Doch zunächst einmal zum Jean-Paul-Platz mit überlebensgroßer Jean-Paul-Statue.

Sie steht vor dem Gymnasium Christian-Ernestinum, das seit 1804 im ehemaligen Waisenhaus untergeracht ist.

 

Auf diesem schönen Platz, ganz bei Jean Paul steht auch die Groß- und Sonderstation 121 "Jean Paul und sein Denkmal":

Jean-Paul-Platz mit Jean-Paul-Denkmal in Bayreuth - mit Blick in die Friedrichstraße
Jean-Paul-Platz mit Jean-Paul-Denkmal in Bayreuth - mit Blick in die Friedrichstraße
Groß- und Sonderstation 121 "Jean Paul und sein Denkmal" am Bauzaun
Groß- und Sonderstation 121 "Jean Paul und sein Denkmal" am Bauzaun

Jean Paul und sein Denkmal

 

Kleine Denkmalkunde

 

Jean Paul war nicht nur ein Liebling der preußischen Königin Luise, sondern auch der bayerischen Könige.

Max Joseph I. übernahm ab 1815 die Pension des Dichters, die ihm vorher vom Fürstprimas von Dalberg gezahlt wurde.

Am 14. November 1841, also am 16. Todestag des Dichters, wurde im Auftrag des Sohnes König Ludwig I., der zugleich Herzog von Franken war, das in München gegossene Denkmal in Anwesenheit zweier Enkel des Dichters eingeweiht.

Es wurde von einem der berühmtesten Bildhauer seiner Zeit entworfen: Ludwig Schwanthaler (1802 - 1848).

Wir verdanken ihm auch die Entwürfe zur Bavaria auf der Münchner Theresienwiese, das Mozart-Denkmal in Salzburg, die Siegesgöttinnen der Befreiungshalle in Kehlheim, das Goethe-Denkmal in Frankfurt und die Jean-Paul-Büste in Wunsiedel aus dem Jahr 1845.

 

Jean Pauls Verwandte und Freunde sahen die Statue des Mannes, den sie gekannt hatten, mit Skepsis.

Der Kardinalfreund Emanuel Osmund, der in der Friedrichstraße wohnte, war der Feierlichkeit fern geblieben und an diesem Tage fortgereist: "Von den Festlichkeiten bei Enthüllung eines Denkmals meines, ja meines einzigen Richters hab' ich nichts sehen wollen und wirklich auch nichts gesehen."

die Witwe Karoline Richter aber war von dem "Eindruck ergriffen", den das Monument auf sie machte: "Sehr großartig ist das Ganze. Die Stellung ist durchaus natürlich und kein fremdartiger Ausdruck in der ganzen hohen Gestalt. Nur die Gesichtszüge schienen nicht vollkommen ähnlich - doch wie selten ist vollkommene Ähnlichkeit auch bei den besten Malern zu erreichen!"

 

1933 versuchte die Jean-Paul-Gesellschaft, eine Büste des Dichters in die Walhalla zu bringen. Zu diesem Zweck trat die engere Vorstandschaft in die NSDAP ein - aber erst 1973 fand Jean Paul seinen Platz in der Ruhmeshalle an der Donau (die Büste fertigte der Würzburger Bildhauer Otto Sonnleitner).

1934 wurde das Denkmal auf die linke Platzmitte verschoben, weil das NS-Regime hier einen Aufmarschplatz schaffen wollte. Erst 1991 wurde es wieder an seinen ursprünglichen Ort zurück transportiert.

Es mag dahin gestellt sein, ob das der wirklich Grund war, in die NSDAP einzutreten. Immerhin hat die Jean-Paul-Gesellschaft das Mitglied Eduard Berend, bedeutendster Jean-Paul-Forscher und jüdischen Glaubens, von der Gesellschaft ausgeschlossen (ich habe bereits darüber geschrieben). Nach der Neugründung der Gesellschaft 1950 wurde Eduard Berend zur Wiedergutmachung zum Ehrenmitglied ernannt.

Mehr unter Literatur Portal Bayern.de

 

Jean Paul und die Bayreuther

 

Jean Paul hatte ein gespaltenes Verhältnis zu Bayreuth. Sinngemäß hatte er einmal erwähnt, dass Bayreuth ja schön wäre, wenn nur die Bayreuther nicht wären ...

 

Hier Texte von Jean Paul auf Stationstafel 121:

Baireut als Ideal ...

 

Du liebes Baireut, auf einem so schön gearbeiteten, so grün angestrichenen Präsentierteller von Gegend einem dargeboten, man sollte sich einbohren in dich, um nimmer heraus zu können.

 

O du geliebtes Baireut, in das ich wie in einen Himmel fuhr und in dem ich jede Minute verschlang, aus Furcht, sie fliege ungenossen vorüber - besuche mich in meinen Hofer Träumen und spiegle dich in ihnen mit deinen Gegenden und Einwohnern ab wie der Himmel im klaren Bach.

 

Hier ist's auch anders als in Hof, wo man jedem das Buch schenken muß, damit er's liest.

 

Baireut find ich eigentlich außer Baireut, nämlich in dem Zaubergürtel seiner Gegend.

 

Baireut gab mir Glauben, Hoffnungen, Morgen voll Nebel und Entzückungen.

... Baireut bei schlechter Laune

 

Dein [Freund Otto's] und Emanuels Leben könnten meines nach Bayreuth locken, wüchse nur nicht da auf allen Gassen literarisches Gras in den Häusern das Vieh dazu.

 

Ich bin Büchermacher - und wohne in Baireut.

 

Die Gegend und das Bier und die Wohlfeile ziehen, so sehr das enge Volk abstößet.

 

Die Peitsche wird immer länger, die mich aus Baireut forttreibt.

 

Baireut engt sich immer mehr zusammen, um mich heraus zu pressen.

 

Die Baireuter müssen erst 50 Meilen weiter erfahren, daß ich in Baireut wohne.

 

Sogar in Baireut bin ich durch mich bekannt geworden.

 

Wenn er nicht zufällig in Baireut wäre, wüßte er gar nicht, daß es eines gebe, und wo es liegt, weiß er immer noch nicht.

Bayreuth im Werk Jean Pauls

 

1780 betrat der siebzehnjährige Jean Paul zum ersten mal die Stadt Bayreuth. Er verliebte sich in die Stadt und die Umgebung. Immer wieder besuchte er die Verwandten seiner Hofer Freundin Renate Wirth - und traf hier 1793 seinen besten Freund: Emanuel Osmund.

 

Schon in Jean Pauls frühen Werken (etwa dem Roman Titan), besonders aber in seinen Briefen, wird die Stadt stark idealisiert. Nachdem Jean Paul mit seiner Familie 1804 hier zugezogen war, kühlte sich das Bayreuth-Bild ab.

 

Berge, Bier und Bücher - diese drei Dinge hatten ihn, bekannte Jean Paul einmal selbst, nach Bayreuth gezogen, wo er 1825 starb.

 

Bayreuth-Erwähnungen (insbesondere auch Schilderungen der Eremitage und der Fantaisie) finden sich in seinem großen Roman Siebenkäs, an dem er noch in Bayreuth schrieb.

Auch im Hesperus finden sich Spuren.

Sein letzter Roman Der Komet spielt in einer Kleinstadt, die bayreuthische Züge aufweist.

Wird in der Geschichte zur Vorrede zur zweiten Auflage des Quintus Fixlein eine Reise von Hof "in das gelobte Land der sanften Bayreuther Ebene" geschildert, verläuft in den Palingenesien die Reiseroute des Helden von der Eremitage nach Nürnberg.

 

Wichtige Texte der Bayreuther Zeit sind der kleine Roman Dr. Katzenbergers Badereise, auch die politischen Schriften der Jahre um 1812/13, der Roman Selina sowie Levana, ein seinerzeit viel gelesenes und diskutiertes Werk, in dem er seine pädagogischen Ansichten zusammengefasst hat.

Bayreuth von der Abendseite - Johann Gottfried Koeppel, 1809 (Historisches Museum Bayreuth)
Bayreuth von der Abendseite - Johann Gottfried Koeppel, 1809 (Historisches Museum Bayreuth)

Ich lese die "Geschichte zur Vorrede zur zweiten Auflage des Quintus Fixlein" ...

... und kann nicht mehr aufhören ...

 

Jean Paul schildert wieder einmal aufs Köstlichste, wie er sich auf einer Reise vornimmt, eine Vorrede zu verfassen, ähnlich der "Letzten Vorrede" zu seinem ersten Roman "Die unsichtbare Loge". (Ich schrieb darüber in der 18. Etappe.)

 

Hier ist Jean Paul quasi als sein Protagonist Quintus Fixlein auf dem Weg von Hof nach Bayreuth:

 

"...Hingegen zur Zeugung einer Vorrede zur zweiten Auflage hab' ich nie mehr nötig erachtet als eine Fußreise von Hof nach Baireuth, einen Katzensprung über drei Poststationen. Ich such' aber etwas darin, wenn ich das Erstaunen der Nachwelt und ihrer Vorfahren dadurch erregen kann, daß ich beide auf die baireuthische Kunststraße mitnehme, auf der ich hinlaufe – im Webstuhl der Vorrede eingesperrt und mit dem Weberschiffchen werfend –, ohne doch etwas Rechtes herauszubringen. Ich trug nämlich die offne Schreibtafel vor mir her, um die Vorrede, wie sie mir Satz für Satz entfiel, darin aufzufangen; aber wenige Autoren wurden noch so in ihren Vorreden gestört. Ich will es ausführlich erzählen.

 

Der moralische Gang des Menschen gleicht seinem physischen, der nichts ist als ein fortgesetzter Fall.

Schon der Höfer Schlagbaum, unter dem man den Chausseezoll erlegt und der hinter dem Vis-à-vis einer Dame niedersank, die ihn abgetragen, fiel hart wie ein Stoßvogel und Eierbrecher auf den Kopf des Vorberichts: denn ich wollte der Dame durchaus vorlaufen, um ihr ins Gesicht zu sehen; ..."

Was ihm nicht gelang.

 

Die essigsaure Begegnung mit Kunstrat Fraischdörfer aus Haarhaar

 

Dann sinniert Fixlein/Jean Paul noch über Frauen und alles Mögliche, bis er unweit von Münchberg auf einen Mitwanderer , den Herrn Kunstrat Fraischdörfer aus Haarhaar, stößt  ... (Fußnote zu Haarhaar: So heißet bekanntlich das Fürstentum, in welchem die Geschichte, die ich nun bald unter dem Namen "Titan" editiere, vorfällt. Daher kenne ich den Kunstrat Fraischdörfer recht gut, er aber mich gar nicht.)

 

"Haarhaar" klingt doch ein bisschen wie Haha ... oder?

 

Ich nehme an die beiden Herren sind zu Fuß und die Dame fährt mit der Kutsche - und Jean Paul erzählt weiter ...

 

"... Mein Gesicht hingegen war ihm ein unbekanntes inneres Afrika. Ein Mann muß sich wenig in der literarischen Weltgeschichte umgesehen haben, dem man es erst zu sagen braucht, daß der Kunstrat sowohl in der neuen allgemeinen deutschen bibliothekarischen als in der haarhaarischen, scheerauischen und flachsenfingischen Rezensier-Faktorei mitarbeite als einer der besten Handlungsdiener. Wie man einen Kürbis in einen Karpfenteich als Karpfenfutter einsetzt: so senkt er seinen nahrhaften Kopf in manches ausgehungerte Journalistikum ein als Bouillonkugel. Da nun der Kunstrat, dem ich doch nie etwas zuleide getan, schon an mehren Orten deutliche Winke fallen lassen, er wolle mich in kurzem rezensieren: so war mir fatal zumute; denn es gibt zwischen nichts eine größere Ähnlichkeit und Antipathie zugleich als zwischen einem Rezensenten und Autor, wiewohl derselbe Fall auch beim Wolf und Hunde ist. Ich münzte daher meinen Namen als mein eigner Falschmünzer um und sagte mich als einen ganz andern Menschen an: »Sie sehen hier«, sagt' ich zum Kunstrat, »den bekannten Egidius Zebedäus Fixlein vor sich, von dessen Leben mein Herr Gevatter Jean Paul der Welt eine zweite Auflage zu schenken gesonnen – wiewohl ich täglich noch fortlebe und mithin immer neues Leben, das man beschreiben kann, nachschieße.« – Die Seele des Kunstrates war jetzt nicht wie die nachgestochene im orbis pictus aus Punkten zusammengesetzt, sondern aus Ausrufungzeichen; andere Seelen bestehen aus Parenthesen, aus Gänsefüßen, die meinige aus Gedankenstrichen. Er forschte mich, da er mich für den Quintus hielt, nun aus, ob mein Charakter und mein Haushalten zu dem gedruckten paßten. Ich teilte ihm viele neue Züge von Fixlein mit, die aber in der zweiten Auflage stehen, weil er mir sonst öffentlich vorwirft, ich hätte mein Original mager porträtiert. ..."

 

Es kommt, wie es kommen muss ...

 

... sie unterhalten sich über  Kunst und Kunstkritik, über das, was Autoren alles recherchieren, sammeln und dann doch weglassen, dass Weggelassene oft viel mehr als das dagelassene ist und der Kritiker von all dem nichts weiß, dass Figuren mal vollkommen, mal unvollkommen sind, je nach dem, welchen Geschlechts die Leserschaft sein soll und so fort. Fixlein, glaube ich textet Fraischdörfer zu und platt, während der Kunstrat abfällige Spitzen entgegensetzt. Auf der Wegstrecke versäuert der Kunstrat Fraischdörfer zusehends, "allmählich aus Bieressig zu Weinessig ..."

 

Nahe Gefrees, im Dorf, "die drei Bratwürste genannt", will der Kunstrat Ziegenmilch trinken und Fixlein merkt an:

"... Während der Milchkur wurden wir beide einander noch verhaßter, als wirs schon waren, und das eingeschluckte Krötenlaich unserer Antipathie wurde durch die gelinde Wärme der edeln Teile zu ordentlichen Kröten ausgebrütet. Ich wurde ihm gram, weil ich hier in den drei Bratwürsten stehen mußte und allem Anschein nach in Gefrees ankam, ohne irgend etwas Schönes gesehen oder geschrieben zu haben (ich rede von dem Vis-à-vis [gemeint ist die schöne Dame, die ihm bekannt vorkam] und der Vorrede), und überhaupt weil Fraischdörfer zugleich Mattgold (unpoliertes Poliergold einer Aufglasurdekotion), Katzengold (Pyrit, Schwefelkies ...) und Platzgold (Niederschlag des Goldes aus seiner Auflösung in Königswasser ...) war. Eine elendere Mixtur gibt es nicht. Zog er nicht sogar unter dem Käuen sich wie ein Dentist seine Schneidezähne aus, weil bloß die Hundzähne echt waren und genuin? Konnt' ich nicht, als er den Rock aufknöpfte, deutlich sehen, daß der Bauch seiner Weste seiden und marmoriert, hingegen der Rücken derselben weiß und leinen war, als wär' er ein Dachs, der, wie Buffon (französischer Naturforscher im Zeitalter der Aufklärung. Sein offizielles botanisches Naturkürzel lautet „Buffon“) bemerkt, als Widerspiel aller Tiere lichtere Haare auf dem Rücken hat und die dunklern unter dem Bauch? – Und was seinen Zopf anlangt, so ist wohl gewiß, daß seiner nur an der Spitze eignes Haar aufzeigt und übrigens lang und falsch ist, meiner aber klein und echt, gerade als hätte uns die Natur und Linnäus wie zwei bekannte Tiere unterscheiden wollen. ..."

 

Es geht weiter, hin und her, über die Wirkung von Ähnlich-Sein, Nicht-Ähnlich-Sein und Ein-Wenig-Ähnlich-Sein, über die Frage, ob der Inhalt die Form bestimmt oder die Form den Inhalt, bis zwangläufig zum Unterschied von platten und vollkommenen Kunstwerken. Ganz viel Theorie zwischen Fixlein und Fraischdörfer, man kann sichs ausmalen. Dann wandern sie in Gefress ein und Jean Paul sieht gerade noch einmal die Dame, die er in Hof sah und so gerne begrüßen wollte, Fraisdörfer ihm aber dazwischen kam, sozusagen davonblitzen und Jean Paul, jetzt Fixlein, ärgert sich über die Maßen und es platzt, wohlgemerkt: innerlich, aus ihm heraus:

 

"...  So aber hatt' ich nichts. Ich fuhr entsetzlich auf in meinem Herzen und tat innerlich folgenden Ausfall gegen den Kunstrat: »Du elende frostige Lothssalzsäule! Du ausgehöhlter Hohlbohrer voller Herzen! Ausgeblasenes Lerchen-Ei, aus dem nie das Schicksal ein vollschlagendes, auffliegendes, freudentrunknes Herz ausbrüten kann! Sage, was du willst, denn ich schreibe, was ich will. – Du sollst weder meine Reißfeder noch mein Auge von dem Eisgebirge der Ewigkeit abwenden, an dem die Flammen der verhüllten Sonne spielen, noch vom Nebelstern der zweiten Welt, die so weit zurückliegt und nur die Parallaxe einer Sekunde hat, und von allem, was die fliegende Hitze des fliegenden Lebens mildert und was den in der Puppe zusammengekrümmten Flügel öffnet und was uns wärmt und trägt!« – ..."

 

Die beiden setzen dennoch zufuß die Reise fort, der Kunstrat theoretisiert gnadenlos weiter, Jean Paul läuft immer schneller, er will die Dame noch treffen, der Kunstrat hechelt hinterher, müde und hungrig. Dann bei Berneck treffen sie endlich auf jene Dame, die Jean Paul so neugierig machte ... :

 

Ach, Pauline!

 

"... Der Kron-, der Elias- und der Sonnenwagen hielt vor der Post, und die Direktrice meines Wegs (jene Dame) stieg heraus. Ich sprang an – wer hätt' es gedacht (ich wohl am wenigsten), daß es nichts geringers war als eine Primadonna, die schon einmal in einer von meinen Vorreden agierend aufgetreten war, nämlich die gute, die liebe, bekannte – Pauline, des sel. Hauptmanns und Kaufherrns Oehrmann nachgelassene Tochter.

 Ich ward ordentlich ein Kind vor Freuden, wie alle Bernecker wissen. »Herr Jean Paul, wie kommen wir da zusammen?« sagte die Miß, deren Angesicht jetzt im Brautstand ein höheres Rot als im Laden hatte, gleichsam die rote Soldatenbinde des nahen Ehedienstes, die Band- und Vorsteckrose auf dem ehelichen Bande.

Fraischdörfer sott sich gleichfalls rot zu einem warmen Krebs: er hörte nun, ich sei wirklich der Autor selber, den er auf dem Straßendamm rezensiert hatte. Er sagte, es sei nur ein Glück für die Kunst, daß ich bloß in der Wirklichkeit, und in keinem Druck gelogen hätte, wo mehr daran gelegen wäre, den Charakter des wahrhaften Mannes durchzusetzen und zu halten. In drei Terzien war er weg wie Mai-Schnee. Er wird mirs aber gedenken und sich wenigstens in den Busch und Jägerschirm der allgemeinen deutschen Bibliothek stellen und daraus mit Windbüchsen (Vorläufer des Luftgewehrs) nach seinem Reisegefährten schießen. Ich hielt es daher für nötig, dem Publikum schon vorher davon Nachricht zu geben: es ist nun auf jeden Pfeil seiner Armbrust (wie nach Montesquieu die Tatarn tun mußten) der Name geschrieben, der Schütze heißet Fraischdörfer. ..."

 

Die süße Pauline, das weiß Jean Paul, ist die Braut des Gerichtshalters Weyermann. Der Dichter diniert mit ihr in der Post, dann ...

" ... Wir fuhren spät ab, und ich saß ihr im Vis-à-vis (ein Wagen mit gegenüberliegenden Sitzen)– vis-à-vis. Hinter unsern grünen Bergen lag die Wüste der Kinder Israel und vor uns das gelobte Land der sanften Baireuther Ebene. Ich und die Sonne sahen Paulinen immerfort ins Angesicht und mit gleicher Wärme, und mich rührte endlich die kleine stille Gestalt. Woher kam das? [...]

nicht davon bloß kam meine Rührung, daß sie nun, wie ihre meisten Schwestern, gleich weichen Beeren, von der harten Manneshand zugleich abgerissen und zerdrücket werde; – oder daß ihr weiblicher Frühling so viele Wolken und so wenige Tage und Blumen hatte und daß ich sie wie mehre Bräute mit dem schlafenden Kinde verglich, das Garofalo mit einem Engel, der eine Dornenkrone darüberhält, gemalet, auf das aber, wenn es die Ehe weckt, der Engel die Krone herunterdrückt: – Sondern das machte meine Seele weich, daß ich, sooft ich dieses freundliche rot- und weißblühende zufriedene Gesicht ansah, es gleichsam innerlich anreden mußte: »O sei nicht so fröhlich, armes Opfer! Du weißt nicht, daß dein schönes Herz etwas Besseres und Wärmeres braucht als Blut und dein Kopf höhere Träume, als die das Kopfkissen beschert – daß die duftenden Blumenblätter deiner Jugend sich nun zu geruchlosen Kelchblättern [Fußnote] zusammenziehen, zum Honiggefäße für den Mann, der jetzt bald von dir weder ein weiches Herz noch einen lichten Kopf, sondern nur rohe Arbeitfinger, Läuferfüße, Schweißtropfen, wunde Arme und bloß eine ruhende paralytische Zunge fordern wird. Dieses ganze weite Sprachgewölbe des Ewigen, die blaue Rotunda des Universums verschrumpft zu deinem Wirtschaftgebäude, zur Speck- und Holzkammer und zum Spinnhaus, und an glücklichern Tagen zur Visitenstube – die Sonne wird für dich ein herunterhängender Ballonofen und Stubenheizer der Welt, und der Mond eine Schusters-Nachtkugel auf dem Lichthalter einer Wolke ...

[...]

Du bist zu etwas Besserem geschaffen, aber du wirst es nicht werden (wofür dein armer Weyermann nichts kann, dem es der Staat selber nicht besser macht). Und so wird der Tod deine von den Jahren entblätterte Seele voll eingedorrter Knospen antreffen, und er erst wird sie unter einen günstigern Himmelstrich verpflanzen [Fußnote]. – Warum sollte mich das nicht betrüben? Seh' ichs nicht jede Woche, wie man Seelen opfert, sobald sie nur einen weiblichen Körper umhaben? Wenn dann nun die reichste beste Seele unter der Morgenröte des Lebens mit dem unerwiderten Herzen, mit versagten Wünschen, mit den ungesättigten verschmähten Anlagen eingesenket wird ins übermauerte Burgverlies der Ehe ..."

 

"Aus den Lilienfluren des Mondes ..."

 

Jean Paul sitzt Paulinen, der jungen Braut, gegenüber, denkt viel und leidet über dem Schicksal aller Frauen, die in den Ehen dahinvegetieren, nicht ihre Talente entfalten dürfen und allein mit dem Genius ihrer Tugend die Welt retten sollen, vor dem Genius des Bösen, des Mannes gar?, der ewigen Schlange, die die ewige Eva und alle ihre Schwestern verführt, jene unendliche Wesen der Liebe aus den unendlichen Paradiesen, den "Lilienfluren des Mondes" unendlich ewiglich in die kalte Welt hinab müssen, in der Hoffnung, von einer anderen ewigen Instanz, hierbei wenigstens beschützt zu werden, einem jungen Ritter vielleicht, als dem Genius der Religion. Ich versuche, es mit meinen Worten irgendwie erbärmlich zusammenzufassen. Man möge mir verzeihen.

 

Dann erhebt Jean Paul im Angesicht der eingeschlafenen Pauline, eine Bitte:

"Wahrlich, ihr Eltern und Männer, ich stelle dieses quälende Gemälde nicht auf, damit es der wunden Seele, der es gleicht, eine Träne mehr abpresse, sondern euch zeig' ich die gemalten Wunden, damit ihr die wahren heilt und euere Marterinstrumente wegwerft."

 

Weiter ...

"Um wieder zurückzukommen: der Mensch auf seiner Reise zum überirdischen Paradies und ich auf meiner ins baireuthische und die Menschheit auf ihrer langen zum Jüngsten Tage werden wie die braunschweigische Mumme {ein Bier) unter dem Verfahren mehr als einmal sauer; aber herrlich und süß kommen wir alle und die Mumme an: ich meine, ich erzählte schon nach einer halben Stunde hinter Berneck Paulinen das Mußteil  ("Mußteil für Mädchen", Kapitel nach der "Geschichte meiner Vorrede") im Quintus Fixlein. Mir war, als ob es gar keine Vorberichte zu zweiten Auflagen mehr gäbe in der Welt ... Ach du weiche Braut! ich wollte dich sehr rühren durch Erzählen, aber du rührtest mich noch mehr durch Zuhören. Es muß überhaupt noch mehre Paulinen und Jean Pauls in Deutschland geben ..."

 

Bei Bindlach ...

 

Während Pauline schläft, schreibt Jean Paul weiter , bis ...

"... Die Welt ruhte – auf dem Berg sproßte der Mond wie eine geschlossene Lilienglocke heraus – mein Aufsatz war fertig – wir waren den schnellen Berg herab – und ich sagte zur Braut, ich spränge herab und würd' ihr draußen etwas vorlesen, wenn sie mit abstiege, weil ich drinnen erst das Wagengerolle überschreien müßte.

Wir stiegen beide unten aus unweit einer alten Säule, vor der ich nie ohne einen Seufzer über den rauhen Druck, womit die harten Riesenhände des Schicksals uns weiche Raupen und Gulliver ergreifen und tragen, vorbeigegangen bin; diese Riesenhände schienen heute die Säule wie eine Hermes- und Gedächtnissäule hingestellt zu haben für das schwache Gedächtnis des Menschenherzens.

 

(Dieser Text ist uns schon bei der Bindlacher Etappe begegnet, etwas zusammengekürzt.)

 

Pauline wußte von nichts; aber ich führte sie an den unscheinbaren Pilaster und erklärte ihr – indem ich ihrs vorher zeigte –, was die verwitterte brüchige weibliche Gestalt, über die ein Wagen geht, auf der elenden erhobenen Arbeit des Pilasters bedeute. Die umliegenden Dorfschaften berichten nämlich, daß einmal eine Braut, die auf dem Kammerwagen von dem sonst steilern Bindlocher Berg den Armen ihres Bräutigams unter einem Gewitter mit scheugewordenen Pferden entgegenfuhr, unter die Räder gestürzt und vor seinen gemarterten Augen den getäuschten hoffenden Geist aufgegeben habe. Pauline konnte schwerlich, zumal da der Mond hinter dem Abendrauche dämmerte, die verwaschene Skulptur dieses veralteten Jammers mehr lesen; aber ihr getroffnes weiches Herz goß

besonders so nahe an der ähnlichen Lage, gern das Abendopfer einer fortrinnenden Träne über die unbekannte zerstörte Schwester nieder, deren gebrochenes Gebein nun schon als Staub – vielleicht aus dem Staubbeutel einer Blume – umherirret, indes der Geist, der es sonst bewegte, auf der ewigen Bergstraße durch die Zeit den auffliegenden Staub, den er einmal machte und zurückließ, kaum mehr, wenn er sich umsieht, wird bemerken können. Und hier neben der Siegessäule der Marter und unter dem großen Himmel der Nacht gab ich Paulinen die kleine Dichtung, die ich hier den Herzen aller ihrer Schwestern bringe. ..."

 

Es folgt das Kapitel "Die Mondfinsternis". Etwas schöneres, vielleicht zum Wesen der Frau, als Wesen gemeint, meine ich, habe ich selten gelesen. Hier der Text ...

 

Das ganze schließt Jean Paul dann mit den Worten:

"Als ich geschlossen hatte, trocknete Pauline die sanften Augen, die sich unwillkürlich gegen den hellern Mond und seine weiten Flecken aufhoben. Ich schied von ihr – und der Wunsch, den ich hier für alle liebende Schwestern des guten Genius tue, war mein letztes Wort an sie: »Es gehe dir nie anders als wohl, und die kleine Frühlingnacht des Lebens verfließe dir ruhig und hell – der überirdische Verhüllte schenke dir darin einige Sternbilder über dir – Nachtviolen unter dir – einige Nachtgedanken in dir – und nicht mehr Gewölk, als zu einem schönen Abendrot vonnöten ist, und nicht mehr Regen, als etwan ein Regenbogen im Mondschein braucht!« –

 

 

Hof im Voigtland, den 22. August 1796.

 

Jean Paul Fr. Richter."

 

Was für eine Reise! Was für ein "Wandertagebuch"!

Gedenksäule bei Bindlach (Titelbild der "Geschichte meiner Vorrede zur zweiten Auflage des Quintus Fixlein" 1797) - Foto aus Philipp Hausser "Jean Paul und Bayreuth"
Gedenksäule bei Bindlach (Titelbild der "Geschichte meiner Vorrede zur zweiten Auflage des Quintus Fixlein" 1797) - Foto aus Philipp Hausser "Jean Paul und Bayreuth"

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