23. Herbst macht alles gold und warm

Bank über Bindlach
Bindlach - Bayreuth (schöne Etappe)

Bindlach - Bayreuth


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Gewandert sind wir am Donnerstag, den 11. Oktober 2012.

 

Für diese Etappe haben wir uns extra einen schönen Herbsttag mit viel güldenem Sonnenschein gewählt. Wir kennen schon den Rodersberg oberhalb von Bayreuth. Hier liegt der Golfplatz und hier begegneten wir in diesem Sommer auch jener besagten Stationstafel 107, die uns zum Wandern des Jean-Paul-Weges veranlasste. Wir kennen die Aussicht von hier oben auf Bayreuth. Sie ist wunderschön, egal zu welcher Jahreszeit. Aber wenn im Herbst die Sonne scheint, und die Bayreuther Ebene im Dunst wie ein opalfarbener Teppich vor einem schwebt, dann ist alles so andächtig, still fließend wie ein großer Strom. Das wollen wir heute genießen.

 

Aber beginnen wir erst einmal direkt in Bindlach, bei Stationstafel 102. Sie steht auf dem Kirchplatz vor der prächtigen Barockkirche der evangelischen Gemeinde St. Bartholomäus.   

Vater auf der Orgel, Sohn auf dem Klavier

Der Tonkunst war meine Seele (vielleicht der väterlichen ähnlich) überall aufgetan und sie hatte für sie hundert Argus-Ohren.
Wenn der Schulmeister die Kirchengänger mit Finalkadenzen heimorgelte; so lachte und hüpfte mein ganzes kleines gehobnes Wesen wie in einen Frühling hinein; oder wenn gar am Morgen nach den Nachttänzen der Kirchweihe, welchen mein Vater am nächsten Sonntage lauter donnernde Bannstrahlen nachschickte, zu seinem Leidwesen die fremden Musikanten samt den gebänderten Bauerpurschen vor der Mauer unseres Pfarrhofes mit Schalmeien und Geigen vorüberzogen: so stieg ich auf die Mauer und eine helle Jubelwelt durchklang meine noch enge Brust und Frühlinge der Lust spielten darin mit Frühlingen und an den des Vaters Predigten dacht‘ ich mit keiner Silbe.

Selberlebensbeschreibung


Stunden widmete ich auf einem alten verstimmten Klaviere, dessen Stimmhammer und Stimmeister nur das Wetter war, dem Abtrommeln meiner Phantasien, welche gewiß freier waren als irgend kühne in ganz Europa, schon darum, weil ich keine Note kannte und keinen Griff und gar nichts; denn mein so klavierfertiger Vater wies mir keine Taste und Note. Aber wenn ich doch zuweilen - wie gute neue Tonsetzer für die Seil- und Hexentänze und Finger auf Klaviersaiten - eine kurze Melodie oder Harmonie von drei bis sechs Saiten  aufgriff: so war ich ein seliger Mann und wiederholte den Fingerfund unaufhörlich. 

Selberlebensbeschreibung

Dass und warum Jean Pauls Sprache sehr musikalisch ist, davon haben wir schon von Eberhard Schmidt im Jean-Paul-Museum in Joditz erfahren. Woher seine Musikalität kam, erfahren wir hier: von seinem Vater. Aber auch, warum sie sich bei Jean Paul in der Sprache auslebte. Jean Pauls Vater brachte seinem Sohn das Klavierspielen nicht bei. Alternativ fing der Knabe an,  auf seiner eigenen Klaviatur zu spielen und zu variieren ... und Frühlinge der Lust spielten in seiner Brust mit Frühlingen ...

 

Wir wandern Herbst in unseren Herzen, warm und beschaulich aus Bindlach hinaus ...

In Bindlach
In Bindlach

Wir sind schon ein wenig außerhalb von Bindlach, laufen auf einem Feldweg, da brummt auf einmal ein uralter Unimog langsam an uns vorbei. Wie schön, die können gar nicht donnern. Menschen möchten doch miteinander im Fluss sein, wie im Tanz, im Reigen. Dann sind wir gesund.

Ein Unimog brummt an uns vorbei, vielleicht zum Weinberg im Hintergrund?
Ein Unimog brummt an uns vorbei, vielleicht zum Weinberg im Hintergrund?

Ja! Jetzt streifen wir einen Weingarten. Wieso ist hier ein Weingarten? In dieser Region? Ein Schild gibt Aufschluss: Es ist ein Weingarten auf dem Wendelshügel und er ist ein Projekt des OGV Bindlach, des Obst- und Gartenbauvereins Bindlach.

 

2007 haben die Vereinsmitglieder südlich vom Vereinsgarten einen kleinen Weinberg mit 100 Rebstöcken angelegt, der für jedermann offen ist und gerne besucht wird. Von dort aus hat man einen herrlichen Blick auf Bindlach. Unter diesem Link gibt es tolle Bilder vom Vereinsgarten und vom Weinanbau ...

Nicht weit von hier, bietet Stationstafel 103 an, dass man sie gerne wörtlich nehmen darf, was Fidel, im Gegensatz zu uns, sofort verstanden hat:

Zwei Bäume

 

Besonders frisch und grün aber sind zwei andere Herbstblumen der Freude in seinen Gehirnkammern erhalten und aufbewahrt, und beide sind Bäume.

Der eine ist bloß ein dickzweigiger hoher Muskatellerbirnbaum im Pfarrhofe, an dessen herrlichen Fruchtgehängen die Kinder den ganzen Herbst hindurch künstliches Fallobst hervorzubringen versuchten, bis endlich an einem der wichtigsten Tage der Jahrzeit der Vater den verbotenen Baum selber auf der Leiter bestieg und das süße Paradies herunterholte für das ganze Haus und für den Bratofen.

 

Der andere immer grüne und noch herrlicher fortblühende Baum ist aber kleiner, nämlich die abgehauene Birke, welche jährlich am Andreasabend bei dem Stamme vom alten Holzhauer in die Stube geschleppt und darin in einen weiten Topf mit Wasser und Kalk gepflanzt wurde, damit sie gerade zur Weihnachtszeit, wenn die goldnen Früchte an sie gehangen wurden, schon die rechten grünen Blätter dazu trüge. Er hatte diese Birke, keine Trauer- sondern eine Jubelbirke, das Eine an sich, daß sie den dunklen Dezemberweg bis zum Christfest mit Freudenblumen bestreute, nämlich mit ihren hervorgenötigten Blättchen, wovon jedes neue wie ein Uhrzeiger auf einen zurückgelegten Tag hinwies, und daß jedes Kind unter diesem Maienbaum des Winters sein Laubhüttenfest der Phantasien feiern konnte.

 

Selberlebensbeschreibung

Ach, und wäre es nicht schon genug an herbstlichem Füllhorn, malt sich ein anderes Stimmungsbild in den Horizont. Etwas weiter entfernt, unter einem großen Baum, auf einer Bank, sitzen zwei Omachen in der warmen Sonne und unterhalten sich unentwegt angeregt. Die ganze Zeit bleiben sie da sitzen und schwatzen laut, wie Franken das tun. Sie schreien, könnte man fast sagen, denn wir hören sie noch lange. Auf diese Weise begleiten sie uns ein ganzes Stück des Weges. Das klingt so schön, so schön nach Zeit-haben, nach Menschen, die das tun, was sie am liebsten tun: sich sozialem Verhalten hingeben.

Auch hier müssen wir jetzt zwischen abgemähten und platt gefahren Maisfeldern weiterlaufen. Immer wieder krachen Landmaschinen an uns vorbei, immer wieder muss ich Fidel schnell auf den Arm nehmen. So gelangen wir nach Allersdorf und verfangen uns noch einmal im Wegweisergeflecht. Manchmal ist es nicht entwirrbar. Man läuft hin und wieder zurück und wiederum hin, ich laufe alleine vor und gucke, wo es weitergeht, Peter studiert die Karte. Ein Naviagtionsgerät besitzen wir nicht.

 

"Da hinten ist eine Bank. Jetzt gibt's ne Pause!" beschließe ich. Ein so schöner Sonnenplatz.

Rast in Allersdorf
Rast in Allersdorf

Dann geht es wieder ins Grün hinein, Boten des Herbstes und des Erntedanks begleiten uns ein wenig ...

... so auch die Worte von Jean Paul, auf Stationstafel 104, die uns wohl aus der Sonne ins Dunkel ziehen wollen ...

Hölle und Teufel im Diesseits

In der Tat sollten sich Teufel mehr bedenken, ehe sie über die Menschen, die doch ihre adoptierten Kinder sind, herfahren und sie für Tugend-Puritaner erklären, bloß weil sich einer und der andere auch in erhabenen Empfindungen im Vorübergehen scherzweise versuchen will. O wie ungerecht! Fressen sie sich denn darum sofort in den Kerl auf immer ein, und zieht er damit wie mit Hitzblattern und Höckern im Halberstädtischen und unter Reußen und Preußen räudig herum? Mir wenigstens sind solche Überbeine des Erhabenen weder in Bordellen, noch Kaffeehäusern, noch Spieltischen an solchen Reisenden zu Händen gekommen. Die Schlange wechselt zwar oft die Haut, aber nie die nützlichen Giftzähne.

Levana


So wie der Teufel in dem Körper des Studenten, den er getötet hatte, auf Befehl des Magikers Agrippa (Gemeint ist der Arzt, Philosoph und Schwarzkünstler Agrippa von Nettesheim, 1486 - 1535) einige Zeit die Stelle der Seele vertrat, und mit den fremden Füßen einen Tag spazieren ging ...

Grönländische Prozesse


Ein Heidenbekehrer in Grönland, welcher, nachdem er mit aller aufgebotenen Rede-Macht den Zuhörern die Hölle recht heiß gemacht zu haben hoffte, sah zu seinem Staunen immer größere Heiterkeit auf den grönländischen Gesichtern entstehen, bis er endlich außerhalb der Kanzel erfuhr, daß er in sämtlichen Kirchengängern durch sein so warmes Gemälde der Hölle ein besonderes Sehnen erregt, in diese zu fahren, gleichsam in ein milderes Klima als ihres.

Levana 

Ach nein, es war umgekehrt. Nicht vom Licht ins Dunkel, sondern vom Kalten ins Warme. Wenn man in grönländischer Umgebung lebt, kommt einem die Hölle angenehm warm vor, da will man hinein. Warme Hölle ist besser als eisige Tugend. 

 

Äpfel über Äpfel

 

Ich muss es wiederholen, dieses Jahr ist ein Apfeljahr. So viele und so rote habe ich nie gesehen. Der Weg führt an Wochenendgrundstücken vorbei. Zäune, Lauben, Tore, Einfahrten. Hinter einem Maschendraht entdecken wir eine große Wiese mit altem Apfelbaumbestand. Äpfel über Äpfel. Wohin damit?

"Schau mal Peter, hier könnte man Schneewittchen spielen!" fällt es mir ein.

Heute, am wahrscheinlich letzten schönen und warmen Tag in diesem Jahr, kann man in jedem Garten die Besitzer umherwuseln sehen. Die Ernte muss eingebracht werden, solange das Wetter noch mitmacht.

Wir sprechen mit einer Frau über den Zaun. Sie klagt, das sei ja so eine Sauerei. Die Äpfel seien zwar schön rot, aber sie wären total sauer und genau so sauer sei sie auch auf die Vorbesitzer des Grundstücks. Wie konnten die nur eine so unbrauchbare Sorte anpflanzen.

"Was machen sie denn dann mit den vielen Äpfeln?" will ich wissen.

"Ah, da kommt heut noch einer vorbei, der holt sie ab. Zum Saft machen."

"Dann haben sie ja wenigstens etwas davon," meine ich.

"Na, na. Der kann den Saft selber trinken. Der schmeckt ja net."

Aha. Soso. Wir grüßen noch und wünschen ihr einen schönen Herbst.

 

Jetzt geht's ein wenig bergab und wir sehen schon, da kommt eine viel befahrende Straße. Es ist die Verbindungsstraße von Bayreuth nach Weidenberg. Die müssen wir überqueren. Und danach überqueren wir kurz hinter einander gleich dreimal den selben Bahndamm. Lustig.

Auf dem Jean-Paul-Weg, Bahnübergang kurz vor Höflas
Auf dem Jean-Paul-Weg, Bahnübergang kurz vor Höflas

Glöckchenklang ist zu vernehmen. Wie von Weit. Lieblich bimmelt es uns ins Gemüt. Arkadisch erscheint uns die Welt heute, so voll Licht und Klang. Dann sehen wir, woher die himmlischen Töne kommen. Es ist ein Windspiel, das an einem allein stehenden Haus hängt und im Wind sein Tänzchen macht.  

 

Wir fassen uns an den Händen, Fidel läuft zwischen uns. Die Schatten sind schon lang und jetzt laufen sie vor uns mit. Da sehen wir aus wie Jean Paul und sein Pudel Ponto. Und ich bin die Rollwenzelin, sage ich zu Peter, die war auch acht Jahre älter, genau wie bei uns. Ach nein, sie war sieben Jahre älter als Jean Paul. Aber berollwenzeln tue ich auch gerne.

Schatten, die uns begleiten: Jean Paul, Pudel Ponto und bald die Rollwenzelin ...
Schatten, die uns begleiten: Jean Paul, Pudel Ponto und bald die Rollwenzelin ...

"Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht (1801)"

 

Wir streifen den kleinen Ort Höflas und begegnen der ersten (von dreien) Stationstafel, mit einem Text aus "Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht 1801". (Link zum ganzen Text)

 

Hier beschreibt Jean Paul die Geschichte von der wunderbaren Nacht-Gesellschaft, die "ihm" erschien, als er in einer eisigkalten Winternacht wachend am Fenster saß, hungrig, von einer Migräne geplagt, und über Zeiten und Menschen sinnierte. Denn es war just die Neujahrsnacht, vom 18. zum 19. Jahrhundert. Er war allein, seine liebste Hermine außer Haus eine kranke Freundin besuchen. Sie versprach, erst nachts aber noch in diesem Jahrhundert zurückzukommen.

[ich] ... bedeckte die Augen mit der Hand und ließ alles an mir vorüberziehen, weswegen der Mensch das Leben eitel und nichtig nennt - schnell eilten die künftigen Jahrhunderte, wie Fixsterne vor dem Sternrohr, vorbei, endlich kamen lange Jahrtausende und trieben ein Volk nach dem anderen in die Gräber; die Generationen verfolgten einander wie fliegende Strichregen und schossen in die Grüfte herunter und rissen den Himmel auf, worin der Todesengel sein Schwert durch die Welten hob und keine Sterbenden, sondern bloß das Sterben sah. -

Während dieser Phantasien war mir einige Male gewesen, als hört' ich leise Worte; endlich vernahm ich nahe an mir diese: "Die drei Propheten der Zeit"; ich tat die Hand vom Auge -- die wunderbare Nacht-Gesellschaft war im Zimmer. Ein langer, totenblasser, in einen schwarzen Mantel gewickelter Jüngling mit einem kleinen Bart (wie der an Christusköpfen) , über dessen Schwarz die Röte des lebendigen Mundes höher glühte, stand vor mir, mit einem Arme leicht an einen Stuhl gelehnt, worauf ein erhaben-schöner, etwa zweijähriger Knabe saß und mich sehr ernst und klug anblickte. ...

 

Neben dem Stuhl kniete eine weißverschleierte Jungfrau, auf dem Kanapee saß eine rotgeschminkte Maske ..., neben ihr war ein unangenehmes, mageres Wesen mit einem Schwedenkopf ... höhnisch anblinzelnd, das nackte Gebiß entblößend ... und einem Sprachrohr in der Hand. Es sprach: "Mein Name ist Pfeifenberger. [ ...] wir sind sind die drei Proheten der Zeit und weissagen Ihm, mein Freund so lange, bis das Jahrhundert dezembisiert ist. ich spreche zuerst." - 

 

Himmel! wer sind sie, wie kamen sie, was wollen sie? durchfährt es ihn.

 

Und eben, es sind die drei Propheten der Zeit und sie weissagen ihm die Zeit, schauerlich, eisig, herzlos, düster und einsam, einem Nachtmahr gleich ... Einer nach dem anderen Propheten erhebt das Wort, bis ...

... die geschminkte Maske einen entsetzlich-langen Perioden an und sagte mit eintöniger ergreifender Stimme: "Wenn die große Uhr in der Marienkirche zu Lübeck nicht mehr zu brauchen sein wird, weil sie gar zu oft umgestellet worden, und weil der Mond schon anders umläuft als sie (Sie zeigt den täglichen Stand und Gang der Himmelkörper etc. bis zum Jahr 1875; dann muß sie verändert werden) - Wenn mancher Hottentott noch einen alten, nach "verbesserter und alter Zeit wohl eingerichteten lustigen Historienkalender auf das gemeine Jahr 100 000" vorweisen kann, ...

 

Und jetzt beginnt der lange, lange Satz mit den vielen "Wenns" am Anfang, wie auf Stationstafel 105 zu lesen ist:

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 105 "Science Fiction - Im Jahre 100 000 (Teil 1)" bei Höflas
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 105 "Science Fiction - Im Jahre 100 000 (Teil 1)" bei Höflas

Sciene Fiction - Im Jahre 100 000 (Teil 1)

Wenn wegen der entsetzlichen Bevölkerung alle Dörfer sich zu Städten ausgebauet und die großen Städte mit den Toren aneinanderstoßen und Paris bloß ein Stadtviertel ist und der Landmann oft auf seinem Dache ackert, das er ganz artig urbar gemacht

Wenn in ganz Europa so schwer ein hölzernes Haus zu finden ist wie jetzt ein goldnes, bloß weil man bei dem mir begreiflichen Holzmangel statt der Silberstangen Holzstangen sowohl aus Indien holen muß als aus unsern Schlachten, wo die Vorwelt sie so vorsichtig aufgespeichert; daher es leicht zu erklären, warum man dann Glas nur mit sich, nämlich mit Brenngläsern macht, und warum man im Winter so künstlich von außen heizt mit der Sonne durch besonders geschliffene Scheiben

Wenn endlich, weil durch ewiges Graben und Münzen das Geld schon lange zu spartischem Eisengeld devalviert geworden, nur Perlen die kleine Münze sind und Juwelen die große

Wenn die Prachtgesetze die einfache alte wohlfeilere Tracht zurückgeführt, indem sie überall auf Seide bestanden, und wenn die Mode die höchsten Verlängerungen und Verkürzungen (bis zur Nationalkleidung der Menschheit, der Nacktheit) und jede Versetzung durchgespielt, so daß bei Weibern die maillots, die Schürzen am Hals, die am Rücken, die hinten offenen Totentalare, die bed-mats, und bei Männern die mat-beds, die peaux de lion, die Berghabite, die hinten zugeschnallt und zugespitzten Schuhe, die hinten zugeknöpften Röcke, der doppelte Schuh und die Schleier und Schürzen wieder schon ein paarmal ab- und aufgekommen sind -
(Fortsetzung folgt)

Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht (1801)

Heute hieß es in den Nachrichten (Oktober 2012), dass dem Radrennfahrer Lance Armstrong wegen Dopings endgültig alle Medaillen und alle sieben Siege der Tour de France aberkannt worden sind  - und dass Spanien auf Ramschniveau herabgestuft worden ist. Spanien ist ein Land mit Menschen, die über Jahrhunderte Kulturgeschichte geschrieben haben. Das zählt nicht bei dieser Rechnung.

Schon gleich folgt Stationstafel 106 mit der Fortsetzung:

Sciene Fiction - Im Jahre 100 000 (Teil 2)

Wenn die Handwerker und Gelehrten in immer kleinere Subsubdivisionen auseinandergewachsen

Wenn das letzte wilde Volk aus seiner Puter-Eierschale ausgekrochen, und zwar schneller als das erste, weil alle zahme an der Eierschale hackten, wenn zwischen allen Völkern, wie jetzt zwischen Herrnhutern und Juden, die Schiffe wie Weberschiffe verwebend hin- und herschießen und der Thüringer seinen nordamerikanischen Reichsanzeiger mithält und den afrikanischen Moniteur

Himmel! wenn der ganze Globus schreibt, der Nord- und der Südpol Autor ist und jede Insel Autorin, wenn Rußland die Werke selber verfertigt, die es eben daher früher nicht eingelassen, und die Molucken mit den Gewürzen aus Habsucht die Makulatur dazu liefern und die Kamtschadalen alle die Blasphemien, Zweideutigkeiten und Höhnereien, die sie vorher mündlich verrauchen ließen, besser in Romane auffangen;
wenn natürlicherweise eigne Städte gebauet werden müssen, wo bloß Bücher wohnen, so wie ganze Judengassen bloß für schreckliche Registraturen

Wenn die Menge so herrlicher Genies und die Menge der Nationalgeschmäcke so vieler Inseln, Küsten und Jahrhunderte die höchste Toleranz, Übersicht, Vermischung und Laune geboren -
(Fortsetzung folgt)

Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht (1801)

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 106 "Science Fiction - Im Jahre 100 000 (Teil 2)" am Rodersberg
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 106 "Science Fiction - Im Jahre 100 000 (Teil 2)" am Rodersberg

Endlich geht es hinauf auf den Rodersberg und endlich wird uns Bayreuth zu Füßen liegen ...

Ja, und da oben steht sie dann, Stationstafel 107. Zufällig hatten wir sie im letzten Winter (2011) in der Nähe des Golfplatzes auf dem Rodersberg beim Spazierengehen mit Fidel entdeckt. Von der Existenz eines Jean-Paul-Weges hatten wir überhaupt keine Ahnung. Vom Dichter selbst, wusste ich eigentlich auch nur wenig, nur dass er irgendwie in der Romantik anzusiedeln ist. So wenig kann man wissen, auch wenn man studiert hat. Krass.

 

Egal. Der nackte Text, der auf der Tafel zu lesen war, hatte uns derartig berührt, dass wir mehr wissen wollten. Wer hat denn das geschrieben? Wann, wo, warum ...?

Science Fiction - Im Jahre 100 000 (Teil 3)

Wenn man die Wolken so richtig wie kürzere Sonnenfinsternisse prophezeien kann, Schwanzsterne ohnehin;
und wenn die Flora und Fauna im Monde so gut bearbeitet ist als die Länderkunde des Abendsterns,

Wenn alle Raffaele verwittert, alle jetzigen Sprachen gestorben, neue Laster und alle möglichen Physiognomien
und Charaktere dagewesen, die Zartheit und Besonnenheit und Kränklichkeit größer, die Hohlwege zehnmal
tiefer und die tiefsten Wahrheiten platte geworden,

Wenn Flotten von Luftschiffen über der Erde ziehen und alle griechischen Futura durchkonjugiert,

Wenn alles unzählige Male dagewesen, ein Gottesacker auf dem anderen liegt,
die alte runzlichte graue Menschheit ein Jahrtausend nach dem anderen vergessen und nur
noch, wie andere Greise, sich ihrer schönen Jugendzeiten in Griechenland und Rom erinnert
und der ewige Jude, der Planet, doch noch immer läuft.

Sag an, o bleicher Jüngling, wann schlägt es in der Ewigkeit 12 Uhr,
und die Geisterstunde der Erd-Erscheinungen ist vorbei?

Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht

Die Frage, wie kann jemand vor 250 Jahren eine zukünftige Szenerie beschreiben, die heute tatsächlich Wirklichkeit ist? Dass zum Beispiel Städte zusammenwachsen und Paris nur noch ein Stadtviertel ist? Dass wir die Wolken richtig prophezeien können und der ganze Globus schreibt? Wie kann jemand die Hektik und den Wahnsinn, die Beschleunigung unserer Zeit erahnen? Die Apokalypse der Weltkriege? Digitalisierung, Globalisierung und Turbokapitalismus? Wie teilt jemand das Gefühl, wer hält endlich einmal die Welt an? Da reist jemand ohne Vehikel durch die Jahrtausende und hat recht, wieso?

 

Die ganze Welt aus einer Fußnote

 

Jean Paul selbst gibt darüber Aufschluss: per Fußnote.

Als die Erscheinung drohte "Zwölf" zu schlagen ... der Tod hielt die Streitaxt des Glockenhammers immer aufgehoben, und die zusammenrinnende Menge (der Propheten), weiß wie Ertrunkne, murmelte immer banger: zwölf, zwölf -- da kam Hermine zurück:

... als auf einmal eine blühende beseelte, die Türe öffnete und durch die luftigen Figuren durchging und mit einer teuern lebendigen Stimme meinen Namen nannte. O wie der Mensch nur durch den Menschen in das Tageslicht des Lebens tritt, indes er in der auflösenden Einsamkeit auf seinen Geist und Leib nur wie auf einen toten fremden, unter ihm zuckenden Torso sieht! -  

 

Hermine ist erschrocken, "ihn" so in diesem Wahnsinnszustand zu sehen. "Er" kann sie beruhigen, indem er an sie an Nicolai erinnert, dem ähnliche Erscheinungen viel länger zugesetzt (1), der sie aber mit besserer Entschlossenheit empfangen als ich.

Und hier setzt Jean Paul seine Fußnote. Ich zitiere sie:

 

1 Dem Publikum sind die Gestalten, die Nicolais Augen und Ohren erschienen, schon bekannt. Ich kenne drei zartorganisierte und phantasiereiche Mädchen, welche dieselbe optische Plastik quälte. Es kann keinem Psychologen schwer fallen, meine optische Nachdruckerei der Wirklichkeit, diese größern mouches volantes (Glaskörperdestruktionen im Auge des Menschen und die sich daraus ergebenden Müsterchen im Sichtfeld), sich zu erklären, wenn er den Frost, die Nervenschwäche, die Einsamkeit und das Abendessen und Trinken zusammennimmt. Ja jedes Wort der wunderbaren Gesellschaft getrau' ich mir aus den Betrachtungen herzuleiten, die ich nachmittags über die Zukunft angestellt; und selber die drei Akteurs (wie anfangs in der griechischen Tragödie) scheinen nur Söhne und Konterfeie der Charaktere zu sein, denen ich im Aufsatz für dieses Werkchen meine säkularischen Betrachtungen soufflieren wollen. Der Schwedenkopf ist eine offenbare Reminiszenz des wilden Jägers, der jetzt aus dem jungen burschikosen Jena ausreitet und dessen Jagdpersonale, Wildzeug, Hifthörner, Hundekoppel und Weidwerk (Begriffe aus der Jagd), am Tageslicht besehen, auf ein Mandel mausender Eulen hinauslaufen. – Manches ist aus den Gemälden meines Zimmers zu erklären, z.B. aus Da Vincis Christus im Tempel.

 

Also Hunger, Frost, Einsamkeit und Schmerzen trieben "ihn" nur kurz, vorübergehend, in den Wahnsinn und "er" fing an, zu fantasieren.

 

Jean Paul visioniert es, träumt es. Träumen und Träume beschreiben kann er hervorragend. Es ist sein Elexier. Er nippt an ihm und schon geht die Reise los. Ob durch Jahrhunderte oder durch Welten, durch Wasser oder durch Lüfte, in Sekunden oder in Schiffen. Er kann sich alles vorstellen, greift in seine Wortmeere, fischt darin nach Belieben und setzt neue Planeten zusammen. Immer stimmt es, irgendwie, und alles ist reicher als zuvor.

 

Und was ist nun heute, mit unserem Jahrhundert? Nichts. Weitere Jahrhunderte, Jahrmillionen werden weiterhin vergehen und kein Stein wird auf dem anderen Stein bleiben, oder Stein auf Stein sich unendlich türmen, darunter der Mensch, ein Nichts.

 

Und wie hört die Geschichte der gruseligen Neujahrsnacht auf?

 

Hermine geht ans Klavier und singt ihr liebstes Abendlied,

mit den betenden Augen an den Sternen liegend; und unter den heiligen Tönen, die unser Herz verjüngten und es wieder in seinen ewigen Frühling trugen, löseten sanft und kaum bemerkt die Jahrhunderte einander ab.

 

Ende.

Was für ein schöner Anfang.

 

Bei uns ist es gerade Herbst. Und was für einer, er kommt mit seinem Licht und Glanz schon fast einem Frühling gleich. Wir laufen weiter und diese Stelle auf dem Rodersberg wird uns immer vertrauter. Zu allen Jahreszeiten waren wir schon hier, weil man eine wunderbare Aussicht hat. (Ich stelle gerade fest, dass wir vor lauter vertrauter Aussicht vergaßen, ein Foto zu machen. Tut uns leid.)

Der Weg führt mitten über einen Golfplatz und der Rasen, also eigentlich das Green, lässt die Landschaft aussehen wie einen englischen Landschaftsgarten. Fehlt nur das englische Schloss darin, ein feudaler Landsitz, wie wir ihn aus Pilcher- oder Jane Austen-Filmen kennen.

 

Oft waren wir bei schlechterem Wetter oder im Winter hier, da war der Golfplatz verwaist. Heute an diesem sonnigen Tag ist so einiges los, wie wir jetzt merken. Neben uns fährt ein Greenkeeper mit seiner Mähmaschine über das Golfgrün. Das muss er bis zu 100 Mal im Jahr, im Sommer täglich tun.

Bayreuther Golfplatz auf dem Rodersberg
Bayreuther Golfplatz auf dem Rodersberg

Ich wunderte mich schon immer, wieso hier einfach Wanderer herum laufen dürfen. Bei den vielen Golfspielern hier könnte man doch leicht einen Golfball an den Schädel kriegen, denn diese Spielgrüppchen sind sehr mit sich beschäftigt. Bei allen öffentlichen Projekten wird sonst so sehr auf Sicherheit geachtet, dass fast nichts mehr möglich ist. Hier gehen die Uhren wohl anders, der Wanderer scheint rechtlos.

 

Dann kommt weiter hinten tatsächlich das meine Frage beantwortende Schild: Wir wandern hier auf eigene Gefahr. Aha.

Nur, wenn man von hinten den Berg hoch kommt, kann der Ortsunkundige kaum ahnen, dass er nah an einem Golfplatz vorbei wandern wird. Wie soll er da rechtzeitig aufpassen?

 

Nun gut, Stationstafel 108 passt auch irgendwie gut hierhin:

Vom reichen und armen Geiz



Der Bankier
Diese fleißige Stadt und Menschen-Holländerei [Holländerei (Wikipedia)bedeutet in Norddeutschland eine Milchwirtschaft (Meierei) oder das Gebäude, in welchem dieselbe betrieben wird, von mir ergänzt] hatte das Glück, meinen Großohm zu behausen, den Herren von der Haft, einen edlen Bankier, der aus dem Geld nicht viel macht, sondern nur wieder Geld, und daher weniger gibt als der Geringste.

 

Giannozzo



Der Landschulrektor
Er bestellte lieber für sich und seine Gesellschaftskavaliere [Schüler] den ganzen Fußboden zum Nachtlager; bloß ein Merseburger Fuhrmann lag neben seiner Tochter, als Strohnachbar. Dennoch übersetzte uns sämtlich am Morgen darauf der Wirt in seiner Liquidation (Rechnung) um zwei bis drei Kreuzer leicht Geld, und zwar an dem selben Morgen, wo der Rektor das Vergnügen an der Natur vorzutragen hatte. Aber er glaubte seinen Schülern das Muster einer erlaubten Sparsamkeit dadurch zu geben, daß er anfing mit dem Traiteur zu fechten, daß er wirklich einen Groschen herunterhandelte und daß der müde Wirt giftig fluchte und schwor, er wollte den Rektor und sein Rudel trotz ihren Bratspießen, wenn sie wieder Geräuchertes bei ihm zehren wollten, mit Heugabeln und Dreschflegeln empfangen. Ein lächerlicher Mann!

Als ich dem Wirte fruchtlos meinen Handschlag als ein Faustpfand und mein Ehrenwort als ein Expektsanzdekret ehrlicher Bezahlung offerieret hatte, mußt‘ ich nur froh sein, daß er meine Tochter als eine Pfandschaft und ein Grundstück zum Versatz annahm und behielt.

Des Rektors Florian Fälbels und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelberg

Ja, ja. Über des Rektors Florian Fälbels und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelberg (ganzer Text bei www.zeno.org) hatte ich schon in der 6. Etappe "Theater des Lebens", von Schwarzenbach a.d. Saale nach Sparneck, viel geschrieben. Auch über die unsympathische Figur des Rektor Florian Fälbel.

 

Der Trick mit dem Geiz

 

Hier haben wir das Thema "reicher und armer Geiz". Hauptsächlich geht es um "Geiz" und das Thema "Geiz" ist im Fränkischen tatsächlich allgegenwärtig. Ich behaupte einmal, dass Geiz mehr als nur eine Art übertriebene Sparsamkeit ist, sondern eine bestimmte Art zu denken. Und diese Art zu denken bietet viel Schutz, für den Reichen als auch für den Armen. Wenn man nach außen so tut, als würde man sparen, geizen, sich nicht gönnen, auf was man auch verzichten kann, wird es für Außenstehende nicht mehr erkennbar, ob jemand arm oder reich ist. Praktisch. Wer spart, ist nicht zwangsläufig arm. Noch mehr, wer nach außen extrem spart oder geizt ist wahrscheinlich sehr reich.

 

Deshalb protzt der geizige Reiche nicht, sondern er versteckt sein Vermögen. Zum Beispiel parkt er seinen Ferrari nicht da, wo er wohnt, sondern in einer anderen Stadt und fährt ihn nur ein paar Mal im Jahr aus. Oder, wenn er seine Wohnungen vermieten will, nennt er in der Annonce nicht den Mietpreis. Da könnte doch der Nachbar erfahren, wie viel Mieteinkünfte erzielt werden. Oder, wenn er Kommunikation will, lädt er nicht zu sich nach Hause ein, sondern geht ins Wirtshaus. Hier bezahlt er nur für sein Bier und muss sich nicht mit neugierigen, schnüffelnden Gästen in seinem Haus herumschlagen. Wahrscheinlich gibt es deshalb in Franken diese, von den Franken selbst unbeabsichtigte, herrliche Wirtshauskultur. Ehrlich, ich finde sie oberaffenti ...

 

Wenn Geizige diese unvermeidlichen Feste, wie Geburtstage, feiern müssen, gehen sich nicht "besuchen", sondern sich "gegenseitig schädigen", so nennen sie es. Kultur braucht der Geizige auch nicht. Nur, wenn sie geschenkt wird, "geht er schon mal gucken", aber eher mehr zum Zeitvertreib als zur Horizonterweiterung.

 

Die Sache mit dem "Schleichend Volk"

 

In diesem Zusammenhang muss ich auch immer wieder an das Wort "schleichen" denken. Ludwig Börne sagt in seiner Denkrede auf Jean Paul: "Er  (Jean Paul) aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme." 

Mit sein "schleichend Volk" ist vielleicht gar nicht das sich langsam fortbewegende Volk gemeint, sondern eher das umher schleichende Volk. Wann schleicht man denn? Man schleicht leise, wenn man beim herumschnüffeln nicht erwischt oder entdeckt werden will. Und der Geizige schleicht schon gerne, ob im übertragenden Sinn oder tatsächlich physisch. Es ist seine Geisteshaltung. Denn das Einzige, das den Geizigen in seiner einsamen, langweiligen Welt plagt, ist nicht Sorge, Not, Scham oder Angst, nicht einmal Eifersucht oder Neid, wie man meinen könnte, sondern Neugier.

Seine Neugier hauptsächlich darauf, was sein Nachbar treibt. Von dieser Neugier aber darf niemand etwas wissen, diese Blöße darf man sich nie geben. Neugier ist leider so ein blödes Bedürfnis und Bedürfnisse lassen immer tiefere Einblicke zu, sie zu verraten ist verräterisch. Geizige zeigen demnach nie, dass sie auch nur irgend ein Bedürfnis hätten. Bedürfnisse zu haben, ist so was wie Schwäche zeigen. Denn anhand derer könnten sich andere möglicherweise überlegen fühlen. Das geht gar nicht. Oder anders, Geizige leben in einer heimlichen Welt, mit heimlichen Gefühlen und heimlichen Gedanken. Geizige glauben, die Kunst des Versteckens perfekt zu beherrschen. Sie glauben es. Ich glaube, sie bleiben auf die Weise sogar seelisch gesund. Ich meine, sie erleben wohl kaum seelische Zusammenbrüche.

 

Kurz gesagt, ein von Neugier geplagter geldgieriger Geiziger bewegt sich nicht, er geht nicht, er wandert nicht, er schleicht. Heimlich. Das ist seine Gangart. Ein Erbschleicher praktiziert sie offensichtlich auch. Er kann quasi nichts als Schleichen. Meint das Ludwig Börne in seiner Denkrede auf Jean Paul, wenn er vom "schleichend Volk" spricht, das Jean Paul nachkomme? Und - wird dieses schleichend Volk ihm jemals nachkommen können oder wollen? Schleichend ist vielleicht eher eine unveränderbare Dauerbefindlichkeit.

Durch ein schattiges Wäldchen ins Tal des Roten Main
Durch ein schattiges Wäldchen ins Tal des Roten Main

Jetzt geht es hinunter ins Tal des Roten Main, erst langsam durch ein Wäldchen, dann an Wiesen entlang und dann wird es plötzlich ein kurzes Stück ganz steil und matschig. Am Hang sind auch schon viele Rutschspuren unserer Vorwanderer zu erkennen. Aber mit ein paar Kreischern schaffen wir den Engpass. Gut, dass Peter Wanderstöcke dabei hat.

 

Das Wandern und die Distanzen

 

Wir erkennen schon von hier aus, dass auf der anderen Seite des Tales die Parkanlage der Bayreuther Eremitage beginnt. Also von hier aus - dem Golfplatz - gelangt man auch dorthin. Man kommt auf diese Weise von hinten in den Park. Wir kannten bisher nur den "Einstieg" von vorne, vom Auto-Parklatz aus, und dann an der Orangerie vorbei.

 

Ich bin erstaunt, wie alles so zusammenliegt, Bindlach, Golfplatz, Eremitage. Wenn man die Strecken nur mit dem Auto abfährt, sieht alles ganz anders aus, erscheint einem viel weiter auseinander. Es ergibt sich so ein komplett neues Bild von der Stadt und ihrem Vorort. Ein schöner Nebeneffekt des Wanderns. Man versteht auf einmal die Zusammenhänge von Tälern, Bergen, Bächen, Wäldern, Feldern, Wegen und Plätzen. Distanzen werden sogar kürzer, wenn man sie erwandert. Alles liegt gar nicht mehr so weit auseinander ...

 

"Wandern" war zu Jean Pauls Zeiten "reisen". Will heißen, man reiste zu Fuß. Zum Beispiel von Bayreuth nach Hof. Mit dem Auto über die A9 kommt uns das weit vor. Ginge man zu Fuß über direkte Landwege, dann wäre es wahrscheinlich gar nicht so dramatisch.

Mich erinnert das an meine Aussteigerzeit in den frühen 80ziger Jahren. Damals jobbte ich in einem Hotel in Monschau, das in einem Tal an der Rur liegt. Es ist ein romantisches, mittelalterliches Touristenstädtchen in der Eifel. Ich wohnte in einem alten Bauernhäuschen im benachbarten Dorf Rohren, das auf dem Berg liegt. Damals hatte ich natürlich kein Auto. Also musste ich zu Fuß nach Monschau. Das dauerte eine dreiviertel Stunde. Die Zeit war gut zu kalkulieren, es ging durch Wald und Wiesen. Am Anfang stöhnte ich, ach Gott zu Fuß! Dann aber wurde die Sache herrlich. Der Weg räumte einen auf, er fraß keine Zeit mehr. Was für ein Wunder!

 

Vielleicht ist es ja Jean Paul und seinen fußreisenden Zeitgenossen auch so ergangen? Und wen traf man nicht alles? Bauern, Knechte, Mägde auf den Feldern, Entgegenkommende, die auch zu Fuß reisten, Handwerker auf der Walz, Krämer auf dem Weg zum nächsten Markt, Dichter, Wissenschaftler, Studenten, Kinder mit schweren Rucksäcken, die Verwandte besucht haben ...

 

Wir gelangen zu einer kleinen Brücke und überqueren auf ihr nun den Roten Main und finden ...

Brücke über den Roten Main, kurz vor der Eremitage
Brücke über den Roten Main, kurz vor der Eremitage

... hier, neben ein paar ersten kleinen Fliegenpilzen, auch Stationstafel 109:

Die Ausweitung der Mehrwertsteuer

Anlangend das Geld, dieses Herz des innern Menschen, so bedaur‘ ich seit Jahren die Staaten, dies es verfressen und versaufen. Die besten schneiden ihren Festungs-Sassen nur das Kaffeewasser ab; aber warum lassen sie zu, daß der Kaffee seine Repräsentanten ins Unterhaus schickt, Zichorien, Eicheln, Rüben und den Satan? Warum stopft man - dieselben Gründe schreien - der Glückseligkeitslehre nur eine Quelle zu? Warum wird Tee, Wein, Fleisch, Bier, Gebacknes so frei zugelassen? Desgleichen Obst, Gemüse und alles nur Leckerhafte, da gesundes Brot seinen Mann ernährt?

Mit alle diesem könnte ja gehandelt werden nach auswärts und ein hübscher Pfennig Geld ins Inland gespielt - alle Waren würden, wenn mans täte, wie bei den edlen Holländern die französischen Bücher, nur spediert und verlegt, ohne das geringste Konsumo - würde dann nicht das Staatsgebäude ein großer, blanker Silberschrank und alle Untertanen Preziosa für den Fürsten, die er angreifen könnte in der Not?

Giannozzo (1801)


Das Geld ist nun bei den europäischen Nationen das Äquivalent und der Repräsentant des Wertes aller Dinge und folglich des Verstandes, um so mehr, da ein Kopf drauf steht.

Dazu kriege ich heute keinen Kommentar mehr zu Stande. Mir raucht der Kopf, der Text ist kompliziert, ich verstehe ihn schlecht und müsste jetzt recherchieren und suchen und nachlesen ...  und dann läuft auch noch im Hintergrund der Fernseher mit dem Parteitag der SPD. Heute ist Sonntag, der 19. März und Josefstag (ein Hochfest der römisch-katholischen Kirche, das am 19. März zu Ehren des hl. Josefs, des Bräutigams der Gottesmutter), der auch als das Ende des Winters gefeiert wird, und Martin Schulz hält seine flammende Rede. Ich finde sie gut, auch dass Kunst und Kultur in die Mitte der Gesellschaft gehört, Frauen und Männer immer gleichberechtigt sind, egal was eine Religion dazu sagt, und dass eine Demokratie nicht und nie Hetze zulassen darf, und man Diktatoren deutlich Genzen setzen muss, und wird es Wirklichkeit werden? Und überhaupt, hat Jean Paul übermorgen Geburtstag.

 

Mir kracht der Magen, ich will ein Sektchen, dann gibt es Reis, roten Paprika in Butter gebruzelt, grünen Spargel und Riesengarnelen. Ja, jeder Sonntag ist auch ein Feiertag.

 

 

Nachtrag zur Stationstafel 108 und 109:

 

Der Text ist aus "Des Luftschiffers Chiannozzo Seebuch" hier die "Zehnte Fahrt - Stadt Ulrichschlag - Herr van der Haft - der Staat ein Industriekontor - Kleiderordnung für Bücher".

Giannozzo (Jean Paul) fliegt mit seinem fantastischen Luftschiff über die Erde und macht aus dieser Perspektive unzählige Beobachtungen und sich unzählige Gedanken. Manchmal, wenn er dem Treiben unten nicht mehr zusehen kann, landet er und stattet Besuche ab. In "Vierzehn Fahrten" aufgeteilt, verfasst er von seiner Reise einen Bericht, sein "Seebuch".

 

Auf der "Zehnten Fahrt" landet Giannozzo in der Stadt Ulrichschlag und besucht dort seinen Großohm, den Herrn van der Haft, der Bankier ist. Giannozzo will bei ihm einen Wechsel auslösen. Und nun entspinnt sich im Folgenden eine jeanpaulische, labyrinthische Schilderung über die Handlungs- und Gedankenwelten von Menschen, die in Gelderträgen denken und fantasieren, woraus sich noch alles Geld machen ließe und wie dieses wiederum zu vermehren sei. Vor dieser Sucht sind auch Staaten nicht gefeit, denn was könnte man nicht noch alles aus seinen Untertanen herausholen?

 

Übrigens: Die Brüder Montgolfier haben ab 1783 erste Flugversuche in einem von ihnen entwickelten Heißluftballon unternommen.

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