24. Große Kolonien des Glücks in Bayreuth gefunden

Bayreuth: Eremitage - Rollwenzelei (superschön!)
Bayreuth: Eremitage - Rollwenzelei (superschön!)

Bayreuth: Eremitage - Rollwenzelei


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Gewandert sind wir am Freitag, den 28. September 2012.

 

Den Tag starten wir schon einmal im herrlichsten Herbstwetter. Sommerglanz so schön, wie selten erlebt. Kolonien noch kleiner Fliegenpilze säumen unseren Weg und stimmen uns heiter. Gleich werden wir die kleine Brücke (von gestern) überqueren und so in ein anderes Zauberreich treten. In das der Bayreuther Eremitage.

 

Eremitage heißt übersetzt Einsiedelei. Als die Anlage ab 1715 erworben wurde, war Eremitentum wohl gerade in Mode. Markgraf Georg Wilhelm baute ein kleines Schlösslein mitten hinein. So klein für einen Adligen, dass man fürwahr denken musste, er sich hierin in Verzicht und Einsamkeit üben wolle. Ja, tagsüber schon, ein bisschen.

"Man kleidete sich in Mönchskutten, schlief in kahlen, winzigen Zellen und aß mit Holzlöffeln aus braunem, irdenem Geschirr Speisen, die von den Hofdamen zubereitet waren ..." (aus www.bayreuth-wilhelmine.de).

Abends dann, doch mehr höfisches Leben. Lustwandeln in Gesellschaft romantischer Ruinen, geheimnisvoller Grotten und mancherlei glitzernden Wasserspielen.

 

So steigt man von unten aus dem Tal des Roten Mains langsam hinauf in den Park, eingeladen von Stationstafel 110, in gespannter Erwartung ...

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 110 "Im Pagodentempel" im Park der Bayreuther Eremitage
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 110 "Im Pagodentempel" im Park der Bayreuther Eremitage

Im Pagodentempel



Gerade als Leibgeber gesagt hatte, er wolle das Vor-Konsistorium bei Natalien machen, kam sie mit einigen Freundinnen gefahren und stieg aus und begab sich allein in einen einsamen Seitenlaubgang hinauf, in den sogenannten Tempel [...]

Leibgeber sagte zum Advokaten, er könne ihn sogleich zu ihr bringen, da sie, wie gewöhnlich oben im Tempel sitze werde, wo sie die Zauberaussichten über die Kunstwäldchen hinüber nach den Stadttürmen und Abendbergen unter der scheidenden Abendsonne genieße.

Beide fanden Natalie oben im offenen Tempelchen mit einigen Papieren in der Hand.
 „Hier bring‘ ich“, sagte Leibgeber, „unsern Verfasser der Auswahl aus des Teufels Papieren - die Sie ja gerade, wie ich sehe, lesen - und stell‘ ihn hier vor.“

Natalie sah beide, besonders Leibgebern - dessen großen Hund sie streichelte - freundlich-aufmerksam und vergleichend an, als ob sie Ungleichheiten suche - als ihre Baireuther Freundinnen gelaufen kamen und ankündigten, den Augenblick sprängen die Wasser und sie hätten nichts zu versäumen.
 

Siebenkäs

Jean Pauls Roman mit dem komischen Titel "Siebenkäs" (1796/97) erzählt die Geschichte des Armenadvokaten Firmian Stanislaus Siebenkäs, dessen Freund Heinrich Leibgber und von der Ehe zwischen Siebenkäs und seiner Frau, der Putzmacherin Lenette. Das Ehepaar kämpft ständig mit allen Mitteln ums wirtschaftliche Überleben, die Ehe zerfällt schließlich und Siebenkäs entkommt ihr durch seinen vorgetäuschten Tod. Vorher trifft er jene rätselhafte Natalie ... Viele Szenen spielen auch im Park der Eremitage.

 

Übrigens in diesem Roman kommt auch "Die Rede des toten Christus ..." vor.

Laubengang Eremitage Bayreuth
Laubengang, Eremitage Bayreuth
Wasserspiel der Oberen Grotte Eremitage Bayreuth
Wasserspiel der Oberen Grotte, Eremitage Bayreuth. Es ist nur in Intervallen zu sehen.

Wir dürfen nun auch wandeln. Es geht durch einen kleinen, verträumten, überschaubaren Landschaftspark, hinauf zu einer Anhöhe, wo das Alte Schloss, wirklich fast bescheiden klein, ein wenig vor sich hin schlummert. Vor dem Schloss ein Blütenmeer, dahinter verstecken sich lauschige Heckenquartiere und Pavillons zum Verweilen, und dann tut sich ein wunderschöner Blick auf, kunstvoll angelegte Wasserkaskaden lassen Bächlein munter ins Tal zurück plätschern ...

Fürwahr, die Eremitage ist ein Ort, wo man sich weg träumen möchte. Ganz so wie Natalie, die auch gerne hier die Aussicht und die Abendstimmung genoss.

 

Das Alte Schloss sollte unbedingt auch innen besucht werden. Hoffentlich erwischt man eine Führung (ca. alle 45 Minuten, hier mehr Infos), denn ohne darf man das Schloss nicht betreten. Wir hatten Glück. Was für eine Überraschung. Jedes Zimmerlein ein Kleinod, es sind ja nicht viele. Im chinesischen Spiegelkabinett hatte Wilhelmine ihre Memoiren geschrieben. Sie war die älteste Schwester (von 14 Geschwistern, davon 7 Mädchen und 7 Jungs) des Preußenkönigs Friedrich der Große. 1735 bekam sie die Eremitage von ihrem Ehemann, Markgraf Friedrich, geschenkt, ließ prompt das Schlösslein ganz nach ihrem Geschmack umbauen und schuf so ein Kleinod des Rokoko. Wilhelme war überhaupt eine auf vielen Gebieten sehr talentierte Frau. Sie malte, komponierte, war Schauspielerin, Schriftstellerin, führte Regie und empfing in ihren Salons die Größen ihrer Zeit. Sie war es, die maßgeblich das kulturelle Leben der Stadt Bayreuth prägte, sogar bis in die heutige Zeit.

In ihren Memoiren beschrieb sie Glanz und Elend am Hofe des Soldatenkönigs und schildert sich "als eine vorwiegend unglückliche Frau, deren Jugend zwischen Hofintrigen, Heiratspolitik und den Gehässigkeiten liebloser sich streitender Eltern und Erzieher verlief. Das kurze Glück ihrer Ehe mit einem oberflächlichen Charmeur endete mit dessen Untreue, und hier brechen auch die Memoiren ab. (1742)."

(Aus "Wilhelmine von Bayreuth" aus dem Französischen von Anette Kolb)

Wilhelmine starb am 14. Oktober 1758 in Bayreuth. Sie versteckte ihre Memoiren vor ihren Zeitgenossen. Erst fünfzig Jahre später wurden sie entdeckt, als die Französische Revolution schon längst die alten Machtstrukturen zerstört hatte.

Das Alte Schloss in der Eremitage in Bayreuth
Das Alte Schloss in der Eremitage in Bayreuth

Am Ende der Führung durch das Alte Schloss gelangt man in die Innere Grotte. Hier darf man selbst hautnah ein schelmisches Detail erleben. Der Touristenführer erzählt uns, dass der Markgraf gerne seine Gäste zum Abschied hierher führte. Mithilfe technischer Verspieltheiten wurde ihnen dann, je nach Beliebtheitsgrad, eine Art - natürlich völlig harmlose - Abreibung verpasst ... verraten will ich nichts. War lustig. Kindern gefällt so etwas besonders gut.

 

Dann kommen wir zum Neuen Schloss (nicht zu verwechseln mit dem Neuen Schloss in der bayreuther Innenstadt) mit Orangerie und Sonnentempel. Auf dem Sonnentempel thront eine goldene Quadriga, die vom fackeltragenden Apollo gelenkt wird. Jeden Morgen verlässt er hier mit dem Sonnenwagen seinen Palast um die Erde zu überqueren und sie mit Sonnenlicht zu übergießen. Das ganze Ensemble ist eine einzige Ode an die Sonne.

Wie wunderschön es heute hier ist. So viel Glanz und Herrlichkeit. Horden von Touristen tummeln sich auf diesem Platz. Dann geht auch noch der Brunnen an. Ein Glitzern und Plätschern und Funkeln! Von allen Seiten höre ich "Oh!", "Herrlich!" und "Mein Gott, ist das schön!". Ich verstehe gerade noch ein Wort der Führerin: "... nennt man den Sonnentempel ..." und dann ...

Führung vor der Oberen Grotte mit Sommentempel, Orangerie und Neuem Schloss, Eremitage Bayreuth
Führung vor der Oberen Grotte mit Sommentempel, Orangerie und Neuem Schloss, Eremitage Bayreuth

... klingelt das Telefon. Der Bayerische Rundfunk ruft an. Sie brauchen für morgen ein Kamerateam. Peter kann den Auftrag nicht annehmen, weil die Kamera ausgerechnet gestern in Reparatur gegangen ist. Wir geraten mit den Drehtagen immer mehr in Rückstand. Sorgen nisten sich ein. Dagegen anzuwandern halten wir für eine gute Idee, denn Wandern versprüht Glückstropfen ins Gemüt, heute ganz real in Form heiterer Wasserspiele.

 

Dann habe ich noch eine weitere Stationstafel im Sonderflyer Jean Paul & die Eremitage gefunden, die sich auch hierher sehen würde:

Eremitage - Wasserbecken

 

Unten stellten sie sich auf den Steinrand des Wasserbeckens und sahen den schönsten Wasserkünsten zu. Alles mythologische halbgöttliche Halbvieh spie, und aus der bevölkerten Wassergötterwelt wuchs eine kristallene Waldung empor, die mit ihren niedersteigenden Strahlen wieder wie Lianenzweige in die Tiefe einwurzelte.

 

Man erfrischte sich lange an der geschwätzigen, durcheinander fliegenden Wasserwelt. Endlich ließ das Umflattern und Wachsen nach, und die durchsichtigen Lilienstengel kürzten sich zusehends vor dem Blicke ab. 

"Woher kommt es aber?" sagte Natalie zu Siebenkäs, "ein Wasserfall erhebt jedem das Herz, aber dieses sichtliche Einsinken des Steigens, dieses Sterben der Wasserstrahlen von oben herab beklemmt mich, sooft ich es sehe. - Im Leben kommt uns nie dieses anschauliche, furchtbare Einschwinden von Höhen vor."

 

Während der Armenadvokat noch auf eine sehr richtige Erwiderung dieses so wahren Gefühlswortes sann, war Natalie ins Wasser gesprungen, um ein Kind, das, von ihr wenige Schritte fern, vom Beckenrand hineingefallen, eiligst zu retten, da das Wasser über halbe Mannhöhe gestiegen. Ehe die danebenstehenden Männer, die noch leicher retten konnten, daran dachten, hatte sie es schon getan, aber mit Recht; und nur Eile ohne Rechnen war hier das Gute und Schöne.

 

Sie hob das Kind empor und rechte es den Frauen hinauf; Siebenkäs und Leibgeber aber ergriffen ihre Hände und hoben die Feurige und Seelenrotwangige leicht auf die Beckenküste.

"Was ists denn? Es schadet ja nichts", sagte sie lachend zum erschrocknen Siebenkäs und enteilte mit den verblüfften Freundinnen davon, nachdem sie Leibgebern gebeten, morgen abends gewiß mit seinem Freunde in die Fantaisie zu kommen.

 

Siebenkäs

 

 

Und! Wir haben an diesem herrlichen Tag ja noch einen Glückstermin! Um 16 Uhr eine private Führung durch die Rollwenzelei mit Frau Sommer. Fidel dürfen wir mitbringen, weil Frau Sommer auch mal einen Pudel hatte ...

 

Bis dahin haben wir noch ein bisschen Zeit, schlendern herum und lassen uns von Stationstafel 111 einfach einladen:

Eremitage - Zweiter Himmel



Nachmittags bezogen beide das grünende Lustlager der Eremitage; und die Allee dahin schien ihren frohen Herzen ein durch einen Lustwald gehauener Gang zu sein; auf die Ebene um sie hatte sich der junge Zugvogel, der Frühling, gelagert, und seine abgeladnen Schätze von Blumen lagen über die Wiesen hingeschüttet und schwammen die Bäche hinab, und die Vögel wurden an langen Sonnenstrahlen aufgezogen, und die geflügelte Welt hing taumelnd im ausgegoßnen Wohlgeruch.

Leibgeber nahm sich vor, sein Geheimnis und Herz heute in der Eremitage aufzuschließen - vorher aber einige Flaschen Wein. Heb alles auf, bis wir im warmen Schoß Abrahams sitzen, in der Eremitage; welches nach Fantaisie der zweite Himmel um Baireuth ist, denn Fantaisie ist der erste, und die ganze Gegend der dritte.

 

Siebenkäs

Das nehmen wir wörtlich. Wir streifen noch die romantische Untere Grotte (von der wir leider kein Foto haben), ein paar putzige Pavillone, das Ruinentheater, in dem die Studiobühne Bayreuth allsommerlich die Nächte verzaubert und gelangen zum Restaurant Eremitage, mit einem kleinen Biergarten, und einer eigenen Stationstafel 110, mit einem Jean-Paul-Zitat, das hingedachter nicht sein könnte:

Der Mensch als Gastwirt

 

Das Menschenleben hat man oft mit dem Leben von Pilgern verglichen, aber dem Leben von Gastwirten finde ich es noch ähnlicher. Diese stellen uns alle - und dadurch auch sich selber mit - am besten dar, wenn sie unaufhörlich umherrennen zum Empfangen, zum Entlassen und zum Vorbereiten; wenn sie umherstürzen für den fremden Mittag und für den fremden Abend, selber nur Fluggenuß haschend und von Eilqualen täglich abgemattet, doch voll Verdruß bei jeder geldlosen Ruhe neuen Tumult, ja den vollsten Wirrwarr herwünschend und dann fortwünschend - immer im Sehnen nach Ruhn und nach Rennen abwechselnd - sich aber recht fest vornehmend, nach den nötigen durchgejagten Jahrzehnten im Hafen des Großvaterstuhls einzulaufen und, wie es die Leute nennen, sich zu setzen , was meistens einerlei ist mit dem, wenn sie sich legen auf ewig."

 

Aus den Neujahrsbetrachtungen ohne Traum und Scherz, nebst einer Legende (1819)

Wie wahr das doch ist. Woher weiß Jean Paul all das? Ist Beobachtungsgabe das größte Talent eines Künstlers? Mehr noch als alles andere? Wie Hören, Sehen, Fingerfertigkeit, Intelligenz, Feinfühligkeit, Sprechen, Singen? Ich selbst fühle mich von ihm in meinem Leben zutiefst erkannt.

 

Wir trinken ein Sektchen. Das passt so gut hier hin.

 

Dann kommt jemand und hängt ein Plakat auf, mit der Ankündigung des Arkadienfestes in Sanspareil, am 7. Oktober 2012,

200 Km Jean-Paul-Weg-Oberfranken zum Jubiläumsauftakt Jean-Paul-Jahr 2013.

 

Peter plaudert mit dem netten Herren, dessen Namen wir nicht aufgeschrieben haben, und wir vergessen haben, was gesprochen wurde. Schade, wenigstens hier das Bild:

Ja, schon bald gibt es das Arkadienfest, schon bald kommen auch wir bis nach Arkadien. Es ist nicht mehr weit bis Schloss Fantaisie und Sanspareil. Aber Arkadien beginnt ja auch schon hier und jetzt in der Eremitage. Dafür steht  schon allein das alljährliche Sommernachtsfest in der Eremitage. Hingehen!

 

Jetzt dürfen wir hier noch einmal behütet und geborgen unter uralten Laubengängen wandeln ...

Laubengang, Eremitage Bayretuh
Laubengang, Eremitage Bayretuh

... vorbei an Stationstafel 112:

Eremitage - Der Laubengang



Aber darauf kniete Heinrich in einer feierlichen, leidenschaftlichen und humoristischen Begeisterung, die der Wein höher trieb und weiter gab, mitten auf einen langen schmalen Gang, der zwischen den hohen Bäumen des dicksten Lusthains ein unterirdischer schien, und dessen weite Perspektive sich im Osten mit der vertieften Kirchturm-Fahne wie mit einem Drehkreuz schloß; er kniete nieder gegen Westen und sah durch den langen grünen Hohlweg starr bloß nach der auf die Erde wie eine glänzende Sternschnuppe fallenden Abendsonne, deren breites Licht wie vergoldetes Frühling-Waldwasser oben den langen grünen Gang vom Himmel hereinschoß - er sah starr in sie.

Heinrich sagte mit einer ungewöhnlich gedämpften Stimme: „Wir wollen nur erst hinauf unter den Lärm und unter die Baireuther - [...] in einem solchen Dampfbad sollte sein Herz einen ordentlichen Schwimmgürtel oder Skaphander umhaben.“

Oben unter den gedeckten Tischen, unter den Bäumen, neben den Kirmesgästen der Frühling-Kirchweihe, unter Frohen war der Sieg über die Rührung nicht so schwer.

 

Natalie [...] hatte in ihrer Hastigkeit ihren Freund Leibgeber nicht sitzen sehen den Pferdeställen gegenüber. Die Baireuther Gäste der Eremitage sitzen nämlich in einem kleinen, durch Schatten und Zugluft stets abgekühlten Wäldchen seit langen und markgräflichen Zeiten bloß dem lang gestreckten Wirtschaftsgebäude gegenüber und dessen Stallungen, haben aber nahe die schönsten Aussichten hinter ihrem Rücken, welche sie leicht gegen die kahle Futtermauer des Auges eintauschen, wenn sie aufstehen und über das Wäldchen auf beiden Seiten hinaus spazieren.

Siebenkäs

Gesellschaftsplatz in der Eremitage, Foto aus Philipp Hausser "Jean Paul und Bayreuth"
Vielleicht war das hier? ... Gesellschaftsplatz in der Eremitage, Foto aus Philipp Hausser "Jean Paul und Bayreuth"

... und entlang ruhig stillliegenden Kanalgärten.

So gelangen wir aber erst noch zum Gasthof Eremitenhof.

 

Ihn gibt es seit 1814 (also erst kurz nach der Rollwenzelei) und er wird bis heute in 4. Generation von der Familie Stromsdörfer geführt, während die Rollwenzelei heute nur noch ein Museum ist, geführt vom Verein zur Erhaltung von Jean Pauls Einkehr- und Dichterstube in der Rollwenzelei. Der Eremitenhof ist ein original fränkisches Wirtshaus, soviel kann man sagen. Wir aber ziehen jetzt vorbei, auch an Stationstafel 113 ...

Die Hundeschlacht

Als der Rektor hinter seiner Tochter und seinen Söhnen in die Winterstube eintrat: stieß ihm das Unglück zu, daß er seinen Wirt nicht grüßen konnte. Die sämtlichen Hunde der Reisenden hatten zwei Töpener (es war der Spitz des Hauswirts und der Hühnerhund des Jägers) bei den Haaren und Ohren. Die Tierhatze wurde allgemein, und kein Hund kannte mehr den anderen.
Der Wirt, ein Mann von Mut und Kopf, legte sich zuerst zwischen die beißenden Mächte als Mediateur und suchte sich zuvörderst den Schwanz seines Hundes herauszufangen und wollte ihn an diesem Hefte aus der verdrüßlichen Affäre ziehen. Mehrere folgten nach, und jeder ergriff den Schwanz des seinigen..

Und in diesem Wirrwarr, als die Tochter des Rektors dareinschrie - als der Jäger dareinschlug mit einer Reichsexekutionspeitsche auf Menschen und Vieh - als die Eigner dastanden und gleichsam die sechs Schwanzregister herausgezogen hatten und als daher sozusagen das Schnarrwerk des Orgelwerks ging und die Tumulanten bollen - und als der Rektor selber bei diesem Friedenskongreß ein Friedensinstrument, nämlich den Schwanz seines Saufinders, in Händen hatte: so war er mit Not imstande, das Salutieren nachzuholen und zum Wirte zu sagen: „Guten Abend!“

Plutarch, der durch Kleinigkeiten seine Helden am besten malet, und die Odysee und das Buch Tobias, die beide Hunde haben, müssen hinreichen, gegenwärtige Aufnahme einer kleinen scherzhaften Gato- und Onoskiachie [Katzen- und Eselskrieg] zu decken.

Des Rektors Florian Fälbels und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelberg

Dann aber hurtig, wir haben doch das Stelldichein mit Frau Sommer im ehemaligen Wirtshaus Rollwenzelei.

 

Im Hineilen erhaschen wir noch einen besonderen Blick auf Bayreuth. Da, das Richard-Wagner-Festspielhaus auf dem Grünen Hügel.

Richard-Wagner-Festspielhaus in Bayreuth
Richard-Wagner-Festspielhaus in Bayreuth

Aus Wikipedia: "Das Richard-Wagner-Festspielhaus ist ein Festspielhaus auf dem Grünen Hügel in Bayreuth. Es wurde in den Jahren 1872–75 von Otto Brückwald nach Entwürfen von Richard Wagner im Stil der hellenistischen Romantik errichtet. Anders als viele Opernhäuser hat es kein festes Ensemble und wird jedes Jahr ausschließlich vom 25. Juli bis 28. August im Rahmen der Bayreuther Festspiele mit Opern beziehungsweise Musikdramen von Wagner in 30 Vorstellungen bespielt. Es wird als eines der Opernhäuser mit der weltweit besten Akustik angesehen."

 

Seit 1951 finden alljährlich wieder die hier die Wagner Festspiele statt.

 

Richard Wagner wurde am 22. Mai 1813 in Leipzig geboren. Im Jahr 2013 wurde deshalb weltweit sein 200. Geburtstag gefeiert, natürlich auch in Bayreuth. Im Jahr 2013 fand aber auch der 250. Geburtstag von Jean Paul statt. Auch dieser wurde in Bayreuth und in Wunsiedel gewürdigt, aber natürlich nicht so wie der des Herrn Wagner. Sei es drum, wir bleiben bei Jean Paul.

 

Da ist sie nun endlich, die Rollwenzelei, mit der Groß- und Sonderstation 114 "Jean Paul und die Rollwenzelin" und ...

Auf dem Jean-Paul-Weg, Groß- und Sonderstation "Jean Paul und die Rollwenzelin" vor dem ehemaligen Wirtshaus "Rollwenzelei" in Bayreuth
Auf dem Jean-Paul-Weg, Groß- und Sonderstation "Jean Paul und die Rollwenzelin" vor dem ehemaligen Wirtshaus "Rollwenzelei" in Bayreuth

... der kleinen Stationstafel 114 im Vorgarten mit ein paar Zitaten, die sich nach dem Museumsbesuch erklären ...

Die Rollwenzelei

Ei was! Nazareth war auch klein.

Nach meinen Beinen zu urteilen - denn ich aß gestern mit Weib und Kind bei der Rollwenzel, d.h. vortrefflich - steht der Friede auf guten Füßen, um so mehr, da ich gestern noch zwei Meilen hätte zu gehen Kraft gehabt.

An Christian Otto, 1. November 1809


Sämtliche Herrschaften speisen in der hölzernen Stiftshütte neben der Rollwenzelei.

Nur in kleinen Stübchen wird man größer.

Heute könnte gerollwenzelt werden.

Die Rollwenzelei zu Jean Pauls Zeiten
Die Rollwenzelei zu Jean Pauls Zeiten

Nun sei es hier erklärt: Die Rollwenzelei ist ein Wirtshaus ganz in der Nähe der Eremitage und fußläufig von Bayreuth aus zu erreichen. Das Wirtshaus heißt deshalb Rollwenzelei weil es von der besten Suppen- und Mehlspeisenköchin und Wirtin Anna Dorothea Rollwenzel geführt wurde, wobei ihr Ehemann Friedrich Rollwenzel ihr zweiter Ehemann war. Vom ersten ließ sie sich trotz der fünf Kinder scheiden. Für die damalige Zeit eine beachtliche Biographie einer Frau.

 

Das gastliche Wirtshaus der Rollwenzels und ihre Sonntagsbräten waren in ihrer Zeit weit und breit bekannt und geschätzt. Es ging sogar soweit, dass man davon sprach "es könnte wieder gerollwenzelt werden", wenn man Lust auf das ganze Paket hatte: Braten, Klöße, süffiges Bier, prallvoll gefülltes Wirtshaus, lautes Geplapper und mittendrin eine schlagfertige, hingebungsvolle, rundliche, warmherzige und leichtfüßig eilende Wirtin, die alles zusammenhält.

 

Das besondere aber war, dass Frau Rollwenzel den Dichter Jean Paul liebte. Das heißt, sie liebte sein Schreiben, sein Denken, sein Sprechen, seinen Witz und seinen Hang zu ihrer Häuslichkeit, ihrer Gastfreundlichkeit, ihrer Art der Bewirtung und Aufmerksamkeit und zu ihren Kochkünsten. Ich glaube, sie verehrten sich gegenseitig. Viel mehr noch, sie schufen sich ein Zuhause, in dem beider Leben erfüllt wurde. Hier hat sie dann eigens für Jean Paul eine Dichterstube eingerichtet, damit er auch im Wirtshaus arbeiten konnte. Fast täglich kam der Dichter hierher, schrieb, las, schlief und wann immer er Gesellschaft wollte, ging er hinunter in die Gaststube um sich Bier, Wein und Klößen hinzugeben.

 

Hier der Text der Groß- und Sonderstation 114:

Anna Dorothea Rollwenzel

 

Sie stammte aus Melkendorf, einem Ort bei Kulmbach.

Ihr Beruf wurde ihr gleichsam in die Wiege gelegt, denn sie - geboren im Jahr 1756 - war die Tochter des Metzgermeisters Beyerlein.

Mit fünf Jahren kam sie nach Hutschdorf, einem Kirchdorf bei Thurnau, wo sie später als junge Wirtin im "Unteren Wirtshaus" amitierte und in erster Ehe mit einem Herrn Friedmann, einem "Bruder Saufaus" verheiratet war, von dem sie sich jedoch 1782, trotz der fünf Kinder scheiden ließ. 

Dann zog sie in die Markgrafenstadt Bayreuth, wo sie als gute Köchin in Gasthäusern, bei Taufen und Hochzeiten einen Namen machte.

 

Der zweite Ehemann Friedrich Rollwenzel war Wirt und kein Taugenichts.

Er hatte auch schon einiges erlebt, da er als markgräflicher Soldat für ein paar Jahre als "Leihsoldat" in die USA verkauft worden war.

Die Anfänge der "Rollwenzelei" dürften auf die Zeit kurz nach der Wende zum 19. Jahrhundert zurückgehen. Der Legende nach soll die Rollwenzelin hier 1808 oder 1809 die offizielle Schankerlaubnis erhalten haben, weil sie einen französischen Offizier, der sich die Beine erfroren hatte, gesund gepflegt hat.

Ihre Kochkünste waren ebenso legendär, denn sie galt als "beste Suppen- und Mehlspeisköchin im Staate Ansbach-Bayreuth".

Die kleinen intimen Räume reichten bald nicht mehr aus, do dass im Frühjahr 1812 ein kleiner Saal angebaut wurde, der mehr Gäste aufnehmen konnte.

 

Die Rollwenezlin starb 1830 - doch sollte sie in der Erinnerung überleben und sie wusste das auch.

Karoline Richter (Jean Pauls Ehefrau) formulierte das ohne Eifersucht:

Sie "liebt meinen Mann aus wahrem Gefühl seines Wertes und sie wird mit ihm zur Unsterblichkeit gelangen".

 

 

Prominenz im Gästebuch

 

Bis Richard Wagner hierher zog (1872) und zum Magnet wurde, galt Bayreuth für die Deutschen als Stadt Jean Pauls.

Über 50 000 Besucher aus der ganzen Welt haben sich von 1876 bis 2004 in die 11 Gästebücher der Rollwenzelei eingetragen, die mit Hilfe des Bezirks Oberfranken von Sabine Schumm restauriert wurden und in der Rollwenzelei auch in digitaler Form zugänglich sind.

Berühmt wurde der Eintrag des Berliner Kritikers Alfred Kerr von 1902 zu Jean Paul:

"Vergessen dich die Deutschen heut? Du bist der Meister von Bayreuth!"

 

 

Zuflucht und Oase

 

"Ein auf der Wegmitte nach Eremitage gelegenes Gasthäuschen" -

so bezeichnete jean Paul das Haus, das ihm für einige Jahre der wichtigste Bayreuther Flucht- und Schreibort war.

 

Er und seine Familie kannten die Rollwenzelei und seine Wirtsleute seit 1809.

Einige Jahre später bergann er, begleitet von seinem Pudel, mit seinen regelmäßigen, legendären Wanderungen und Kutschfahrten hier hinaus, die ihn zum berühmtesten Besucher des Gasthauses machten.

Die Wirtin Dorothea Rollwenzel richtete ihm eigens eine Schreibstube im oberen Stockwerk ein, die er als Mieter exklusiv benutzen durfte und die mithilfe vieler Förderer rekonstruiert wurde.

Frau Rollwenzel las niemals seine Werke - aber verehrte ihn als liebenswürdigen, genialen und freundlichen Menschen.

 

Separiert von seiner Familie und seiner Frau - die Ehe kriselte schon seit Jahren - konnte er hier wieder, bis in die Wintermonate hinein, das Junggesellendasein seiner Jugend wieder aufleben lassen.

Die Rollwenzelin war ihm dabei eine Ersatzmutter, die ihn mit allem Nötigen versorgte:

mit Bier, manchmal auch mit Wein und gutem Essen.

So entsanden in diesem Haus große Teile seiner Erzählung Leben Filbels und seines letzten Romans Der Komet.

 

 

Trauerklage

 

"Es ist nun wohl ein Jahr, da blieb er weg und kam nicht wieder. Ich besucht ihn drinnen in der Stadt, noch ein paar Wochen vor seinem Tode; da mußt' ich mich ans Bett zu ihm setzen, und er frug mich, wie es mir ginge.

'Schlecht, Herr Legationsrat', antwortete ich, 'bis Sie mich wieder beehren.' 

Aber ich wußt' es wohl, daß er nicht wieder kommen würde, und als ich erfuhr, daß seine Kanarienvögel gestorben wären, da dacht' ich: er wird bald nachsterben. Sein Pudel überlebt ihn auch nicht lange, ich hab' ihn neulich gesehn, das T ier ist nicht mehr zu kennen.

Gott, nun hast du ihn bei dir! Aber ein Begräbnis hat er bekommen wie ein Markgraf, mit Fackeln und Wagen, und ein Zug von Menschen hinterdrein, man kann's nicht erzählen [...] Sie haben auch eine Leichenpredigt gehalten, und sie haben mir einen Stuhl dicht beim Grabe gegeben, darauf hab ich sitzen müssen, als ob ich dazu gehörte, und als alles zu Ende war, haben sie mir die Hände gedrückt, die Familie und der Herr Otto und noch viele große Herren."

 

Dorothea Rollwenzel zu dem Dichter Wilhelm Müller (17. August 1826)

Wir klingeln bei Gertrud Sommer. Sie selbst ist eine Nachfahrin der Familie Rollwenzel und Vorsitzende des Vereins zur Erhaltung der Jean-Paul-Stube in der Rollwenzelei. Die Rollwenzelei befindet sich also immer noch im Privatbesitz der Rollwenzels. Das Wirtshaus gibt es nicht mehr, hier wohnt heute Frau Sommer. Sie trägt auch maßgeblich zum Erhalt der originalen Dichterstube Jean Pauls bei, die man immer noch besuchen kann.

 

Draußen hinter dem Haus geht es ein paar Stufen hoch zu einer Art Balkon oder Terrasse. Dort zeigt sie uns zuerst eine Jean-Paul-Büste aus Bronze, von Claus Tittmann geschaffen. Der Künstler selbst nennt sie nur "Der Kopf".

Frau Sommer erklärt uns das Werk: ""Schauns, da könnens hinten eine Klappe aufmachen und dem Jean Paul in den Kopf gucken ..."

Gertrud Sommer erklärt die Jean-Paul-Büste von Claus Tittmann
Gertrud Sommer erklärt die Jean-Paul-Büste von Claus Tittmann

"... des stellt aber mehr die Leser selbst dar, als die Gedanken des Dichters," meint sie noch. Dann erzählt sie, dass der Künstler, der Büste gemacht habe, sich beschwert hätte, weil der Kopf auf dem Balkon mehr auf die Seite muss, wegen der Fluchtwege.

 

Sie lenkt unseren Blick auf die Aussicht hinter dem Haus. Hier habe der Dichter oft gesessen und auf die Berge dort hinten geschaut, dorthin wo er geboren wurde. 

"Früher gab es die Bäume hinter dem Haus net," sagt Frau Sommer, "da konnte er noch bis auf den Rauhen Kulm schauen, da wo sein Großvater geboren wurde. Sie kennen des ja mit den drei 'B's, oder net? Berge, Bier und Bücher. Hier is des vierte 'B': Blick!" Frau Sommer freut sich.

Ausblick von der Rollwenzelei auf das Fichtelgebirge
Das vierte B: Blick von der Rollwenzelei auf das Fichtelgebirge

Wir gehen weiter, steigen von außen in den ersten Stock des Hauses, wo sich die Dichterstube befindet.

 

Im Flur hängen Porträts. Auch von Jean Pauls blauäugiger Tochter Emma. Ein Bildnis der Tochter Odilie, bei der Christian Otto, intimer Freund und Biograph Jean Pauls, Pate war, gibt es nicht. Sie sei von der Familie quasi geheim gehalten worden, lässt uns Frau Sommer wissen. Odilie hätte so ein Rückenleiden gehabt und wäre oft in Würzburg in Behandlung gewesen, mit schrecklichen Streckungen. Jean Pauls Frau Caroline hätte sie immer dorthin begleiten müssen, während der Dichter selbst sich bei Königin Luise vergnügte.

"Kann ich schon verstehen, dass Karoline da sauer, war" meint Frau Sommer.

 

"Schauns der Ofen da, der ist von den Restauratoren, die in der Eremitage arbeiten, hier ausgegraben worden. Wir wussten gar nichts davon," plaudert sie ...

Die "Rollwenzels" hätten das alles gar nicht selbst sanieren können, so wie es jetzt aussieht. Das Haus sei immerhin seit 1876 im Besitz ihrer Familie. Ihr Urgroßvater, Friedrich Justinus, hat es gekauft und ihre Mutter sei hier geboren, fährt Frau Sommer fort. Ohne die große Hilfe von allen öffentlichen Seiten, gäbe es wohl die Dichterstube nicht mehr ...

 

Seit über 20 Jahren hält Gertrud Sommer die Dichterstube nun für Besucher offen und über 20 Jahre ging Jean Paul hier genau aus und ein, bis kurz vor seinem Tod. Man könnte meinen, es wäre gerade gestern gewesen, ich höre ihn schon die Treppe nach oben steigen, vielleicht leicht schnaufend, die Tür geht knarrend auf, von unten hört man einen typisch fränkische maulige Gesprächswolke herauf ziehen, Jean Paul hängt seine seltsame lederne, bestickte Tasche an den Haken, stellt seinen großen Rosenholzstock ab, lässt sich schwer aufs Sofa plumpsen und ruht erst mal ein wenig bis die Rollwenzelin ihm ein frisch gezapftes Bier nach oben bringt.

Jean Paul mit Pudel Ponto vor der Rollwenzelei
Jean Paul mit Pudel Ponto vor der Rollwenzelei
Jean Pauls Dichterstube in der Rollwenzelei zu Jean Pauls Zeit
Jean Pauls Dichterstube in der Rollwenzelei zu Jean Pauls Zeit
Original Jean-Paul-Dichterstube in der ehemaligen Rollwenzelei
Original Jean-Paul-Dichterstube in der ehemaligen Rollwenzelei

Ein Jahr nach Jean Pauls Tod schreibt Dorothea Rollwenzel an Wilhelm Müller:

 

...Eine schattige Kastanienallee führt nach der Eremitage. Aber auf halbem Wege, da, wo er eine scharfe Ecke bildet und sich links wendet, machen wir an einem kleinen bräunlichen Wirtshause halt, vor dessen Tür uns eine ältliche, wohlbeleibte kleine Frau, mit einem klugen und beredten Gesicht, in einer zwischen Stadt und Dorf schwankenden Tracht, wie eine liebe Bekannte begrüßt und zu sich herein ladet. Gute Alte, woran hast du es uns Fremdlingen abgesehen, daß wir nicht nach Bier und Wein in deine Schenke treten? Du fragst nicht, was wir essen wollen, oder wonach wir dürsten; du führst uns geheimnisvoll die Treppe hinauf, öffnest eine kleine Tür und sprichst zu uns mit Tränen in den Augen und stolzer Freude auf den Lippen: " Das ist die Stube! Hier hat Jean Paul seit zwanzig Jahren fast täglich gesessen und geschrieben; hier an diesem Tische hat er gearbeitet, viel gearbeitet, ach Gott, er hat sich zu Tode gearbeitet. Ich hab' es ihm oft gesagt: 'Herr Legationsrat, Sie arbeiten sich zu Tode! Schonen Sie sich! Sie halten es nicht lange so aus!'

 

- Wenn ich manchmal um 2 Uhr mit dem Essen fertig war und anklopfte und frug: 'Herr Legationsrat, befehlen Sie zu speisen?' dann saß er da, die Augen rot und groß aus dem Kopfe herausstehend, und sah mich lange an, eh' er sich besinnen konnte.

'Gute Rollwenzeln', sprach er dann, 'noch ein Stündchen.'

Nach einem Stündchen kam ich wieder, aber der Geist ließ ihn noch nicht zu sich kommen, und wenn er endlich aufstand und die Treppe herunter kam, da schwankte er hin und her, und ich ging, ohne daß er es merkte, vor ihm her, damit er keinen Schaden nähme. Ach Gott, da dachten die bösen Menschen, die ihn nicht kannten, er hätte zuviel getrunken. Aber so wahr mich Gott selig mache, das war es nicht. ein Fläschchen Roussillon des Tages über, abends manchmal ein Krug Bier, mehr hat er bei der Rollwenzeln nicht zu sich genommen, einen Ehrentag etwa ausgenommen, wenn er mit ein paar guten Freunden hier war.

Ja, es konnte ihm keiner so recht machen wie die alte Rollwenzeln, und er hat viel, sehr viel auf mich gehalten. Aber ich habe ihn auch gepflegt, wie einen Gott auf Erden habe ich ihn angesehn, und wenn er mein König und mein Vater und mein Mann und mein Sohn zusammen gewesen wäre, ich hätt' ihn nicht mehr lieben und verehren können.

Ach, das war ein Mann! Und wenn ich gleich seine Schriften nicht gelesen habe, denn er wollte es nicht haben, so bin ich doch immer so glückselig gewesen, wenn ich hörte, wie sie weit und breit gelesen und gelobt würden, als hätt' ich selber daran geholfen. Und die Fremden, die hierher kamen, die mußte man hören, wenn man den Herrn Legationsrat wollte schätzen lernen. Denn hier in Bayreuth haben sie ihn gar nicht zu estimieren (schätzen) gewußt. Aber in Berlin, da haben sie seinen Geburtstag [1824] in einem prächtigen Saale gefeiert, lauter große und gelehrte Leute, und da haben sie auch auf meine Gesundheit getrunken, das hat mir der Herr Legationsrat selber aus dem Briefe von Berlin vorgelesen. Und er hat mir auch versprochen, in seinem neuen Buche [Komet] sollte ich den Schluss machen. Ach Gott, wenn er nur noch lebte, ich wollte die Ehre, die er mir zugedacht hatte, gar nicht in Rede bringen ...

 

Ach Gott, wenn ich bedenke, wie viel der Herr Legationsrat hier, hier auf dieser Stelle geschrieben hat! Und wenn er sich hätte ausschreiben sollen! Fünfzig Jahre noch hätte er zu schreiben gehabt, das hat er mir selber oft gesagt, wenn ich ihn bat, sich zu schonen und das Essen nicht kalt werden zu lassen. Nein, nein, so ein Mensch wird nicht wieder geboren. Er war nicht von dieser Welt. Ich habe oft so darüber nachgedacht, und da habe ich einmal zu ihm gesagt: 'Herr Legationsrat, lachen Sie die alte Rollwenzelin nicht aus: ich habe mir Sie so vorgestellt wie einen Kometen, lauter Licht, und man weiß nicht, wo er hergekommen ist, und wo er bleibt.'

 

Und ein anderes Mal, als er seinen Geburtstag hier feierte, da hab' ich gedacht: Rollwenzeln, du mußt dem Herrn Legationsrat doch auch einmal was machen. Da hab' ich auf ein großes schönes Blatt Papier schreiben lassen: An diesem Tage sehe Er das Licht und Er ward Licht. Und wie er sich nun zu Tische setzte, da lagen unter seinem Teller viele Gedichte und Glückwünsche, gedruckte und geschriebene. Und er fing an zu blättern, und wie er meine Schrift in die Hände bekam, da lachte sein ganzes Gesicht vor Freude, und er gab mir die Hand und sagt: 'Das ist von meiner guten Rollwenzeln.'

 

Gott hab' ihn selig! Er wars hier schon. Eine Blume konnt' ihn selig machen über und über, oder ein Vögelchen, und immer, wenn er kam, standen Blumen auf seinem Tische, und alle Tage steckte ich ihm einen Strauß ins Knopfloch ...

(aus Eduard Berend: Jean Pauls Persönlichkeit in Berichten der Zeitgenossen)

 

Wenn man all das von Dorothea Rollwenzel liest, spürt man, was beide verbunden hat. Es ist die tiefe innere Poesie, hingeneigt zu den kleinen unscheinbaren Dingen.

Jean Pauls Dichterstube in der Rollwenzelei
Jean Pauls Dichterstube in der Rollwenzelei

Ja, die Rollwenzelin hat ihm wie immer frische Blumen auf den Tisch gestellt. So macht es Frau Sommer auch noch heute. Damit er weiter schreiben kann, man seine Feder kritzeln hört und Pudel Ponto ganz entspannt auf dem Sofa sumselt.

 

Frau Sommer ist glücklich mit Fidel. Sie fragt, ob sie ihn streicheln darf. Natürlich.

"Jean Pauls Pudel hatte ganz glattes Haar", weiß sie, "weil er ihn immer gekämmt hat und Locken von ihm abgeschnitten hat. Die hat er dann der Damenwelt geschickt damit er selbst nicht kahl wird ... ja, ja ... und eine Rose hat er immer im Knopfloch gehabt, weil das seine Lieblingsblumen sind. Aber er war ein Schauspieler, der Dichter ..."

 

Sie zeigt uns Zeitungsausschnitte, in denen die Jean-Paul-Stube schon erwähnt wurde. Seit 1876 gibt es auch Einträge im Gästebuch des kleinsten Museums Deutschlands. An die 50 000 Besucher waren hier, 11 Bücher sind voll geschrieben.

"Auch der Hitler war hier. Da, sehens das ist die dreckigste Seite, weil alle mit dem Finger drauf dappen ...", sie zeigt uns die aufwendig restaurierten Gästebuchseiten.

"Der Hitler hat hier mit Winifred rumgetuschelt, die haben die Künstler ausgesucht, die singen dürfen. Jean Paul wurde ja von den Leuten rausgemobbt. Der passte denen nicht."

Gertrud Sommer mag das "Wagner-Pack" nicht so recht, deutet sie unterschwellig an.

Jean-Paul-Dichterstube in der Rollwenzelei
Jean-Paul-Dichterstube in der Rollwenzelei

"Wissens, wir sind ja in der Königsallee hier, so schön zum Rumlaufen. Die Wilhelmine brauchte ja eine Prachtstraße und die Rollwenzelei war früher das Mauthäuschen hier. Des is ja die Straße zur Eremitage."

 

Das Haus ist das ehemalige Zollhäuschen zu Colmberg, auch "Chaussee- oder Traiteur-Haus" genannt. Es sieht heute noch genau so aus wie früher. 1805 soll Jean Paul die Einkehr entdeckt und dann hier fast täglich verkehrt haben, worauf hin die Rollwenzels ihm eigens eine kleine Dichterstube eingerichteten, wo er ungestört schreiben konnte. Das offizielle Schankrecht erhielt das Wirtspaar erst 1809 und 1812 haben sie das Haus vom Staat erworben. Seit dem ist es im Privatbesitz. Später wird der Name Rollwenzel mit Jean Paul in die Geschichte eingehen.

 

Es ist so schade, dass es das Wirtshaus nicht mehr gibt. Es wäre so schön hier gelegen. Ein Biergarten, der einladender nicht sein könnte.

 

Jetzt schenkt Frau Sommer Peter auch noch eine Flasche Jean-Paul-Bier von der Becher-Bräu und noch einen Kräuterschnaps von Goller dazu. Ist das nicht seltsam? Hier in der Jean-Paul-Stube kriegen wir auch noch ein veritables Bier!!! Das ist Schicksal ...

Das Jean-Paul-Bier zum 250. Geburtstag 2013 von der Becher-Bräu in Bayreuth
Das Jean-Paul-Bier zum 250. Geburtstag 2013 von der Becher-Bräu in Bayreuth, schon leer getrunken ...

... und Bestimmung für heute. Wir kennen Becher-Bräu bereits. Wir haben das traditionsreiche Wirtshaus mit Brauerei erst spät entdeckt, da wohnten wir schon lange in Hollfeld. Eines Tages kam ich auf die Idee einmal nach einer fränkischen Einkehr zu googeln, die auf dem Nachhauseweg von Bayreuth nach Hollfeld auf der Strecke liegt. Wir mussten viel nach Bayreuth fahren, um größere Einkäufe zu erledigen, denn in Hollfeld gibt es weder Baumarkt, Technikmarkt noch größere Supermärkte. Wie oft hatten wir Lust unsere Anstrengungen in der Stadt am Ende mit einem Bier und einer guten Brotzeit zu belohnen, wir aber nicht wussten wo.

 

Nun fand ich die Becher-Bräu im Universum, sozusagen. Und wir probierten sie unverzüglich aus. Ich kann sagen, das war Fügung. Nirgends habe ich ein so gutes Bockbier getrunken wie beim Becher. Nirgends. Dieses Bock, das es nur im Herbst und Winter gibt, ist mein Nil. Nein, für mich ist es die Nethe. Die Nethe ist ein Fluss in Belgien und ich hörte zum ersten Mal von ihr, als ich Felix Timmermans "Pallieter" las, die prallgefüllte Geschichte eines kleinen flämischen Bäuerleins ...

 

" ... Als im Osten sich ein heller Schein regte und ein Hahn gekräht hatte, sprang Pallieter aus dem Bett, zog sein Hemd aus und lief pudelnackt an die Nethe. Über der Erde und zwischen den hohen Bäumen hing grauer Nebel. Es war ganz still, das Gras bog sich schwer unter dem kühlen Tau, und von den Bäumen fielen große Tropfen. Pallieter sprang ohne Umstände in das tiefe Wasser, tauchte unter und kam, glänzend von Wasser und Glück, Atem schöpfend, in der Mitte wieder herauf. Die Wasserkühle machte das Blut in seinem Leib aufwallen: das tat ihm wohl und er lachte.

Er schwamm gegen den Strom, ließ sich auf dem Rücken zurücktreiben, tauchte, schwamm wie ein Hund, drehte sich und zappelte und stampfte mit Armen und Beinen, daß das Wasser klatschte und platschte und die Schwertlilien und das junge Schilf sich bogen und wiegten.

Ganz langsam mit dem Wachsen des Lichtes waren die Nebel dichter und weißer geworden und hatten unversehens das ganze Land eingewickelt. Leises Vogelgezwitscher regnete aus den unsichtbaren Bäumen hernieder, und die neuen Blumendüfte zogen in leichten Wolken durch die Nebel. Und dort hinten über der Nethe war die tomatenrote Sonne, wie eine frohe Überraschung, aus all dem Weißen aufgeblüht.

Pallieter war davon betroffen und rief: 'Das wird ein Fest, das wird ein Fest!'

Und er spritzte tausend Tropfen in die Höh.

Dann tauchte er noch einmal unter, gleichsam um die Seele des Wassers mitzunehmen, und lief dann glänzend und rosenrot durch den weißen Nebel nach dem 'Reinaert', seinem Hof ..."

 

Ganz wie Pallieter tauchte ich ein in meine neugefundene Nethe, in die Goldseele des goldfarbenen, süßlichen, warmleuchtenden und grunderquickenden Bockbieres. Nie werde ich es vergessen. Nie.

 

Und heute das. Jean-Paul-Bier von der Becher-Bräu. Jetzt werden wir gleich zum Abschluss des so glückliches Tages uns ohne Umwege dorthin begeben.

 

Wir bedanken uns so herzlich bei Gertrud Sommer, der Pudelfreundin. Sie ist Rollwenzelin, Jean Paul und Ponto und immer noch Zuhause, alles in einem, und wir atmen die ganzen Geschichten dieses Hauses auf unsere Haut. Hier ist alles wahrhaftig passiert. Könnten wir zeitreisen, wir wären mittendrin dabei gewesen.

Gaststube Becher-Bräu in Bayreuth
Stille Glückseligkeit beim Becher ...

Da sind wir, in der alten Gasstube, wo viele Bürger aus dem Viertel hinkommen, um zu karteln. Mittags ist oft die Stunde der Rentner. Aus Gesprächen, die man am Tisch unwillkürlich mithört, könnte man schließen, dass unter den Gästen viele ehemalige Beamte aus dem Bereich Finanzamt/Amtsgericht, Finanzgericht, Verwaltungsgericht, usw. stammen. Für Bayreuth eigentlich eine typische Erscheinung, da das Wagnerstädtchen auch eine Art Verwaltungshochburg ist. Man verzeihe mir meinen mangelnden Fachjargon auf diesem Gebiet. 

 

Jedenfalls gibt es ein kleines Geschichtchen. Wir saßen eines Nachmittags im Winter, nach einem Spaziergang auf dem Rodersberg/Golfplatz mit Fidel unter der Bank eben an einem Tisch mit solcher eben erwähnter Leutchen. Ein Mann und seine Freundin, eher im Frührentenalter. Es dauerte ein bisschen bis der Wirt kam, um die Bestellung aufzunehmen, so konnten die beiden auch unsere Unterhaltung mithören. Ich sprach von der Hoffnung auf Bockbier, Peter darüber, ob wir noch was essen sollen. So ging es hin und her. Als der Wirt kam und mit dem frisch gebrauten Bock aufwarten konnte, wollte er uns noch die Speisekarte zuschieben. Da sagte der Frühpensionär, der hier wohl auch Stammgast war: "Lass, Johnny, die sind nur am Trinken interessiert."

 

Seit dem ist das bei uns ein geflügeltes Wort, wenn wir irgendwo zu Besuch sind. Übrigens Johnny ist tatsächlich der Wirt und seine Frau heißt Cortney und stammt aus den USA ... hat man uns erzählt ... eigentlich nicht typisch für ein fränkisches Gasthaus. Aber die Becher-Bräu gibt es seit mehr als 230 Jahren und wird in der 3. Generation geführt. Ausführliches auf der Becher-Webseite.

 

Jedenfalls, immer wenn wir kommen - wir sind sehr zurückhaltende Gäste und ich glaube, er auch ein zurückhaltender Wirt - lächeln wir uns drei irgendwie tief und voll stiller Zuneigung an und Johnny zapft gleich zwei Bock.

 

Wenn man schon mittags kommt, sitzen er oder Cortney am Nachbartisch vor dem Klapprechner und scheinen sich an der Buchhaltung abzuarbeiten, oder Cortney strickt, oder ihre Kinder rauschen durch die Gaststube, es gibt immer was zu besprechen oder zu wünschen.

Gegen Abend kommen die Gäste, karteln, bestellen Haxn mit Kraut, trinken viel Kräusenpils, das für mich wie Zitronenbier aussieht, weil es so hellgelb ist. Es ist ein naturbelassenes unfiltriertes Pils, das hier sehr beliebt ist.

 

Wieder einmal lasse ich mich sanft hineinsinken in diese Art von Stubenglück, in ein Geplapper und Geplauder und in die leicht verschmitzten Blicke Johnnys, wenn er uns noch zwei Bock bringt.

Bierfilzl mit Jean verändertem Jean Paul Spruch
Der Becher ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.

So ein ehrliches Gasthaus. So ein Bier! Das alles vermisse ich heute am allermeisten.

 

Am selben Abend noch werde ich alles aufgeschrieben haben, während Fidel in seinem Körbchen unter dem Schreibtisch liegt und schnarcht. Seine Kletten von den Vortagen sind alle beseitigt, die Uhr tickt leise und draußen duftet es zum ersten Mal in diesem Jahr nach Ofen, Feuer, und Holz. Fast wie Weihrauch. Bei uns sind endlich Nachbarn eingezogen, die abends Lichter anmachen, und wir ihre Kinder lachen hören. Endlich mal ein bisschen mehr Leben. Alle nahen Nachbarn waren weg gestorben, wurde langsam einsam hier, obwohl wir in Hollfeld im Zentrum wohnen. Irgendwie wird man immer trauriger.

 

Wo ist Peter eigentlich?

Nachtrag vom 3. Juni 2017

 

Die Nachtviolen über Fidels Grab sind prächtig gewachsen und blühen jetzt. Ein Stengel des Tränenden Herzens hat sich weit über Fidels Laterne hin geneigt, als spüre er den Wicht da unten schlummern und wolle ihm Gesellschaft leisten. Weiße Waldmeisterblütenwölkchen tun es Fidels Locken gleich. Dann, als es dämmert, vernehme ich zum ersten Mal den Duft der Nachtviolen in unserem Garten. Er legt sich leicht über alles und schwebt mit meinen Gedanken hinauf, immer nur hinauf.

Ein Tränendes Herz und Nachtviolen über Fidels Grab.
Ein Tränendes Herz und Nachtviolen über Fidels Grab.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0