21. "O unter solchen Gestalten und Tönen wird der Mensch ernst."

Lärmende Agrarmaschine vor Stationstafel 91 "Abendstimmung"
Bad Berneck - Goldkronach (schöne Etappe)

Bad Berneck - Goldkronach


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Gewandert sind wir am Donnerstag, den 20. September 2012.

 

Fast einen Monat Wanderpause. Was die Arbeitslage betrifft, war die Saure-Gurken-Zeit des Sommers nun vorbei. Es gibt neue Aufträge, der Alltag hat uns wieder. Aber immer, wenn das Wetter gut ist und wir Zeit haben, werden wir nun Etappe für Etappe weiter wandern. Jetzt ist der Herbst wirklich da.

 

Aber - was war alles in der Zwischenzeit passiert?

 

Abschied von Nagel

 

Zunächst einmal die Abreise aus Nagel. Die fand am Morgen nach der Etappe von Bad Berneck zur Entenmühle statt, am Samstag, den 25. August 2012. Das Packen geht schnell, wenn man nur ein paar Wandersachen dabei hat. Dann Fideldecke, Fidelnapf, Fidelfutter, Landkarten, Prospekte, Laptop, Leergut, und schon ist alles im Kofferraum verstaut. Der Vermieter schleicht die ganze Zeit im Garten und auf unserer Terrasse herum. Peter hatte schon vor zwei Tagen die Fewo-Miete bezahlt, also darum kann es nicht gehen. Ich bin genervt.

Als wir uns bei ihm dann per Handschlag verabschieden, habe ich ihn wohl nicht gerade freundlich angeguckt, eher zornig. So eine Art Zorn-Blick, bei dem ich mir einbilde, der andere würde sich fürchten und bekäme vielleicht ein schlechtes Gewissen. Hat aber nie funktioniert. Und natürlich geht auch heute der Schuss nach hinten los, denn der Vermieter fragt mich nach meiner Blick-Attacke: "Haben sie etwas kaputt gemacht?"

Ich bin fassungslos, sprachlos. Reflexartig sage ich einfach und auch noch freundlich: "Nein."

"Also dann, gute Reise," antwortet der Vermieter. Beim Einstieg ins Auto ins Auto winke ich ihm noch einmal zu. Jetzt nix wie weg.

Doch der Abschied vom Fichtelgebirge fiel uns ein bisschen schwer, wir hatten uns so an das Wandern gewöhnt. Die Entrücktheit von der Welt hat gut getan.

 

Fidel wird operiert

 

Nicht nur, dass die Arbeit uns gerufen hatte, auch Fidel war ein Grund, unsere Wanderung für einen längeren Zeitraum zu unterbrechen. Unser Pudel hatte im Gesicht, an der Wange, eine Geschwulst. Erst nur fingerkuppengroß. Unter dem lockigen Fell hat man es gar nicht gesehen. Aber wir haben beobachtet, dass sie wächst. Mittlerweile daumenkuppengroß. Das hat uns beängstigt. Also beschlossen wir, sie weg operieren zu lassen, so bald es ginge und bevor sie noch größer würde. Nach der Opration wird Fidel sicherlich noch eine Weile brauchen, bis er wieder ganz auf dem Damm ist. Also richteten wir uns auf insgesamt drei bis vier Wochen ein.

 

Da Fidel ein schwaches Herz hat und nicht mehr der Jüngste ist, traf unsere Tierärztin in Hummeltal wirklich viele Sicherheitsvorkehrungen. Das hieß, Herz röntgen, Leberwerte checken ... aber alles war gut. So hat Fidel die OP gut überstanden, die Geschwulst war leicht zu entfernen und ich kann gleich verraten, sie kam auch nicht mehr zurück. Eine Weile musste das Hundchen mit dem unvermeidlichen Schutzkragen, der wie ein Plastiktrichter aussieht, herum laufen. Beim Schnüffeln ist er äußerst hinderlich.

 

Weiter wandern von Hollfeld aus

 

Die Wanderung kann etappenweise weiter gehen, jetzt jedes Mal von unserem damaligen Zuhause in Hollfeld aus. Inzwischen ist es Mitte September. Herbst, Erntezeit, Jagdzeit.

 

Heute fange ich die Wanderung schon mal schlecht gelaunt an,

 

denn gestern, bei meinem täglichen Spaziergang durch das naturnahe, wunderschöne, stille Kainachtal, habe ich mich schrecklich geärgert. Das Tal liegt direkt bei Hollfeld. Ich kann es mit Fidel fußläufig leicht erreichen. Hier mäandriert der Bach Kainach, wie er will, ganz ruhig, nur von Auwiesen begleitet. Hier und da stehen noch Reste von Wehren, die einst zur künstlichen Bewässerung der Talwiesen eingesetzt wurden, und dann und wann kommt ein Brücklein. Keine Straße, keine Landmaschinen. Einmal ist mir hier sogar ein junger Fuchs begegnet. Durch ein Gebüsch am Wegesrand schaute er mich lange an, das Köpfchen so klein, so unsicher der Blick. So fragend: bist du Feind oder Freund?

 

Der Weg durch das Tal ist ein 6 Kilometer langer Rundweg. Rechts entlang der Kainach bis zum Ort Kainach und links des Baches wieder zurück. Das Kainachtal ist ein beliebtes Ausflugsziel (mehr unter Nördliche Fränkische Schweiz.de). Gerade für Familien, da der Weg ohne Steigung verläuft und für Kinder viele Spiel- und Lehrstationen zu erobern sind. 

 

Und just, ich bin so um 15 Uhr unterwegs, da erspähe ich einen Jäger mit Gewehr, immer direkt an der Kainach entlang staksend. Ich frage mich, ob das bei hellichtem Tag hier so erlaubt sei? Wo doch überall auch Kinder unterwegs sind? Sollen diese ihm beim Jagen zuschauen, wie er Enten oder Hasen schießt? Oder er einen der pfeilschnellen Radfahrer übersieht und aus Versehen abknallt, weil er ihn für ein Reh hält? Oder gar auf Fidel zielt, weil der angeblich gerade beim Wildern sein soll? Nicht lachen, hat es alles schon gegeben. Vor kurzem noch, wurde hier in der Gegend früh morgens ein Mann von einem Jäger auf dem Feld erschossen, weil der Jäger ihn für ein Wildschwein hielt.

 

Ich koche. Ja! Ich spreche den Mann an und frage ihn, was er hier mit der Flinte macht. Er sagt, Enten schießen. Ok. Ob er sich denn sicher sei, dass er dabei keine Kinder oder Radfahrer erwischen würde. Nein, das würde er schon merken, antwortet er. Der Mann ist schon ziemlich alt. Ich frage ihn, ob er überhaupt zu dieser Tageszeit hier im Kinder-Ausflugsziel so bewaffnet unterwegs sein dürfe. Da gab er mir zur Antwort, er habe immerhin ein paar Tausend Euro für die Pacht bezahlt, da könne er schließlich auch jagen wie er will.

 

Das Herz klopft mir bis zum Hals. Mit solchen Menschen will ich nicht einmal mehr reden, kein Wort. Ich drehe mich um und gehe weiter. Am nächsten Morgen, bevor wir nach Bad Berneck gefahren sind, hat Peter noch bei der Stadtverwaltung in Hollfeld angerufen, um sich über den Jäger zu beschweren. Peter war dieszüglich nicht der erste. Ich kann heute sagen, ich habe den Flintenträger nie wieder im Tal gesehen.

 

Gut. Wir sind in Bad Berneck und finden heute die richtige Stationstafel 90 mit dem Titel "Blumensprache":

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 90 "Blumensprache" in Bad Berneck
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 90 "Blumensprache" in Bad Berneck

Blumensprache

Sie suchte, zog die oberste Schublade aus der Kommode und hob einen Strauß von italienischen Blumen empor und sagte: „Lieber das da!“ und weinte nicht und lächelte nicht.

Er hatt‘ es oft gesehen, aber da er ihrs selber am vorigen Neujahr- und Verlobungstage als seiner Verlobten geschenkt hatte, und da es so romantisch schön war - eine weiße Rose, zwei rote Rosenknospen und ein Einfaßgewächse von Vergißmeinnicht setzten den bunten Nachschatten einer abgewelkten Flora zusammen.

„Ei, die Vergißmeinnicht (sagte sie noch kälter über ihr Gedächtnis erfreuet) wollen sagen, daß ich dein nicht vergesse und du mein nicht - die Knospen bedeuten Freude - nein, die Knospen bedeuten die Freude, die noch nicht ganz da ist - und die weiße Rose - das weiß ich wahrhaftig selber nicht mehr.“

Aus dem Ehe-Roman Siebenkäs


Gefühle, Blumen und Schmetterlinge leben desto länger, je später sie sich entwickeln.

Um auf dem Jean-Paul-Weg bleibend wieder aus Bad Berneck heraus zu finden, ist ein bisschen schwierig. Wir laufen ein paar Mal in die falsche Richtung. Unterwegs begegnet uns Alexander von Humboldt, der war zu Jean Pauls Zeiten nämlich auch in dieser Gegend.

Unsere Begegnung vollzog sich natürlich per Schrifttafel.

 

Bad Berneck hat viel Geschichte. Allein schon die Lage des Ortes, am Zusammenfluss von Ölschnitz und Weißem Main, am Rande des Fichtelgebirges, in der Mitte Europas. Hier führten auch die wichtigen Handels- und Pilgerstraßen vorbei. Wie z.B. die Via Imperii, die Italien mit der Ostsee verband. Häufig führten die früheren Fernhandelsstraßen über Höhen, um das Tageslicht länger zu nutzen. Auch war man hier etwas sicherer vor Dieben, weil die Höhenlagen zu wenig Deckung boten. Überfälle waren schwieriger durchzuführen. Man muss sich vorstellen, dass Tausende von Frachtwagen pro Jahr auf solchen Straßen unterwegs waren. Das war alles andere als einsames Reisen. Ganz viel Interssantes findet man auf der Webseite des Fördervereins historische Stätten e.V. Bad Berneck.

 

Jetzt müssen wir die Bundesstraße 303 überqueren und arbeiten uns dann mühsam den Galgenberg hinauf, durch das dortige Wohngebiet, südlich vom Stadtzentrum Bad Berneck gelegen. Der gestrige Tag hallt in mir noch nach. Ich spreche mit Peter über das Thema Jagd. Er erzählt mir, was er vor kurzem auf der Heimfahrt von einem Dreh gesehen hat. Bei der Abernte eines Maisfeldes standen schon vier Jäger schussbereit an den Ecken des Feldes und warteten auf ihre sichere Beute. Denn die Maisfelder werden kreisförmig gemäht, immer in Richtung Mitte. Wildschweine, die sich im hochstehenden Mais versteckt haben, flüchten natürlich immer in die Mitte, so lange bis es nicht mehr geht und die letzte Reihe gemäht wird. Dann rennt das Wild vom Mähdrescher weg, will zurück in den Wald. Aber da stehen schon gierig die Jäger.

Ich kann dieses Gefühl von Verarscht werden, Opfer einer Berechnung zu sein, von Ausweglosigkeit, von Todeskalkül, von in-die Falle-gelaufen zu sein, sich in einer Reuse zu verfangen zu haben und je mehr man sich wehrt, umso schlimmer wird es, von Gefangenschaft, Wehrlosigkeit, Ohnmacht, Ausgeliefert-sein, vertrauensseliger Ahnungslosigkeit, von missbrauchtem Vertrauen nicht verarbeiten. Finde keinen Ort, wo ich solche Dateien ablegen kann. Keinen sicheren Ordner, der mich vor schlimmer Erinnerung schützt. Menschen, die schlechtes Gewissen, Scham und Sorge gut verdrängen können, bedienen sich solcher sicheren Ordner. Sicherer Ordner heißt für sie, hier können alle störenden Gedanken abgelegt werden. Wie Banken ihre Schulden in einer "Bad Bank" ablegen.

 

Diese bequeme Berechnung  bei der Jagd ist das, was mich anekelt. Die Verlogenheit. Wandert man mit offenen Augen durch die Landschaft, sieht man schon, wie Jagd heutzutage funktioniert. Der Hochsitz steht so, dass er immer auch bequem mit dem Jeep zu erreichen ist. Gegenüber des Schießmöbels liegt immer eine Wiese, auf dem das Wild äsen kann, daneben liegt häufig, wie zufällig, auch eine (neu angelegte) Schonung, in der das Wild Deckung findet. Denkt es. Und äst ruhig weiter. Dann knallt der Jäger das Tier ab und hat es so nicht weit, die erlegte schwere Beute ins Auto zu bringen.

Jagen ist auch kein "Zufall" mehr, dank Nachtsichtgeräten, Fotofallen oder Hightech-Gewehren, die schon mal 30 000 Euro kosten können. Jagen? Keine Kunst, kein Abenteuer, keine Arbeit. Beileibe nichts Unbequemes. So gar nichts Männliches. Ist Töten denn männlich? Ist doch feige. Die Bestände nachhaltig schützen? Mir haben Jäger bei Dreharbeiten selbst erzählt, dass Rehkitze vor dem Mähtod nur geschützt werden, damit man im Herbst genug Wild zum Abschuss hat. Das Wild im Winter füttern, damit es nicht verhungert? Klingt liebevoll. Gemeint ist, dass es am Leben bleibt, damit man es schießen kann. Aber warum darf ein harter Winter nicht selbst den Bestand des Wildes auf natürliche Weise redzuieren? Und wie Jäger ihre Hunde abrichten? Fragen Sie mal nach ...

 

Bald schon erreichen wir die Höhe über Bad Berneck und wir blicken auf Felder mit reifem Mais. Es wird laut, Motorenlärm, rasende Agrarkampfmaschinen donnern an uns vorbei. Da sind gleich mehrere davon unterwegs, hier wird im Akkord geerntet. Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr. Ich muss Fidel in Sicherheit bringen. Auf so ein Tier nimmt hier niemand Rücksicht. Mein Groll des vergangenen Tages darf sich einfach nicht verziehen, obwohl doch Wandern gegen so etwas helfen soll.

 

Am Rande dieses Wahnsinns wacht ohnmächtig Stationstafel 91:

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 91 "Abendstimmung" auf dem Galgenberg bei Bad Berneck
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 91 "Abendstimmung" auf dem Galgenberg bei Bad Berneck

Abendstimmung

Ich will aber jetzt noch eine Stunde hinauslaufen in die mit Blüten und Wellen gestickte Nacht, wo ein lauer Morgenwind sich düftetrunken aus Blütengipfeln auf gebogne Blumen herunterwirft und über Wiesen streicht und endlich auf eine Woge fliegt und auf ihr den schimmernden Bach herunterfährt. O draußen unter den Sternen, unter den Tönen der Nachtigall, die nicht am Echo, sondern an den fernen herabschimmernden Welten zurückzuschlagen scheinen, neben dem Monde, den der sprudelnde Bach am gestickten gewässerten Bande fortzieht und der unter die kleinen Schatten des Ufers wie unter Wolken einkriecht, o unter solchen Gestalten und Tönen wird der Mensch ernst.

Nach langer Dürre ein stiller Gewitterregen. Das saugende Auffassen der Bäume - der ruhige Fallton des Träufelns - unbewegliche Gipfelgärten - der halbhelle Abendhimmel - der Himmel senkt sich zur demütigen Erde - kein Sturm, kein Wind, kein Blitz - die Natur lauter Ohr und offen - keine Schwüle und keine Kühle - man möchte ein großer volllaubiger Baum sein - und wie alles doch der Abendröte entgegen arbeitet.

Ebene Gegenden deckt die Sonne mit einer auflösenden Ruhe, man braucht keine Phantasie, sie aufzufassen, sondern die ganze Zauberfläche drückt sich erwärmend an dein Herz an; du siehst in deine dunkle Phantasie, wenn du in die Gegend siehst: sie ist ein aufgebreitetes fernes Theater deiner Erinnerung. Denke etwas anderes, sobald dein Auge auf den mit Abend und Röte begossene Boden fällt, regt sich dein seufzender Busen wieder.

Ein neuer Schlepper kommt angedonnert, um die Mäh- und Dreschstaffel nahtlos fortzusetzen, ohne Pause, im Fluge, im Nu. Im Nu ist das Feld fertig, vor unseren Augen, ich drehe mich um und sehe, da steht nichts mehr! Und da kommt auch schon wieder der nächste und dann befahren sie zusammen das nebenan liegende Maisfeld, ein Schlepper nach dem anderen rauscht an, der ganze Acker ist platt. In den Achtzigern kämpften wir noch für die Bodenkrume, heute kennt niemand mehr das Wort. Für uns sieht es aus, als ob eine Lohnfirma das Feld bearbeitet und Lohndumping-Fahrer aus Osteuropa am Werk sind. Die machen es vielleicht besonders gnadenlos. Denen scheint alles egal. Soll ja auch egal sein. Alles ist egal.

 

Wie soll ich etwas Erquickendes finden? Selbst, wenn überhaupt noch etwas an diesen Wegrändern zu entdecken wäre,  so würden Gewalt, Hetze, Ausbeutung und Lärm auch das zerstören:

 

Da schwinge ich mich mit dem lauen Morgenwind über die Blütengipfel hinauf, und streiche düftetrunken mit ihm über die Wiesen, lande endlich auf einer kleinen schimmernden Woge des sprudelnden Baches, fahre mit ihr hinunter, unter den Tönen der Nachtigall, krieche unter die kleinen Schatten des Ufers, wie unter Wolken, und schlafe bis es Abend will werden. Welt rattert fern. Dann endlich ein stiller Gewitterregen, der ruhige Fallton des Träufelns, Gärten voller unbeweglicher Gipfel, kein Sturm, kein Wind, kein Blitz, die Natur lauter Ohr und offen, ich will nur noch Baum sein, hier und all da. Alles wird zur Zauberfläche und erwärmt mein Herz, zu sehen, was es vor sich sieht: die Erinnerung an eine mögliche Welt. (Dank Jean Paul durfte ich mich auf diese Reise träumen.)

 

Aber unter solchen Gestalten und Tönen ... stirbt für sich allein eine andere mögliche Welt, genannt Zukunft. Nach eineinhalb Stunden Wanderung hört Peter zum ersten Mal einen Vogel singen, da ist es kurz einmal ganz still.

 

Nur kurz. Auch die 16. Tafel "Landschaft zu Jean Pauls Zeiten" darf nicht in Ruhe sein. Wozu auch?

Auf dem Jean-Paul-Weg, 16. Tafel Landschaft zu Jean Pauls Zeiten "Bei guten Hauswirten" auf der Geseeser Höhe
Auf dem Jean-Paul-Weg, 16. Tafel Landschaft zu Jean Pauls Zeiten "Bei guten Hauswirten" auf der Geseeser Höhe

Bei guten Hauswirten

Der Lehrer von Jean Paul Th. Helfrecht hat das Fichtelgebirge um 1800 Beschrieben. Es lässt Einblicke zu, wie sich die Landschaft seit dieser Zeit verändert hat.

„Sowohl in diesem Tale als auch an anderen Plätzen sind die Bernecker und andere Gemeinden mit einem nachahmungswürdigen Beispiel vorangegangen. Sie haben Ödlandschaften und andere Gemeindeplätze, welche sonst nichts als schlechte Hute waren, zerschlagen und zu fruchtbaren Feldern umgeschaffen, die den Fleiß dieser guten Hauswirte mit jedem Jahre mehr belohnen mögen. Vielleicht können sie auch noch ihre dürren Rangen und Anhöhen fruchtbar machen, wenn sie den kleinen spanischen Klee oder Esparrette anbauen wollen, der auf dürren steinigen Hügeln vorkommt. Diese Art des Futters ist auf den Unteralpen sehr gemein und leistet gute Dienste, selbst zur Mästung des Schlachtviehs.“

J.Th.B. Helfrecht, um 1800

Vielleicht wäre es im Juni stiller gewesen. Am inneren Schauspiel hätte das wenig geändert. Wenn man die oben gezeigten Fotos näher betrachtet, sieht man, dass im September auf einem anderen nebenan liegenden Feld der Raps blüht, während ein zweites Feld schon gepflügt wird. Ohne Pause, ohne Rast geschieht Landwirtschaft.

 

Über karge Höhen ziehen wir jetzt dahin, unter heiter spielenden Wolken.

Auf der Geseeser Höhe
Auf der Geseeser Höhe

Dann und wann buddeln sie ein Loch in den Himmel und wir dürfen der Sonne huldigen, so wie Stationstafel 92:

Sonnen-Hymnus

Im Norden dämmerte die Sonne hinter den Orkaden -
rechts nebelten die Küsten der Menschen -
als ein stilles, weites Land der Seelen stand das leere Meer unter dem leeren Himmel -
vielleicht streiften Schiffe wie Wasservögel über die Fläche,
aber sie liefen zu klein und weiß unter dem Schleier der Ferne -
Erhabene Wüstenei!
Über dir schlägt das Herz größer! -

Auch du gehst fort, bleiche Sonne, und als ein weißer Engel
hinab ins stille Kloster der Eismauern des Pols
und ziehest dein blühendes auf den Wogen golden schwimmendes Brautgewand nach dir
und hüllst dich ein! -

Die Blasse im Rosenkleide! Wo ist sie jetzt?
Wird sie in ein warmes, reges Auge schimmern zwischen den Eisfeldern? -

Ich schaue herab auf den finstern Winter der Welt!
Wie stumm und unendlich ists da unten!
Das allgewaltige fortgestreckte Ungeheuer regt sich in tausend Gliedern
und runzelt sich und nichts bleibt groß vor ihm als sein Vater, der Himmel! -

Welcher Goldblick! Im Abendroth glüht Aurora an.
Was reisset so schnell das schwarze Leichentuch vom Wasser-Orkus weg? -
Wie brennen die Länder der Menschen wie goldne Morgen!
O kommst du schon wieder zu uns, du herrliche, liebe Sonne, so jung und rosenroth,
und willst wieder freundlich hinziehen über den langen Tag
und über die Gärten und Spiele der Menschen?
Glühe nur herauf, Unsterbliche! -
Ich stehe noch kalt und bleich an meinem Horizont
und gehe noch hinunter zu dem dunklen Eise;
aber werd‘ ich auch wie diese, o Gott, wärmer und heller aufgehen
und wieder einen heiteren tag durchlaufen in deiner Ewigkeit?

Endlich trat die Sonne wie ein Musengott in den Morgen
und nahm die Erde als ihr Saitenspiel in die Hand und griff in alle Saiten.

Giannozzo

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 92 "Sonnen-Hymnus" vor Goldkronach
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 92 "Sonnen-Hymnus" vor Goldkronach

Die Leisauer Höhe liegt hinter uns. Aber kaum, dass wir der Ackerdröhnung entkommen sind, empfängt uns schon langsam der Lärm von Goldkronach. Doch, wir dürfen auf etwas Schönes blicken. Dabei hilft uns dieses Mal die 17. Tafel "Landschaft zu Jean Pauls Zeiten":

Auf dem Jean-Paul-Weg, 17. Tafel "Landschaft zu Jean Pauls Zeiten" - Das reizende Maintal
Auf dem Jean-Paul-Weg, 17. Tafel "Landschaft zu Jean Pauls Zeiten" - Das reizende Maintal

Das reizende Maintal

Der Lehrer von Jean Paul Th. Helfrecht hat das Fichtelgebirge um 1800 Beschrieben. Es lässt Einblicke zu, wie sich die Landschaft seit dieser Zeit verändert hat.

„Die reizendsten Gegenden sind um Bernreuth das Maynthal innerhalb der Maynleithen, in welchem man von Berneck nach der Goldmühle gehet und die Au der Goldmühle selbst. Ein geschickter Landschaftsmaler würde hier und im Thale der Steinach bis nach Weidenberg reichen Stoff für seine Kunst bekommen.“

J.Th.B. Helfrecht, um 1800

Von weitem sehe ich einen "Hund-am-Schleppseil-Führer". Auch das noch, denke ich mir. Ich weiß schon, was das heißt. Da kommt jemand, der muss ständig demonstrieren, dass er seinen Hund unter voller Kontrolle hat. Einer, der in der Hundeschule war. Einer, der sich auskennt. Ich beobachte schon, wie er Gehorsamkeit mit seinem Hund trainiert, der Hund vor ihm Sitz macht und der Besitzer mit der Hand herum fuchtelt. Ich spüre seinen kritischen Blick auf mich gerichtet, der heißen soll, ich hätte meinen Hund jetzt anzuleinen, falls der Kleine einer der verzogenen Sorte sei. Der Mann bleibt ostentativ stehen. Also gut, ich leine Fidel an, obwohl ich weiß, dass Fidel im Besonderen und Pudel im Allgemeinen sehr freundliche Wesen sind, auch zu anderen Hunden, worauf ich mich verlassen kann. Gibt es tatsächlich einmal Stress mit einem aggressiven Hund, hebe ich Fidel einfach schnell auf den Arm.

Egal jetzt. Mit Fidel an der Leine laufen wir weiter, vorbei am Chow-Chow und seinem Herrchen. Dann leine ich Fidel wieder los. Peter bleibt stehen, um etwas zu fotografieren. Jetzt kommt der Schleppleinen-Führer wieder zurück. Ich sehe nicht mehr ein, brav Fidel anzuleinen. In ein paar Metern Abstand bleibt der Führer stehen, schweigend, abwartend, erwartend. Ich frage ihn: "Gibt es ein Problem?" Er sagt: "Bei mir nicht."

 

Oh, Mann! Ich antworte nicht. Dann fragt er weiter: "Wandern sie da auf dem Jean-Paul-Weg?" Ich: "Ja." "Da sind aber viele unterwegs," sagt er ziemlich unwirsch. Ich kapiere nichts, denn wir sind nicht vielen begegnet bis jetzt. Der Mann läuft die Wiese hoch und ich sehe noch, wie der arme Hund schon wieder Gehorsamkeitsübungen absolvieren muss.

 

Uns führt der Weg weiter, auch an einer Wochenendhauskolonie vorbei. Da denke ich mir, der Schleppseil-Führer wohnt wohl da und fühlt sich von jedem vorbei kommenden Wanderer gestört. So werden aus vielleicht Dreien ganz viele ...

 

Wir beruhigen uns mit Stationstafel 93, die eine Bank bereithält und einen schönen Ausblick hat:

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 93 "Geist der Zeit - Zeitgeist" vor Goldkronach
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 93 "Geist der Zeit - Zeitgeist" vor Goldkronach

Geist der Zeit - Zeitgeist

Leicht und kühn zitiert ihr den Geist der Zeit. Da die Zeit in Zeiten zerspringt, wie der Regenbogen in fallende Tropfen: so gebt die Größe der Zeit an, von deren inwohnendem Geist ihr sprecht! Ist sein Zeitkörper ein Jahrhundert lange, und zwar nach welcher Zeitrechnung angefangen, nach jüdischer, türkischer, christlicher oder französischer? Entwischt nicht der Ausdruck „Geist des Jahrhunderts“ dem Menschen leicht, weil er, in einem Jahrhundert geboren, eines mit seinem Leben zum Teil ausmessend, eigentlich unter der Zeit nichts meint als den kleinen Tagbogen, den die ewige Sonne von seinem Lebenmorgen bis zu seinem Abend umschreibt? Oder streckt sich ein Zeitkörper von einer großen Begebenheit (z.B. der Reformation) bis zu einer zweiten großen aus, so daß sein Geist entflieht, sobald die zweite gebiert? Aber welche Umwälzung wird für euch zur zeit-beseelenden, eine philosophische oder sittliche oder poetische oder politische?

Ferner: ist nicht jeder Zeitgeist weniger ein flüchtiger als ein fliehender, ja entflohener, den man lieber Geist der nächsten Vorzeit hieße? Denn seine Spuren setzen ja voraus, daß er eben gegangen, folglich weiter gegangen. Und nur auf Anhöhen kann zurückgelegter Weg beschauet werden, wie künftiger berechnet.

Aber da dieselbe Zeit einen anderen Geist heute entwickelt im Saturn - in seinen Trabanten - in seinen Ringen - auf allen zahllosen Welten der Gegenwart - und dann in London - Paris -  Warschau - und da folgt, daß dieselbe unausmeßbare Jetzo-Zeit Millionen verschiedene Zeit-Geister haben muß: so frag‘ ich: wo erscheint euch denn der zitierte Zeitgeist deutlich, in Deutschland, Frankreich, oder wo? Wie vorhin sein Zeitkörper, so wird euch jetzo sein Raumkörper schwer abzumessen fallen.

Levana

Nun tut sich ein erster Blick auf Goldkronach auf. Nur ein Kirchtürmlein sieht man und ein paar Dächer. Golden scheint die Sonne. Das Herz geht einem auf, tief ein- und ausatmen, sich über den glücklichen Fidel freuen und alles wird gut.

 

Da schiebt sich Stationstafel 94 ins schöne Bild:

Früher war alles besser

Kein goldnes oder unschuldiges Zeitalter nannte sich ein goldenes, sondern erwartete bloß eines; und ein bleiernes erwartete ein arsenikalisches; bloß die Vergangenheit glänzt nach, wie die Schiffe zuweilen auf dem Meere hinter sich eine leuchtende Straße ziehen.

Es ist der Geist der Ewigkeit, der jeden Geist der Zeit richtet und überschauet. Und was sagt er über die jetzige?
Sehr harte Worte.

Aber eine seltsame, immer wiederkommende Erscheinung ists, daß jede Zeit einen neuen Lichtanbruch für Schadenfeuer der Sittlichkeit gehalten. 

Jede hohe Klage und Träne über irgendeine Zeit sagt, wie eine Quelle auf einem Berge, einen höhern Berg oder Gipfel an.

Die Reformatoren vergessen immer, daß man, um den Stundenzeiger zu rücken, bloß den Minutenzeiger zu drehen brauche, oft den Terzienzeiger [Sekundenzeiger].

Durch ein Wäldchen geht es weiter sanft bergab ins Städtchen. Hier ein paar Findelstücke ...

... darunter Stationstafel 95:

Lebensstufen

Sooft ich das Blut- und Trauergerüste der Lebens-Stationen besah - sooft ich zuschauete, wie das gemalte Geschöpf, sich verlängernd und ausstreckend, die Ameisen-Pyramide aufklettert, drei Minuten droben sich umblickt und einkriechend auf der andern Seite niederfährt und abgekürzt umkugelt auf die um diese Schädelstätte liegende Vorwelt - und sooft ich vor das atmende Rosengesicht voll Frühlinge und voll Durst, einen Himmel auszutrinken, trete und bedenke, daß nicht Jahrtausende, sondern Jahrzehnte dieses Gesicht in das zusammengeronnene zerknüllte Gesicht voll überlebter Hoffnungen ausgedorret haben ...

Im Erdenleben sind die Jahre kurz; die Lebensalter noch länger und das Leben am kürzesten; aber die Tage sind lang, die Stunden noch länger und die Minuten oft Ewigkeit.

Geh niemals ohne ein freundliches Wort, es könnte dein letztes sein.

Uns als ob der letzte Satz so dahin gehörte, kommen wir zu der Pforte des Friedhofs von Goldkronach. Der Jean-Paul-Weg führt hindurch. Allerdings lesen wir am Tor, dass Hunde hier draußen bleiben müssen. Ich frage Fidel, was er davon hält und er gibt zur Antwort: "Pudel sind keine Hunde."

Der Jean-Paul-Weg führt in Goldkronach durch den Friedhof
Der Jean-Paul-Weg führt in Goldkronach durch den Friedhof

Und dann noch eine kleine jeanpaulische Weisheit über das Wesen "Mensch" auf Stationstafel 96 ...

Der kleine Unterschied

Die Mädchen-Seelen sind schneller ausgereift als die Knabengeister.

Nach der altdeutschen Sitte auf dem Lande gehen auf dem Wege zur Kirche die Söhne hinter dem Vater, die Töchter aber vor der Mutter; wahrscheinlich weil man die letzten weniger aus den Augen zu lassen hat.
Hierher gehört noch die Bemerkung aus dem Tierreich, daß die Männchen den höchsten Mut und Kraftdrang in der Liebezeit, die Weibchen hingegen nach der Geburtzeit beweisen.

Die Männer lieben mehr Sachen, z.B. Wahrheiten, Güter, Länder; die Weiber mehr Personen; jene machen sogar leicht Personen zu dem, was sie lieben; so wie, was Wissenschaft für einen Mann ist, wieder leicht für eine Frau ein Mann wird, der Wissenschaft hat.
Schon als Kind liebt die Frau einen Vexier-Menschen, die Puppe, und arbeitet für diese; der Knabe hält sich ein Steckenpferd und eine Bleimiliz und arbeitet mit dieser.

Der Mann ist mehr zur sittlichen Stärke oder Ehre, das Weib mehr zur sittlichen Schönheit oder Liebe geboren und ausgerüstet.

§ 91 aus der Levana

... und wir können uns der Einkehr am heutigen Etappenziel in Goldkronach widmen. Wir landen im Landgasthof Goldene Krone im Zentrum des Städtchens. Es hat hier durchgehend warme Küche, wir bestellen Bratwürste, die echt lecker sind. Mehr können wir kaum berichten, es war noch früh am Nachmittag, wir waren nahezu die einzigen Gäste. Aber in der Speisekarte kann man so einiges über die Historie des Ortes und des Landgasthofes lesen ...

In der Speisekarte des Landgasthofes Goldene Krone in Goldkronach zu lesen ...
In der Speisekarte des Landgasthofes Goldene Krone in Goldkronach zu lesen ...

Dann sputen wir zum Bus. Die Verbindung Goldkronach - Bad Berneck ist ordentlich, wir kommen gut weg ...

An der Bushaltestelle in Goldkronach spricht Fidel wieder zu mir und meint: "Darf ich immer dabei sein? Eigentlich richtig immer."
An der Bushaltestelle in Goldkronach spricht Fidel wieder zu mir und meint: "Darf ich immer dabei sein? Eigentlich richtig immer."

Die spätsommerliche - frühherbstliche Sonne gießt für diesen Tag noch ein wenig warmes Licht über die abgemähten Felder. Ein kleiner Halm, der übersehen wurde und nun weiter wachsen darf, winkt mir freudig aber einsam zu.

Abgemähtes Maisfeld auf der Leisauer/Geseeser Höher
Abgemähtes Maisfeld auf der Leisauer/Geseeser Höher

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Kommentare: 1
  • #1

    Michael Petzold (Samstag, 21 Januar 2017 18:57)

    Hallo.
    Im Jahr 2013 Anfang Mai bin ich mit einer Gruppe der VHS Hof die beiden ersten Etappen des Weges von Hof nach Joditz und von Hof nach Schwarzenbach gewandert. Wanderführer war der Michael Stumpf der im Landkreis Hof den öffentlichen Nahverkehr organisiert und den Jean Paul Weg mit entwickelt hat. Ich habe dann 2014 ihre Wegbeschreibung gefunden. Damals ging es darin nur bis zum
    Waldstein. Es freut mich das Sie jetzt bis nach Goldkronach weiter geschrieben haben. Das Sie Fidel vor ein paar Tagen einschläfern lassen mussten tut mir leid. Ich hatte 2005 mit meinem Dackel das gleiche durch machen müssen. Vielleicht finde ich Mal Zeit und Gleichgesinnte und wandere noch ein
    paar Etappen.