20. "... ihn eine bloß unsichtbare Freundin und ein unsichtbarer Freund erquicken sollten."

Ein Baum am Wegesrand
Bad Berneck - Entenmühle (schöne Etappe)

Bad Berneck - Entenmühle


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Gewandert sind wir am Freitag, den 24. August 2012.

 

Dies wird eine "Rückwärts-Etappe". Wir gehen von Bad Berneck wieder zurück zur Entenmühle, weil wir natürlich in der Entenmühle unsere Etappe beenden wollen. Ja, mit Bier, Klößen und Schäufele. Wir kriegen nicht genug davon.

 

Nach den Feiertagen schreibe ich weiter ...

 

Bis dahin, allen eine gesegnete Weihnacht und ein glückliches Neues Jahr 2017!

Möge stille Zuneigung schneien ins neue Jahr, allüberall.

Zwischeneintrag vom 26.12.2016:

 

Angefangen hat alles im Jahr 2007 mit dem 9-jährigen Felix Finkbeiner und einem Schulreferat.

2016 ist seine Initiative Plant-for-the-Planet eine globale Bewegung mit einem großen Ziel: auf der ganzen Welt Bäume pflanzen, um die Klimakrise zu bekämpfen.

In der 6. Etappe "Theater des Lebens" , von Schwarzenbach a.d. Saale nach Sparneck, hatte ich bereits über ihn berichtet.

Heute, am 26.12.2016, habe ich Felix Finkbeiner in der ZDF Sendung "Volle Kanne" wieder gesehen. Sein Projekt lebt und entwickelt sich erfolgreich weiter. Weltweit! Darüber habe ich mich heute am meisten gefreut. Unbedingt auf seine Webseite schauen und mitmachen!

Zwischeneintrag vom 4.1.2017:

 

Jetzt, wo ich nach den Feiertagen, am 4. Januar 2017, langsam weiter schreibe, liegt Fidel immer noch in seinem Körbchen unter meinem Schreibtisch. Draußen schneit es sanft dicke Flocken. In dieser Zeit gibt es für uns nur ein Thema: ein sanftes Sterben für Fidel. Er besteht nur noch aus Haut und Knochen. Den ganzen Tag und die ganzen Nächte schläft er friedlich und ruhig atmend. Er kann noch stehen, um sein Geschäft machen, mehr nicht. Seine Lymphknoten sind geschwollen, aber nicht tastempfindlich. Vermutlich ist er schwer krank, vielleicht Krebs, aber wir werden ihn nicht mehr mit Therapien quälen. Er darf gehen. So ruhig liegt er da. Ach, wenn er einfach nur für immer einschlafen würde. Er soll überhaupt keinen Stress mehr haben, der kleine, tapfere Engel. Hier, in der Tierklinik Gera, gibt es einen Notdienst, falls Fidel doch Schmerzen bekommt. Soviel haben wir herausgefunden.

 

Es schneite, als Fidel in unser Leben kam. Jetzt, sieben Jahre später, zum Abschied schneit es wieder. Alles um uns ist so zart, wie er so zart da liegt und so zärtlich atmet. Ja, er ist nur ein Tier. Nein, er ist ein Wesen, wie wir alle es sind und uns das Dasein teilen. Ein jedes Atom ist gleich wichtig. Alles ist verbunden, hier und gestern, morgen und überall. Wie kann man sich da lustig machen?

 

Ich schalte jetzt die Lichterketten ein. Die Vermieterin, die mit uns im Haus wohnt, hat uns eine Flasche Rotkäppchen Sekt zum Neuen Jahr vorbei gebracht. Eine Tradition des Hauses, wie sie dazu sagt. Wir freuen uns sehr. Heute gibt es Spinat mit Lachs und Kartoffeln und darüber die Kerne eines Granatapfels gestreut. Fidel trage ich, in seinem Körbchen liegend, ins Esszimmer, er schläft dabei ruhig weiter. So schön ihn anzuschauen ...

Nun schreibe ich weiter am Wandertagebuch:

 

Es ist Dienstag, der 10. Januar 2017. Fidel lebt noch und döst wie gehabt unter meinem Schreibtisch. Ganz friedlich.

 

Zurück zur Etappe Berneck - Entenmühle. Ich werde diese Rückwärts-Etappe auch rückwärts beschreiben. Sie ist schön und schlängelt sich entlang des Wildbaches Ölschnitz, direkt am Wasser entlang oder über die Höhe. Ich finde, sie wäre auch - ohne Jean-Paul-Weg - ein hübscher Ausflug für einen Sonntag. In Bad Berneck parken, zum Gasthof Entenmühle laufen, in der Entenmühle Sonntagsbräten essen und dann wieder zurück. Herrliche 12 Kilometer (ungefähr) hin und zurück.

 

Das Städtchen Bad Berneck kennen wir bereits. Es ist ein Kneippheilbad und Luftkurort und gehört schon zum Landkreis Bayreuth. Will man von Bayreuth aus ins Fichtelgebirge fahren, streift man Bad Berneck. Durch den Ort hindurch fährt man dabei seltener. Von der Bundesstraße aus sieht man, wie bei so vielen Orten in dieser Region, dass auch dieser mit Infrastruktur zu kämpfen hat. Abwanderung in die Städte, Zerfall von Industrie und Wirtschaft, Leerstand von Häusern und Läden. All das erscheint immer etwas unwirtlich. Fährt man allerdings in den Stadtkern, sind der alte Marktplatz, der Kurpark mit seinen zwei historischen Kolonnaden und der kleinen Kneippanlage, die wildromantische Burgruine mit dazu gehörender Freilichtbühne auf einem der umliegenden sieben Hügel, wirklich lieblich anzuschauen.

 

Bad Berneck ist eine Reise in eine romantische Welt ...

 

"Erleben Sie hier einen der Ursprungsorte der deutschen Romantik, den Arbeitsplatz des jungen Alexander von Humboldt, die Welt Jean Pauls: ein kleines Städtchen im Fichtelgebirge nahe dem berühmten Bayreuth der Markgräfin Wilhelmine und Richard Wagners."

So heißt es in dem Text der privaten Webseite www.jean-paul-bad-berneck.de des 2. Bürgermeisters von Bad Berneck, Alexander Popp. Hierin schreibt er viel über Literatur, kulturelle Veranstaltungen und über die Jean-Pau-Tage in Bad Berneck ...

Wir parken auf einem Parkplatz in der Nähe des Kurparks. Leider muss man bezahlen und kann nur für zwei Stunden Parkdauer Münzen einwerfen. Wir tun es und wissen, dass wir die Parkzeit überschreiten werden. Mal sehen, was passiert ...

Hier entdecken wir gleich Stationstafel 90, die aber auch hier etwas unlyrisch plaziert wurde:

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 90 (eigentlich 89) "Bernecker Pfefferkuchen", auf dem Parkplatz in Bad Berneck
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 90 (eigentlich 89) "Bernecker Pfefferkuchen"

Bernecker Pfefferkuchen

Eine besondere Vorliebe hegte Jean Paul für die Bernecker Pfefferkuchen. Im September 1820 schrieb er, da sein Vorrat mal wieder erschöpft war, an seinen Sohn Max einen Brief, in dem er ihn bat, zusammen mit dem Freund Emanuel Osmund nach Berneck zu fahren, um daselbst neue Pfefferkuchen einzukaufen:

Schon seit drei Monaten sitz‘ ich an meinem Schreibtische ohne einen Bissen Bernecker Pfefferkuchen; denn eine Maus in meinem Koffer hatte allen Vorrat, um ihn gut auszukernen, fein zersiebt.

Der Pfefferkuchen erscheint mehrmals in Jean Pauls literarischem Werk. Am bekanntesten ist die Pfefferkuchen-Episode im „Wutz“, aber auch in „Dr. Katzenbergers Badereise“ spielt er eine Rolle:

Da der Doktor neben dem Edelmanne auf ihre Ankunft wartete: so ließ er doch ein Werk der Liebe durch Flex ausüben, seinen Bedienten. Er griff nämlich unter seine Weste hinein und zog einen mit Branntwein getränkten Pfefferkuchen hervor, den er bisher als ein Magen-Schild zum bessern Verdauen auf der Herzgrube getragen: „Flex,“ sagte er, „hier bringe mein Stärkmittel drüben den untern Gerberskindern; sie sollen sich aber redlich darein teilen.“

Der Weg führt uns entlang der Ölschnitz Richtung Kurpark, der am Rande des Städtchens liegt. Am Eingang des Parks ist das Hotel Hartl's Lindenmühle zu finden. Als Tagungsort gibt es hier einen Jean-Paul-Saal, so lesen wir auf der Hotelhauswand.

Das große Hotel "Hartl's Lindenmühle mit Jean-Paul-Saal, an der Ölschnitz in Bad Berneck
Das große Hotel "Hartl's Lindenmühle mit Jean-Paul-Saal, an der Ölschnitz in Bad Berneck

Hier finden wir auch Stationstafel 88:

Bad Berneck

In Bad Berneck übernachteten sie zwischen den hohen Brückenpfeilern von Bergen, zwischen welchen sonst die Meere schossen, die unsere Kugel mit Gefilden überzogen haben. Die Zeit und die Natur ruhten groß und allmächtig nebeneinander auf den Grenzen ihrer zwei Reiche - zwischen steilen, hohen Gedächtnissäulen der Schöpfung, zwischen festen Bergen zerbröckelten die leeren Bergschlösser, und um runde grünende Hügel lagen Felsen-Barren und Stein-Schollen, gleichsam die zerschlagenen Gesetztafeln der ersten Erdenbildung.

Siebenkäs


Freilich würden Durchlaucht in Berneck, dem Vorhofe und Vorhimmel des Baireuther Himmels, mehr vom letzten finden.

Der Komet

Wir suchen ein bisschen nach den Jean-Paul-Weg-Wegweisern. Die einen führen unten durch den Kurpark an der Ölschnitz entlang, die anderen ein steilen Weg nach oben. Jedoch sehen wir von unten schon rotweiße Bänder flattern. Ist er gesperrt? Ratlosigkeit.

 

Lesen wir erst einmal die 15. Tafel "Landschaft zu Jean Pauls Zeiten":

Große Mannichfaltigkeit Felsen, Blumen, Kräuter

Der Lehrer von Jean Paul Th. Helfrecht hat das Fichtelgebirge um 1800 beschrieben. Es lässt Einblicke zu, wie sich die Landschaft seit dieser Zeit verändert hat.

„Die Berge selbst haben viele Manchfaltigkeit: teils sind sie kahl und steinicht, teils zeigen sie grüne Plätze mit duftenden Kräutern und bunten Blumen, teils sind sie so grotesk und rau, mit struppichten dunkelgrünen Nadelholze, teils mit hellgrünem Laubholze angenehm bekleidet. Berge von seltsamen Figuren zum Teil mit hereinhängenden Felsen welche zumal von der Kirchleiten die Häuser zu zerschmettern drohen.“

Die Ansichten der Burg zeigen die offenen Talhänge

Auf dem Jean-Paul-Weg, Bild auf der 15. Tafel "Landschaft zu Jean Pauls Zeiten" im Kurpark von Bad Berneck
Auf dem Jean-Paul-Weg, Bild auf der 15. Tafel "Landschaft zu Jean Pauls Zeiten" im Kurpark von Bad Berneck
Blick auf die Burgruine von Bad Berneck
Blick auf die Burgruine von Bad Berneck

Aufschluss über den Jean-Paul-Weg-Schilder-Wirrwar gibt mir heute eine pdf-Datei aus der Webseite www.jeanpaul-oberfranken.de. Ja, jetzt lese ich es auch: In Bad Berneck hat man einen Jean-Paul-Rundweg geschaffen. Die große Wegetafel im Ort hatten wir wohl völlig übersehen.

Der Rundweg teilt sich in einen Tal- und einen Bergweg auf. Wir wählen den nach oben führenden Weg - den durch das Tal, an der Ölschnitz entlang, sind wir schon einmal gelaufen, an einem Sonntagnachmittag.

Auf dem Bergweg begegnen wir oberhalb des Kurparks zunächst der alten Kolonnade ...

Alte Kolonnade im Kurpark von Bad Berneck
Alte Kolonnade im Kurpark von Bad Berneck

... gleich hinter ihr geht es bergan weiter. Jetzt merken wir, warum er gesperrt sein könnte. Er ist ziemlich zugewachsen, Brennnesseln schlagen gegen meine nackten Beine, lose Steine kullern hinunter, Brombeerhecken machen sich breit. Wir klettern und klettern. Immer steiler geht es weiter. Dann sind wir endlich und oben und von hier aus entfaltet sich eine erste schöne Aussicht auf Bad Berneck. Man sieht nun, wie das Städtchen zwischen den sieben Hügeln träumt.

Blick auf die Dreifaltigkeitskirche von Bad Berneck
Blick auf die Dreifaltigkeitskirche von Bad Berneck

Hier oben vergnügt sich sich nun Stationstafel 85, obwohl Stationstafel 87 an der Reihe wäre. Egal, hier ist der Text:

Ich-Geburt

Der innere Mensch wird, wie der Neger, weiß geboren und vom Leben zum schwarzen gefärbt. Wie nach den ältern Theologen nur die erste Sünde Adams, nicht seine andern Sünden auf uns forterbten, da wir mit einem Falle schon jeden andern Fall nachtaten: so bewegt der erste Fall und der erste Flug das ganze lange Leben. Denn in dieser Frühe tut der unendliche das zweite Wunder; Beleben war das erste.

Es wird nämlich von der menschlichen Natur der Gottmensch empfangen und geboren; so nenne man kühn jenes Selberbewußtsein, wodurch zuerst ein Ich erscheint, ein Gewissen und ein Gott - und unselig ist die Stunde, wo diese Menschwerdung keine unbefleckte Empfängnis findet, sondern wo in der selben Geburtminute der Heiland und sein Judas zusammentreffen. Man hat auf diese einzige Zeit, auf die Umgebungen und Früchte derselben noch zu wenig gemerkt. Es gibt Menschen, die sich tief bis an die Grenzstunde hinein besinnen, wo ihnen zum erstenmal das Ich plötzlich aus dem Gewölke wie eine Sonne vorbrach und wunderbar eine bestrahlte Welt aufdeckte.

Levana

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 85 "Ich-Geburt" oberhalb von Bad Berneck
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 85 "Ich-Geburt" oberhalb von Bad Berneck

Fidel springt gleich mit seinem großen heiteren Ich von der Bank und hüpft weiter durch unser aller Leben, vom Ich zum Du, vom Du zum Ich und wieder zurück. Fidel kann das. Jean Pauls großes "Ich und Du" wartet schon auf seinem eigensten Platz, wie es heißt. Da kommt ein Pavillon, ist das der angekündigte Jean-Paul-Platz?

Nein, offensichtlich nicht. Das ist der Ludwig-Richter-Pavillon. Gespannt laufen wir den Trampelpfad 50 Meter in Richtung Ludwigfels, da soll der Jean-Paul-Platz endlich sein.

 

Übrigens Ludwig Richter war nicht mit Johann Paul Friedrich Richter (Jean Paul) verwandt. Ludwig Richter (1803 geboren in Dresden - 1884 gestorben ebenda) war ein bedeutender Maler und Zeichner der Spätromantik und des Biedermeiers. Die Burgruine mit Blick auf die Kirche von Bad Berneck gehörte auch zu seinen Motiven. Unter diesem Link zum Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher kann man das Bild sehen.

 

Wir finden hier einen stillen, schattigen Platz zum Verweilen, leider nur mit schöner Aussicht auf Baumkronen und einer alten, morschen Bank. Wenn man es freundlich formulieren würde, würde man sagen, sie sei historisch und Jean Paul habe selbst darauf gesessen.

Aussicht vom Jean-Paul-Platz bei Bad Berneck
Aussicht vom Jean-Paul-Platz bei Bad Berneck
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 86 "Ich und Du" am Jean-Paul-Platz bei Bad Berneck
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 86 "Ich und Du" am Jean-Paul-Platz bei Bad Berneck

Hier wohnt auch Stationstafel 86, umarmt und festgehalten von vielen starken, alten, reich verästelten Armen:

Ich und Du

Ich ist - Gott ausgenommen, dieses Ur-Ich und Ur-Du zugleich - das Höchste so wie Unbegreiflichste, was die Sprache ausspricht und wir anschauen. Es ist da auf einmal, wie das ganze Reich der Wahrheit und des Gewissens, das ohne Ich nichts ist. Wir müssen dasselbe Gott, so wie den bewußtlosen Wesen zuschreiben, wenn wir das Sein des einen, das Dasein der andern denken wollen.

Ich schätze den Vorteil so hoch, als er wert ist, den die Ehe hat, daß der Ehemann durch sie noch ein zweites Ich bekommt, vor welchem er sich ohne Bedenken recht herzlich loben kann.

Überhaupt ist jeder Mensch heimlich seine eigne Kopiermaschine, die er an andere ansetzt, und wenn er gern alles in seine geistliche und geistige Verwandtschaft als Seelen-Vettern hineinzieht.

Kein Mensch wird der bloße Widerschein seiner Verhältnisse, denn er ist sein eigenes Licht, sein eigener Schein.

Mein Bruder, Du bist wie ich und leidest wie ich, und wir können uns lieben.

... wobei ich es eher am allerliebsten hätte, dass Fidel mehr in mir sei als ich in ihm, denn sein Gemüt ist so unendlich großzügig.

 

Nun denn, seien wir hier nun zu viert. Jean Paul, Fidel, Peter und ich. Ganz da, soweit gelaufen, so viel erfahren. Ich hoffe, dass sich nun alles munter verdoppeln möge und wir nicht mehr einsam sein müssen.

 

Nach einem Erfrischungspäuschen geht es weiter. Ein Zickzackpfad führt uns steil bergab zurück ins Ölschnitztal.

Hier finden wir Stationstafel 87, die jetzt eigentlich Nummer 85 wäre.

Doppel(t)gänger

So heißen Leute, die sich selber sehen.

Der Mensch ist nie allein, das Selbstbewußtsein macht, daß immer zwei Ichs in der Stube sind.

War nicht Peter sein bester und tollster Freund, und war nicht dieser ihm als seinem Pole, wie einem Magneten, als ein Gegenpol eingeboren und eingeschmolzen?

Jeder Mensch wird als Zwilling geboren: als der, der er ist, und als der, für den er sich hält.

Der Dichter setzt sich an die Stelle der fremden Seele.
Der Schauspieler setzt die fremde an die Stelle der seinigen und entsinnt sich dann von der eigenen kein Wort mehr.

Rechte gewöhnliche und befriedigende Unterhaltung ist allgemein unter den Menschen die, daß einer das sagt, was der andere schon weiß, worauf aber dieser etwas versetzt, was jener auch weiß, sodaß sich jeder zweimal hört, gleichsam ein geistiger Doppelgänger.

Jean Paul hat das Wort "Doppelgänger" erfunden.

Zwischeneintrag vom Freitag, den 13.Januar 2017:

 

Gestern, am Donnerstag, den 12. Januar, ist Fidel friedlich von uns gegangen.

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hat Fidel nur noch unter sich machen können. Seit zwei Tagen hatte er auch nichts mehr gegessen und trinken war ganz mühsam. Am Donnerstagmorgen spürten wir alle drei irgendwie, dass es jetzt soweit ist. Für diesen Fall hatten wir schon Kontakt mit unserer langjährigen und sehr vertrauten Tierärztin aus Hummeltal aufgenommen. Sie sagte, es wäre kein Problem, Fidel auch im Auto von seinem Leid zu erlösen, damit er nicht mehr in die Praxis und keinen Stress mehr haben und vor allem keine intravenöse Verabreichung über sich ergehen lassen muss.

 

Also legten wir Fidel, warm eingepackt, in sein Körbchen, trugen ihn so ins Auto, stellten so das Bettchen auf die Rücksitzbank und ich setzte mich neben ihn. So schnurrten wir die 160 Kilometer durch die Schneelandschaft, wohlig und still, gen Süden, vorbei am Fichtelgebirge, vorbei an Bayreuth. In Hummeltal, auf dem Parkplatz vor der Praxis, gesellte sich ein wenig Glockengeläut zu uns. Dann kam die Tierärztin und begrüßte Fidel so zugewandt.

"Das ist ja gar nicht mehr mein Fidel, wie ich ihn kenne ...", sagte sie und strich ihm über den Rücken, "gar nicht mehr...". Fidel bewegte sein Köpfchen, schmiegte sich in sein Kissen und schmatzte ein wenig, mir schossen Tränen in die Augen.

"Ich hatte so sehr gehofft, er würde so sterben, vielleicht über Nacht, zuhause. Aber er kämpft, so tapfer, er gibt einfach nicht auf ...", sage ich, "aber ich glaube, jetzt ist es besser so ..."

Noch einmal erklärt sie uns genau, was sie tun wird. Zuerst bekommt Fidel eine Spritze mit hochdosiertem Morphium in den Oberschenkel. Kein Muckser, den Pikser hat er nicht einmal gespürt. Dann müssen wir noch 10 Minuten warten, bis die Narkose vollständig wirkt. Ich streichele sein zartrosa Bäuchlein und hoffe, dass die letzte Spritze ins Herz ihn nicht sticht, nicht ihn, nicht mich, nicht Peter, nicht in unsere Erinnerung.

Wir hatten uns vorher schon versichert, dass die Tierärztin nicht mit T61 einschläfert. Das ist eine Art billiges Betäubungsmittel, das auch für Hinrichtungen verwendet wird, über das Ärzte keine Listen führen müssen, das aber hier und da schon einmal im Todeskampf Krämpfe und Zuckungen hervorruft. Genau das hatte ich schon mal bei zwei meiner Katzen erlebt. Damals wusste ich noch nichts darüber. Jetzt wollte ich so etwas auf keinen Fall wieder erleben. Das vergisst man nämlich nicht.

Unsere Tierärztin hat uns noch einmal alles erklärt und versichert, dass sie sehr viel Erfahrung hat. Dann setzte sie behutsam die letzte Spritze. Und diese letzte Spritze ins Herz war Gott-sei-Dank ganz sanft, Fidel hat nur geschlafen, nicht einmal gezuckt, nichts, so sage ich das mal. Und dann hat sein Herzchen aufgehört zu schlagen. Die Welt um einen herum steht ein bisschen still dann. Da hinten läuft eine Oma mit ihren kleinen Enkelkind, eine Frau mit Katzenkorb huscht vorbei, Tautropfen fallen, Krähen flattern. 

"Mein Fidelchen, adieu. Wir sehen uns auf der großen Sommerwiese ...".

 

Dann schnurren wir zurück. Fidel und ich immer noch auf der Rücksitzbank, meine Hand an seinem Bauch. Peter, unser tapferer Ritter, schifft uns schluchzend und sicher durch die leise Dämmerung über die Autobahn. Im Fichtelgebirge leuchten Lichter weit hinten zwischen den weißen Berghängen. Leise rieselt jetzt Schnee im sanften Nebel, noch immer weihnachtlich überall und die Himmel so voller Engel.

 

Jetzt, wo ich dieses schreibe, liegt Fidel ein letztes Mal friedlich zu meinen Füßen. Gleich werden wir ihn in ein Kartönchen betten. Ihm ein Briefchen mitgeben an "Fidel Bum, liebevoll genannt Kabuffti", seine letzte Hundpost. Wir wollen sichergehen, dass sie ankommt jenseits der ostindischen Gewässer, damit wir uns dort wieder treffen können.

 

Morgen werden wir ihn in unserem Garten begraben. Im Sommer, dann, sollen Nachtviolen über ihm blühen und in lauen Sommernächten Fidel mit ihrem Duft in unsere Seelen reisen.

 

 

Die Tierärztin in Hummeltal heißt übrigens Dr. med.vet. Michaela Sonnewald-Daum. Die beste von allen.

Weiter mit dem Wandertagebuch ...

 

Wir laufen weiter und werden von nun an in unserem Herzen immerzu einen Doppel(t)gänger von Fidel suchen. Etwas, das uns an ihn erinnert. Da ist doch so viel. Alles erinnert.

 

Der Weg führt etwas bergauf, weg von der Ölschnitz, und wir streifen rechts eine Burg, die wegabgewandt über einem Ölschnitzmäander thront. Schloss Stein. Vom Weg aus sieht man sie kaum. Außen herum lagern landwirtschaftliche Gerätschaften und eine Menge Dixi-Toiletten.

Hier finden wir die 14. Tafel "Landschaft zu Jean Pauls Zeiten":

Weidehänge um das Schloss Stein

Der Lehrer von Jean Paul Th. Helfrecht hat das Fichtelgebirge um 1800 Beschrieben. Es lässt Einblicke zu, wie sich die Landschaft seit dieser Zeit verändert hat.

Durch die Viehweide und auch aus strategischen Gründen waren die Hänge des Tales ohne nennenswerten Gehölzbestand. Wie in der Fränkischen Schweiz waren die Hänge mit dem Weideunkraut Wacholder bestanden. Heute sind Wacholder im Fichtelgebirge sehr selten.

Schloss Stein gehört zum Ort Stein, der wiederum ein Ortsteil der Stadt Gefrees ist. Das Hauptgebäude des ehem. Schloss Stein - eigentlich ist es eine Burg auf einem Felsen - wurde zur Kapelle St. Michael umgebaut. Bei "Stein" handelt es sich um die nachweislich älteste Felsenburg und Walpoten-Siedlung im Fichtelgebirge. Sie ist geschichtsträchtig und liegt wie ein Kleinod über dem Ölschnitztal. Hier werden auch kulturelle Veranstaltungen organisiert. Mehr kann man bei dem Verein "Freunde der Burgkapelle e.V." erfahren.

 

Weiter geht es durch das schöne Tal des Wildbaches (Webseite mit vielen Fotos und Videos). Sein Plätschern begleitet uns ständig. Die Ölschnitz war im 18. und 19. Jahrhundert auch bekannt für seine Flussperlmuscheln. Zwischen 1732 und 1810 fand man an die 6000 Perlen. Da, wo heute Flussperlmuscheln gedeihen, ist die Natur gesund.

 

Hier und da fallen erste Birkenblätter silbern schillernd. Der Herbst zeigt sich schüchtern. Im dunklen Tannenwald duftet es noch nach dem vorgestrigen Gewitterregen und schon nach Pilzen.

Auf dem Jean-Paul-Weg, durch das wildromantische Ölschnitztal
Auf dem Jean-Paul-Weg, durch das wildromantische Ölschnitztal
Durch das wildromantische Ölschnitztal.
Durch das wildromantische Ölschnitztal.

Und auch Stationstafel 84 wächst und gedeiht am Wegesrand:

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 84 "Garten des Lebens" im Ölschnitztal
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 84 "Garten des Lebens" im Ölschnitztal

Garten des Lebens

Sogar dem Leser kann der mit lauter Distelköpfen eingefaßte Weg zum Andreastage nicht länger vorkommen als meinem Helden, der noch dazu die Distelköpfe insgesamt anfassen und ausreißen mußte; sein Garten des Lebens glich immer mehr einem guten englischen, worin nur stachlichte und leere, aber keine Obstbäume gelitten werden.

An deinem Lebensflüsschen steht, wenn es auch zu einem Perlenbach wird, immer eine Galgen- und eine Warntafel.

Aber wie der Baum so gut in die Luft oder den Himmel gepflanzt ist als in die Erde und sich aus beiden nährt: so der rechte Mensch überhaupt; und so lebte Firmian noch mehr künftig als bisher nur mit wenigen Wurzelästen seines Selbst in der sichtbaren Erde; der ganze Baum mit Zweigen und Gipfel stand im Freien und sog mit seinen Blüten an der Himmelluft; wo ihn eine bloß unsichtbare Freundin und ein unsichtbarer Freund erquicken sollten.

Siebenkäs


Das Erfreulichste und Zauberische, auf das ich ewig und sehnsüchtig zuückschaue, ist meine Jugendzeit, aber nicht meine äußere, die kahlste, die je ein Jüngling ertragen, sondern auf meine innere, welche unter dem hohen Schnee der äußeren Lage ihre Blumen und Blüten und den ganzen Frühling trieb.
Jetzt ist der Schnee fort, aber der Lenz auch.

Unter vielen Bäumen wandern wir beschützt weiter, das Tal öffnet sich, neben uns nun Weidewiesen im sattesten Grün.

Auf dem Jean-Paul-Weg, durch das Ölschnitztal
Auf dem Jean-Paul-Weg, durch das Ölschnitztal

Fast wie im Mai, jetzt Stationstafel 83:

Im Mai

Tönte nicht der künftige Frühling schon von weitem über einen ganzen Winter herüber im Abendgeläute des Weide-Viehes, im Wildrufe der Waldvögel und in den gehemmten Bächen, die in den künftigen Blumenüberhang hinein flossen?

Und als eine zuckende Puppe neben ihm noch in der halben eingerunzelten Raupenhülse hing und ihren Blütenkelchen entgegenschlief
- und als das Seelenauge der Phantasie von den Grummethaufen in die Abendpracht des Heumonats hinüberblickte
- und als jeder vielfarbige Baum gleichsam zum zweiten Male blühte
- und als die bunten Gipfel wie vergrößerte Tulpen einen Regenbogen auf den Duft des Herbstes zogen:

So jagten nun nur frühere Mailüfte dem flatternden Laube nach und wehten unsern Freund mit hebenden Wogen an und stiegen mit ihm auf und hielten empor über den Herbst und über die Berge und er konnte die für ihn noch in den Knospen lagen, wie Gärten nebeneinander stehen und in jedem Frühlinge stand ein Freund!

Siebenkäs


Grummet: Dieser Begriff aus der Landwirtschaft bezeichnet den zweiten und die weiteren Grasschnitte

... und in jedem Frühlinge stand ein Freund! So hoffnungsvoll geborgen klingt mir dieses Bild.

 

Kurz bevor wir die Entenmühle erreichen, dürfen wir noch über den Zaun in einen bunten Bauerngarten schauen. In ihm steht eine Oma, in blaugemusterter Kittelschürze, gebückt unter dem Apfelbaum und glaubt Äpfel aus dem Gras. Ja, bei ihr ist das Obst auf der Wiese immer noch gut für einen Kuchen. Alles ist wichtig. Die Oma hat so ein lustiges Gesicht. Ich wünschte, sie wäre meine.

Dann ab in die Entenmühle. Dort gibt es durchgehend warme Küche. Also brauchen wir keine Angst zu haben, mit leerem Magen wieder abziehen zu müssen. Na dann, guten Appetit und Prost!

 

Heute müssen wir wieder die 1,3 Kilometer bergauf nach Lützenreuth zur Bushaltestelle laufen. Wenn man weiß, was auf einen zukommt, kann man es besser aushalten, finde ich. Der Berg ist heute also irgendwie nicht so dolle.

Wir warten nur kurz, dann kommt schon der Bus. Gott-sei-Dank sind wir einmal nicht die einzigen Fahrgäste. Eine Frau sitzt schon auf der Rückbank. Der Busfahrer scheint aus Hof zu kommen. Er telefoniert während der Pause an der Haltestelle, anscheinend privat: "Hou, hou, der Ding, der ... der kann doch des Ding mochn, hou, hou!"

 

"Hou" sagen die Hofer immerzu, wie die Bayern das "fei", die Rheinländer das "gell" oder die Thüringer das "no".

Dann ein neuer Anruf für den Busfahrer. Die Nachricht gibt er gleich weiter, nämlich dass die B2 vor Bad Berneck gesperrt sei. Wir fragen, wie gesperrt? Wie geht es dann weiter? Der Busfahrer hat auch keine Lösung, dann doch eine Idee: "Fragen Sie mal die Frau da hinten, die muss auch nach Berneck, vielleicht können sie ja zusammen ein Taxi nehmen ...?"

Wir kommen mit der Frau ins Gespräch. Dann der Busfahrer wieder zu uns allen: "Die ist schon seit 12 Uhr gesperrt, voll gesperrt. War wohl ein Viehtransporter. Da laufen überall Schweine rum ..."

 

Bin ich jetzt froh, dass ich das nicht miterleben musste, die Bilder bekäme ich nie wieder aus dem Kopf. Dann meint die Fahrgästin laut zum Busfahrer, dass er vielleicht einen Umweg, eine Umgehung fahren könne. Dann kämen wir zwar später an, aber das wäre doch egal. Dann der Busfahrer: "Ich kenn mich hier nicht aus."

Darauf hin macht die Frau dem Busfahrer Mut: "Aber ich kenn mich aus. Ich kann ihnen den Weg schon sagen ..."

Der Busfahrer lässt sich auf ihren Vorschlag ein. Während sie den Busfahrer von hinten steuert, fängt sie mit uns ein Gespräch an. Was wir hier machen würden und, dass das Hundchen auf meinem Schoß ja ganz müde aussähe. Sie ist total nett.

 

Jetzt kriecht der Bus im Schneckentempo den Berg hoch und wir wollen wissen, woran das liegt.

"Das liegt am Gas," sagt der Busfahrer, "die Busse fahren ja alle mit Gas. Bergauf geht denen immer die Puste aus. Haben praktisch keine PS, kann man sagen, hou."

Und dann hammse so viele Berge, denke ich mir noch, und schaue aus dem Fenster. Hinten liegen drei Teiche und ein Graureiher lauert regungslos am Ufer ...

 

... langsam und leise brummend schaukelt der Bus uns weiter. Mein Blick schweift über die Höhe nun. Da, so grüne Wiesen, so viele grüne Wiesen. Auf einer erkenne ich einen kleinen, weißen Pudel, wie er auf uns zu läuft. Immer schneller wird er, legt sich tiefer, seine Ohren steif im Wind nach hinten. Er wirft seine Vorderpfoten, elegant wie ein Dressurpferd, im fliegenden Wechsel nach vorne,  zu mir hin, so voller Herz, so voller Vorfreude, so voller Freude ...

Fidel auf der Wiese. Er läuft uns freudig entgegen.
Fidel - nunmehr, ein bloß unsichtbarer Freund, der uns erquickt für immerdar.

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