19. Eine Art "Hundposttag"

Fidel erschnuppert seine Geschichten rund um den Nagler See
Noch einmal rund um den Nagler See

Noch einmal rund um den Nagler See


Lage des Nagler Sees auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Donnerstag, den 23. August 2012.

 

Heute gibt es keine Etappe, weil Peter arbeitet. Er dreht für den Mitteldeutschen Rundfunk. Ich bleibe so lange mit Fidel in Nagel.

 

Um 9 Uhr 30 bringt die Lebensgefährtin des Vermieters, die wir auch schon kennengelernt haben, mir ein Bügelbrett vorbei. Am Tag zuvor hatte ich den Vermieter gefragt, wo wir unsere Wäsche waschen könnten. Es war nur Wanderkleidung für eine 30-Grad-Wäsche. Er bot an, seine Maschine nutzen zu können. Gemeint war eigentlich, er bzw. seine Lebensgefährtin wäscht für uns. "Das geht schon in Ordnung", meinte er. Abends bekam ich die Wäsche zurück. Da fragte mich die Lebensgefährtin schon, ob ich nicht auch ein Bügelbrett bräuchte. Es war sehr freundlich von ihr, aber ich musste ihr bestimmt dreimal erklären, dass die Wandersachen nicht gebügelt werden müssten. Ich bedankte mich höflich.

Peters Kommentar dazu: "Des schwoaßl ich sowieso gleich wieder ein."

 

Gut, jetzt steht das Bügelbrett doch in Ferienwohnung. Das Wetter ist sonnig und ich entschließe mich, mit Fidel um den Nagler See zu laufen und auch den schönen Lehrpfad zu besuchen.

 

Zuerst kommen wir am Labyrinth vorbei. Das wurde sozusagen in die Wiese am See gemäht. Hier gibt also kein Felsen-Labyrinth sondern ein Wiesen-Labyrinth. Mit einem schönen Schild wird erklärt, was es mit dem Labyrinth auf sich hat.

Wenn man die verschlungenen Wege des Labyrinthes mit mehreren Menschen hintereinander im Gänsemarsch durchläuft, stellt man fest, dass man auf verschiedenen Wegabschnitten den "Mitläufern" immer wieder begegnet, immer anders, manchmal laufen sie in entgegengesetzter Richtung, manchmal neben einem her, manchmal kommen sie einem entgegen.

 

Die ganze verquirlte Laufprozession soll an den Lebensweg an sich erinnern, der sich in Mäandern dem einen bestimmten Ziel nähert.  Je älter man wird, umso mehr bewegt man sich auf sein Ende (?) - nein, seine Mitte zu, oder einem Zentrum, oder wie auch immer man es nennen mag, vorbei an sich wiederholenden Ereignissen, Begegnungen, die aber jedes Mal anders sind. Man trägt auf dem Weg seine Erfahrungen mit sich und diese bewirken, dass man ähnlich Erlebtes neu bewertet und so sich immer etwas Neues ergibt.

Ähnlich wie bei dem Film "Und täglich grüßt das Murmeltier". Hier muss die Hauptfigur, ein TV-Jounalist, jeden Tag immer wieder das selbe erleben. Um aus dieser Zeitschleife heraus zu kommen, versucht er im Tagesablauf alles Mögliche zu verändern. Dahinter steckt auch eine Liebesgeschichte, denn er begegnet an diesem Tag seiner Angebeteten. Herrlicher Film, schon alt aber sehr lustig.

Morgenstimmung am Nagler See
Morgenstimmung am Nagler See

Fidel springt vergnügt vor mir her. Oft schlägt er plötzlich einen Haken, läuft zurück und schnuppert am Wegesrand. Er liest wohl auch so etwas wie Jean-Paul-Stationstafeln, schmunzle ich in mich hinein.

Da - da steht doch etwas ganz wichtiges, das muss er unbedingt noch einmal nachlesen und steckt seine Nase ganz tief in die Wiese hinein. Er sucht offensichtlich nach einem bestimmten Halm. Der eine, auf dem alles drauf steht. Dann hebt er die Nase und scheint zu überlegen, wie er die Botschaft deuten soll, ist sich unschlüssig und schnüffelt alles noch einmal ab. Nein, zwei, drei Mal geht das so. Ich muss mich in Geduld üben und warte auf ihn.

Jetzt riecht er noch einmal an den Nachbarhalmen. Fidel scheint die mir unbekannte Botschaft in eine Art Relation setzen zu wollen, will Vergleiche ziehen, Unterschiede herausarbeiten. Halt, da hat doch ein anderer Hund widersprochen, stellt er jetzt fest. Eine Diskussion scheint aufzuflackern. Hin und her wird jetzt geschnüffelt. Schließlich meint Fidel, so geht das nicht und setzt zum Abschluss einfach seinen Kommentar dazu. Sache erledigt, es kann weiter gehen. Bis die nächste Hundpost kommt.

Zwischen-Eintrag vom 10. Dezember 2017:

 

Fidel geht es schlecht. So dünn ist er geworden, ganz klapprig, kann noch ein bisschen laufen und fressen geht auch noch, auch wenn es zu wenig ist. Jetzt kommt noch ein Durchfall hinzu. Ich kämpfe mit den Tränen und rufe den Tierarzt an. Muss über Einschläfern nachdenken, aber ich bete zu Gott, Fidel möge doch einfach über Nacht in seinem Körbchen sterben. Einmal möchte ich um ein Tier trauern, dass ich nicht einschläfern lassen muss, einmal einfach nur friedlich einschlafen, einmal nur, bitte. Fidel hat es verdient. Das treueste, wahrhaftigste und heiterste Wesen, das an meiner Seite geht.

 

Einen Tag später: Habe vom Tierarzt Verdauungspaste bekommen, Durchfall ist weg, und jetzt ist er wieder da, der kleine Kerl. Ratzt wie eh und je unter meinem Schreibtisch und beim Laufen hüpft er immer noch munter mit seiner Hinterpfote. Ein so schönes Bild, das mich seit über sieben Jahren begleitet.

Weiter im Wandertagebuch:

 

Was es mit der "Hundpost" oder "Hundposttage" auf sich hat

(es gibt auch die Schreibweise "Hundsposttage")

 

Der Begriff "Hundpost" stammt aus Jean Pauls zweiten Roman "Hesperus - oder 45 Hundposttage - eine Lebensbeschreibung".

Es ist im Kern die Liebesgeschichte von Viktor und Klothilde.

 

Da ich beim besten Willen nicht im Stande bin, den Roman "Hesperus" ganz zu lesen, geschweige denn die verworrende Handlung auch nur im Ansatz wiedergeben könnte, behelfe ich mir hier mit einem Zitat aus der Webseite Jean-Paul-2013, um eine Erklärung für "Hundpost/Hundposttage" zu geben:

Der Titel dieser ungewöhnlichen Post geht auf Jean Pauls zweiten Roman „Hesperus“ (1795) zurück, einen Sensationerfolg, der ihn über Nacht berühmt machte und der den Untertitel „45 Hundposttage“ trägt. (...)


Der Untertitel erklärt sich durch die Erzählfiktion des Romans: Der textinterne Erzähler namens Jean Paul lebt auf der (fiktiven) „Insel St. Johannis in den ostindischen Gewässern“ und erhält von einem gewissen Knef einen Brief, in dem er gebeten wird, eine Familiengeschichte niederzuschreiben. Jean Paul erklärt sich dazu bereit, da er „ungern etwas Tolles abschlage“. Das Material zu diesem biografischen Projekt erhält er von dem Spitzhund Spitzius Hofmann, der geschwommen kommt und ihm den Erzählstoff Stück für Stück zuträgt, und zwar in einer Kürbisflasche, die an seinem Halsband befestigt ist. Die Tage, an denen der Hund Nachschub bringt, sind die „Hundsposttage“, und die übrigen sind „Schalttage“. Gemäß dieser Erzählfiktion überblickt der Erzähler also nicht die Gesamtheit der Geschichte des „Hesperus“, er kennt nicht im Voraus den Fortgang der Handlung und weiß nicht, wie sich die Verwicklungen klären werden.

 

Übrigens, die Webseite Jean Paul 2013  verschickte von 2011 bis 2013 per E-Mail, immer Montags, einen Aphorismus von Jean Paul quasi als "Hundspost", insgesamt 112 Sendungen.

 

Noch mehr über die verworrenen Handlungsstränge und sonst noch viel Schönes kann man bei Wikipedia lesen.

 

Ich stöbere nun selbst ein bisschen im "Hesperus".

Hier ein Zitat aus dem "1. Hundposttag - die Ouvertüre und die geheime Instruktion":

 

Die Ouvertüre und die geheime Instruktion

Ein andrer hätte dumm gehandelt und gleich mit dem Anfang angefangen; ich aber dachte, ich könnte allemal noch sagen, wo ich hause – im Grunde am Äquator; denn ich wohne auf der Insel St. Johannis, die bekanntlich in den ostindischen Gewässern liegt, die ganz vom Fürstentum Scheerau umgeben sind. Es kann nämlich guten Häusern, die ihre ordentliche literarische Strazza (den Meßkatalog) und ihr ordentliches Kapitalbuch (die Literaturzeitung) halten, nichts weniger unbekannt sein als mein neuestes Landeserzeugnis, die unsichtbare Loge; ein Werk, zu dessen Lesung mein Landesherr seine Landeskinder und selber die Schriftsassen (es wäre nicht ausdrücklich gegen die Rezesse) noch mehr nötigen sollte als zum Besuche der Landesuniversität. In diese Loge hab' ich nun den außerordentlichen Teich gesetzt, welcher unter dem Namen ostindischer Ozean bekannter ist, und in den wir Scheerauer die wenigen Molukken und andere Inseln hineingefahren und -geflastert haben, auf denen unser Aktivhandel ruht. Während daß die unsichtbare Loge in eine sichtbare umgedruckt wurde, haben wir wieder eine Insel verfertigt – das ist die Insel St. Johannis, auf der ich jetzt hause und spreche.

Der folgende Absatz dürfte anziehend werden, weil man darin dem Leser aufdeckt, warum ich auf dieses Buch den tollen Titel setzte: Hundposttage.

Es war vorgestern am 29. April, daß ich abends auf- und abging auf meiner Insel – der Abend hatte sich schon in Schatten und Nebel eingesponnen – ich konnte kaum auf die Teidor-Insel hinübersehen, auf dieses Grabmal schöner untergesunkner Frühlinge, und ich hüpfte mit dem Auge bloß auf den nahen Laub- und Blütenknospen herum, diesen Flügelkleidern des wachsenden Frühlings – die Ebene und Küste um mich sah wie eine Anziehstube der Blumengöttin aus, und ihr Putzwerk lag zerstreuet und verschlossen in Tälern und Stauden herum – der Mond lag noch hinter der Erde, aber sein Strahlen-Springbrunnen sprützte schon am ganzen Rande des Himmels hinauf – der blaue Himmel war endlich mit Silberflittern durchwirkt, aber die Erde noch schwarz von der Nacht gemalt – ich sah bloß in den Himmel... als etwas plätscherte auf der Erde....

 

Ein Spitzhund tats, der in den indischen Ozean gesprungen war und nun losdrang auf St. Johannis. Er kroch an meine Küste hinauf und regnete wedelnd neben mir. Mit einem blutfremden Hunde ist eine Unterredung noch saurer anzuspinnen als mit einem Engländer, weil man den Charakter und Namen des Viehes nicht kennt. (Kennen wir von Stationstafel 41). Der Spitz hatte etwas mit mir vor und schien ein Bevollmächtigter zu sein. Endlich machte der Mond seine Strahlen-Schleusen auf und setzte mich und den Hund unter Licht.

 

"Sr. Wohlgeboren
des Herrn Berg-Hauptmann [Fußnote] Jean Paul
  auf
Frei St. Johannis."

 

Diese Aufschrift an mich hing vom Halse der Bestie herunter und war an eine Kürbisflasche, die ans Halsband gebunden war, angepicht. Der Hund willigte ein, daß ich ihm sein Felleisen abstreifte, wie den Alpenhunden ihren tragbaren Konvikttisch. Ich zog aus dem Kürbis, der in Marketenderzelten oft mit Geist gefüllt worden, etwas heraus, was mich noch besser berauschte – ein Bündel Briefe. Gelehrte, Verliebte, Müßige und Mädchen sind unbändig auf Briefe erpicht; Geschäftleute gar nicht.

 

Das ganze Bündel – Name und Hand waren mir fremd – drehte sich um den Inhalt, ich wäre ein berühmter Mann und hätte mit Kaisern und Königen Verkehr [Fußnote], und Berghauptmänner meines Schlages gäb' es wohl wenig, u. s. w. Aber genug! Denn ich müßte nicht eine Unze Bescheidenheit mehr in mir tragen, wenn ich mit der Unverschämtheit, die einige wirklich haben, so fort exzerpieren und es aus den Briefen extrahieren wollte, daß ich der scheerauische Gibbon und Möser wäre (zwar im biographischen Fache nur, aber welche Schmeichelei!) – daß jeder, der ein Leben besäße und es von mir biographisch abgeschattet sehen wollte, damit fortmachen sollte, ehe ich von irgendeinem königlichen Hause zum Historiographen weggepresset würde und gar nicht mehr zu haben wäre – daß es mir gleichwohl wie andern Berghauptleuten ergehen könnte, vor denen das zerstreuete Publikum oft nicht eher den Hut abgenommen, als bis sie schon in eine andere Gasse, d. h. Welt, hinein gewesen, u. s. w. Wer besorgt letztes mehr als ich selber? Aber auch diese Besorgnis bringt einen bescheidnen Mann nicht dazu, daß er hinabkriecht und den Einbläser seines Lobredners macht; wie ich doch getan haben würde, wenn ich fort ausgezogen hätte. Meinem Gefühle sind sogar die Schriftsteller verhaßt, die mit dem Endtriller: "Bescheidenheit verbiete ihnen, mehr zu sagen" unverschämt erst dann nachkommen, wenn sie alles schon gesagt haben, was jene verbieten kann.

 

Jetzo wagt sich der Korrespondent mit seiner Absicht hervor, mich zum Lebensbeschreiber einer ungenannten Familiengeschichte zu machen. Er bittet, er intrigieret, er trotzt. "Er könne" – (schreibt er weitläuftiger, aber ich abbreviere alles und trag' überhaupt diesen Briefauszug mit außerordentlich wenig Verstand vor; denn ich werde seit einer halben Stunde von einer verdammten Ratten-Bestie ungemein ärgerlich gekratzt und genagt) – "mir alles gerichtlich dokumentieren, dürfe mir aber keine andere Namen der Personagen in dieser Historie melden als verfälschte, weil mir nicht ganz zu trauen sei – er kläre mir schon alles mit der Zeit auf – denn an dieser Geschichte und deren Entwicklung arbeite das Schicksal selber noch, und er händige mir hier nur die Schnauze davon ein und werde mir ein Glied nach dem andern, so wie es von der Drechselbank der Zeit abfalle, richtig übermachen, bis wir den Schwanz hätten – daher werde der briefliche Spitz regelmäßig weg- und anschwimmen wie eine poste aux ânes, aber nachschiffen dürf' ich dem Briefträger nicht – und so" (schließet der Korrespondent, der sich Knef unterzeichnet) "werde mir der Hund wie ein Pegasus so viel Nahrungsaft zutragen, daß ich statt des dünnen Vergißmeinnichts eines Almanachs einen dicken Kohlstrunk von Folianten in die Höhe zöge."

 

Wie glücklich er seine Absicht erreicht habe, weiß der Leser, der ja eben aus dem ersten Kapitel dieser Geschichte herkömmt, das der Spitz von Eymanns Ratten bis zur Kanonade auf einmal in der Flasche hatte.

 

Ich schrieb Herrn Knef nur so viel im Kürbis zurück: "Etwas Tolles schlag' ich selten ab. – Ihre Schmeicheleien würden mich stolz machen, wenn ichs nicht schon wäre; daher schaden Schmeichler wenig. – Ich finde die beste Welt bloß im Mikrokosmus ansässig, und mein Arkadien langt nicht über die vier Gehirnkammern hinaus; die Gegenwart ist für nichts als den Magen des Menschen gemacht; die Vergangenheit besteht aus der Geschichte, die wieder eine zusammengeschobene, von Ermordeten bewohnte Gegenwart, und bloß ein Deklinatorium unsrer ewigen waagrechten Abweichungen vom kalten Pole der Wahrheit, und ein Inklinatorium unsrer senkrechten von der Sonne der Tugend ist – Es bleibt also dem Menschen, der in sich glücklicher als außer sich sein will, nichts übrig als die Zukunft oder Phantasie, d. h. der Roman. Da nun eine Lebensbeschreibung von geschickten Händen leicht zu einem Roman zu veredeln ist, wie wir an Voltairens Karl und Peter und an den Selbstbiographien sehen: so übernehm' ich das biographische Werk, unter der Bedingung, daß darin die Wahrheit nur meine Gesellschaftdame, aber nicht meine Führerin sei.

 

In Besuchzimmern macht man sich durch allgemeine Satiren verhaßt, weil sie jeder auf sich ziehen kann; persönliche rechnet man zu den Pflichten der Medisance und verzeiht sie, weil man hofft, der Satiriker falle mehr die Person als das Laster an. In Büchern aber ist es gerade umgekehrt, und es ist mir, falls einige oder mehrere Spitzbuben in unsrer Biographie, wie ich hoffe, Rollen haben, das Inkognito derselben ganz lieb. Ein Satiriker ist hierin nicht so unglücklich wie ein Arzt. Ein lebhafter medizinischer Schriftsteller kann wenige Krankheiten beschreiben, die nicht ein lebhafter Leser zu haben meine; dem Hypochondristen impfet er durch seine historischen Patienten ihre Wehen so gut ein, als wenn er ihn ins Bette zu ihnen legte; und ich bin fest versichert, daß wenige Leute von Stande lebhafte Schilderungen der Lustseuche lesen können, ohne sich einzubilden, sie hätten sie, so schwach sind ihre Nerven und so stark ihre Phantasien. Hingegen ein Satiriker kann sich Hoffnung machen, daß selten ein Leser seine Gemälde moralischer Krankheiten, seine anatomischen Tafeln von geistigen Mißgeburten auf sich anwenden werde; er kann froh und frei Despotismus, Schwäche, Stolz und Narrheit ohne die geringste Sorge malen, daß einer dergleichen zu haben sich einbilde; ja ich kann das ganze Publikum oder alle Deutsche einer ästhetischen Schlafsucht, einer politischen Abspannung, eines kameralistischen Phlegma gegen alles, was nicht in den Magen oder Beutel geht, beschuldigen; aber ich traue jedem, der mich lieset, zu, daß er wenigstens sich nicht darunter rechne, und wenn dieser Brief gedruckt würde, wollt' ich mich auf eines jeden inneres Zeugnis berufen. – Der einzige Spieler, dessen wahren Namen ich in diesem historischen Schauspiel haben muß, zumal da er nur den Einbläser macht, ist der – Hund.

 

Jean Paul."

 

Fußnote: Es ist bekannt, wie wenig ich vom Bergwesen verstehe; ich habe daher Ursache zu haben geglaubt, bei meinen Obern um einen Sporn anzuhalten der mich antriebe, daß ich in einer so wichtigen Wissenschaft etwas täte und so ein Sporn ist eine Berghauptmannstelle allemal.

Fidel übernimmt hier mal kurz die Rolle von "Spitzius Hofmann" ...
Fidel übernimmt hier mal kurz die Rolle von "Spitzius Hofmann" ...

Fidel übernimmt zur besseren Anschauung hier mal kurz die Rolle von "Spitzius Hofmann". Gerade will er, mit einer Kürbisflasche um den Hals, über die ostindischen Gewässer zur Insel St. Johannis, wo Jean Paul auf ihn wartet, schwimmen um die so gesandten Briefe entgegen zu nehmen ... aus deren Inhalt der Dichter dann den Liebesroman "Hesperus" zusammen bastelt. Mal lax formuliert.

 

Es entspinnt sich ein unglaublich verworrenes Geflecht aus Handlungssträngen, Figuren, Verwandtschaften und Nicht-Verwandtschaften, Ereignissen, Geschehnissen, Krankheiten, Behinderungen, Verhinderungen, Verleumdungen, Oster- und Pfingstbegegnungen, Lügen, Maskenspielen, Bösewichten, guten Geistern, verborgenen Schutzengeln, Duellen und zwischendrin eine Liebesgeschichte, die es ganz schön schwer hat, ihre eigenste, inniglichste und heimliche Szene zu finden. Hier ist sie:

... vor – Klotilde.... Augenblick! der nur in der Ewigkeit wiederholt wird, schimmere nicht zu stark, damit ich es ertragen kann, bewege mein Herz nicht zu sehr, damit es dich beschreiben kann! – Ach beweg' es nur wie die zwei Herzen, denen du erschienst; du begegnest uns allen nicht mehr.... Und Klotilde und Viktor standen unschuldig vor Gott, und Gott sagte: weint und liebt wie in der zweiten Welt bei mir! – Und sie schaueten sich sprachlos an in der Verklärung der Nacht, in der Verklärung der Liebe, in der Verklärung der Rührung, und Wonnezähren deckten die Augen zu und hinter den erleuchteten Tränen stiegen um sie verklärte Welten aus der dunkeln Erde auf und der Abendspringbrunnen legte sich glimmend wie eine Milchstraße über sie herüber und der Sternenhimmel schlug funkelnd über sie zusammen und das entweichende Vertönen spülte die aufgehobnen Seelen vom Erdenufer los.... Siehe! da trieb ein kleines Wehen die entfliegenden Laute heißer und näher an ihr Herz, und sie nahmen ihre Tränen von den Augen; und als sie umherschaueten in der Gegenwart: so bewegte das melodische Wehen alle Blüten im Garten, und die große Nacht, die mit Riesengliedern im Mondschein auf der Erde schlief, regte vor Wonne ihre Kränze aus abgeschatteten Gipfeln und die zwei Menschen lächelten zitternd zugleich und schlugen miteinander die Augen nieder und hoben sie miteinander auf und wußtens nicht. Und Viktor konnte endlich sagen: »O! möge das edelste Herz, das ich kenne, so unaussprechlich selig sein wie ich und noch seliger! So viel hab' ich nicht verdient.« – Und Klotilde sagte in einem sanften Tone: »Ich bin den ganzen Abend meistens allein geblieben, bloß um vor Freude zu weinen, aber er ist zu schön für mich und die Zukunft.« ... Die umkehrenden Gespielinnen kamen den Garten herauf, und beide mußten auseinander scheiden; und als Viktor noch mit erstickten Lauten sagte: »Ruhe wohl, du edle Seele – solche Freudentränen müssen immer in deinen Augen stehen, solches melodische Getöne müsse immer um deine Tage rinnen – Ruhe wohl, du himmlische Seele«; und als ein Blick voll neuer Liebe und ein Auge voll neuer Tränen ihm dankte; und als er sich tief, tief bückte vor der Heiligen, Stillen, Bescheidnen und aus Ehrfurcht nicht einmal ihre Hand küßte: so umarmte in der Unsichtbarkeit ihr Genius seinen Genius vor Entzücken, daß ihre zwei Kinder so glücklich waren und so tugendhaft. – – ...

 

Viktor geht allein durch den nächtlichen Park zurück und sinkt letztendlich in glühenden Schlaf:

 

... nur einige gebrochne Laute sang er noch in sich... nur einigemal regte er noch die liegenden Arme zu Umfassungen... und nur im Ersterben des Schlummers und der Wonne stammelte er einmal noch dunkel: Geliebte! ...

Und so schön, großer Allgütiger, laß uns andere Menschen in der letzten Nacht entschlafen wie Viktor in dieser, und laß es auch unser letztes Wort sein: Geliebte! –

 

Aus Jean Paul: Hesperus - oder 45 Hundposttage, Dritter Pfingsttag oder 35. Hundposttag

Zum Niederknien. Vermutlich hat keiner der Leser zu Jean Pauls Zeiten den Roman richtig begriffen. Es sind Beschreibungen wie diese, und das Buch ist voll davon, die völlig ausreichen, um es zu lieben. Es wurde ein Erfolg.

 

Ich würde gerne diese Szenen malen wollen, so schön sind sie. Voller entzückender Details. Ich verstehe nicht, wieso bis heute kein Drehbuchautor und kein Regisseur in den jeanpaulschen Topf gegriffen hat, um Inspirationen für Bilder, Szenen, Dialoge, Gags oder Plots (so nennt man neuerdings den Handlungsverlauf einer Geschichte) herauszufischen. Gar Jean Paul zu verfilmen, seine Biographie mitsamt der Episode "Rollwenzelin" (das Thema folgt noch), oder ein Buch, z.B. das Schulmeisterlein Wutz, Siebenkäs, Flegeljahre ... wäre anstrengend, aber sicherlich lohnend. Ich würd's sofort machen.

 

Nun laufe ich mit meinem "Spitzius Hofmann" weiter um die "ostindischen Gewässer".

Um den Nagler See
Um den Nagler See

Der Nachmittag geht zur Neige. Wir streifen noch ein paar Lehrpfadtafeln und trödeln uns nach Hause. Peter ist noch immer nicht zurück. Ich gebe Fidel Futter und bereite das Abendessen vor, sitze am kleinen Tisch und schnippele Gemüse. Da taucht doch glatt der Vermieter wieder ganz dicht vor meinem Terrassenfenster auf. Jetzt fängt er an, seinen Garten zu gießen. Neben dem Fenster ist außen ein Schalter, mit dem er die Sprinkleranlage in Gang setzt. Dann wartet er die ganze Zeit, bis es genug ist. Mir bereitet das Unbehagen. Ich meine, ich könnte hier nackt herum laufen. Was dann? Aber kaum ist er fertig, fängt er an die Blumenkästen und -kübel zu gießen. Gießkanne für Gießkanne. Es gibt Menschen, die haben wenig ausgeprägte Grenzgefühle.

 

Ich gehe zu ihm hinaus und gebe das Bügelbrett zurück, mit einem herzlichen Dankeschön.

 

Peter kommt später zurück als erwartet. Drehtage dauern meistens länger als man denkt. Heute gibt es Bratkartoffel, Gemüse, Salat und einen Fernsehfilm, den Peter verschnarcht. Ich gucke noch lange, bin nicht müde genug.

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