17. Wo die Wasser sich teilen

Aussichtsplattform auf dem Weißmainfelsen
Fichtelsee – Karches – Bischofsgrün (superschöne Etappe!)

Fichtelsee – Karches – Bischofsgrün


Den kompletten Verlauf des Jean-Paul-Wegs finden Sie hier: Literaturportal Bayern

Dienstag, der 21. August 2012.

Wir machen uns heute früh auf den Weg. Schon kurz hinter Fichtelberg begegnen wir Stationstafel 70:

In der Jugend

 

In der Jugend will man sonderbarer erscheinen als man ist, im Alter weniger sonderbar als man ist.

 

Unsere Zeit ist mit der Zeit zufrieden, d. h. die Jünglinge halten die künftige für idealer als die gegenwärtige, die Alten die vergangene.

 

Das Alter ist trüber als die Jugend, nicht, weil seine Freuden, sondern weil die Hoffnungen erloschen sind.

 

Das traurige Narrenspiel wird in jedem Jahrhundert wieder gespielt, daß Jünglinge sich über die nächstvergangene Zeit erhoben denken, weil sie Knechte der neuesten sind, und daß sie als Greise, dem Neuen abhold, wieder die Jünglinge hassen, die es ebenso machen.

Dann plagen uns wieder Forst-Folter-Wege. Sie führen uns stetig bergauf bis zum Weißmainfelsen, der 929 Meter hoch ist. Er ist ein kleiner Bruder des nahegelegen Ochsenkopfes. (Der Ochsenkopf ist mit seinen 1024 Metern der zweithöchste Berg des Fichtelgebirges. Der Schneeberg mit seinen 1051 Metern überragt ihn nur um ein paar Meter). In Wirklichkeit aber handelt es sich bei dem Weißmainfelsen um eine Granitfelsengruppe, wie wir bald sehen werden.

Das kleine Wunder »Tobias«

Es ist immer noch heiß. Wir walzen uns langsam und stöhnend nach oben. Bleiben immer wieder stehen. Verschnaufen.

»Da müssen wir uns hochbeten. Was anderes fällt mir auch nicht ein«, sage ich zu Peter. »So funktioniert das ja auch bei den Wallfahrten. Litaneimäßig. Da spürt man keine Schmerzen mehr.«

 

Und als ob der liebe Gott mir zugehört hätte, schickt er uns prompt eine Art Vorbeter. Ungefähr auf halber Höhe des Weges hören wir von Weitem eine Stimme rufen: »Tobias! … Tobias! … Der Ball! … Tobias! … Tobias! … Der Ball!»

Der Refrain wird in allen Tonlagen variiert. Bis jetzt hören wir nur, zu sehen bekommen wir noch nichts. Es schallt weiter durch den Wald: »Tobias! … Tobias! … Der Ball!«  

 

Wer um Himmels willen ist Tobias? Fragen wir uns. Hinter einer Weg­biegung lüftet sich dann das Geheimnis. Eine kleine Familie, Vater, Mutter, ein Mädchen und ein Junge sind hier ebenso unterwegs. Der Junge, der vor­weg läuft, hat einen orangefarbenen Basketball in der Hand und spielt ihn von Zeit zu Zeit auf den Boden, eher ungeschickt, sodass der Ball droht, bergab davonzukullern. Dann ruft das Mädchen – wir vermuten, es ist die Schwester: »Tobias! …Tobias! … Der Ball!« Und Tobias fängt ihn immer wieder auf, manchmal muss er dafür ein bisschen laufen. Dabei redet er seelenruhig laut vor sich hin. Zu verstehen ist nur: »… Goldener Ball, … mein goldener Ball!«

 

Wir nehmen an, dass Tobias Autist ist. So könnte es sein. Das wäre uns eine Erklärung der Szenerie. Die Schwester weiß, wie wichtig der Ball für Tobias ist und passt deshalb mit auf, dass er ihn nicht bergab kullernd verliert. 

Uns ist das warmherzige Schauspiel eine wunderbare Ablenkung von der eigenen Anstren­gung. Wir gehen absichtlich langsamer, damit wir die kleine Familie nicht überholen müssen. Die vier bleiben so immer 50 Meter vor uns, bis oben hin zur Fichtelnaabquelle. Im Geiste tragen wir für Tobias den goldenen Ball mit und vergessen dabei unsere Qualen.

 

Jetzt bin ich selbst schon langsam in Jean Pauls spätem Alter. Ich bin heute 60 Jahre alt. Für mich gilt also mehr das Zurückblicken in vergangenes Leben als das Hoffen auf Zukünftiges. Vor uns läuft hier gerade die Jugend so sondersam und wohltuend und zieht uns Alte mit nach oben. Wir halten uns ein bisschen an ihnen fest … und streifen Stationstafel 71:

Im Alter

 

Im Alter ist einem der Nutzen des Ruhms lieber als der Ruhm.

 

Im Alter fallen den schönen Gegenden und dem Frühling so viele Reize ab, weil keine Aussichten der Liebe und Abenteuer mehr da sind.

 

Im Alter ist die Misanthropie weniger Haß gegen – als Übersättigung mit Menschen.

 

Im Alter kennt man mehr von sich als von anderen; in der Jugend umgekehrt, daher dort Einsamkeit gut, hier Geselligkeit.

Was, wenn man sich im Alter immer noch nach Liebe sehnt? Sie ist für immer die einzige und die letzte und die größte Hoffnung, die bleibt. Immer.

 

Es dauert nicht mehr lange, da erreichen wir die Fichtelnaabquelle. Die kleine Familie erfrischt sich hier ebenso wie wir, läuft aber dann einen anderen Weg weiter. Schade. Adieu!

Aus Wikipedia:

… Die Quelle der Fichtelnaab befindet sich am Südosthang des Ochsenkopfs, etwa 800 Meter südöstlich der Quelle des Weißen Mains und etwa zwei Kilometer nordwestlich von Fichtelberg bzw. des 10,5 Hektar großen Fichtelsees. Von dort fließt sie südostwärts über die Ortschaften Fichtelberg und Mehlmeisel in den Landkreis Tirschenreuth. Dort gelangt die Fichtelnaab über BrandEbnathNeusorg und Erbendorf nach Windischeschenbach, wo sie in die Waldnaab mündet. …

Wohin die Wasser fließen

Also, die Fichtelnaab fließt in Richtung Südosten, entgegen un­serer Wanderrichtung in die Naab. Die Naab in die Donau und die Donau ins Schwarze Meer. Das wird mit den Quellen bald anders, denn wir wan­dern in Richtung der »Europäischen Hauptwasserscheide«. Von da aus werden die Wasser vor uns her, in Richtung Westen, in den Rhein und dann in die Nordsee und den Atlantik fließen.

 

Im Geiste verwandele ich mich in ein Walnuss-Schiffchen, setze mich in die Rinnsale und fahre mit ihnen in die große weite Wasserwelt. Das Gebirge entscheidet, wohin die Reise geht. Wer hätte gedacht, dass ich hier auf den Bergen per Gedanken über die Weltmeere schiffe, die Wassertropfen beneide um ihre bevorstehenden Abenteuer, um ihre Begegnungen mit Walen, Stür­men, ewigen Winden und ewigem Eis. Wie wäre ich gerne das pure Element selbst, und mithin jener Ozean, aus dem ich gestiegen bin und zu dem ich mich sehne zurückzu­kehren.

 

Aber Hilde, wandere nur weiter, du darfst jetzo mit Jean Paul reisen. Er wird dir ebenso fantastische Welten zeigen. Sieh’ nur und flieg’ mit, flüstert’s mir … noch geht es weiter bergauf … vorbei an Stationstafel 72:

Wie auf Wolken

 

»Ach, gut Lenette«, rief es ihm, »warum kann ich dich nicht jetzt, in diesem Eden, an diesem vollen weichen Herzen selig zerdrücken – ach, hier würd’ ich dir lieber vergeben und dich schöner lieben!« – Du gute Natur voll unendlicher Liebe bist es ja, die in uns die Entfernung der Körper in Annäherung der Seelen verwandelt; du bist es, die vor uns, wenn wir uns an fernen Orten recht innig freuen, die freundlichen Bilder all derer, die wir verlassen mußten, wie holde Töne und Jahre vor-überführt, und du breitest unsere Arme nach den Wolken aus, welche über die Berge herfliegen, hinter denen unsere Teuersten leben!

 

Jean Paul »Siebenkäs – Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel«, kurz »Siebenkäs«. Ein Eheroman.

 

 

Die Leiden sind wie die Gewitterwolken: In der Ferne sehen sie schwarz aus, über uns grau.

 

Manchen großen Mann lernt man oft nicht früher kennen als am Ende seiner Laufbahn. Er wird sichtbar, um zu verschwinden, so wie oft Wolken die Laufbahn der Sonne umstäuben und nur vor ihrem zurückweichen; wir sehen sie nichts als untergehen.

 

Wir unterscheiden uns von einander in der Höhe des Rangs wie Wolken über und untereinander.

Und dann sind wir auch schon oben und stehen sogleich vor dem Weißmain­felsen. Das heißt, wir stehen ganz plötzlich vor ihm, denn er hält sich zwi­schen den vielen Fichten verborgen. Man ist überrascht. Eine Granitformation, hingewachsen wie eine steinerne Pilzkolonie. Wieder gibt es Wegelchen zwi­schen Felsschluchten, in Stein gehauene Stufen und Leitertreppen aus Holz. Man darf wieder steigen und klettern – und oben dann die prachtvoll in alle Blaus aufgefächerte Aussicht genießen: auf den Schneeberg, den Großen Waldstein, die Große Kösseine und in der Ferne auf die Basaltkegel bei Kemnath.

 

Ja, und hier oben verläuft sie: eine der Linien der Europäischen Hauptwasserscheiden.

Aussichtsplattform auf dem Weißmainfelsen
Aussichtsplattform auf dem Weißmainfelsen

Der Weg bergab ist ein Pfad der puren Heiterkeit. Ich sage nur: Felsen, Wurzeln und Tannenzapfen.

Auf dem Jean-Paul-Weg – Richtung Weißmainquelle
Auf dem Jean-Paul-Weg – Richtung Weißmainquelle

Hier klingelt wieder Fidels »Glöckchen«. Das ist seine Hundesteuermarke, die am Hundegeschirr befestigt ist. Sie schlägt immer dann leicht auf einen Metallring, wenn Fidel tänzelt. Tänzeln heißt, sanft federnd, wie eine Ballerina auf spitzen Füßchen, freudig vorausspringen. Das tut er, wenn ihm der Weg Spaß macht, wie zum Beispiel weiche Waldwege, die zudem auch noch kurvig verlaufen. Er wird dann richtig neugierig auf das, was hinter der Biegung auf ihn warten könnte. So etwas gefällt einem Pudel, denke ich mir, und erquicke mich an dem heiteren Klingeln.

 

Jetzt erreichen wir die erste Quelle, deren Wasser von hier aus in den Atlantischen Ozean fließen werden. Es ist die Weißmainquelle,  groß, in grauem Granit gefasst. Der Weiße Main ist, neben dem Roten Main, der wasser­reichere Quellfluss des Mains. Bei Kulmbach fließen sie zusammen, und werden dann als Strom zum wichtigsten rechten Nebenfluss des Rheins werden.

Noch geht es weiter unter schwarzgrünen Fichten und über alte Wurzeln, dann und wann lockt ein Fingerhut am Wegesrand und mit ihm Stationstafel 73:

Auf dem Jean-Paul-Weg – Stationstafel 73 »Wie die Insekten«
Auf dem Jean-Paul-Weg – Stationstafel 73 »Wie die Insekten«

Wie die Insekten

 

Fremde Ideen sind die Insekten, die den Samenstaub von einem Gedanken in uns zum andern tragen und dadurch befruchten.

 

Der Mensch hat zwei Herzkammern, in der einen sein Ich; in der andern das fremde, die er aber lieber leer stehen lasse, als falsch besetze. Der Egoist hat, wie Würmer und Insekten, nur eine.

 

Die bleichen Großen haben überhaupt kein Blut, das wenige ausgenommen, was sie den Untertanen abschröpfen oder was ihnen an den Händen klebt, wie die Insekten kein rotes Blut bei sich führen als das den anderen Tieren abgezogene.

 

Nur gleichen die meisten Menschen unserer nicht sowohl aufgeklärten als aufklärenden Zeiten den Nachtinsekten, die das Taglicht fliehen oder mit Schmerzen empfinden, die aber in der Nacht jedem Nachtlicht, jeder phosphoreszierenden Fläche zuflattern.

 

Insektengesumse begleitet den Sonnenuntergang des grossen Mannes.

Weiter nur bergab. Wir werden langsam immer schneller und trudeln so im Waldrasthaus Karches ein. Es liegt direkt an dem kleinen Karches Weiher, zwischen Ochsenkopf und Schneeberg. Begrüßt werden wir von allerlei Getier. Esel »Bolle« und Muli »Lara« iahen laut, Hund »Jimmy« döst in der Sonne, die Katzen, genannt »Punkt« und »Rübe«, schlafen auf der Fensterbank. Kaninchen, Hasen und Enten gibt es natürlich auch zu sehen – erst einmal – über zu essen wollen wir nicht nachdenken. Fisch steht reichlich auf der Speisekarte. 

Ein Weiher umrahmt von Bäumen, zwischen Ochsenkopf und Scheeberg gelegen
Der Karches Weiher

Das Waldrasthaus Karches ist relativ groß. Man sieht, dass hier ganze Reise­gruppen bewirtet werden. Von der Bundesstraße 303 aus, ist das Rasthaus auch gut zu erkennen. Aber es ist wirklich ein Rasthaus im Grünen. Es war schließlich einmal das Waldhaus Karches und der Karches Weiher war einmal ein Floß-Weiher. Schon vor über 300 Jahren. Den Straßenverkehr hört man hier nicht.

 

Auf meinem Weg zur Toilette komme ich am Spielezimmer vorbei. Es ist das größte, das ich je in einem Gasthaus gesehen habe.

Draußen sitzt man auf einer weiten Sonnenterrasse mit einem herrlichen Ausblick auf den Karches Weiher. Kinder können auch am Wasser im Sand buddeln und planschen. Für Familien eine perfekte und schöne Einkehr an diesem Weg.

 

Wir trinken heute nur Bier, denn wir wollen weiter bis nach Bischofsgrün. Was wir auf dem Weg dorthin erleben werden, ist für mich ganz großes Kino. Zunächst aber besuchen wir Stationstafel 74:

Als Gespenst oder Engel

 

Der Traum, dieser chaotische, riesenhafte Seelen- und Geistermaler bildet aus den kleinen Schrecken des Tages jene ungeheuren Furienmasken, welche die in jedem Menschen schlafende Geisterfurcht wecken und nähren.

 

Ich dachte an das Himmelsglück, ein Gespenst zu sein –  da tat sich eine Pandorabüchse, ein Äolsschlauch von Phantasien auf. 

Ihr Geister!

Wie gern wollt’ ich Grenzsteine verrücken und unrechtes Gut einsammeln, wenn ich dadurch die Geister-Maskenfreiheit überkäme, daß ich in schrecklicher Gestalt umgehen und jedem Schelm, der mir gefiele, das Gesicht zu einem physiognomischen Anagramm umzeichnen könnte.

 

Bald würd’ ich vor dem Oberkriegskommissar als ein sanfter Haifisch gähnen – bald einen welken roué [eine durchtriebene, frivole Person] als eine Riesenschlange umhalsen wie den Laokoon – bald vor einem Sortiment von Bratenröcken, das die Käferfreßspitzen schon in die braune Pastete setzt, aus dieser belebt und naß aussteigen als greuliche Harpye [ein schreckliches Mischwesen aus Frau und Vogel] – und fast täglich würd’ ich fait [eine Handlung] davon machen, daß ich diese statistischen, kleinstädtischen Achtzehnjahrhunderter ohne Geister und Religion mitten in der Kammerjägerei ihrer Brotstudien, Brotschreibereien und ihres Brotlebens mit etwas Überirdischem (ich fahre z. B. als ein Engel durch den Saal) aus der Trödelbude ihres abgeschabten Treibens und Glaubens hinaussprengte, so daß sie sich lieber für toll hielten und für krank und sogleich nach dem Kreisphysikus schickten.

 

Jean Paul »Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch«

Der schönste Weg aller Zeiten – für mich

Ein einzig beglückend … riesenhafter Seelen- und Geistermaler … ist dieser Weg für uns heute. Aus kleinsten Findelstücken auf dem Pfad webt er uns Feengewänder, in denen wir jetzt durch traumhafte Märchenwelten schweben und sie sehen dürfen, die anderen so freundlichen Wesen, die unsere Seelen erfüllen. 

Auf purestem Wurzel-, Fichtennadel- und Tannenbäumchenpfad, immer ganz nah am noch jungen Weißen Main entlang. So kleine Kurven, man muss auf jeden Tritt achten. Geplätscher begleitet uns. Überall stehen Zwerge im Wasser und suchen nach Flussperlmuscheln. Wichtel wohnen unter den Steinen und zwischen den vielen kleinen Felsen. Oder Faune. Oder die uralte Biberfamilie aus den »Chroniken von Narnja« …

Wurzel- und Weihnachtsbaumpfad
Auf dem Jean-Paul-Weg zwischen Karches und Bischofsgrün

Der Weg ist mindestens drei Kilometer lang. Ein Traum, der fast kein Ende zu haben scheint.

 

Da, ein paar Moorteiche, Stege darüber und Bohlenwege. Allerorten Weihnachtsbäume auf Sommerurlaub – oder werden sie von den Wichteln hierhingepflanzt? Mäandrierende Bachläufe. Bemooste Ufer, so sanft, dass sie Fidel immer zum Trinken einladen, und ringsumher schim­mert das Wasser rätselhaft rostfarben. Verspielte Sonneninseln, hier und da huscht eine Eidechse davon. Immer wieder tauchen kleine Holzbänke auf. Wollte man hier Picknick machen, man könnte sich nicht entscheiden, so lieblich lockt jeder Winkel.

Doch – für Peters Knie wird es langsam ein bisschen beschwerlich, weil es immer leicht bergab geht. Zudem muss man sich sehr konzentrieren, um nicht über die Wurzeln zu stolpern. Das macht müde. Man sollte also Zeit mit­bringen.

Der Weg ist also nicht nur zum Wegträumen, sondern er ist auch ein bisschen abenteuerlich und gefährlich. Für mich unvergesslich. Später werden wir in einem Prospekt lesen, dass das Fichtelgebirge voll solcher Wege ist. Oh!

 

Dann ist er zu Ende. Auf breitem Forstweg geht es weiter, vorbei an einer Rasthütte und Stationstafel 75. Sie begleitet uns nun in das Schattenreich unserer zukünftigen Welt:

Rasthütte mit Jean-Paul-Stationstafel
Auf dem Jean-Paul-Weg vor Bischofsgrün – Stationstafel 75 »Mitternachtsgespenster«

Mitternachtsgespenster

 

Alle Gräber waren aufgetan, und die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen auf und zu. An den Mauern flogen Schatten, die niemand warf, und andere Schatten gingen aufrecht in der bloßen Luft. In den offenen Särgen schlief nichts mehr als die Kinder … 

 

Die Kirche schwankte auf und nieder von zwei unaufhörlichen Mißtönen, die in ihr miteinander kämpften und vergeblich zu einem Wohllaut zusammenfließen wollten …

 

Ich ging durch unbekannte Schatten, denen alte Jahrhunderte aufgedrückt waren. – Alle Schatten standen um den Altar, und allen zitterte statt des Herzens die Brust. Nur ein Toter, der erst in die Kirche begraben worden, lag noch auf seinen Kissen ohne eine zitternde Brust, und auf seinem lächelnden Angesicht stand ein glücklicher Traum. Aber da ein Lebendiger hineintrat, erwachte er und lächelte nicht mehr, er schlug mühsam ziehend das schwere Augenlid auf, aber innen lag kein Auge, und in der schlagenden Brust war statt des Herzens eine Wunde. Er hob die Hände empor und faltete sie zu einem Gebete; aber die Arme verlängerten sich und lösten sich ab, und die Hände fielen gefaltet hinweg. Oben am Kirchengewölbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem keine Zahl erschien und das sein eigener Zeiger war; nur ein schwarzer Finger zeigte darauf, und die Toten wollten die Zeit darauf sehen.

 

Jean Paul »Rede des toten Christus«

Die vollständige Rede ist hier zu lesen: »Die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei«

Grübeln ist ein Gefährte

Ich, da ich das heute an einem nebligen Novembertag schreibe, und mit Fidel spazieren war, es dämmerte schon sehr, hörte ich, wie Wildgänse über mir rie­fen. Seit Tagen ziehen sie unentwegt, unzählig, immer ihre Formation haltend. Es will gar nicht mehr aufhören, auch jetzt im Dunkeln schon fast, und im Nebel. Ich sehe sie nicht und denke, was sind wir Menschen so nichts. Da fliegen die Gänse mit ihrer Schöpfung über uns hinweg und wir können noch nicht einmal unsere, die uns umgebende Schöpfung, erhalten. Wir woh­nen in ihr und sind doch nicht zu Hause, finden kein Benehmen, sind so fern. Eines Tages aber werden wir uns übersehnlichst danach sehnen, in ein Zuhause kommen zu dürfen, und was, wenn keines mehr ist? 

 

Warum schreibe ich das jetzt? Ich denke an den realen toten Christus. Wir haben ihn ans Kreuz genagelt, aber er war nicht totzukriegen. Er wird noch ein zweites Mal, ein drittes Mal und unendlich viele Male sterben müssen, jedes Mal ein Stück in unserem (Ge-)Wissen und eines Tages, wir müssten uns nicht wundern, ist er tatsächlich tot. Dann macht niemand mehr Feuer im Ofen, es wird kalt sein. Die Gänse werden weiter fliegen, gen Süden, aber wir? Für uns ist kein Süden mehr, wir werden irren, haben uns so geirrt.

 

»Die Rede des toten Christus« ist auf dieser Stationstafel nicht zu Ende zitiert. Das Eigentliche, worum es hier geht, nämlich, dass Christus auf die bange Frage der Toten, ob es einen Gott gäbe, antwortet, dass es gar keinen Gott gibt. Christus muss es ja wissen. Wenn nicht er, wer dann? Denken wohl die Toten. 

Genau das ist hier auf Stationstafel 75 noch nicht zu lesen. Aber ich weiß schon, wie es weitergeht. Eberhard Schmidt hatte in Joditz viel von dieser Rede erzählt. Schon damals stimmte sie uns nachdenklich.

 

Was, wenn es keinen Gott gibt, was dann, wenn im All – wo die Toten vermutet werden – nichts ist außer Unlebendigkeit? Und dieser Ort so furcht­bar ist, dass man sich sogar als Toter nichts sehnlicher wünscht, als wieder in die Welt geboren zu werden. Lieber im Jammertal Erde sein, als im Nichts. Was für eine großartige Vision! Gelänge es uns doch nur, aus dem hiesigen Jammertal wieder ein Paradies herzustellen, wozu ja reichlich irdische Voraussetzungen gegeben sind. Die Natur ist voll von solchen paradiesischen Möglichkeiten. Gott selbst würde unverzüglich wieder bei uns wohnen wollen.

 

Ach, was sinniere ich da? Man kommt wahrlich ins Grübeln. »Die Rede des toten Christus« wird uns auf Stationstafel 129 in Bayreuth noch einmal begeg­nen, vollständig, mit dem Ende des Textes. Das Grübeln darf mit uns wan­dern.

Auf dem Jean-Paul-Weg kurz vor Bischofsgrün – am Fuß des Ochsenkopfs mit Sommerrodelbahn im Bild
Auf dem Jean-Paul-Weg kurz vor Bischofsgrün – am Fuß des Ochsenkopfs mit Sommerrodelbahn im Bild

Vorweg darf man sagen, Jean Paul hat sich entschieden, trotz allem, einfach an Gott zu glauben. Ihm ging es besser so, verkürzt gesagt. Diese Rede war und bleibt das Eindringlichste und Wichtigste, das Jean Paul geschrieben hat.

 

Der Weg zieht uns weiter voran, zu ganz vielen Ablenkungen am Fuße des Ochsenkopfs bei Bischofsgrün. Schon von Weitem blitzt silbern die Sommerrodelbahn, Kindergekreische unentwegt. Herrlich!

Fürwahr, man kann hier im Sommer und im Winter einiges unternehmen: Zwei Seilbahnen am Ochsenkopf und ein Alpine-Coaster, eine Sommerrodelbahn, Wandern und Nordic-Walking, Mountainbiking (auch Downhill-Strecke), Kletterpark und Deutschlands erster Zipline-Park, Skipisten, Ochsenkopfschanzen, Loipen und Schneewanderwege, Rodeln, usw. Sessellift sind wir früher schon mal hier gefahren. Man kann prima zum zweithöchsten Gipfel des Fichtelgebirges hinauf schweben und super zu Fuß hinunterlaufen. Und überhaupt, ist Bischofsgrün ein heilklimatischer Kurort mit Höhenklinik. So viel zum Ochsenkopf und Bischofsgrün.

 

Wir erreichen Stationstafel 76:

Gespensterfurcht

 

Nicht Menschen, sondern Sitten sind zu fürchten, nicht das fremde Ich, sondern das eigne.

 

Die reisenden Eheleute denken unterwegs, wie jetzt zuhause Geister in ihrer Gestalt ihr Leben nachäffen.

 

Nichts in uns schützt uns gegen Furcht einer geheimen gräulichen Welt – deren Kräfte und Bosheiten gar nicht zu berechnen sind – selbst keine Standhaftigkeit, sondern nur Bewußtsein des moralischen Werts: damit können wir Teufeln trotzen, ja Gott, wenn es kein Widerspruch wäre.

 

Nur das Ende der Winterabende streckte für den Helden eine verdrüßliche Wespenstachelscheide oder Vampyrenzunge aus. Wir Kinder mußten uns nämlich um 9 Uhr in die Gaststube des zweiten Stocks zu Bett begeben, meine Brüder in ein gemeinschaftliches in der Kammer und ich in eines in der Stube, das ich mit meinem Vater teilte. Bis er nun unten sein zweistündiges Nachtlesen vollendet hatte: lag ich oben mit dem Kopfe unter dem Deckbette im Schweiße der Gespensterfurcht, und sah im Finstern das Wetterleuchten des bewölkten Geisterhimmels und mir war, als würde der Mensch selber eingesponnen von Geisterraupen. So litt ich nächtlich hülflos zwei Stunden lang, bis endlich mein Vater heraufkam und gleich einer Morgensonne Gespenster wie Träume verjagte. Am anderen Morgen waren die geisterhaften Ängste rein vergessen wie träumerische; obgleich beide abends wieder erschienen.

Den Bus an der Ochsenkopf-Seilbahnstation haben wir verpasst. Der Wurzel­weg forderte seinen Zeit-Tribut. Also ziehen wir in den Ort Bischofsgrün und dort in ein Café. Wir unterhalten uns mit dem Wirt lange über Taxis, Linien­busse und Wanderer. Er sagt dazu: »Ja, hier fehlt was.« 

Das wird auch noch kommen, denken wir uns, denn die tun hier schon so viel für den Tourismus. 

 

Auf dem Nachhauseweg (zu unserem in Fichtelberg parkenden Auto) im Bus, entdecken wir auf einer Wiese, hinter dem Dorf Mehlmeisel, sogar drei Störche – ein vierter ist im Landeanflug. Mir fällt auf, dass ich noch nie einen Storch richtig fliegen gesehen habe. So einer muss doch am Himmel sehr groß er­scheinen. Dann sind noch zwei Esel auf einer anderen Wiese zu sehen. Wir verbuchen für heute: vier Störche, zwei Esel – nein, vier! Da kommen ja noch Bolle und Lara aus Karches hinzu. Also, insgesamt: Vier Störche, vier Esel (Hasen, Kaninchen und Enten haben wir nicht mitgezählt) und – »Guck’ mal, da ist noch ein Lämmchen!« stoße ich freudig aus.

 

Geschrieben am 25. November 2016

Nachtrag vom 25. November 2016

Wir dürfen es nicht unerwähnt lassen, Fidels Namenspatron, Fidel Castro, ist heute gestorben. Eine Ära geht zu Ende.

 

Ich persönlich bin immer leicht angezogen von dem, das eine Art Inselleben darstellt. Es ist das Biotop und das darin wachsende Sonderbare, das meine Fantasie anregt. Wie z. B. Kuba oder die ehemalige DDR – aus der Ferne betrachtet.

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