17. Wo die Wasser sich teilen

Aussichtsplattform auf dem Weißmainfelsen
Fichtelsee - Karches - Bischofsgrün (superschöne Etappe!)

Fichtelsee - Karches - Bischofsgrün


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Gewandert sind wir am Dienstag, den 21. August 2012.

 

Schon kurz hinter Fichtelberg begegnen wir Stationstafel 70:

In der Jugend

In der Jugend will man sonderbarer erscheinen als man ist, im Alter weniger sonderbar als man ist.

Unsere Zeit ist mit der Zeit zufrieden, d.h. die Jünglinge halten die künftige für idealer als die gegenwärtige, die Alten die vergangene.

Das Alter ist trüber als die Jugend, nicht, weil seine Freuden, sondern weil die Hoffnungen erloschen sind.

Das traurige Narrenspiel wird in jedem Jahrhundert wieder gespielt, daß Jünglinge sich über die nächstvergangene Zeit erhoben denken, weil sie Knechte der neuesten sind, und daß sie als Greise, dem Neuen abhold, wieder die Jünglinge hassen, die es ebenso machen.

Es plagen uns wieder Forst-Folter-Wege. Sie führen uns stetig bergauf bis zum Weißmainfelsen, der 929 Meter hoch ist. Er ist ein kleiner Bruder des Ochsenkopfes (zweithöchster Berg des Fichtelgebirges, 1024 m.ü. NHN, der Schneeberg, 1051 m.ü. NHN überragt ihn nur um ein paar Meter). In Wirklichkeit aber handelt es sich beim Weißmainfelsen um eine Granit-Felsengruppe, wie wir bald sehen werden ...

 

Das kleine Wunder "Tobias"

 

Es ist immer noch heiß, wir stöhnen.

"Da müssen wir uns hochbeten. Was anderes fällt mir auch nicht ein," sage ich zu Peter, "so funktioniert das ja auch bei den Wallfahrten. Litaneimäßig. Da spürt man keine Schmerzen mehr."

Und als ob der liebe Gott mir zugehört hätte, schickt er uns prompt eine Art Vorbeter. Ungefähr auf halber Höhe des Weges hören wir von Weitem eine Stimme rufen: "Tobias! ... Tobias! ... Der Ball! ... Tobias! ... Tobias! ... Der Ball!"

Der Refrain wird in allen Tonlagen variert. Bis jetzt hören wir nur,  zu sehen bekommen wir noch nichts. Es schallt weiter durch den Wald "Tobias! .   Tobias! ... Der Ball!" 

 

Wer um Himmels Willen ist Tobias? Fragen wir uns. Hinter einer Wegbiegung lüftet sich dann das Geheimnis. Eine kleine Familie, Vater, Mutter, ein Mädchen und ein Junge sind hier ebenso unterwegs. Der Junge, der vorweg läuft, hat einen orangefarbenen Basketball in der Hand und spielt ihn von Zeit zu Zeit auf den Boden, eher ungeschickt, so dass er droht bergab davon zu kullern. Dann ruft - es ist wohl die Schwester -  „Tobias! ... Tobias! ... Der Ball!" Und Tobias fängt ihn immer wieder auf, manchmal muss er dabei ein bisschen laufen. Dabei redet er seelenruhig laut vor sich hin. Zu verstehen ist nur „ ... goldener Ball, ... mein goldener Ball."

 

Wir vermuten, dass Tobias autistisch ist. So könnte es sein. Das wäre uns eine Erklärung der Szenerie. Die Schwester weiß, wie wichtig der Ball für Tobias ist und passt deshalb mit auf, dass er ihn nicht verliert. Uns ist das Schauspiel eine wunderbare Ablenkung von der Anstrengung. Wir gehen extra langsamer, damit wir die kleine Familie nicht überholen müssen, die vier bleiben so immer 50 Meter vor uns, bis oben in zur Fichtelnaabquelle. Im Geiste tragen wir für Tobias den goldenen Ball mit und vergessen dabei unsere Qualen.

 

Jetzt bin ich selbst schon langsam in Jean Pauls spätem Alter. Ich bin heute 60 Jahre alt. Für mich gilt also mehr das Zurückblicken in vergangenes Leben als das Hoffen auf Zukünftiges. Uns läuft hier gerade die Jugend so sondersam und wohltuend vor uns her und zieht uns Alte mit nach oben. Wir halten uns ein bisschen an ihnen fest ...

 

... und streifen Stationstafel 71:

Im Alter

Im Alter ist einem der Nutzen des Ruhms lieber als der Ruhm.

Im Alter fallen den schönen Gegenden und dem Frühling so viele Reize ab, weil keine Aussichten der Liebe und Abenteuer mehr da sind.

Im Alter ist die Misanthropie weniger Haß gegen - als Übersättigung mit Menschen.

Im Alter kennt man mehr von sich als von anderen; in der Jugend umgekehrt, daher dort Einsamkeit gut, hier Geselligkeit.

Was, wenn man sich im Alter immer noch nach Liebe sehnt? Sie ist für immer die einzige und die letzte und die größte Hoffnung, die bleibt. Immer.

 

Es dauert nicht mehr lange, da erreichen wir die Fichtelnaabquelle. Die kleine Familie erfrischt sich hier ebenso wie wir, laufen aber dann einen anderen Weg weiter. Schade. Adieu!

Aus Wikipedia:

Die Quelle der Fichtelnaab befindet sich am Südosthang des Ochsenkopfs (1024 m ü. NN) etwa 800 Meter südöstlich der Quelle des Weißen Mains und etwa zwei Kilometer nordwestlich von Fichtelberg bzw. des 10,5 Hektar großen Fichtelsees (752 m ü. NN). Von dort fließt sie südostwärts über die Ortschaften Fichtelberg und Mehlmeisel in den Landkreis Tirschenreuth. Dort gelangt die Fichtelnaab über Brand, Ebnath, Neusorg und Erbendorf nach Windischeschenbach, wo sie in die Waldnaab mündet.

 

Wohin die Wasser fließen

 

Also, die Fichtelnaab fließt in Richtung Südosten, quasi zurück, entgegen unserer Wanderrichtung, in die Naab, die Naab in die Donau und die Donau ins schwarze Meer. Das wird mit den Quellen bald anders, denn wir wandern in Richtung Europäische Hauptwasserscheide. Von da aus werden die Wasser vor uns her, in Richtung Westen, in den Rhein und dann in die Nordsee, und den Atlantik fließen.

 

Im Geiste verwandele ich mich in ein Walnuss-Schiffchen, setze mich in die Rinnsale und fahre mit ihnen in die große weite Wasserwelt. Das Gebirge entscheidet, wohin die Reise geht. Wer hätte gedacht, dass ich hier auf den Bergen per Gedanken über die Weltmeere schiffe, die Wassertropfen beneide um ihre bevorstehenden Abenteuer, um ihre Begegnungen mit Walen, Stürmen, ewigen Winden und ewigem Eis, mit dem Element, aus dem wir alle gestiegen sind und zurückkehren werden.

 

Aber Hilde, wandere nur weiter, du darfst jetzo mit Jean Paul reisen. Er wird dir ebenso fantastische Welten zeigen. Sieh' nur und flieg' mit, flüstert es mir ...

 

... noch geht es weiter bergauf ...

 

... vorbei an Stationtafel 72:

Wie auf Wolken

„Ach, gut Lenette“, rief es ihm, „warum kann ich dich nicht jetzt, in diesem Eden, an diesem vollen weichen Herzen selig zerdrücken - ach, hier würd‘ ich dir lieber vergeben und dich schöner lieben!“ - Du gute Natur voll unendlicher Liebe bist es ja, die in uns die Entfernung der Körper in Annäherung der Seelen verwandelt; du bist es, die vor uns, wenn wir uns an fernen Orten recht innig freuen, die freundlichen Bilder all derer, die wir verlassen mußten, wie holde Töne und Jahre vorüberführt, und du breitest unsere Arme nach den Wolken aus, welche über die Berge herfliegen, hinter denen unsere Teuersten leben!

Siebenkäs

Die Leiden sind wie die Gewitterwolken: In der Ferne sehen sie schwarz aus, über uns grau.

Manchen grossen Mann lernt man oft nicht früher kennen als am Ende seiner Laufbahn. Er wird sichtbar, um zu verschwinden, so wie oft Wolken die Laufbahn der Sonne umstäuben und nur vor ihrem zurückweichen; wir sehen sie nichts als untergehen.

Wir unterscheiden uns von einander in der Höhe des Rangs wie Wolken über und untereinander.

Und dann dauert es nicht mehr lange und wir sind oben und stehen sogleich vor dem Weißmainfelsen. Das heißt, wir stehen ganz plötzlich vor ihm, denn die ganze Felsformation hält sich zwischen Fichten versteckt. Man ist überrascht. Wieder gibt es kleine Wegelchen zwischen Felsen, die Schluchten bilden, in Stein gehauene Stufen und Leitertreppen aus Holz. Man darf wieder steigen und klettern und Aussichten genießen. Auf den Schneeberg, den Großen Waldstein, die Große Kösseine und zu den Basaltkegeln bei Kemnath.

Aussichtsplattform auf dem Weißmainfelsen
Aussichtsplattform auf dem Weißmainfelsen

Ja, und hier ist sie, das heißt, hier verläuft sie, eine der Linien der Europäischen Hauptwasserscheiden.

 

Der Weg bergab ist wieder zum Träumen schön. Ich sage nur Felsen, Wurzeln und Tannenzapfen ...

Auf dem Jean-Paul-Weg, Richtung Weißmainquelle
Auf dem Jean-Paul-Weg, Richtung Weißmainquelle

Fidels "Glöckchen" klingelt wieder. Das ist seine Hundemarke, die am Hundegeschirr befestigt ist. Sie schlägt immer dann leicht auf einen Metallring, wenn Fidel tänzelt. Tänzeln heißt, freudig vorausspringen. Das tut er, wenn ihm der Weg Spaß macht, wie zum Beispiel bei weichen Waldwegen, die zudem auch noch kurvig verlaufen. Er wird dann richtig neugierig auf das, was hinter der Biegung auf ihn warten könnte. So etwas gefällt einem Pudel, denke ich mir, und erquicke mich an dem heiteren Klingeln.

 

Jetzt erreichen wir die erste Quelle, die von hier aus in den Atlantik "münden" wird. Das ist die Weißmainquelle.

Dann kommt Stationstafel 73:

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 73 "Wie die Insekten"
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 73 "Wie die Insekten"

Wie die Insekten

Fremde Ideen sind die Insekten, die den Samenstaub von einem Gedanken in uns zum andern tragen und dadurch befruchten.

Der Mensch hat zwei Herzkammern, in der einen sein Ich; in der andern das fremde, die er aber lieber leer stehen lasse, als falsch besetze. Der Egoist hat, wie Würmer und Insekten, nur eine.

Die bleichen Großen haben überhaupt kein Blut, das wenige ausgenommen, was sie den Untertanen abschröpfen oder was ihnen an den Händen klebt, wie die Insekten kein rotes Blut bei sich führen als das den anderen Tieren abgezogene.

Nur gleichen die meisten Menschen unserer nicht sowohl aufgeklärten als aufklärenden Zeiten den Nachtinsekten, die das Taglicht fliehen oder mit Schmerzen empfinden, die aber in der Nacht jedem Nachtlicht, jeder phosphoreszierenden Fläche zuflattern.

Insektengesumse begleitet den Sonnenuntergang des grossen Mannes.

Es geht jetzt immer bergab und es dauert gar nicht lange, da trudeln wir im Waldrasthaus Karches ein. Es liegt direkt an dem kleinen Karches Weiher, zwischen Ochsenkopf und Schneeberg. Begrüßt werden wir von allerlei Getier. Esel Bolle und Muli Lara I-ahen laut, Hund Jimmy döst in der Sonne, die Katzen Punkt und Rübe lauern auf der Fensterbank. Kaninchen, Hasen und Enten gibt es natürlich auch zu sehen - erst einmal - über zu essen wollen wir nicht nachdenken. Fisch steht reichlich auf der Karte. 

Ein Weiher umrahmt von Bäumene, zwischen Ochsenkopf und Scheeberg gelegen
Der Karches Weiher

Das Waldrasthaus Karches ist relativ groß. Man sieht, dass hier ganze Reisegruppen bewirtet werden. Man kann das Rasthaus auch gut von der Bundesstraße 303 aus erkennen, aber es ist wirklich ein Rasthaus im Grünen, es hieß einmal das "Waldhaus Karches". Vom Straßenverkehr hört man hier nichts. Auf meinem Weg zur Toilette komme ich am Spielezimmer vorbei. Es ist das größte, das ich je in einem Gasthaus gesehen habe. Draußen sitzt man auf einer großen Sonnenterrasse mit einem herrlichen Ausblick auf den Karches Weiher. Kinder können auch am Wasser im Sand buddeln und plantschen. Für Familien mit Kindern eine perfekte und schöne Einkehr am Weg.

 

Wir trinken heute nur Bier, denn wir wollen weiter bis nach Bischofsgrün. Was dann kommt, ist für mich großes Kino.

 

Zunächst aber begegnen wir Stationstafel 74:

Als Gespenst oder Engel

Der Traum, dieser chaotische, riesenhafte Seelen- und Geistermaler bildet aus den kleinen Schrecken des Tages jene ungeheuren Furienmasken, welche die in jedem Menschen schlafende Geisterfurcht wecken und nähren.

Ich dachte an das Himmelsglück, ein Gespenst zu sein - da tat sich eine Pandorabüchse, ein Äolsschlauch von Phantasien auf. Ihr Geister!
Wie gern wollt‘ ich Grenzsteine verrücken und unrechtes Gut einsammeln, wenn ich dadurch die Geister-Maskenfreiheit überkäme, daß ich in schrecklicher Gestalt umgehen und jedem Schelm, der mir gefiele, das Gesicht zu einem physiognomischen Anagramm umzeichnen könnte.

Bald würd‘ ich vor dem Oberkriegskommissar als ein sanfter Haifisch gähnen -
bald einen welken roué (eine durchtriebene, frivole Person) als eine Riesenschlange umhalsen wie den Laokoon -
bald vor einem Sortiment von Bratenröcken, das die Käferfreßspitzen schon in die braune Pastete setzt, aus dieser belebt und naß aussteigen als greuliche Harpye (ein schreckliches Mischwesen aus Frau und Vogel) -
und fast täglich würd‘ ich fait (eine Handlung) davon machen, daß ich diese statistischen, kleinstädtischen Achtzehnjahrhunderter ohne Geister und Religion mitten in der Kammerjägerei ihrer Brotstudien, Brotschreibereien und ihres Brotlebens mit etwas Überirdischem (ich fahre z.B. als ein Engel durch den Saal) aus der Trödelbude ihres abgeschabten Treibens und Glaubens hinaussprengte, so daß sie sich lieber für toll hielten und für krank und sogleich nach dem Kreisphysikus schickten.

Giannozzo

Der schönste Weg aller Zeiten - für mich

 

Heute ist für uns der Weg ein riesenhafter Seelen- und Geistermaler, der aus kleinsten Findelstücken auf dem Pfad uns Feengewänder webt, in denen wir jetzt durch traumhafte Märchenwelten schweben und sie sehen dürfen, die anderen so freundlichen, die unsere Seelen so wundersam erfüllen.

 

Es ein Wurzel-, Stein- und Weihnachtsbaumpfad, immer ganz nah am Weißen Main entlang. So kleine Kurven, man muss auf jeden Tritt achten, in der Hitze duftet alles nach Italien, Geplätscher begleitet uns. Überall sehen wir Zwerge im Wasser stehen, die nach Flussperlmuscheln suchen. Unter den Steinen und zwischen den vielen kleinen Felsen wohnen sie, die Wichtel. Oder die Faune. Oder die Biber, wie aus den "Chroniken von Narnja" ...

Wurzel- und Weihnachtsbaumpfad
Auf dem Jean-Paul-Weg zwischen Karches und Bischofsgrün

Der Weg ist mindestens drei Kilometer lang. Ein Traum, der fast kein Ende zu haben scheint.

 

Da, ein paar Moorteiche, Stege darüber, Bohlenwege, überall Weihnachtsbäume auf Sommerurlaub, oder werden sie von Wichteln hier gepflanzt? Mäandrierende Bachläufe, bemooste Ufer, Fidel kann immer etwas trinken, das Wasser ist rostfarben. Hier und da huscht eine Eidechse davon, immer wieder tauchen kleine Bänke auf. Wollte man hier Picknick machen, man wüsste nicht wo, so lieblich ist jede Ecke.

Einzig, der Weg wird für Peter langsam ein bisschen beschwerlich, weil es immer leicht bergab geht. Aber man muss sich auch sehr konzentrieren, um nicht über die Wurzeln zu stolpern. Das macht müde. Man muss also Zeit mitbringen. Später werden wir in einem Prospekt lesen, dass das Fichtelgebirge voller solcher Wege ist. Oh!

Der Weg ist also nicht nur zum Wegträumen, sondern er ist auch ein bisschen abenteuerlich und gefährlich. Für mich unvergesslich.

 

Dann ist er zu Ende, auf breitem Forstweg geht es weiter, vorbei an einer Rasthütte und Stationtafel 75:

Rasthütte mit Jean-Paul-Stationstafel
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 75 "Mitternachtsgespenster" vor Bischofsgrün

Mitternachtsgespenster

Alle Gräber waren aufgetan, und die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen auf und zu. An den Mauern flogen Schatten, die niemand warf, und andere Schatten gingen aufrecht in der bloßen Luft. In den offenen Särgen schlief nichts mehr als die Kinder ...
Die Kirche schwankte auf und nieder von zwei unaufhörlichen Mißtönen, die in ihr miteinander kämpften und vergeblich zu einem Wohllaut zusammenfließen wollten ...
Ich ging durch unbekannte Schatten, denen alte Jahrhunderte aufgedrückt waren. - Alle Schatten standen um den Altar, und allen zitterte statt des Herzens die Brust.
Nur ein Toter, der erst in die Kirche begraben worden, lag noch auf seinen Kissen ohne eine zitternde Brust, und auf seinem lächelnden Angesicht stand ein glücklicher Traum.
Aber da ein Lebendiger hineintrat, erwachte er und lächelte nicht mehr, er schlug mühsam ziehend das schwere Augenlid auf, aber innen lag kein Auge, und in der schlagenden Brust war statt des Herzens eine Wunde. Er hob die Hände empor und faltete sie zu einem Gebete; aber die Arme verlängerten sich und lösten sich ab, und die Hände fielen gefaltet hinweg.

Oben am Kirchengewölbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem keine Zahl erschien und das sein eigener Zeiger war; nur ein schwarzer Finger zeigte darauf, und die Toten wollten die Zeit darauf sehen.

Rede des toten Christus

Die vollständige Rede ist hier zu lesen: Die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei

 

Grübeln ist ein Gefährte

 

Ich, da ich das heute an einem nebligen Novembertag schreibe, und mit Fidel spazieren war, es dämmerte schon sehr, hörte ich, wie an so vielen Tagen in diesen Tagen, Wildgänse über mir riefen. Seit Tagen ziehen sie schon unentwegt und unzählig, immer in ihrer Formation, es will gar nicht mehr aufhören, auch jetzt im Dunkeln schon fast, im Nebel. Ich sehe sie nicht und denke, was sind wir Menschen doch so armselig. Da fliegen die Gänse mit der Schöpfung und wir können noch nicht einmal unsere, die uns umgebende Schöpfung, erhalten. Wir wohnen in ihr und sind doch nicht zu Hause, finden kein Benehmen, sind so fern. Eines Tages aber werden wir uns danach sehnen, wieder nach Hause kommen zu können, und was, wenn keines mehr ist?

 

Warum schreibe ich das jetzt? Ich denke an den realen toten Christus. Wir haben ihn ans Kreuz genagelt, aber er war nicht tot zu kriegen. Er wird noch ein zweites Mal, ein drittes Mal und unendlich viele Male sterben müssen, jedes Mal ein Stück in unserem (Ge)Wissen und eines Tages, wir müssten uns nicht wundern, ist er tatsächlich tot. Dann macht niemand mehr Feuer mehr im Ofen, es wird kalt sein.

 

Die Gänse werden weiter fliegen, gen Süden, aber wir? Für uns ist kein Süden mehr, wir werden irren, haben uns so geirrt.

 

Die Rede des toten Christus ist auf dieser Stationstafel nicht zu Ende zitiert. Das eigentliche, worum es hier geht, nämlich dass Christus auf die bange Frage der Toten, ob es einen Gott gäbe, antwortet, dass es gar keinen Gott gibt. (Christus muss es ja wissen, denken wohl die Toten.) Genau das ist hier auf Stationstafel 75 noch nicht zu lesen. Aber ich weiß schon, wie es weitergeht. Eberhard Schmidt   hatte in Joditz viel von dieser Rede erzählt. Schon damals stimmte sie uns nachdenklich.

 

Was, wenn es keinen Gott gibt, was dann, wenn im All - wo die Toten vermutet werden - nichts ist außer Unlebendigkeit? Und dieser Ort so furchtbar ist, dass man sich sogar als Toter nichts sehnlicher wünscht, als wieder in die Welt geboren zu werden. Lieber im Jammertal Erde sein, als im Nichts. Was für eine großartige Vision! Gelänge es uns nur, aus dem hiesigen Jammertal ein Paradies herzustellen, wozu reichlich irdische Voraussetzungen gegeben sind. Die Natur ist voll von solchen paradiesischen Möglichkeiten. Gott würde unverzüglich bei uns wohnen wollen.

 

Ach, was sinniere ich da? Man kommt wahrlich ins Grübeln. Die Rede des toten Christus wird uns auf Stationstafel 129 in Bayreuth wieder begegnen, vollständig, mit dem Ende des Textes. Das Grübeln darf mit uns wandern.

Jean-paul-Weg kurz vor Bischofsgrün, am Fuß des Ochsenkopfs mit Sommerrodelbahn im Bild
Auf dem Jean-Paul-Weg, am Fuß des Ochsenkopfs bei Bischofsgrün

Es geht einem schlecht aus dem Kopf. Vorweg darf man sagen, Jean Paul hat sich entschieden, trotz allem einfach an Gott zu glauben. Ihm ging es besser so, verkürzt gesagt. Diese Rede war und bleibt wohl das Eindringlichste und Wichtigste, was Jean Paul je geschrieben hat.

 

Der Weg zieht uns weiter voran, zu ganz vielen Ablenkungen am Fuße des Ochsenkopfs, bei Bischofsgrün.

 

Schon von weitem blitzt silbern die Sommerrodelbahn, Kindergekreische unentwegt. Herrlich.

Es ist soviel, was man hier im Sommer und im Winter unternehmen kann, ich zähle es einfach nur auf: zwei Seilbahnen am Ochsenkopf, und ein Alpine-Coaster, die Sommerrodelbahn, Wandern und Nordic-Walking, Mountainbiking (auch Downhill-Strecke), Kletterpark und Deutschlands erster Zipline-Park, Skipisten, Ochsenkopfschanze, Loipen und Schneewanderwege, Rodeln, usw. Sessellift sind wir früher schon mal hier gefahren. Man kann prima zum zweithöchsten Gipfel des Fichtgebirges hinaufschweben und super zufuß hinunter laufen. Und überhaupt, ist Bischofsgrün ein heilklimatischer Kurort mit Höhenklinik. Soviel zum Ochsenkopf und Bischofsgrün.

 

Jetzt kommen wir zur Stationstafel 76:

Gespensterfurcht

Nicht Menschen, sondern Sitten sind zu fürchten, nicht das fremde Ich, sondern das eigne.

Die reisenden Eheleute denken unterwegs, wie jetzt zuhause Geister in ihrer Gestalt ihr Leben nachäffen.

Nichts in uns schützt uns gegen Furcht einer geheimen gräulichen Welt - deren Kräfte und Bosheiten gar nicht zu berechnen sind - selbst keine Standhaftigkeit, sondern nur Bewußtsein des moralischen Werts: damit können wir Teufeln trotzen, ja Gott, wenn es kein Widerspruch wäre.

Nur das Ende der Winterabende streckte für den Helden eine verdrüßliche Wespenstachelscheide oder Vampyrenzunge aus. Wir Kinder mußten uns nämlich um 9 Uhr in die Gaststube des zweiten Stocks zu Bett begeben, meine Brüder in ein gemeinschaftliches in der Kammer und ich in eines in der Stube, das ich mit meinem Vater teilte. Bis er nun unten sein zweistündiges Nachtlesen vollendet hatte: lag ich oben mit dem Kopfe unter dem Deckbette im Schweiße der Gespensterfurcht, und sah im Finstern das Wetterleuchten des bewölkten Geisterhimmels und mir war, als würde der Mensch selber eingesponnen von Geisterraupen. So litt ich nächtlich hülflos zwei Stunden lang, bis endlich mein Vater heraufkam und gleich einer Morgensonne Gespenster wie Träume verjagte. Am anderen Morgen waren die geisterhaften Ängste rein vergessen wie träumerische; obgleich beide abends wieder erschienen.

Den Bus an der Ochsenkopfseilbahnstation haben wir verpasst. Der Wurzelweg forderte sein Zeit-Tribut. Also ziehen wir in den Ort Bischofsgrün und dort in ein Café. Wir unterhalten uns mit Wirt lange über Taxis, Busse und Wanderer. Er sagt dazu: "Ja, hier fehlt was." Das wird auch noch kommen, denken wir uns, denn die tun hier schon so viel für den Tourismus. Fürwahr.

 

Auf dem Nachhauseweg (zum Auto in Fichtelberg) im Bus entdecken wir auf einer Wiese hinter Mehlmeisel drei Störche, ein vierter ist im Landeanflug. Mir fällt auf, dass ich noch nie einen Storch richtig fliegen gesehen habe. So einer muss doch am Himmel sehr groß erscheinen. Dann sind noch zwei Esel auf einer anderen Weide zu sehen. Wir verbuchen für heute: vier Störche, zwei Esel - nein, vier, kommen Bolle und Lara dazu. Also, insgesamt vier Störche, vier Esel - Hasen, Kaninchen und Enten haben wir nicht gezählt - und "Guck' mal, da ist noch ein Lämmchen!" stoße ich freudig aus.

Nachtrag vom 25. November 2016

 

Wir dürfen es nicht unerwähnt lassen, Fidels Namenspatron Fidel Castro ist heute gestorben. Eine Ära geht zu Ende. Ich persönlich bin immer leicht angezogen von dem, das eine Art Inselleben darstellt. Es ist das Biotop und das darin wachsende Sonderbare, das meine Fantasie so anregt. Wie z.B. Kuba oder die ehemalige DDR.

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