15. Intermezzo mit Aussicht

Nagel am See (sehr schön hier)
Nagel am See (sehr schön hier)

Nagel am See


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Der Umzug

Weltschauen ohne Wandern am Sonntag, den 19. August 2012.

Heute ist der heißeste Tag seit Wetteraufzeichnung. Das sind ca. 100 Jahre. So sagen sie jedenfalls in den Nachrichten. 

 

Unser letzter Tag in Vordorf. Wir müssen packen, eben weil wir nach Nagel umziehen. Der Abschied fällt uns schwer. Die ganze Familie der Vermieter steht vom Mittagstisch auf, um uns Auf Wiedersehen zu sagen. Wir versprechen, dass wir wiederkommen wollen, was wir später auch des Öfteren taten.

»Dass sie des auch alles fertigwandern!«, wünschen sie uns noch, und wir lassen ganz liebe Grüße an die Flaschenbierschwägerin ausrichten. Vor lauter Packen und Abschiednehmen haben wir dann vergessen, unsere Biervorräte bei ihr aufzufüllen. Tragisch.

 

Und damit das alles zusammen nicht so weh tut, gehen wir wieder einmal ins Hammerschloss bei Leupoldsdorf, in den Gasthof »König«, Sonntagsbräten essen. Die haben dort nämlich auch Schäufele mit Klößen. Wir essen drinnen, weil es draußen für so ein gehaltvolles Festessen zu heiß ist. Innen ist alles wie ein typisch fränkisches Gasthaus, bodenständig bis rural, einfache Möbel und weiße Sonntagstischdecken. Es ist gerammelt voll, der Geräuschpegel ziemlich hoch, so wie es in echten Gasthäusern zugehen muss.

 

Das Schäufele ist das beste, das wir seit Jahren gegessen haben. Das sagen wir so der Chefin beim Kassieren. Sie erzählt uns, dass ihre 79 Jahre alte Mutter sie immer noch selbst macht. Deshalb kann man in der Soße auch hin und wieder braune Zwiebelschalen finden.

»Die Soße ist bei uns selbst- und handgemacht«, sagt sie. »Die kommt nicht aus Eimern!«

 

Das schmeckt man!

Peter macht   d i e   Siegerpose des Olympiasommers 2012
Peter macht d i e Siegerpose des Olympiasommers 2012

Hier noch einmal die Siegerpose des Olympiasommers 2012. Wir schafften Wanderung, genossen Superferienwohnung und auf Goldmedaillen als Belohnung konnten wir leicht verzichten, denn wir hatten Bier und Schäufele!

In Nagel

Jetzt sind wir in Nagel, in einer kleinen Ferienwohnung, dieses Mal nicht unter dem Dach, sondern unten in einer Einliegerwohnung, mit Terrassentür direkt zum Garten. Über uns wohnt der Vermieter. 

 

Hier reisen wir auch in die Teppichbodenzeit. Doch anders, nicht so lustig, son­dern ernster. Ein wenig zu gepflegt, zu akkurat. Man traut sich gar nicht, irgendwie. Aber gut, Peter muss hier die Lampenschirme nicht als Mütze auf­setzen.

 

Ausgepackt ist schnell, wir haben nicht viel. Für jeden eine lange und eine kurze Hose, Funktions-T-Shirts, die man leichter waschen kann, zwei Fleece-Jacken und Unterwäsche, davon drei Sätze pro Person, Duschzeug, Shampoo, Creme, Zahnbürste und Zahnpasta, Socken und Handtücher, sicherheitshalber.

Fidel tut die Kühle der Erdgeschosswohnung gut. In dem, als den seinen deklarierten, Sessel schläft er auf seiner Hunde-Wunderdecke sofort ein. Er scheint ganz gut herauszufinden, was es mit dem Ferien-Zuhause und dem täglichen Wandern auf sich hat. Ist erstaunlich, wie so ein Pudel lernt. Jetzt zuckt er im Schlaf, das heißt, er ist entspannt und vertraut dem neuen Zuhause. 

 

Peter ist unterwegs. Er will eine Möglichkeit suchen, wo man, heute am Sonn­tag, noch Bier einkaufen kann. Biervorrat muss sein. Ich schaue mir im Fernsehen den Spielfilm »Shakespeare in Love an« an. Köstlich. Welch’ ein Sprach­genuss. Was gab es in früheren Zeiten einen Reichtum an Wörtern! Die konnten sprechen und Beschreibungen finden, die heute niemandem mehr einfallen würden. Auch mir nicht. So viel Zauber ging uns da verloren. Aus Reichtum wurde Armut.

Morgenstimmung am Nagler See
Morgenstimmung am Nagler See

Jean Pauls ersammelte Welt

Jean Paul hatte da bestes Dope für den Wörter-finde-Geist, sein höchst eigenes Wunderelixier. Um das zu brauen, sammelte er nicht Ameisenpisse (wie meine Mutter), sondern Wortkostbarkeiten und Gedanken, die er beim Exzerpieren aller mög­lichen Texte fand. Jedes ihm zugängliche Buch oder Werk von Wissenschaftlern, Denkern und Dichtern, ja ganze Enzy­klo­pädien wurden von ihm durchforstet, Philosophien zusammengefasst, kom­plexe The­men zu Zentral- und Kernaussagen verkürzt. Kirchengeschichte, Natur­forschun­gen, botanische Erkundungen, Reiseberichte – von allen hat er Manu­skripte gefertigt und Zettelkästen angelegt. Eine eigene, kleine, sonder­bare, wahrhaft jeanpaulsche Bibliothek wuchs so unaufhörlich heran, und es ge­dieh ein ge­waltiger Schatz, der heute an der Universität Würzburg »gehor­tet« und bewacht wird – aber nicht verschlossen und verriegelt hinter mäch­tigen Mauern oder versunken in dunklen Höhlen, sondern für jedermann findbar:

 

Hier hat man

… Zugang zu sämtlichen Exzerpten, die Jean Paul zwischen 1778 und 1825 aus den unterschiedlichsten Quellen zusammengetragen hat. Es handelt sich dabei um über 12 000 Manuskriptseiten des Autors mit mehr als 100 000 einzelnen Einträgen. Dieses bislang nur in Auszügen bekannte Material Jean Pauls liegt mit dieser Edition nun erstmals in vollständiger Fassung vor. …

 

Lesen kann man darin, sofort auf digitalem Weg, unter: www.jp-exzerpte.uni-wuerzburg.de

Ein bisschen Moorlandschaft bei Nagel
Ein bisschen Moorlandschaft bei Nagel

Nun muss man hinzufügen, dass dieses Sammeln von Wissen, Texten, Wörtern, Bildern, Blättern, Nüssen, Formen, Klängen, Rhythmen, Noten, Melodien, seltsamen Verknüpfungen, Begebenheiten, Gesprächsfetzen, Steinen, Mustern, Wolken, Stühlen und Tischen, Gedanken, Sternen, Orgeln, Erinnerungen, Habseligkeiten, Knöpfen, Spindeln, Flügeln, Federn, Saiten, Stempeln, Tin­ten, Hummeln und Winden vielen Künstlern zutiefst zu eigen ist, Wissen­schaftlern auch, und natürlich jedem, der einen Hang zum Sammeln hat. Alles kann man sammeln, jeder kann reich werden, ohne Geld.

 

Ich glaube, Jean Paul war auf diesem Gebiet sehr fleißig. Viel, viel, viel fleißiger als ich es jemals werden könnte. Eine Hingabe, von der alles beschienen zu sein scheint. Ich stelle mir sein Gehirn vor und wandele darin. Es muss voll kleiner Wege, Windungen und Pfade gewesen sein, wo hinter jeder Biegung Hun­derte von Türchen und Fensterchen warten, durch die man tiefer hinein­schauen kann, Schätze, Kuriositäten oder Altbekanntes neu ersehen lernt, alles in wun­dervoll orangegoldenes oder schräg­blausilbernes Licht getaucht, Nachtviolen duften überall, Tautropfen schneien leicht in mein Haus und benetzen meine Seele und ich höre immerzu die Filmmusik von »Der Kaufmann von Venedig«, Countertenor Andreas Scholl singend: … harmony, sweet harmony … 

 

Wie gern will ich hier sein. Hierhinein würde ich sterben wollen.

Hier ein paar zufällig gefundener »Requisiten« aus seinem Exzerpt-Gedanken-Fundus.

Zum einfacheren Leseverständnis: Jean Paul kürzt oft die Wörter ab, wie z. B. »d.« für »durch« oder »Wett.« für »Wetter«.


[V-Nat-06-1806-1824-0024]


24 D. eine menschenleere Stadt zieht ein Heer
 
[V-Nat-06-1806-1824-0025]


25 Aloe, Mauerpfeff. Hauslauch ernähren sich fast gar nicht d. die Wurz. sond. d. die Blätter.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0026]


26 Bloße Abendsonne bekommt den Gewächsen nicht.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0027]


27 Am meisten muß die Pflanze begossen werden, wenn sie in voller Blüte ist - abgeblüht, so wie im Winter, ist sie wenig. oder nicht zu begiessen. Toilettenkalender

[Manuskriptseite ohne Zählung]

[V-Nat-06-1806-1824-0028]


28 Ein mit dem Schiff Abfahrend. sieht die Berge des Ufers zuletzt.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0029]

29 Fenst. von rosenfarbenem Spiegelglas röthen alle Sachen 848/3n = Jugendroth
 
[V-Nat-06-1806-1824-0030]


30 Lichtenberg: Fixsterne können schon jetzt an Stellen stehen, die sie erst nach Jahr1000enden in den Fixsternverzeichn. einnehmen. 6. B.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0031]


31 Erloschne Sonnen können noch imm. leuchten u. den Astronom beschäftigen. |
 
[V-Nat-06-1806-1824-0032]


32 Den Knall einer fernen Mine hört man, wenn längst nichts mehr von ihr da ist |
 
[V-Nat-06-1806-1824-0033]


33. Planet will gerade gehen, wird zum Mittelpunkt gezogen; und dad. krumm. |
 
[V-Nat-06-1806-1824-0034]


34 Tobias Mayer gab ein Verzeich. von 80 Fixsternen, die sich bewegen. | Lichtenberg: von 29 ists gewis, weil sie sich am stärksten bewegen, besond. Arkturus und Sirius
 
[V-Nat-06-1806-1824-0035]


35 Herschel: Pollux bewegt sich stärker als Kastor; die Ursache ist, Kastor ist ein Doppelstern, folglich die beiden einzeln kleiner u. mithin weiter von uns, also langsamer |
 
[V-Nat-06-1806-1824-0036]


36 Für Herschel gibts in der Milchstrass. keine milchicht. Nebel mehr, nur getrennte Sterne | Ab. in a. Gegend sieht er Nebel, die er nicht auflös. kann |

[Manuskriptseite ohne Zählung]

[V-Nat-06-1806-1824-0037]


37 Die Krater des Monds entstanden nicht d. Einsturz sond.{durch Ausbruch} Erupzion . Schröter |
 
[V-Nat-06-1806-1824-0038]


38 Der Mond hat keinen Ozean u. große Ströme; ist immer voll Berge und Hügel ||
 
[V-Nat-06-1806-1824-0039]


39 Da sind keine Ebnen wie in Holstein p.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0040]


40 Die Flecken hielt man sonst für Meere ||
 
[V-Nat-06-1806-1824-0041]


41 Bei wem es in der Nähe einschlug, hörte nur Einen Knall; Fernere hörten Prasseln und Rollen. Lichtenberg.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0042]


42 Wen man vor Gottes Gericht als Schuldigen zitierte, der starb.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0043]


43 Der Harmonika=Klang in Tropfsteinhölen d. die Tropfen, die wied. wolklingende Stalagmiten und Stalaktiten bilden - das endliche Kopulieren beider.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0044]


44 Um Mittag weht in heiss. Sommermonaten in Neapel der Seewind. Morgenblatt.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0045]


45 Erst auf päbstliche Erlaubn. wurden neue Abgüsse von Antiken (zur Schonung) erlaubt; in Paris jetzt sind, wohin die besten ital. Former sammt der Antik. mitgenommen worden, wied. Form u. deren Abdrücke zu haben. ||

[Manuskriptseite ohne Zählung]

[V-Nat-06-1806-1824-0046]


46. In 7 Jahren erreicht die Perle eine solche Größe daß sie von der Auster ausgeworfen wird | N. 12.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0047]


47 Bei Geburts und Namenstagen schenkt man immer Blumen, auch in Paris, besteckt damit Pasteten und Torten |
 
[V-Nat-06-1806-1824-0048]


48 Die Meere sind Thäler. = Das Allgemeine ist Tiefe
 
[V-Nat-06-1806-1824-0049]


49 In Aegypten findet man unt. den Ruinen=Städten immer nur Tempel, keine öff. Gebäude od. a. Haus. Denon.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0050]


50 Reif schmilzt zu Thau
 
[V-Nat-06-1806-1824-0051]


51 Thautropfe wird bald ein Rubin, Smaragd p. wenn man sich bewegt.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0052]


52 Herder: auf Höhen haben die Pflanzen mehr Körn., Tiefe mehr Wuchs Höhe und Blumen.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0053]

53 In der Schweitz ein von Lowerz aus e Wo übriggebliebner Thurm - aus einer Erd= od. Wasserüberschüttung - der Zeiger steht auf 5 1/2 Uhr
 
[V-Nat-06-1806-1824-0054]

54 Wenn man ferne sonst unsicht. Gebirge leucht. sieht oder Gletscher: so kommt Regen
 
[V-Nat-06-1806-1824-0055]


55 An langen Tagen verglänzen in Schwed. Abend= und Morgenröthe eineinander. Arndt
 
[V-Nat-06-1806-1824-0056]


56 Der zitternde Boden eines Wasserfalls

[Manuskriptseite ohne Zählung]

[V-Nat-06-1806-1824-0057]


57 Hat der Blitz die Erde erreicht, od. das Wasser: so hören alle seine Wirkung d. Zerstreuung auf.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0058]


58 Die Katakomben wurden Fund von Antiken, weil die Karthäus. Nonnen die Erde immer der Reliquien wegen durchsieben müssen. Winkelmanns Briefe
 
[V-Nat-06-1806-1824-0059]


59 Die Schwefelwolken des Aetna rollen erst an der Seite herab bis sie in der Luft horizontal fortziehen. Brydone
 
[V-Nat-06-1806-1824-0060]


60 Unt. Folk bezeichnete man sonst nur eine Truppe zusammen laufender Thiere. D. Merk. 2 B. 1773 S. 36
 
[V-Nat-06-1806-1824-0061]


61 Die Negersklaven auf der Insel Frankr. tanzen Nachts zwischen Felsen versteckt bei dem Schalle einer mit Erbsen gefüllten Kürbisflasche ||
 
[V-Nat-06-1806-1824-0062]


62 Die Negerhunde heulen bei den Hunden der Weiss. und hass. beide; die Hunde der Neger jene || = Zwei gemiethete Soldatenherren
 
[V-Nat-06-1806-1824-0063]


63 Nur bei trübem, nicht hellem Wetter kann man ferne Gebirge sehen.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0064]


64 Bei gutem Wett. kommen uns Waldgen p. ferner vor.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0065]


65 Was man sonst für Sonnenbahn hielt, die Erdbahn
 
[V-Nat-06-1806-1824-0066]


66 Sterne schimmern d. das Nordlicht
 
[V-Nat-06-1806-1824-0067]


67 Johannes von Müller: das Eis verpanzert die Alpen gegen die Lüfte, die die kahl. Höhen des Ural zu Trümmern

[Manuskriptseite ohne Zählung]

[V-Nat-06-1806-1824-0068]


68 Auf den Alpengipfeln find. man versteinerte Abdrücke von Seefischen, Meermuscheln, versteinerte Sägen und Schwerter der Säge=- und Schwertfische. Morgenblatt.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0069]


69 Der ferne Wald sieht bei Sturm unbeweglich aus, wie uns der Sternenhimmel.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0070]


70 Peron: die Sozietätsinseln, mehre neue Hebriden, Striche von Neu= Guinea p. entstanden d. kaum sichtbare Korallen-Polypen. So werden flache Gründe, über die man noch wegsegeln kann, bald d. sie furchtbare Klippen. Morgenbl. N. 20
 
[V-Nat-06-1806-1824-0071]


71 Gegen Bienenstich Honig, Wunden mit Oel behandelt
 
[V-Nat-06-1806-1824-0072]


72 Wie sonst die Hostien bluteten
 
[V-Nat-06-1806-1824-0073]


73 Mit Sonnenstralen aus d. Wasser od. sogar von mehren Spiegeln zurückgeworfen, kann man immer d. ein Brennglas noch zünden Reichs A. p. 1635 1807
 
[V-Nat-06-1806-1824-0074]


74 Wenn Wolken aufsteigen, scheinen die Berge zu rauchen
 
[V-Nat-06-1806-1824-0075]


75 Bonstetten: oft auf den Alpen sieht man Nebelmeer unter sich - Gebürgsrücken wie Küsten - Berggipfel wie Inseln mit Heerden od. blos kahl scheußlich - die untergehende Sonne färbt dieß Meer roth - plötzlich thut sich das Meer auf u. man sieht Auen, Schlösser, Städte. Merkur

[Manuskriptseite ohne Zählung]

[V-Nat-06-1806-1824-0076]


76 Die Karthager u. Röm. merkten unt. einer Schlacht nichts von einem großen Erdbeben. Plin. L. 2.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0077]


77 Die Spinne macht jede Nacht ein neues Gewebe
 
[V-Nat-06-1806-1824-0078]


78 Regnet es der Braut in den Kranz, so werden die Eheleute reich. Noth und Hülfsbüchl.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0079]


79 Bei Gewitt. üb. dem Kopf lege man sich auf den pl Boden platt hin.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0080]


80 Je höher man steigt, desto schwärzer wird das Himmelsblau. = Philos. , Skeptizism.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0081]


81 Humbold: auf der Gebirgskette des Andes bemerkt man zuweilen die Nacht hindurch tief am Horizont ein schwaches Licht rundherum; so Saussure auf dem C o l  de  G é a n t.
 
[V-Nat-06-1806-1824-0082]

82 Auf den b amerikanischen höchsten Gebirgen wol ewiger Schnee, - größte Höhe - aber keine Eisberge. |
 
[V-Nat-06-1806-1824-0083]


85 Humbold: am meisten bei ganz heiterer Luft erhebt sich der Condor in die Höhe von seinem Fels. auf.


Aus einer Art Wirrwarr – wie aus zufällig gezogenen Zetteln – also, erschuf Jean Paul seine neue Welt? Labyrinthisch und krumm, wie das Leben selbst es ist: Wo keine Rechnung aufgeht, keine Gleichung ein Ergebnis bringt, kein Wunsch sich erfüllt, kein Vorhaben gelingt, kein Plan befolgt und kein Ziel erreicht wird – und kein Archiv sich kategorisieren lässt. Das Warme wohnt im unvollendeten Chaos. Nur Visionen und Träume folgen den uns unbe­kannten Gesetzen der Schöpfung.

 

Wenn man bei Jean Paul nun Textstellen – für was auch immer – suchen will, wird man süchtig. Man kann sich gar nicht entscheiden. Ach, dann ist es egal, helfe ich mir, und greife einfach in den Bestand. Was ich finde, ist immer passend, trös­tend, erquickend, über­raschend, weise und oder von kosmischer Schönheit. Seltsam.

So viel Italien hier

Abends bummeln wir zum kleinen Nagler See. Er ist umsäumt von bunten Lichterketten. 

»Das sieht so italienisch aus!«, jauchze ich. »Jetzt wäre ein Sektchen fein.«

»Wir haben doch noch einen im Kühlschrank«, meint Peter.

Gesagt getan, ist ja nicht weit.

 

Und schon sitzen wir in der lauen Sommer­nacht am blauen Ufer, und erinnern uns an den Lago di Trasimeno, einen See in Umbrien, wo wir einmal waren. Dort fuhren wir mit dem Schiff auf eine minikleine Insel, die Isola Maggiore, die wir zu Fuß erkundeten. Darüber ge­langten wir zu einer verlassenen Villa, die ganz von einer Mauer umgeben war. Dort war ein Tor, und vor dem Tor stand eine alte Frau mit einem großen Schlüssel in der Hand. Fast schon schien sie auf uns zu warten. Sie fragte auf Italienisch, und Einladung gestikulierend, ob wir einmal hineinschauen woll­ten. Ja! So gerne. Was für eine Überraschung!

 

Wir schritten durch das Tor, dann durch die anliegende Kapelle, durch das lichte Treppenhaus und durch einige Zimmer. Obwohl schon vieles am Zer­fallen war, sah es aus, als ob die Besitzer gerade erst gegangen wären. Die Sessel an den Kamin gerückt, auf dem Tisch ein paar elegante Gläser, weiße Kugeln lagen auf dem immer noch grünen Tuch eines Billards. 

Dann öffnete die Frau im Salon die beiden Flügel der Terrassentür, winkte uns herbei, und gab uns so einen einzigartigen Blick frei: Da lag der See in sei­ner ganzen Schönheit plötzlich vor uns, breit und ruhig und prominent vor untergehender Sonne. Was für eine Aussicht! Heute nur für uns.

So viel Sommer am Nageler See
So viel Sommer am Nageler See

Genau so fühle ich mich gerade. So leicht, hinabsinkend, so voll abklingender Hitze. Nachtankündigende Kühle zieht vom Nagler See herauf. Ich denke an Glühwürmchen, wie sie einen in Juninächten begleiten, aufglühen, da sind, dann wieder ihr Licht ausmachen.

 

Heute, vier Jahre nach der Wanderung, wohnen wir im thüringischen Ronne­burg und haben einen Kleingarten mit Laube. Dort sitzen wir Sommerabende lang, hören Musik und trinken ein Glas Whisky. Ein Rotschwänzchen besucht immer öfter unsere Regenschale, um zu baden. Wir sind ganz still, bewegen uns nicht, wollen das Vögelchen nicht stören. Zunächst hüpft es vorsichtig von einem Rand zum anderen und schaut sich immer wieder um, ob Gefahr droht. Erst dann taucht es plätschernd und spritzend seine Flügelchen ins Wasser, immer mehr, immer vergnügter. Wir halten den Atem an.

Was für ein weiter Weg ist es gewesen bis an diesen Sommer-Sonnenplatz. So viel für andere unsichtbares Leid wanderte Jahrzehnte neben uns her und raunte nur: »An mir sollst du wachsen.« Doch ich glaubte ihm längst nicht mehr. Dann schwärmte es uns vor: »Lasst euch durch mich verbiegen, werdet so wie ich, dann kommt das Glück.« Ich glaube, es wollte, dass wir egoistisch werden und doch endlich unser empfindsames Herz aufgeben. »Ihr tut euch nur selber weh«, spottete es.

 

Aber wie schnell sich Leid vergessen lässt, wenn es erst einmal weg ist, merke ich heute. Das gefällt ihm aber nicht und lauert hinter jeder kleinen Biegung. Immer noch. Wie frech, denke ich mir und lese jetzt einfach weiter in Jean Pauls »Hesperus«. Roséfarbene Kletterrosenblüten bei meiner Bank neigen ihr Köpfchen zu mir hin und lauschen: 

… Aber wenn wir schon jetzt in den Mittagstunden des Lebens so denken und seufzen; wie wird uns nicht am Abend, wo der Mensch seine Blumenblätter zusammenlegt und unkenntlich wird wie andre Blumen, am Abend, wo wir unten am Horizont in Westen stehen und auslöschen, wo uns da nicht, wenn wir uns umwenden und den kurzen, mit eintretenden Hoffnungen bedeckten Weg überschauen, wird uns dann der Garten der Kindheit, der in Osten, tief an unserem Anfange, und noch unter einem alten blassen Rote liegt, nicht noch holder anblicken, noch magischer anschimmern, aber auch noch weicher machen? – Und darauf legt sich der Mensch nicht weit vom Grabe nieder auf die Erde und hofft hienieden nicht mehr. … 

 

Abends, wenn es schon längst dunkel ist, schlurfen wir drei, Peter, Fidel und ich, wieder auf dem sanften Wiesenweg des Gartens, an der Friedhofsmauer entlang, nach Hause. Da sind sie, so viele Glühwürmchen, und leuchten uns voran.

 

Ich springe in der Zeit wieder zurück – nach Nagel. Der nun tiefblaue Abend biegt sich langsam in die Nacht. Wir laufen noch einmal um den See, das geht ja schnell, 1,1 Kilometer, streifen ein Bootshaus und lesen, dass es dort einen Ruderbootverleih gibt. 

Ich sage: »Peter, wir sind noch nie zusammen gerudert, das wär’ doch mal was. Du kannst bestimmt gut rudern, so stark, wie du bist.« 

Peter antwortet: »Was glaubst du? Ich rudere doch den ganzen Tag.«

 

 

 

PS

Im unserem Ronneburger Garten haben wir Nachtviolen gesät. Ihr lateinischer Name lautet »Hesperis«. Und »Hesperos« ist der Abendstern, welcher zugleich der Morgenstern ist und der Planet Venus.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0