12. Die große Ode

Bad Alexandersbad - Luisenburg (ein Höhepunkt)
Bad Alexandersbad - Luisenburg (ein Höhepunkt)

Bad Alexandersbad - Luisenburg


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Gewandert sind wir am Mittwoch, den 15. August 2912.

Es ist ein herrlicher Morgen! Sonnenschein pur. Und mein Geburtstag. Der soll schön werden. Jo. Deshalb machen wir heute nur eine kurze Etappe, und zwar zu einem Höhepunkt der Wanderung: dem Felsenlabyrinth bei der Luisenburg.

Wir starten in Bad Alexandersbad. Von hier aus sind es nur 4 1/2 Kilometer bis zum heutigen Ziel.

Wie der Name des Städtchens schon verrät, handelt es sich um ein Kurbad, das um eine Heilquelle gediehen ist. Der Sichersreuther Bauer Wolfgang Brodmerkel hat 1734 die Quelle entdeckt, der Markgraf von Ansbach-Bayreuth, Markgraf Christian Carl Alexander, hat die Quelle gekauft und 1783 ein Schlösslein hierher gebaut. Deshalb sind wir jetzt in Alexandersbad. (Hm, wie hieß es eigentlich vorher?)
Und als im Sommer 1805 Königin Luise von Preußen mit ihrem Mann, König Wilhelm III., auch noch drei Wochen hier verweilte, war das Bad in aller Munde. Die Quelle hieß nun Luisenquelle. Der nahe, auf einer Anhöhe gelegene Landschaftsgarten mit Felsengewirr, genannt „Luxburg“ (Lichtburg), wurde in „Luisenburg“ umbenannt und Jean Paul verfasste anlässlich des Besuchs der Königin Luise eine Ode.

Ein schöner Einstieg, so früh am Tag, ist der sonnenumkränzte Weg durch den Kurpark zur Luisenquelle.


Den Weg zu ihr ziert Stationstafel 60:

Heilkraft Fichtelgebirge

Das Fichtelgebirge, fast die höchste Gegend Deutschlands, gibt seinen Anwohnern Gesundheit (sie können am ersten das Alexandersbad entbehren) und einen schönen hochgebauten Wuchs.

Und deine Heilquelle gibt die Kraft - nicht dir, sondern - dem Kranken, hinaufzusteigen zum Thronhimmel über sich und zum Beherrschen der weiten Dörfer und Länderebene.

Selberlebensbeschreibung


Indem sie mehr schweigend als bisher auf der Höfer Landstraße und Leibgeber vorausging: so hob dieser, den das Fichtelgebirge zur Rechten wieder erquickte, sein gewöhnliches Reisepfeifen an, frohe und trübe Melodien des Volkes, die meisten in Molltönen.

Siebenkäs

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 60 "Heilkraft Fichtelgebirge", nahe der Luisenquelle
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 60 "Heilkraft Fichtelgebirge", nahe der Luisenquelle
Die Luisenquelle in Bad Alexandersbad
Die Luisenquelle in Bad Alexandersbad
Historische Ansicht des Markgräflichen Schlosses in Bad Alexandersbad
Historische Ansicht des Markgräflichen Schlosses in Bad Alexandersbad

Wir kommen nun auch am Schlösslein vorbei, so nenne ich das Markgräfliche Schloss. Noch einmal die große Markgrafenstraße überqueren, dann sind wir schon auf der Luisenburgallee, auf dem Königin-Luise-Weg und jetzt auch Jean-Paul-Weg. Jean Paul meets Königin Luise.

 

Mit Jean Paul und Königin Luise auf dem Poetenweg

Die Allee ist ein breiter Weg durch den Wald, schnurgerade, dafür aber rechts und links mit einem Fußpfad bebändert. Es geht immer leicht bergan. Genau dieser Weg war schon immer auch der breite Wandelweg vom Kurpark hinauf zur Luxburg mit dem gewaltigen Felsengewirr, herrlich zu gehen an Sonntagnachmittagen, anderen wandelnden Menschen zu begegnen und zu plaudern, sich gegenseitig zu bewundern und dann übereinander lustvoll zu lästern. Herrlich!

Jedenfalls, der Weg ist schön. Da säumt ein Springbrünnlein rechts, hier eine Muttergottes links, mit zwei brennenden Kerzen beehrt. Sie muss heute, am Tag ihrer Himmelfahrt, auch nicht allein sein.

Als wir oben angekommen sind, fällt Peter auf, dass er sein Handy im Auto vergessen hat. Wir brauchen es dringend, da es sein kann, dass doch irgendein Sender anruft und ein Kamerateam braucht. Da wir jeden Job brauchen, können wir auch keinen absagen, notfalls müssten wir auch die Wanderung unterbrechen. Wäre ok.
Außerdem müssen wir am Ende der Etappe immer schauen, wie wir nach Hause kommen, Busfahrpläne durchforsten oder ein Taxi rufen. Ich habe mich kurzerhand - weil heute so ein schöner Tag ist - bereit erklärt, es zu holen. Den ganzen Weg nach unten und wieder rauf.

Die Belohnung für meine Aufopferung folgt prompt. Ein Eichelhäher begleitet mich, hüpft von Ast zu Ast, wartet auf mich, bilde ich mir ein, und fliegt dann wieder voraus. So geht das ein ganzes Stück lang.
Auf dem Rückweg geht mir langsam die Puste aus. Da denke ich mir, du könntest doch einfach kleine Schritte machen, so wie beim Fahrrad, Gänge runter schalten. Aber das ist Quatsch, merke ich schnell. Bergauf geht in die Muskeln, egal ob große oder kleine Schritte. Ist gehupst wie gesprungen.

Überall duftet es nach Harz, wie in Italien, in den Pinienwäldern im Sommer. Weiter hinten in einer Lichtung, erkenne ich rauchende Waldarbeiter sitzen. Kinder fahren nebenan auf dem Pfad hoch, um auf dem breiten Weg in der Mitte wieder jauchzend hinunter zu sausen.

Heute könnte ich einfach nur ein Tag sein. Gar nicht mehr ich. So kugelrund ist alles um mich herum ...

... und kullert kichernd zur Stationstafel 61:

Der Tod auf der Lebensbühne

Der Tod ist der eigentliche Schauspieldirektor und Maschinenmeister der Erde. Er nimmt einen Menschen wie eine Ziffer aus der Zahlenreihe vorn, mitten, oder hinten heraus und siehe, die ganze Reihe rückt in eine andere Geltung zusammen.

Es gibt schauerliche Dämmeraugenblicke in uns, wo uns ist, als schieden sich Tag und Nacht - als würden wir gerade geschaffen oder vernichtet - das Theater des Lebens und die Zuschauer fliehen zurück, unsre Rolle ist vorbei, wir stehen weit im Finstern allein, aber wir tragen noch die Theaterkleidung, und wir sehen uns darin an und fragen uns: „Was bist du jetzo, Ich?“ Wenn wir so fragen: so gibt es außer uns nichts Großes oder Festes für uns mehr - alles wird eine unendliche nächtliche Wolke, in der es zuweilen schlimmert, die sich aber immer tiefer und tropfenschwerer senkt - und nur hoch über der Wolke gibt es einen Glanz, und der ist Gott, und tief unter ihr ist ein lichter Punkt, und der ist ein Menschen-Ich.

Siebenkäs


Sobald wir anfangen zu leben, drückt oben das Schicksal den Pfeil des Todes aus der Ewigkeit ab - er fliegt so lange, als wir atmen, und wenn er ankommt, so hören wir auf.

Dr. Katzenbergers Badereise

Auf dem Weg von Bad Alexandersbad zur Luisenburg
Auf dem Weg von Bad Alexandersbad zur Luisenburg

Aber noch dürfen wir rasten. Es ist nicht ein Ende. Der Quell sprudelt uns unbewölkt eine Strecke Lebens in die Hand ...


... versetzt mit purestem jeanpaulischen Elexier, Stationstafel 62:

Romantik

Aber wo geht jetzt unser Jüngling mit seinen Träumen? Noch auf der romantischen einleitenden Straße nach Lilar, eigentlich dem ersten Gartenwege desselben. Er wanderte auf einer belaubten Straße, die sanft auf Hügel mit offenen Baumgärten in gelbblühende Gründe stieg und die wie der Rhein sich bald durch grünende Felsen voll Efeu drängte, bald fliehende lachende Ufer hinter den Zweigen auftat. Jetzt wurden die weißen Bänke unter Jesminstauden und die weißen Landhäuser vielfältiger, er kam näher, und die Nachtigallen und Kanarienvögel Lilars streiften schon hierher, wie Land ansagende Vögel.
Der Morgen wehte frisch durch den Frühling, und das zackige Laub hielt noch seine leichten ätherischen Tropfen fest. Ein Fuhrmann lag schlafend auf seinem Leiterwagen, den die rechts und links abrupfenden Tiere sicher auf dem glatten Wege zogen. Albano hörte am stillen Sonntage nicht das Feldgeschrei der drängenden Arbeit, sondern die Ruheglocken der Türme; im Morgengeläute spricht die zukünftige, wie im Abendgeläute die vergangene Zeit; und an diesem goldenen Alter des Tages stand auch eines in seiner frischen Brust.

Titan

Und jetzt kommt ein „Helfrecht“. Ich weiß es auch nicht.
Er gehört zum Weg, also hier auch seine Station, 6. Tafel „Landschaft zu Jean Pauls Zeiten“ :

Auf dem Jean-Paul-Weg, 6. Tafel „Landschaft zu Jean Pauls Zeiten“ - Wo ist der Ausblick?
Auf dem Jean-Paul-Weg, 6. Tafel „Landschaft zu Jean Pauls Zeiten“ - Wo ist der Ausblick?

Wo ist der Ausblick? Stellt jemand die Frage.

Wenn Vorfreude eine Art Ausblick ist, dann habe ich ihn jetzt! Denn wir sind da.

Wir sind so fiebrig, dass wir vor dem Kassenhäuschen nur schnell die Stationstafel 63 fotografieren ...

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 63 "Luisenburg" bei der Luisenburg mit Felsenlabyrinth
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 63 "Luisenburg" bei der Luisenburg mit Felsenlabyrinth

Luisenburg

Am 14. Juni 1805 wurde die Luxburg anläßlich des hohen Besuches der preußischen Königin Luise und ihres Gemahls

zu ihren Ehren in Luisenburg umbenannt.
Für dieses Fest dichtete Jean Paul ein kleines rezitatorisches Festspiel (Wechselgesang der Oreaden und Najaden,

der Berg- und Wassernympfen), das am Nachmittag mit musikalischer Untermalung zur Aufführung kam:

Chor der Oreaden und Najaden
Seid gegrüßt den Geistern der Berge und der Ströme!
Die Ruine blüht vor Euch,
Blumen opfert das Gebirg‘!
Der Berg wird zum Throne durch Ihn,
der Thron ein Olympos durch Sie,

Oreaden
Deinem Adler gebührt die Höh‘,
unser verlieh Dir ihn
mit Klauen voll Frühlingsgewitter,
um die Fluren zu segnen,
um die Feinde zu treffen.

Najaden
Wir bewohnen nur vier kleine Flüsse.
Denn das Meer gebar die schönste Göttin,
zum Meere eilen die Flüsse,
doch auch die Welle schafft die Göttin;
und ihr Diamant
faßt das göttliche Bild;
unsere vier Ströme spiegeln Anadyomene
als vier Schwestern zurück.

Eine Oreade
(Veränderte Musik)
Ich besiege die Nympfen der Berge und Flüsse:
ich sende aus der Tiefe
statt Goldes die Heiquelle ins Tal
und die Erhabenen weilen am Längsten bei ihr.

Die Najade der Saale
Ich besiege dich:
ich begleite sie am längsten in Ihr Reich
dann eilet meine Götterschwester mir
von seinem Riesengebirg entgegen,
und umarmend tragen wir des deutschen
Königes Schiffe in das deutsche Meer.

Chor der Oreaden und Najaden
Wir sind alle gleichzeitig,
denn Sie sind bei uns.

... und ehrlich gesagt, jetzt gerade nichts lesen wollen, sondern erst einmal und vorweg eine Erfrischung zu uns nehmen müssen ...

Ein gutes Luisenburg Pils vor der Luisenburg
Ein gutes Luisenburg Pils vor der Luisenburg

Und dann tauchen wir ein, in das größte Granitsteinmeer Europas.

Mehr wussten wir damals nicht. Als Kamerateam hatten wir schön öfter Berichte bezüglich der Freilichtbühne Luisenburg gedreht - sie ist immerhin älteste und schönste Naturbühne Deutschlands, haben aber damals immer nur die Hinweisschilder „Felsenlabyrinth“ und das Kassenhäuschen wahrgenommen, nicht das, was sich dahinter verbirgt. Heute wissen wir, dass es etwas Besonderes sein muss.

Dann sind wir drin. Ich leine Fidel an, warte noch auf Peter. Gleich am Anfang gabelt sich der Pfad, ich weiß nicht, ob rechts oder links, ein paar Kinder schnattern: „Den blauen Pfeilen müssen wir nach, nicht die roten, nicht die rooooten! Die geh‘n runter!“

„Oaaa, schau mal ...!“ ruft der andere und schon sind sie an mir vorbeigezogen.
Peter kommt nach.

„Da sind aber auch gelbe Pfeile, was ist mit denen?“ frage ich Peter, aber der hat keinen Plan. Wir folgen den gelben.

Eine kleine Gruppe mit Führung läuft vor uns her, bleibt bei großen Pilzen, die auf den Felsen wachsen, stehen. Der Referent hält einen Pilz in der Hand und erklärt etwas, ich kann aber nichts verstehen. Wir nutzen die Gelegenheit und überholen sie, und stecken dann in einem „gelben Pfeil“ schon mal fest.

Im Felsenlabyrinth, zwischen den Felsen geht es hindurch
Im Felsenlabyrinth, zwischen den Felsen geht es hindurch

Nur beinahe.

Im Felsenlabyrinth, Peter kam durch.
Im Felsenlabyrinth, Peter kam durch.

Was folgt, ist ein einziges Klettern und Zwängen. Staubige Schultern, Arme und Bäuche auch. Oft muss ich sogar den Rucksack abnehmen, weil ich sonst nicht mehr raus käme.

Und immer wieder: Heiliger Bimbam, ist das schön! Wir zwängen uns durch Felsen, wo man nie denken würde, da ging es hindurch. Peter kämpft gegen Klaustrophobie.

Ein paar Jungs klettern durch die Felsen, verschwinden hinter ihnen und tauchen auf ihnen wieder auf. Die Mutter, gerade den Klauen des Granits entkommen, ist genervt: „Du kommst jetzt sofort da runter!“ „Wir haben ne ganz coole Höhle gefunden,“ versucht der Sohn die ganze Sache in seinem Sinn zu beeinflussen. „Wir müssen gehen, Paul. Jetzt aber!“

Schon wieder ein Paul! Das kann doch kein Zufall sein, denke ich mir. Auf den Felsen finde ich viele Sprüche und Widmungen eingehauen. Bis jetzt haben wir noch keine von oder über Jean Paul gefunden. Jetzt fällt‘s mir gerade auf.

Fidel, mit seinem Allradantrieb, ist an seiner langen Leine immer weit voraus, bleibt stehen, blickt zurück zu uns und scheint zu fragen, wo bleibt ihr denn?

Fidel kommt durch das Felsenlabyrinth
Fidel kommt durch das Felsenlabyrinth

Also hier kann nicht jeder durch. Das ist eine harte Konfrontation mit der eigenen Leibesfülle. Und die Frisur versaut‘s auch.

 

Das Felsengewirr ist ein Gedanken-Landschaftsgarten.


Man muss immer wieder stehen bleiben, schnaufen, lässt die Blicke schweifen und fragt sich, wie sind die Felsen dahin gekommen? Wer hat da mit übermächtigen Steinkugeln gekegelt? Oder seit wie viel Jahrmillionen liegen die schon da? Einen Landschaftsgarten soll das hier darstellen. Wer oder was soll denn in der Lage gewesen sein, die hübschen Steine so verspielt hier hin zu drapieren? Gerade so, dass es für die Aussicht passt. Das waren die Götter, sage ich. So behält man immer recht.

Göttlich und odisch ist die Umgebung wahrlich! Ich könnte jauchzen. Mir macht das Spaß. Kleine Nervenkitzel halten in Schwung. Wie geht es weiter? Wo geraten wir hin? Nur ein Teufel kann hier wohnen.


Nein, Gräber sind das, und untote Seelen heulen nächtlich durch die Schluchten, verfangen sich in unseren Haaren und ziehen uns hinab.


Iwo, ein Olymp ist das! Jeden Abend tauchen tausend Sonnen einsame Helden in güldenes Licht, umkränzen sie mit Sternen-Unsterblichkeit auf diesem immerewigen Fels. 


Quatsch, ein einzig lieblich Liebesnest. Für Liebende, die verborgen sein wollen, wurde dieser Ort geboren. Sich necken, nur mit den Augen, benetzen, allesduftend, sich vernehmend, berauschen, ein ganzes Zauberreich nur in Gedanken. Rate, wo bin ich?

Verschlungene Wurzeln im Felsenlabyrinth
Verschlungene Wurzeln im Felsenlabyrinth

Ist alles so andächtig, ich mag gar nicht mehr über Granitblöcke und Felsformationen schreiben. Sollen andere es tun. Für mich sind sie schön, so verwunderlich, manchmal witzig, welch‘ schöpferische Meisterleistung Zufall Natur hier geleistet hat. Kein noch so genialer Landschaftsgärtner könnte etwas Ebenbürtiges schaffen.
Und nein, es sind nicht nur ein paar Felsen, die zu bestaunen sind, es sind so viele auf einem Haufen, dass man gar nicht fertig wird. Wir waren den ganzen Mittag im Labyrinth und dabei ständig beschäftigt mit Klettern, Kraxeln, Keuchen und Schauen.

Dann sind wir oben angelangt, ein schattiger Rastplatz mit vielen Tischen und Bänken wartet schon auf uns. Man rechnet also mit zahlreichen Besuchern. Wieder Familien mit Kindern, die ihre Brotzeiten aus den Rucksäcken ziehen. Andere laufen um die Tische.

„Wo sollen wir hin, Mama?“

„Im Schatten eines Felsens ist es dichter, als im Schatten eines Baumes ...“, antwortet sie.

Wir trinken Wasser und Fidel auch. Der ist ganz schön durstig. Dann geht es wieder bergab. Dieses Mal dürfen wir den roten Pfeilen folgen. Aber gleich geht es schon wieder steil nach oben. Per Holztreppe gelangt man auf einen Felsen, auf dem ein kleiner Pavillon und ein großes Kreuz steht. Das muss der höchste Punkt sein.

Ich zögere noch ein wenig, traue mich nicht hinauf. Da überholen mich drei betagtere Herren, einer mit einem Höhenmesser in der Hand und konstatiert im tiefsten rheinischen Dialekt: „Siemhundertfünfunvierzisch Meter hamm wer schon...“ „Keine Angst, dat werden noch locker siemhundertfufzisch!“, sagt der zweite. 

Wo anders im Labyrinth liegt, ebenfalls auf einem Fels thronend, eine (künstliche) Ruine. Dort herrscht soviel Andrang, dass man warten muss, bis wieder Besucher herunter kommen und den Platz frei machen. In Schluchten, über die ganze Baumstämme hingeworfen scheinen, kann man derweil hinunter gucken. Oben, in der Ruine, ist ein Fenster eingelassen, durch das man, wie eingerahmt, in die Landschaft schauen kann.

Gerade spaziert wieder eine Familie vorbei, dieses Mal mit größeren Kindern. Die jugendliche, sehr hübsche Tochter bittet ihren kleinen Bruder mit dem Handy ein Foto von ihr zu machen.

„Ja, daahh musst du drauf drücken, nur drauf drücken!“ Dann setzt sie sich ins Ruinenfenster in eine Art romantische Pose und schaut hauchend schön und träumerisch.

„Noch eins, mach‘ noch eins!“ ruft sie ihrem Bruder zu und wechselt die Position.

Ich würde mich so gleich in sie verlieben. Das erinnert mich an einen Schwur, den ich, als ich genau so jung war, an mich selbst geleistet habe: Allein das Gefühl der Liebe soll mir für immer genug sein! Das musste ich mir ja damals auch schwören, denn der Angeschwärmte nahm mich absolut nicht wahr. Ob Liebe und Küsse oder Tränen und Sehnsucht, egal, Hauptsache Romantik.

Wir steigen immer weiter in das Labyrinth hinein, wieder hinauf, dann wieder hinunter, reisen zur Insel Helgoland, mit einem Schiff, sehen den Zuckerhut, nehmen ein Duschbad, finden eine Diamantquelle, leuchtendes Moos und seufzen in der Tränengrotte. Wir brauchten den ganzen Nachmittag. Soviel Zeit sollte man sich unbedingt nehmen.

Das Ende ist nun in Sicht, wir erkennen unten das Kassenhäuschen. Auf den letzten riesigen glatten Felskolossen rutschen quiekend ein paar Kinder herum. Hier, ihr Götter, das ist euer Bild.

Im Felsenlabyrinth, Kinder rutschen die Felsen hinunter
Im Felsenlabyrinth, Kinder rutschen die Felsen hinunter

Wir sind satt. Voll. Müde. Glückselig. Vor dem Kassenhäuschen fällt mir noch ein, dass ich ein paar Postkarten kaufen und nach einem Labyrinth-Führer fragen wollte. Ein älterer Mann spricht schon etwas länger mit der Dame hinter dem kleinen Tresen. Er unterbricht seine Unterhaltung, um mir Platz zu machen. Ich werde dann reichhaltig mit Material versorgt, und zum Schluss packt die Dame mir noch ein anderes größeres Prospekt obendrauf. „Das schenke ich ihnen,“ sagt sie zu mir, und ich freue mich.

„Das ist ja nett! Das passt auch gut, denn ich hab‘ heute Geburtstag!“ lasse ich sie wissen.

„Oh, der Herr neben ihnen auch!“ antwortet sie.

 

Die Begegnung

Ich drehe mich um. „Oh, ...“ sage ich und will eigentlich zu ihm sagen, dass uns Genurtstagskindern diese Begegnung Glück bringen würde, komme aber nicht dazu. Gleich gratuliert er mir per Handschlag und zieht seinen Ausweis aus der Tasche, um ihn Peter zu zeigen.

„Hier, sehen sie, da steht es, 15. August ...“
Der Herr ist älter als ich, vielleicht Rentner, spricht Hochdeutsch und ist wahrscheinlich kein Tourist, denn er kennt die Dame von der Kasse. Ich will noch dauernd sagen, dass uns das Glück bringen würde, das geht aber nicht, ich komme nicht dazwischen, denn er wünscht mir unentwegt alles Gute in meinem Leben.

Er steigert sich immer mehr in die ganze Sache hinein, würde am liebsten eine Flasche Sekt aufmachen und mir eine von seinen geräucherten Rehkeulen schenken. Er hätte nämlich eine Jagd und er kenne jemand, der Wild räuchert.

„Das ist eine ganz feine Sache, verstehen sie? Ich schicke diese Rehkeulen zu Freunden nach Amerika ...“. Und nicht nur dorthin. Er zählt die Länder auf, eines nach dem anderen, und, „... ja, was sage ich, um die ganze Welt!“

Man weiß es ja schon, ich mag keine Jäger. Lache ihn aber an, weil mein Tag schön bleiben soll, und ich sage: „Herrlich!“


Damit fühlt er sich wohl bestätigt und ist nicht mehr zu bremsen: „Ich habe ja soviel Wild, und wissen sie, das ergibt so viele Freunde, und die kommen mich alle besuchen und bringen auch ihre Freunde mit. Jetzt habe ich eine alte Mühle gekauft, die will ich herrichten lassen. Da gibt es dann genug Gästezimmer für all die Freunde. Ach ja, ich blase auch Waldhorn und da kommen ja noch die Bläser hinzu. Die besuchen mich heute Abend und blasen mir ein Ständchen ...“
Ich: „Herrlich!“
Er: „... Ja, wir blasen dann zusammen und essen hinterher köstlichen Wildbraten ...“
Ich: „Feiern sie denn einen runden Geburtstag?“
Er: „Nein, erst nächstes Jahr. Heuer werde ich 64, nächstes Jahr gehe ich in Rente. Wissen sie, ich bin Meeresbiologe und in der ganzen Welt herumgekommen. Und das mit der Jagd, da ist ja auch noch Afrika! Allein schon die Reisen und die Jagden dort bringen ja so viele Freunde, der Geheimrat und der Kommerzienrat (Namen habe ich vergessen, vielleicht stimmen die Titel auch nicht, aber es klang so danach) sagt das auch immer. Der schätzt die Rehkeulen besonders und ordert gleich welche für seine Freunde. Ich könnte allein schon damit Geld verdienen. Also ich wüsste schon, wie es nach der Rente weiter ginge ...“
Ich: „Herrlich!“
Er: „Ja, und meine Frau kommt ja aus der Gastronomie und mein Sohn, der ist Sterne-Koch in München ...“
Ich: „Herrlich!“
Er: „Und was machen sie?“ fragt er plötzlich. Wir stammeln etwas, haben keine Lust, aus unserem immer kleiner werdenden Leben zu erzählen, da sagt Peter rettender Weise: „Wir gehen den Jean-Paul-Weg, von Joditz bis nach Sanspareil.“
Er: „Oh, meine Jagd grenzt genau an Joditz ...“
Ich, verzweifelt: „Der Hund drängt ...“

 

Drängte ein Hund? Ich weiß es nicht, ich will weg. Gehen dann auch. Er ruft noch gute Wünsche hinter uns her. Als er außer Hörweite ist, sage ich zu Peter: „Es reicht! Der braucht kein Glück mehr, der hat es schon.“

Dann gibt es Gegrilltes im schönsten Biergarten im Hammerschloss in Leupoldsdorf. So liebe Leute sind hier. Die grüßen immer lachend, man spürt, dass sie sich über daseiende Menschen freuen. Das ist Arkadien.

Mein Geburtstag war doch einer der schönsten überhaupt!


P.S.: Ich glaube, die Ode war nicht gerade Jean Pauls größtes Werk. Warum soll man auch versuchen, so etwas Unendliches, wie ein Meer aus Felsen, zu beoden. War ja nur eine Auftragsarbeit für Luisens Besuch. Nehme ich an.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0