8. Begegnung mit Paul

Großer Waldstein - Weißenstadt - Grub (sehr schöne Etappe)
Großer Waldstein - Weißenstadt - Grub (sehr schöne Etappe)

Großer Waldstein - Weißenstadt - Grub


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Gewandert sind wir am Sonntag, den 12. August.

Heute fangen wir unsere Etappe ja wieder am Großen Waldstein an. Dafür parken wir an der Bushaltestelle, an der wir gestern Abend in den Bus gestiegen sind. Wir laufen noch mal den kurzen Weg zurück zum Waldstein, dann weiter über Weißenstadt zum Dörfchen Grub. Das sind ca. 12 Kilometer. Uns reicht das.

Das Wetter ist fantastisch heute, endlich einmal purer Sonnenschein, blauer Himmel. Es ist noch früher Morgen, als wir am Waldsteinhaus ankommen. Alles noch still und menschenleer, heute an diesem schönen Sonntagmorgen im August ist das wohl eine Art Ruhe vor dem großen Sturm.

 

Peter läuft noch einmal zu den Waldsteinfelsen um Fotos zu machen. Ich kaufe ein paar Ansichtskarten und schreibe heitere Nachrichten für die Daheimgebliebenen. Und: es gibt tatsächlich einen Briefkasten hier oben. Der muss doch genutzt werden!

Briefkasten am Großen Waldstein
Briefkasten am Großen Waldstein

Die unfreiwillige Komik der Radfahrer

 

Während ich in den ersten Sonnenstrahlen sitze und vor mich hin schreibe, rauschen Radfahrer schon durch das eigentliche Ziel des Ausflugs.

Ein einzelner Biker kommt neben einem größeren Holzpodest - es gehört zur Felsenbühne Waldstein - zum Stehen, guckt sich schnaufend schnell um, entdeckt auf der Bühne die hölzerne Kapelle, die Kulisse für ein Stück ist. Es ist offensichtlich, er kann keine Erklärung für das Gesehene orten. Da ergeben die Stufen zu den Waldsteinfelsen doch eine klarere Botschaft: man muss hinauf! Jener Aufforderung er auch prompt nachkommt, nimmt sein Rad auf den Arm und steigt los, hält dann doch inne und kehrt zurück. Ich versuche seine Gedankengänge zu ergründen: Das wird eng! Das Fahrrad, wohin damit? ... Ohne scheint es keine Wege zu geben. Und schon plumpst er auch weiter, wieder Richtung bergab.

Die kleine Kapelle ist Kulisse für die Felsenbühne Waldstein
Die kleine Kapelle ist Kulisse für die Felsenbühne Waldstein

Dann kommt Peter zurück und wir entschließen uns zum Sonntagsfrühschoppen. Warum wir dazu in den Gastraum gehen, erklärt sich mir heute nicht. Aber kaum haben wir im Platz genommen, „rollt“ schon der nächste Radfahrer herein und stürzt an die Theke: „Der Radweg? Wo geht der weiter?“ hechelt er.
„Dort hinten, den Berg wieder runter!“, antwortet die Bedienung gebetsmühlenartig. Sie kennt das Problem. „Ach, so!“, jetzt versteht er und stolpert wieder hinaus. Kein „Danke“, kein „Auf Wiedersehen“. Wenn man den ganzen Tag in die Pedale tritt, dann schüttelt sich das Hirn und die Sitten sind im Arsch.

Ich gehe aufs Klo, dicht gefolgt, dieses Mal von einer Radlerin. Sie ist schnell, auch im Eiergang mit den klackernden Radschuhen. Sehr schnell. Sie ist vor mir fertig, wäscht sich die Hände ohne dafür ihre Radhandschuhe auszuziehen und findet dann den Knopf am Papierspender nicht. Egal, nass weiter. Hauptsache Rapidität. Sogar im eigenartigen Hockgang auf Matschbeinen ist sie schnell, die Radfahrer-Kaste. Sehen und Ansehen sind egal.

Am Großen Waldstein
Am Großen Waldstein

So schön nach Weißenstadt ...

 

Der Weg bergab ist wunderschön, viel schöner, als ihn die Karte vermuten ließ. Er ist weich, klein, schattig, für Fidels Pfoten wie gemacht. Überall kann er schnuppern, Hundezeitung lesen. Wir staunen über des Pudels eigenes Kino. Jeder einzelne Halm wird besucht, einer nach dem anderen, dann hält er inne, scheint sich zu überlegen, wie denn die Geschichte anfing, dann schnuppert er lieber noch einmal bei dem ersten Halm nach um ganz sicher zu gehen. Erst dann, wenn der Verlauf schlüssig ist und damit das Ende stimmt, trollt er sich weiter.

In der Ferne hört man Familien plaudern, deshalb, weil Frauenstimmen unentwegt plätschern, Männer schweigen, Kinder jauchzen, vorauslaufen und sich Entdeckungen zurufen, so sonntäglich.


Die in der Karte hier angekündigte Stationstafel 39 finden wir nicht, aber sie hätte sehr gut gepasst, jetzt. Man könnte nicht mehr sein.

Versunken in der Natur

Nun tritt auch die Erdensonne auf die Erdengebirge und von diesen Felsenstufen in ihr heiliges Grab; die unendliche Erde rückt ihre großen Glieder zum Schlafe zurecht und schließet eintausend ihrer Augen um das andere zu.

Ach welche Lichter und Schatten, Höhen und Tiefen, Farben und Wolken werden draußen kämpfen und spielen und den Himmel mit der Erde verknüpfen - sobald ich hinaustrete (noch ein Augenblick steht zwischen mir und dem Elysium), so stehen alle Berge von der zerschmolzenen Goldstufe, der Sonne, überflossen da - Goldadern schwimmen auf den schwarzen Nachtschlacken, unter denen Städte und Täler übergossen liegen - Gebirge schauen mit ihren Gipfeln gen Himmel, legen ihre festen Meilen-Arme um die blühende Erde, und Ströme tropfen von ihnen, seitdem sie sich aufgerichtet aus dem uferlosen Meer - Länder schlafen an Ländern, und unbewegliche Wälder an Wäldern, und über der Schlafstätte der ruhenden Riesen spielet ein gaukelnder Nachtschmetterling und ein hüpfendes Licht, und rund um die große Szene zieht sich wie um unser Leben ein hoher Nebel.

Ich gehe jetzo hinaus und sink‘ an die sterbende Sonne und an die entschlafende Erde.

Die unsichtbare Loge

„Die unsichtbare Loge“. Noch habe ich mich nicht an sie heran getraut. Aber jetzt fange ich an, kann immer nur hier und da Abschnitte lesen, glaube mir heraus, was eh in mir verbleibt, von den schönen Worten. Und da finde ich auch diese wieder: die „Ostindischen Gewürzinseln“ von denen schon auf der Stationstafel 12 in Hof zu lesen war. Bei mir muss nur einer das Wort „Insel“ erwähnen, schon entfaltet sich ein ganzer Blütenbaum von Poesien und Fantasien. So wie bei Shakespeare „Der Sturm“. Das Stück bräuchte ich hierfür gar nicht mehr zu lesen, theoretisch. Es spielt auf einer geheimnisvollen Insel. Ging es Jules Verne auch so?

 

Die unsichtbare Unsichtbare Loge

Oh welch‘ Freude. Ich habe sie im Roman gefunden, die Textstelle der o.g. Stationstafel 39. Sie leuchtet am Ende der Vorrede zur zweiten Auflage Jean Pauls ersten Romans. Der Titel: Die unsichtbare Loge (Mumien), Eine Lebensbeschreibung, Motto: Der Mensch ist der große Gedankenstrich im Buche der Natur, Auswahl aus des Teufels Papieren, dann: Erster Teil, Entschuldigung - bei den Lesern der sämtlichen Werke in Beziehung auf die unsichtbare Loge, dann: Vorredner - in Form einer Reisebeschreibung, dann endlich: Vorrede zur zweiten Auflage. Erst danach geht der Roman los.

 

Jean Paul versichert sich gern aller Perspektiven bevor er zum Eigentlichen kommt. Und auch dort verweilt er nie ohne Seitenblicke, Standortwechsel und Zeitverschiebungen, die sich dann auch noch ziemlich labyrinthisch verstricken. Wie konnte man damals solchen Geschichten voller Gedanken folgen? Die Leser, die sich interessierten, hatten wohl Zeit.

In Anbetracht der heutigen zeitlosen Zeit und der britischen Neuverfilmung von Sherlock Holmes, die mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman, die schnell und komplex ist, auch alles in einander verwebt, nein nicht wie bei Jean Paul, aber doch irgendwie so, dass man kaum mithalten kann, ich nicht, aber ich starre, schaue fasziniert, immer wieder Wiederholung für Wiederholung, da mag dieses Phänomen einem rätselhaft erscheinen. Ich lese Jean Paul (stellenweise) und bin genau so wohlig erstarrt.

„Die unsichtbare Loge“, Jean Paul klärt sie nicht auf, soviel kann man sagen. Aber sie ist da, sie wirkt ohne dass man sie sieht und das verstört bis in alle Ewigkeit, gestrig und zukünftig.

Das eigentliche Ende dieser Vorrede aber, ist für mich das wirklich Spannende, das, was dann weggelassen wurde:
Ich trat hinaus - -
Noch einmal im Ganzen:
„Ich gehe jetzo hinaus und sink; an die sterbende Sonne und an die entschlafende Erde.
Ich trat hinaus - -“

Und dann? Was ist dann mit ihm passiert? Drängt es mich zu fragen.
Nun, es bleibt offen. Der Roman wurde nicht fertig. Bleibt dennoch eine Frage: warum?

Es geht weiter, aus dem Wald heraus, immer leicht bergab. Weite Felder tun sich auf.

Auf dem Jean-Paul-Weg, vor Weißenstadt
Auf dem Jean-Paul-Weg, vor Weißenstadt

Wir streifen das Dörflein Ruppertsgrün, das vor Weißenstadt liegt. Hier finden wir Stationstafel 40:

Ruppertsgrün - Bärenjagd

Die Richters kamen ursprünglich aus dem Vogtland, aus Oelsnitz. Etwa um 1465 wanderten viele Bewohner dieses Ortes in das Fichtelgebirge aus. Die Richters ließen sich in der Weißenstädter Gegend, in Ruppertsgrün und Voitsumra nieder.

Von Hans Richter, einem Bauern in Ruppertsgrün, der im frühen 16. Jahrhundert lebte, ist folgende Geschichte überliefert: er habe, heißt es beim Chronisten Pöhlmann, „einen Bären oberhalb des Dorfes, allwo dessen Sohn Fritz Richter das Vieh hütete und ein Stücklein Vieh vom Bären angefallen worden, erschossen. Als nun solch Bären totschießen gleich ruchbar worden, hat jedermann dem Bäuerlein deshalb große Furcht und Angst eingejaget. Endlich hat sich das Bäuerlein einen Mut gefasst und hat den erschossenen Bären auf einen Gestellwagen geladen und ist damit auf Bayreuth zu gefahren, hat auch mit seinem Fuhrwagen nicht über den Schlosshof fahren dürfen, sondern den Bären mit Beihilfe seines Sohnes Fritzen, der noch ein geringer Jüngling war, tragend hineinschleppen müssen. Da habe Seine Hochfürstliche Durchlaucht eben herunter auf den Platz gesehen und befohlen den Bären hinauf vor ihn samt den Bauer zu bringen, und als nun dieses geschehen und der tote Bär zur Stelle dalag, da haben dann Seine Hochfürstliche Durchlaucht das Bäuerlein gefragt, ob er diesen Bär totgeschossen habe, das Bäuerlein hierauf treuherzig geantwortet: Ja! Seine Hochfürstliche Durchlaucht ferner ihn gefraget, ob er sich getraue, mehr Bären zu schießen, das Bäuerlein gleichfalls geantwortet: Ja! Wenn es mir nur erlaubt wäre! Hierauf habe es Ihre Durchlaucht auf des Bauern so treuherziges Bekenntnis gnädigst gesprochen: „So sollst du Förster zu Weißenstadt werden.“

Er hat ihm das Anvertraute viele und lange Jahre bis an sein Ende ehrlich und rühmlich versehen.

Ich zitiere aus der Webseite von Ruppertsgrün:

„Schon 1346 wird es urkundlich genannt. 1499 hatte es 8 Höfe. 1525 wütete hier die Pest fürchterlich. Im 30-jährigen Krieg musste Ruppertsgrün schwere Schäden erleiden. Damals wurde es letztendlich von seinen Bewohnern verlassen und erst wieder 1661 belebt. 1676 war es noch ringsum von Wald umgeben. 1840 brannten 8 Gebäude bei einem Großbrand total ab. Bekannt wurde das Dorf dadurch, das Hans Richter in der Markgrafenzeit 1650 einen Bären unbefugt tötete. 
Er zeigte aber viel Mut und wurde schließlich markgräflicher Förster. Er war einer der Urahnen Jean Pauls.“

Aha! Der Furchtlose war wohl mehr vor der Hochfürstlichen Durchlaucht furchtlos als vor dem Bären. Mir imponiert das tausendmal mehr als Jägerscheiß. Das muss so gesagt sein.

Jetzt kommen wir in die Niederungen und endlich zum See. Wasser! Weiches, weites Wasser. Das tut gut. Der Weißenstädter See ist ein von der Eger und dem Hirtenbach gespeister, künstlich angestauter See und der größte im Herzen des Fichtelgebirges.

Der Weißenstädter See
Der Weißenstädter See

Um den See herum führt eine 4 km lange Seepromenade, die heute sehr belebt ist. Skater, natürlich Radfahrer, so viele davon, dass wir Mühe haben, den asphaltierten Weg schadlos zu überqueren, da steht nämlich die nächste Stationstafel Nr. 41:

Hund und Mensch

Man verbindet sich oft mit einem Menschen, wenn man ihn nach dem Namen seines Hundes fragt.

Der größte Hass ist, wie die größte Tugend und die schlimmsten Hunde, still.

Wie will man etwas gegen die Hunde haben, da der große ruhig dem kleinen vergibt, und der kleine kühn den größten anfällt. Ich wollte, wir wären Hunde.

Mit einem blutfremden Hunde ist eine Unterredung noch saurer auszuspinnen als mit einem Engländer, weil man den Charakter und Namen des Viehes nicht kennt.

Liebe Engländer, verzeiht uns das

Heute gibt es ein Fischerfest am See, ausgerichtet vom Fischerverein Weißenstadt. Beschaulich, einladend. Bier und Bratwürste, Kaffee und Kuchen und Musik. Uns steigt der Duft von Gegrilltem in die Nase. Wir folgen ihm und finden eine uns unbekannte Art des Fischgrillens. In Sand gesteckte, mit Fischen bestückte Spieße über einer Rinne mit glühenden Holzkohlen. Wir verweilen und genießen ein braunes Bierchen.

Fischgrillen auf dem Fest des Fischervereins Weißenstadt
Fischgrillen auf dem Fest des Fischervereins Weißenstadt

Dann weiter auf der Promenade. Es gibt Parkbänke zuhauf. Von hier aus kann man auch den Großen Waldstein und den Schneeberg sehen. Auf dem See fliegen Surfer und Segler über das glitzernde Wasser. Kinderjauchzen und das leise Plochen von Ballspielen, eingeflochten mit Oh!s und Ah!s bimmeln aus der Ferne uns Ferienerinnerungen ins Gemüt.

Am Nordufer liegt der Kinder- und Nichtschwimmer-Badestrand. Er gleitet besonders flach ins Wasser. Hier ist überall Platz genug, auch am heißen Augustsonntag. Wir baden heute im Sonnenmilchduftsee und sonnen uns ein wenig auf der bunten Kicherwiese.

Nichtschwimmer-Badestrand am Weißenstädter See
Nichtschwimmer-Badestrand am Weißenstädter See

Und hier finden wir Stationstafel Nr. 42, so schön dazu passend:

Kinder-Spiele

Das Spiel ist die erste Poesie des Menschen.

Im Tiere spielt nur der Körper, im Kinde die Seele.

Vergeßt es doch nie, daß Spiele der Kinder mit toten Sachen darum so wichtig sind, weil es für sie nur lebendige gibt. Ich kenne nämlich für Kinder in den ersten Jahren kein wohlfeileres, reines Spielzeug als Sand. Die zweite Spielgattung ist Spielen der Kinder mit Kindern.

Spiele, d.h. Tätigkeit, nicht Genüsse, erhalten Kinder heiter.

Fidel trifft seinen Doppelgänger

 

Dann findet auch Fidel seine ganz ureigene Freude: er trifft sein alter ego. Bei Wikipedia lese ich hierzu: Ein wahrer Freund ist gleichsam ein zweites Selbst. (Jean Paul würde sagen, sein Doppelgänger. Das Wort ist eine Erfindung Jean Pauls.)

 

Fidel erkennt seine Doppelgänger immer schon aus der Distanz. Erst beginnt er vor Freude zu fiepen und kann sich kaum beruhigen, so heimatlich ist ihm seine Begegnung mit anderen Pudeln. Wirklich, einem Original und seinem Spiegelbild gleich, bewegen sie sich zunächst tänzelnd umeinander, dann folgt sehr respektvolles Schnuppern unter Schwanzwedeln. Alles ohne irgendeine Aufdringlichkeit. Das Ritual setzt sich fort, indem sie sich gegenüber platzieren, in der typischen Warte-Sitz-Haltung, den Kopf zwischen die Vorderpfoten gelegt.


Natürlich kommen die beiden entzückten Pudelbesitzer sofort miteinander ins Gespräch. Der kleine schwarze Pudel gehört einer betagteren Dame und ist ihr erster Hund. Sie hat noch ein wenig Stubenrein-Stress mit ihrem Schützling. Wir beruhigen sie und sagen, dass sie noch viel Freude mit ihrem kleinen Freund haben wird. Sie will alles richtig machen, sagt sie, sowie, dass der Hund eigentlich aus dem Schlafzimmer verbannt werden sollte, so hätte man es ihr erklärt. Aber da habe er ihr nachts vor die Tür gemacht. Sie weiß schon, dass sie es selbst schuld ist, sagt sie, weil sie ja so den Hund nicht sehen kann, wenn er Bedürfnisse anzeigt.


Wir erzählen ihr, dass Fidel auf dem Bett schlafen darf. Er haart ja nicht und liegt nachts mucksmäuschenstill am Fußende. Und - füge ich hinzu - auch ein alter Hund muss manchmal nachts. Dann steht er auf und stellt sich still vor das Bett und wartet bis ich wach werde. Wir gehen kurz vor die Tür und alles ist gut.

Der Pudel passt sich an alles an, einzig dafür, dass er immer dabei sein darf. So ist ja auch die Welt der Pudelbesitzer in Ordnung, sage ich zu ihr. Das Wort pudelwohl kommt ja auch nicht von irgendwo her. Der Pudel an sich hat ein derartig heiteres Gemüt, dass es jeden ansteckt, der ihn sieht. Jedem Menschen, der uns entgegenkommt, zaubert er ein Lächeln ins Gesicht. Das macht auch uns froh.
„Wie heißt er denn?“, will ich noch wissen. „Paul,“ sagt sie und da macht es einen kleinen Jauchzer in unseren Herzen: „Da ist Paul! Paul lebt!“

Fidel und Paul
Fidel und Paul
Pudel Paul ist noch jung
Pudel Paul ist noch jung

Auch Jean Paul hatte einen Pudel, was wir aber erst von Eberhard Schmidt  (Besitzer des Jean-Paul-Museums in Joditz) erfahren haben. Wenn nicht wir, wer dann könnte die Zuneigung besser verstehen?

 

Ja, Hund und Mensch ist ein langes, schönes und schreckliches Kapitel ...


Jean Paul war ein Freund der Hunde, der Tiere überhaupt und auch ein Freund des Menschen, was sich nicht immer zwangsläufig bedingt. Wie viele Menschen gibt es, die sich aus Enttäuschung an ihrer eigenen Gattung nur noch den Tieren zuwenden. Da war Jean Paul anders. Aber bleiben wir bei den Hunden.

Es war ein fixes Bild: Dichter mit Hund. Egal wo Jean Paul erschien. Hierbei spielte das Tier beileibe nicht nur die Rolle eines Begleiters, sondern die eines nahezu ebenbürtigen Kommunikationspartners. Zuerst war es sein Spitz, genannt Alert. Er muss alt geworden sein. Leider habe ich nicht genau herausbringen können, wie alt und in welchem Zeitraum er Jean Pauls Leben teilte.

 

... zuerst das Schöne ...

(Folgende Zitate aus Eduard Berend „Persönlichkeit in Berichten der Zeitgenossen".
Eduard Berend, 1883 - 1973, war einer der Jean-Paul-Forscher. Bemerkenswert ist, dass er als Jude während der Nazizeit ausgerechnet aus der Jean-Paul-Gesellschaft ausgeschlossen und im KZ Sachsenhausen interniert wurde.)

1817 schreibt Heinrich Voß (Prof. der Philologie in Heidelberg, Übersetzer 1779 - 1822) an seinen Bruder Abraham Voß (Philologe, Schulmann, Übersetzer, 1785 - 1847):
... Des Morgens um 1/2 8 Uhr geht Jean Paul mit seinem Hund und dem Schreibzeuge und einer Flasche Wein auf die Sattler-Müllerei, und vor dem Gartenhäuschen oben auf der Höhe setzt er sich zum Arbeiten hin. Nun sind in allen Häusern, die Fenster dahin haben, Tubus (Fernrohr) auf ihn gerichtet; und gestern machte ich mir den Spaß, ihn auch ein paar Stunden durch unseren Dollondschen (John Dollond, F. R. S., Erfinder des Achromatischen Teleskops) zu beobachten. Er saß da ganz nachdenklich und begeistert, schrieb - manchmal mit Hast, dann wieder piano -; dann nahm er ein Schlückchen Wein; dann kappte er die Feder; dann sprach er mit seinem Hund Alert, was höchst komisch aussah, da man die Worte bloß sah und nicht hörte; dann spazierte er auf und ab, besah die Gegend und schrieb wieder. Daß er in der Einsamkeit so viele Zeugen hat, ahnet er nicht ...

Im selben Jahr schreibt Woldemar von Dittmar (baltischer Jurist und Schriftsteller, 1794 - 1826) in sein Tagebuch:
...Zu Frau von Ende, als diese seinen Hund füttern und derselbe seinen Gebieter nicht verlassen wollte, sagte Jean Paul: „Er liebt mich mehr als Ochsenfleisch.“ Und als der kleine Emil Thibaut sich von Alert zum Andenken Haare abschneiden wollte, gestattete Jean Paul dieses und setzte dann noch hinzu: „Man liebt in Heidelberg meinen Hund so sehr, als ob er einen Band zu meinen Werken geschrieben hätte.“

Übrigens dass mit dem Locken- und Haarkult betraf nicht nur den Hund, sondern auch den Dichter selbst, denn die Damenwelt seiner Zeit schnitt ihm derartig die Locken zur Reliquienverehrung ab, dass eine Unsymetrie auf seinem Kopf entstand, die er in Bayreuth wieder richten lassen musste. Sein nächster Hund, der weiße Pudel Ponto, sollte dann ebenso Opfer der Begierde werden.

Eine Mariette Zoeppritz, geb. Hartmann, schrieb 1819:
... überall, auch in größter Gesellschaft, war sein Pudel Ponto, des Dichters unzertrennlicher Begleiter. Es war ein schönes Tier, blendend weiß und fein gelockt, und man erzählte sich, daß in Heidelberg ... der Mann, dem der Auftrag geworden war, den Hund zu scheren, ein großes Glück damit gemacht habe, weil sich die Damen um die Löckchen rissen und bis zu einem Dukaten für eines bezahlten!

Pudel Ponto war überall dabei, auf Reisen, in den Kutschen, bei den Wanderungen, in den Gasthäusern, auf Gesellschaften und vor allem auf den Sofas in seinen jeweiligen Schreibstuben, immer auf der Nordseite dösend, sodass der Meister seinen Kopf auf den Pudel legen konnte, einnickend, schlummernd, lesend oder denkend. Immer blieb Ponto ruhig liegen, er war es gewohnt und genoss es. Dabei sein ist alles!

Ludwig Rellstab, ein Musikschriftsteller aus Berlin schrieb im August 1821 folgende köstliche Episode, die ich unbedingt hier ausführlicher ausführen möchte:
Bei einem Besuch in Bayreuth, zunächst:
...Plötzlich rief aus der bewegten Menge eine Stimme zu mir herauf: „Guten Morgen!“ Es war Jean Paul, der mitten unter der fröhlichen Jugend vorüberzog. Er hatte einen gelbbraunen Überrock an, einen schwarzen Strohhut auf und trug eine Art von Reisetasche über den Schultern, in der er seine Manuskripte bewahrte. Sein treuer gelehriger Pudel, Ponto, von dem ich noch später zu erzählen habe, sprang neben ihm her. ...

Und dann kommt die kleine versprochene Köstlichkeit:

...Ich habe dem Leser ein kleines Anhangskapitel über Jean Pauls Hund, einen weißen Pudel, Ponto genannt, versprochen, von dessen Geschick und Verständigkeit der Herr mich gleich bei meinem ersten Besuch mit einem gewissen freudigen Stolz Proben sehen ließ. Früher hatte Jean Paul einen Spitz gehabt, dessen Haar die Damen abschnitten, um es gelockt in Ringen und Medaillons zu tragen ... Ihn habe ich nicht mehr kennen gelernt und weiß von seinen letzten Schicksalen nichts; allein der muntere gelehrige Pudel Ponto ist mir treu im Gedächtnis geblieben. Er mischte sich sogleich zutraulich durch Knurren, Anspringen und Wedeln ins Gespräch und erhielt die ihm verständlichen Antworten durch allerlei Liebkosungen und freundliche Zurufe, „Ich beschäftige mich gern und viel mit Tieren und besonders mit Hunden,“ sagte mir Jean Paul, indem er mir seinen Ponto gewissermaßen vorstellte; „sie sind viel verständiger und feiner organisiert, als man glaubt. Geben sie nur acht, wie fein z.B. das Ohr dieses Tieres unterscheidet.“
Er bot ihm darauf einen Bissen dar, mit dem laut „va“ (kurz gesprochen). Ponto rührte ihn nicht an. Der Herr sagte ebenso kurz „da“, und der Pudel schnappte vergnügt zu. „Es liegt nicht im Ton,“ erklärte Jean Paul, „denn ich spreche eins so freundlich wie das andere, ja ich will das ,va‘ freundlich und das ,da‘ zurückweisend sprechen, der Hund wird sich nicht irren.“ Wirklich zeigte Ponto, daß er seiner Sache gewiss sei, und verschnappte sich im buchstäblichen Sinne des Wortes auch nicht ein einziges Mal, wie vielfältig sein Herr auch mit dem „da“ und „va“ wechselte ...
Da mich das Spiel ergötzte, nahm der Herr plötzlich eine ernsthafte Miene an und sprach sanft verweisend: „Ponto! was hast du angestellt?“ Sogleich zog der arme Ponto, ein Sünder wider Willen (wie viele Menschen auch), den Schweif ein und kroch scheu, mit bestürzter Physiognomie unter den Ofen. „Dort bleibt er liegen, bis ich ihm Verzeihung angedeihen lasse,“ sagte Jean Paul. Ich fragte, ob der Hund lange dabei ausharre; „stundenlang, halbe Tage,“ war die Antwort. Wirklich blieb Ponto mit dem aufgenötigten bösen Gewissen unbeweglich und traurig hinter dem Ofen liegen, bis endlich der Herr die Worte der Amnesie sprach: „Es ist schon gut, komm nur her.“ Da sprang der Begnadigte freudig bellend und knurrend hervor und wußte sich im Übermaß seines Glückes kaum zu fassen.


Nach dem Häuschen der Frau Rollwenzel (Wirtin der sog. Rollwenzelei, eines Gasthauses in Bayreuth, bei der Jean Paul die letzten 20 Jahre seines Lebens eine Dichterstube bewohnen durfte) hatte Ponto seinen Herrn, als wir an jenem Nachmittage dort zusammenkamen, ebenfalls begleitet. Wenn das Gespräch sich auf unserem Rückwege sich nach einer Richtung hin ausgelaufen hatte und eine augenblickliche Stockung eintrat, füllte Ponto mit seinen Künsten die Zwischentakte aus: Jean Paul beschäftigte sich mit ihm beiläufig, wie etwa ein gelehrter Raucher mit dem Ausklopfen oder Anzünden einer Pfeife unter der angestrengtesten Arbeit. Natürlich gab das freie Feld dem Hunde mehr Spielraum, seine Künste zu zeigen. Manche habe ich vergessen, so überraschend sie zum Teil auch waren, doch eines blieb mir im Gedächtnis. Auf ein ernstes Wort von seinem Herrn ging Ponto ehrsam zwei Schritte von seinem Stiefel neben ihm, ohne ihn auch nur durch den geringsten Seitensprung zu verlassen. Er marschierte streng im Gliede wie ein Soldat. Sowie jedoch der Herr die Worte „Ponto, Sassa!“ aussprach, schoß der Hund mit eiligen Sprüngen in weiten Bogen ins Feld und umschweifte seinen Herren in entfernten Kreisen unter lautem, fröhlichen Gebell, die gestattete Freiheit ordentlich mit Übermut genießend. Doch mitten in die fröhlichen, burlesken Sprünge hinein erscholl seines Herren Wort (es ist mir hier gegangen wie dem Zauberlehrling, das Bannwort zur Rückkehr zum Gehorsam habe ich vergessen), und auf der Stelle trabte der gehorsame Ponto wieder zwei Schritte seitwärts vor dem linken Stiefel seines Gebieters ehrsam und ernsthaft dahin, und nichts, weder ein anbellender Kollege, noch selbst ein vorbeischlüpfendes Kätzchen unterbrach seine Subordination auch nur einen Augenblick ...

So ist er, der Pudel. In Fidels jüngeren Jahren genügten auch Handzeichen, Händeklatschen oder was auch immer zur Kommunikationsübertragung. Er schien das Gemeinte zu erraten, zu erahnen, zu verinnerlichen. So feengleich. Alles verstand er. „Und lesen und schreiben kann er auch!“, meinte Geli, eine andere Hundeliebhaberin aus Hollfeld, unserem früheren Wohnort.

 

Heute 2016, wo er 17 Jahre alt ist, fast taub und blind (grauer Star) - aber immer noch gut laufen kann - verständigen wir uns über Geruch (leider nur hundseitig), Erderschütterung und Körperkontakt. Letzteres am liebsten, weil wir uns so immer beieinander wahren. So sind wir am Ende wie alles Leben eins.

 

... dann das Schreckliche ...

Wie hoffnungsglaubenlos ziehen mich dann die anderen gefundenen Zeilen von Richard Otto Spazier (Neffe und Biograph Jean Pauls, 1803 - 1854) in das immer und alles beendende Jammertal unserer Erde:

Dresden, im Mai 1822:  ... Aber einen wahrhaft tief ihn empörenden und entrüstenden Auftritt bereiteten ihm eines Tages (15. Mai) die Lakaien einer adligen Familie, ich glaube, es waren die Grafen von der Malsburg (lyrischer Dichter und Übersetzer in Dresden, 1786 - 1824) oder Kalkreuth (lyrischer Dichter in Dresden, 1790 - 1873) wo er zu Tische geladen worden. Er hatte dorthin, wie überall, wohin er ging, seinen weißen Pudel, seinen ständigen Gefährten, mitgenommen, und derselbe war wirklich gewohnt, überall von den Frauen gepflegt und gehätschelt zu werden. Die Dresdner Adelslakaien waren aber im höchsten Grade entrüstet über die Frechheit dieses Bürgerlichen, einen Hund in das Haus ihrer adligen Herren mitzubringen. In ihrer Wut begingen diese rohen Gesellen die Unmenschlichkeit dem Hunde brennendes Terpentinöl in die Ohren zu gießen. Hatten sie darin irgendeinem adeligen Befehle gehorcht? Genug, daß das arme Tier, von verzweifeltem Schmerz getrieben und Schutz bei seinem Herrn suchend, der eben an der vornehmen Tafel saß, stürzte winselnd und heulend auf denselben zu, über den mit Schüsseln, Flaschen und Gläsern besetzten Tisch hinweg, dieselben klirrend umwerfend und zum Teil zerbrechend. Mitten unter dem allgemeinen Falle erhob sich Jean Paul im tiefsten Zorne, beruhigte seinen armen Hund und entfernte sich, alle Entschuldigungen zurückweisend, „die Bestien“ verwünschend, die ein armes Tier so hatten quälen können.

Ich glaube, Jean Paul wollte diese scheinheilig vornehmen Hochwohlgeborenen nie wieder sehen. Wahrscheinlich waren es auch nur eitle Pseudo-Dichterfürsten, die ihre Dienerschaft vortrefflich zu demütigen wussten und diese Lakaien wiederum in bester Hackordnungsmanier den nächsten verfügbaren Rangniederen zurück quälen mussten. Die einzige und ewigkeitslose Melodie des Keinmenschseins im pulslosen Erdenrund. 

Sicherlich war Ponto noch nicht einmal nachtragend, weil Pudel niemals nachtragend sind.

So, und jetzt brauche ich definitiv was Schönes! Das ist Weißenstadt!

Auf dem Jean-Paul-Weg durch Weißenstadt
Auf dem Jean-Paul-Weg durch Weißenstadt

Ein feines, kleines Städtchen!

 

Irgendwie ist die Stadt wie sie klingt. Freundlich. Bisher sind wir ja immer nur durchgefahren. Wie lieb uns da schon der Marktplatz schien, lebendige Lädchen und kleine Cafés überall. Jetzt, wo wir durch das Städtchen laufen und hier und da nach rechts und links schauen, fügt sich alles zu einem, ein einziges Gefühl ausströmenden, Bild: hier ist man aufgehoben. Im Ackerbürgerstädtchen Weißenstadt.

Durch kleine Gässchen, vorbei an Bauerngärten und Teichen, auf denen sich Enten tummeln, da, ein Bachlauf und dann an der Eger entlang, so ein feines Städtchen ist es. Ja richtig, kommt es uns in den Sinn, da war doch der Campingplatz am See schon so scheu und respektvoll hinter einer Hecke versteckt, da fanden wir doch ein Hinweisschild „Auf Fußgänger ist Rücksicht zu nehmen“, es gab Hundekotbeutel, und dann die schöne Infostätte im Kurpark, wo einem wirklich lebendig Eger, Wasser, Natur und Fauna nahegebracht werden. Und noch besser die Öffnungszeiten: April bis November - 9 bis 20 Uhr, November bis April 9 bis 18 Uhr, und wundervoll: dort gibt es auch ein WC!
Man kümmert sich, in dieser Welt, in den anderen scheint „sich-Kummer-machen“ aus der Mode gekommen.

Beim Kurpark haben wir Stationstafel 43 gefunden:

Borsdorfer Äpfel - auch vom Baum der Erkenntnis

Mit dem selben Vergnügen, womit man unter dem verwelkten Laube im Frühling einen Apfel des vergangnen Jahrs entdeckt, vermehret man seine Jugendgeschichte mit einer neuen Erinnerung.

Es ist mir so lieb, als wenn ichs selber wäre, daß gerade mein Held durch eine größere heitere Besonnenheit der Denkfreiheit von anderen unterschieden war - ich meine jenes sokratische helle Auge, das frei über und durch den Garten der Bäume des Erkenntnisses umherblickt und wählet wie ein Mensch, anstatt irgendeinem Apfel dieser Bäume instinktiv zugetrieben zu werden, wie jedes Insekt seiner Frucht. 

Hesperus


Man sollte sich aber freilich in allem mäßigen, im Schreiben, Trinken und Freuen; und wie man den Bienen Strohhalme in den Honig legt, damit sie nicht in ihrem Zucker ertrinken, so sollte man allezeit einige feste Grundsätze und Zweige vom Baume des Erkenntnisses in seinen Lebenssirup statt jener Strohhalme werfen, damit man sich darauf erhielte und nicht darin wie eine Ratte ersöffe.

Quintus Fixlein


Unter den Menschen und Borsdorfer Äpfeln sind nicht die glatten die besten, sondern die rauen mit einigen Warzen.

Als wir das Städtchen verlassen, entdecken wir in der Ferne das Storchenpaar, das uns täglich bei der Heimfahrt eine Augenweide ist, auf der Wiese vor der Stadt.
Störche sind irgendwie immer da, ziehen ihre Kreise über unserem Zuhause und wir alle wissen, wer sie sind, wir kennen sie, warten auf sie Jahr für Jahr. So-da-seiende Wesen machen uns glücklich. Tief in unserer Seele brauchen wir etwas, das fern von unserem Einfluss lebt. Natur. Wir ahnen, wenn sie stirbt, sterben auch wir.

Hilde, nicht schon wieder tiefsinnig werden! Jetzt kommt Gott-sei-Dank Stationstafel Nr. 44:

Schulstunde in Fluchen und Schimpfen

Nach diesem Normal hatten wir heute lateinisch das Fluchen und Schwören vorzunehmen und abzutun, womit ich noch das Schimpfen verband.
In Kirchenlamitz trieb uns ein Guß ins Wirtshaus, wo wir das Fluchen fortsetzten. Ich beobachtete mit einiger Belustigung das Erstaunen so pöbelhafter Menschen, als Wirtsleute sind, das sie befiel, da ich meinen Schülern - an einem solchen Schimpffeste, als die Alten wirklich am Bacchusfeste und die Ephesier am 22. Januar begingen und jetzt noch die Neuern an Weinlesen und auf der Themse - schwere Schimpfreden und Flüche aus Sachsenhausen zum Vertieren vorlegte, als:

"Der Teufel soll dich zerreißen.

Das Donnerwetter soll dich neun Millionen Meilen in den Erdboden schlagen."

Wobei der Lehrer immer mit Phrasen dem Lehrling unter die Arme greifen muß. Wir wurden nach und nach dem Wirte verdächtig durch mein Fluchen.

Des Rektors Florian Fälbels und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelberg

Der Weg nach Grub ist so schön,

 

dass wir heulen könnten. Auf Graswegen, frisch gemäht, noch duftend, Fidel springt und hüpft wieder heiter voraus ...

Auf dem Jean-Paul-Weg, von Weißenstadt nach Grub
Auf dem Jean-Paul-Weg, von Weißenstadt nach Grub

... bis zur Stationstafel 45, direkt neben einem bunten Bauwagen:

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 45 "Es ist verboten"
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 45 "Es ist verboten"

Es ist verboten!

Es ist derselbe Mann, welcher die zehn Gebote an die Stubentür als an eine Gedächtnissäule ankreidet, damit der Junge sie stets vor Augen habe - welches das kräftigste Mittel ist, sie aus den Augen zu verlieren.

Die meisten elterlichen und hofmeisterlichen Gebote gleichen der Inschrift auf gewissen Türen: „Tür zu“, welche dann gerade nicht zu lesen ist, wenn man die Tür offen gelassen und an die Wand gelehnet hat.

Wollt ihr das Heilige verwüsten, so hängt eine Gebotentabelle euch vor das Auge .

Verbote wirken nichts, aber Beispiele der Milde tun alles, entweder erzählte oder gegebne, Ton und Tat.

Der Bauwagen mit den Aufschriften „Haus der Kinder" und „Zum guten Hirten" scheint so eine Art Außenstelle der Schule oder des Kindergartens zu sein. Hier ein Link, der Erklärung geben könnte.

Haus der Kinder "Zum guten Hirten", ein Projekt der ev.-luth. Kirchengemeinde Weißenstadt
Haus der Kinder "Zum guten Hirten", ein Projekt der ev.-luth. Kirchengemeinde Weißenstadt

Es geht weiter, es ist schon ganz später Nachmittag. Unsere Füße schmerzen langsam ein wenig. Jedoch erfahren sie Salbung.

 

Der Weg bleibt schön und sanft, in der Ferne die blauen Berge für die Augen, Wurzeln, Baumstümpfe, duftendes Nadelholz, so typisch an heißen Abenden. Jetzt wäre ich gerne wieder ein jungzartes Liebespärchen. Ganz jung, wie in meiner Zeit damals, als man sich noch heimlich treffen musste, in Dämmerstunden an versteckten Plätzen ... 

Auf dem Jean-Paul-Weg, "Auf der Hut" vor dem Dorf Grub
Auf dem Jean-Paul-Weg, "Auf der Hut" vor dem Dorf Grub

... immer (zwar liebkosend) „auf der Hut“, was man aber vor zufälligen Begegnungen - schließlich könnte jeder ein Verräter des geheimen Stell-dich-eins werden - auch sein musste.
Alles könnte treffender nicht sein, hier steht die 3. Tafel „Landschaft zu Jean Pauls Zeiten" von Th. Helfrecht, damals gehasster Lehrer von Jean Paul:

Auf dem Jean-Paul-Weg, 3. Tafel "Landschaft zu Jean Pauls Zeiten" vor dem Dorf Grub
Auf dem Jean-Paul-Weg, 3. Tafel "Landschaft zu Jean Pauls Zeiten" vor dem Dorf Grub

Hier im Text: „Melioration“ (kulturtechnische Maßnahmen zur Werterhöhung des Bodens)

„Die Hut“, das waren magere baumlose, wertlose Flächen außerhalb der Ortschaften. Hier wurde gemeinschaftlich das Vieh hingetrieben und gehütet.

Und dann kommt weiter unten das Dorf zur Hut: Grub! Wenn man sie nicht immer schon von weitem erkennen könnte, die gewalttätigen Dörfer. Die vielen Viehfolterhallen am Rand, EU-gefördert, Fuhrparks mit Agrarkampfmaschinen, Solarfelddächer blenden, kein Dach ohne, kein einziges Idyll mehr zu erblicken, zu finden, alles nur Ertrag.

 

Trauer in Grub

Und wie sollte es anders sein, auf dem Dorfplatz wird Jean Paul hier zwischen Glas- und Müllcontainern deponiert. Von Weitem könnte man meinen, es handele sich um ein Verbotsschild, wie „Rasen betreten verboten“. Seltsam, gegenüber wurde der Dorflöschteich mitten in großer grüner Wiese angelegt und mit Sitzbänken umrahmt. Aber hier darf Jean Paul nicht verweilen, der gehört neben den zu ertragierenden Recyclingmüll, sonst machen vielleicht ja noch die „vielen“ Wanderer die Wiese kaputt. War das das Argument? Oder ging es um Grundstücke?

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 46 "Kartoffel-Freuden" in dem Dorf Grub
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 46 "Kartoffel-Freuden" in dem Dorf Grub
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 46 "Kartoffel-Freuden" im Dorf Grub, nicht bei dem schönen Dorflöschteich
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 46 "Kartoffel-Freuden" im Dorf Grub, nicht bei dem schönen Dorflöschteich

Ich glaube, dass man hier den Text „Kartoffel-Freuden" ausgesucht hat, weil Herr Helfrecht davon sprach, dass man, wenn man auf der kargen Hutlandschaft Kartoffel anbauen würde, man weitaus mehr Ertrag erzielen könnte.

Hier Jean Pauls Kartoffel-Freuden auf Stationstafel 46:

Kartoffel-Freuden

In den Herbstabenden (noch dazu an trüben) ging nämlich der Vater im Schlafrocke mit mir und meinem Bruder auf ein über der Saale gelegenes Kartoffelfeld; mein Bruder Adam trug eine Grabhaue, ich ein Handkörbchen. Draußen wurden nun neue Kartoffeln, soviel für das Abendessen nötig waren, vom Vater ausgegraben; ich warf sie aus dem Beete in den Korb, während Adam an dem Haselnußgebüsche die besten Nüsse erklettern durfte. Nach einiger Zeit mußte dieser von den Ästen herunter ins Beet und ich stieg meinerseits hinauf. Und so zog man denn mit den Kartoffeln und Nüssen zufrieden nach Hause; auf eine Viertelstunde weit und eine Stunde lang ins Freie gelaufen zu sein und zu Hause bei Lichte das Erntefest zu feiern, male sich jeder selber so stark wie der Empfänger.

Selberlebensbeschreibung


Unser literarisches Küchenpersonal weiß uns dasselbe goutée (Geschmackströpfchen) unter dem Scheine sechs verschiedener Schüsseln auf das Tischtuch und in den Mund zu spielen und belustigt uns zweimal im Jahr mit einer Nachahmung des berühmten Kartoffel-Gastmahls in Paris:

anfangs kam bloß eine Kartoffelsuppe - dann schon mit anderer Zubereitung wieder Kartoffeln - das dritte Gericht hingegen bestand aus umgearbeiteten Kartoffeln - auch das vierte - als fünftes konnte man nun wieder Kartoffeln servieren, sobald man nur zum sechsten neu brillantierte Kartoffeln bestimmte - und so ging es 14 Gerichte hindurch, wobei man noch zum Glück zu sagen hatte, daß wenigstens Brot, Konfekt und Likör den Magen aufrichteten und nicht aus Kartoffeln bestanden.

Nein, warum sollten wir hier ein Gasthaus besuchen? Taxi anrufen und nichts wie weg. Menschen, wie wir, stören hier nur. Grub hätte man auslassen können, wer hätte es vermisst?

Fidel ist heute todmüde und schläft sofort. Seine Knabber-Schweineohren dürfen für sich bleiben.
Wir ziehen uns noch die Schlussfeier der Olympiade 2012 in London rein, doch die ist enttäuschend langweilig. Nur singende Weltstars. Ein Stadion mit Musik zu rocken ist doch keine Kunst im Zeitalter von DJ Ötzi und Ballermann.

Oh Mann, wie kriegt man seltsam auftauchende schlechte Laune wieder weg? Obwohl doch alles heute so schön war? Komm‘ mir jetzt ja keiner mit „Positiv Denken“ ...

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