7. Die Welt von oben

Sparneck - Großer Waldstein (sehr schöne Etappe)
Sparneck - Großer Waldstein (sehr schöne Etappe)

Sparneck - Großer Waldstein


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Gewandert sind wir am Samstag, den 11. August 2012.    

Von Trunk und Schlaf frisch gestärkt starten wir heute in Sparneck. Noch einmal geht es zurück zur Stationstafel 32 mit dem Titel „Taufpatenpolitik":

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 32 "Taufpatenpolitik" in Sparneck
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 32 "Taufpatenpolitik" in Sparneck

Aber dazu schreibe ich heute auch nichts.

Außerdem gibt es noch eine zweite Stationstafel 32 (32a) mit dem Titel „Bruder Gottlieb in Sparneck":

Bruder Gottlieb in Sparneck

 

Jean Pauls Bruder Gottlieb Richter lebte von 1797 bis 1809 in Sparneck. Er war Rendant, also Steuereinnehmer und hatte eine große Familie zu versorgen.

Einige Briefe des Dichters Jean Paul an seinen Bruder haben sich erhalten:

 

Bekomm' ich keine Kinder: so mußt du mir und meiner Frau einen von deinen schönen Genien leihen zum Erziehen; in einem Jahr hast du die Lücke wieder gefüllt.

(30.3.1802)

 

Ich war sechs Wochen fast in Berlin und ziehe im Herbst auf den Winter dahin, weil man mich da so gut aufnahm;

Dein Magen und Schlund wäre da mehr am rechten Ort gewesen als meiner. Ich aß auch bei der Königin, und Hardenberg wollte mich sehen (ich konnt aber nicht).

Diese Nachrichten, die für Dich Manna und Adelsbriefe sind, klebe nach Deiner Manier an die Wirtshaustüren fest, um den Biergästen zu zeigen, was Dein Bruder ist und folglich - seiner in Sparneck.

Ernstlich schreibe ich dies, damit Du liesest, daß ich im Falle einer nähern höhern Amtsstelle leicht für Dich wirken kann.

(Weimar, 10.8.1800)

 

Später versuchte er ihm eine bessere staatliche Stelle zu verschaffen:

Eben hab' ich an Schuckmann für Dich geschrieben. Otto meint aber, Du würdest Dich in Erlangen mit 700 Reichstaler schlechter stehen als in Sparneck mit 300.

Vogel kann nichts dabei tun (...)

Du solltest in Holland leben, oder in Rom, wo man für das dritte Kind (jus trium liberorum) einst Douceur vom Staate bekam;

Du würdest ein Millionär. -

Vielleicht tu' ich bald auf einer Fahrt nach Hof drei Seitenschritte zu Dir, um Deinen gelehrten Heinrich, der wirklich für seine Jahre eine schöne Hand schreibt, aus der meinigen mit etwas besserem zu belohnen als mit Lettern.

(Bayreuth, 20.1.1805)

 

Noch am 8. Mai 1823 wünschte Jean Paul dem Sparnecker Bruder alles Gute zum Geburtstag:

Möge Dein Jahr und Dein Leben nichts sein als der verlängerte Mai Deiner Geburt.

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 32a "Bruder Gottlieb in Sparneck" unter dem Baum, mitten in Sparneck
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 32a "Bruder Gottlieb in Sparneck" unter dem Baum, mitten in Sparneck

Jetzt laufen wir frohgesinnt hinauf zum Großen Waldstein, (877 m ü. NN). Er ist die höchste Erhebung des Waldsteinzuges im nördlichen Fichtelgebirgs-Hufeisen, so steht es überall geschrieben. Bestimmt ist er mit seinen mystisch, mächtig aufsteigenden Felstürmen auf dem Gipfel der schönste Berg des Fichtelgebirges. Ich freue mich, denn oben, heißt es, gibt es Klöße und Bier. Eine Einkehr am Ende des Weges lockt unser Wanderherz ganz schön.

 

Unten ist es noch bewölkt und windig. Auf schmalen Asphaltstraßen laufen wir, vorbei an der Stationstafel 33 ...

Wie das weiche Obst

Die Menschen gleichen den Birnen, von denen die Obstgärtner bemerken, daß gerade die Kerne der feinsten nicht aufgehen, aber die Holzbirnen gern.

So fasse du meine Hand und laß uns nicht nur gut sein, sondern auch froh. Die Freude ist der Sommer, der die innern Früchte färbt und schmilzt. Die Blüte trägt und gibt nicht nur künftige Früchte, sondern auch gegenwärtigen Honigsaft, und man darf ihr diesen nehmen und schadet jenen nicht.

Auf demselben Menschen wachsen, wie auf dem Weinberg, oft vielerlei Weine: auf der Mittagsseite der herrlichste und auf der Nordseite einer, der nicht zu trinken ist.

Ein weiches Herz hängt, wie das weiche Obst, so tief herab, daß jeder es erreichen kann; die harten Früchte hängen höher.

Auf dem Jean-Paul-Weg, hinter Sparneck, Richtung Großer Waldstein
Auf dem Jean-Paul-Weg, hinter Sparneck, Richtung Großer Waldstein

... und weiter Stationstafel 34:

Ist das die berühmte Erde?

Ich könnte ein pläsantes Leben hier oben führen, wenn ich mich nicht den ganzen Tag über alles erboste, was ich mir denke und finde. Ein Haß gegen alles Dasein kroch wie ein Fieberfrost an mir heran; ich sagte wieder: ich bin gewiß ein böser Geist.
O Bruder Graul, kennst du auch den Ingrimm, wenn der Mensch sich vergeblich ein paar Sündfluten oder Jüngste Tage oder einen mäßigen Schwefelpfuhl wünscht, und es wie ein fauler Hund mit anschauen muß, wie zahllose Blut- und Schweinsigel, Kirchenfalken und Staatsfalken - in allen Ländern, Departements und den drei Zeit-Dimensionen - ungestraft saugen, stechen, stoßen und rupfen; - wie sie, gleich dem grünen Wasserfrosch, der die bewohnten Schneckenhäuser verdauet, Häuser und Länder verdauen; - wie sie (die besagten Bestien) wie der Ochse des Phalaris sogar den Schrei des Menschenschmerzes in das Brüllen einer wilden Tierstimme verkehren? O könnte man nur eine Woche lang als ein hübsches volles Gewitter über die Menschenköpfe ziehen und sie zuweilen berühren von oben herab, so wollt‘ ich nicht klagen!

Aber so ist die ganze ungeweihte Erde. Man denkt sich nur immer die eigene Stadt als das Filial und das Wirtschaftsgebäude zu einer entfernten Sonnenstadt; könnte man aber durch alle Gassen auf der Kugel auf einmal hinunter- und hinaufsehen und so immer dieselbe Gemeinhut (Gemeinheit) der Alltäglichkeit auf beiden Kugelhälften finden:
so würde man fragen: ist das die berühmte Erde?

Fürwahr, betrachte ich einfach nur Welt, so zieht auch mich das dort wohnende und dauernde Grauen unablässig tiefer, in einen Orkus, der nicht meine Heimat ist. Ich schließe den Blick. Welt rattert fern. Wie aber die Ohren? Wie mein Herz?

Auf dem Jean-Paul-Weg, verlassenes Gasthaus bei Reinersreuth
Auf dem Jean-Paul-Weg, verlassenes Gasthaus bei Reinersreuth

Weiter, vorbei am Dorf Reinersreuth, ein paar Häuser, ein verlassener Gasthof.

Immer weiter ... hier Stationstafel 35:

Die Welt von oben

Könntest du doch jetzt unter meinem Luftschiff mithängen. Du machtest gewiß die Sänftentüren meiner Luft-Hütte weit auf und hieltest die Arme ins kalte Ätherbad und das Auge ins düstere Blau - Himmel!
Du müßtest jetzt aufstampfen vor Lust darüber, wie das Luftschiff dahinsauset und zehn Winde hinterdrein und wie die Wolken an beiden Seiten als Marsch-Säulen und Nebel-Türme langsam wandeln und wie drunten hundert Berge, in eine Riesenschlange zusammengewachsen, mit dem Gifte ihrer Lavaströme und Lauwinen zornig zwischen den Ameisen-Kongressen der Menschen liegen - und wie man oben in der stillen heiligen Region nichts merkt, was drunten quäkt und schwillt.

Fast wie einem Fisch im Wasser war mir gestern Nachts in der Luft. Welche lüftende Freiheitsluft gegen den Kerkerbrodem unten! Hier ein rauschendes Nachtluft-Meer, drunten ein morastiges Krebsloch! Ich machte die Sänftenfenster dem frischen Luftzug auf und blies vor Lust mit meinem Posthörnchen hinaus. Drunten auf meinem zurückgelassenen Meersboden stieg ein Dieb in die Kirche ein - unweit davon stieg ein Mönch aus einem Kloster als Selbstdieb heraus - in den Wald liefen Wilddiebe - auf dem Felde Wächter gegen das diebische Wild - ferner Reisende - Sentimentalisten u.s.w.. Was ging mich das tiefe Volk an? Ich ging zu Bette.

Aus dem Luftschiffer-Roman Giannozzo

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 35 "Die Welt von oben" bei Reinersreuth
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 35 "Die Welt von oben" bei Reinersreuth

Heute gehen wir nach oben, langsam bergauf, ins Waldsteingebirge, ein Naturschutzgebiet, und tiefer in den Wald. Große, hohe, asttiefhängende Buchen. Ein kleiner Wasserlauf begleitet uns ein Stück des Weges.

Auf dem Jean-Paul-Weg, hinauf zum Großen Waldstein
Auf dem Jean-Paul-Weg, hinauf zum Großen Waldstein

Wir finden Stationstafel 36:

Buch des Lebens

Das Leben gleicht einem Buche. Toren durchblättern es flüchtig, der Weise liest es mit Bedacht, weil er weiß, daß er es nur einmal lesen kann.

Man muss sich nicht verdrießen lassen, daß man einen Lebensplan, ein Buch, eine gute Handlung, seine eigene Besserung nur halb ausführen kann - alles auf Erden wird unterbrochen und nur Gott macht sein Ganzes.

Der Schlag des Todes zerstäubt den ganzen Plunder von unseren Torheiten. Dies fällt mir oft so warm aufs Herz, daß ich nichts lernen möchte, als worauf ich in der anderen Welt aufbauen kann.

Ohne Lächeln kommt der Mensch, ohne Lächeln geht er, drei fliegende Minuten war er froh.

Ein Mensch, der am Ende seines Lebens sich hinlegte auf sein Grab, und sagte: ich war immer froh, wäre eine Lobrede auf Gott.

Auf dem Jean-Paul-Weg, Forst-Folter-Wege oder Depressionswege
Auf dem Jean-Paul-Weg, Forst-Folter-Wege oder Depressionswege

Und dann sehen wir, was jetzt kommt. Lange, lange, lange Depressionswege. Kein steigendes Herz, nur sinkender Mut. So wollen sie einem traurige Leere ins Ohr flüstern. Aber da hielt der Fingerhut am Wegesrand, hier in perfekter Dosierung, deutlich gegen ...

Auf dem Jean-Paul-Weg, Fingerhut am Wegesrand
Auf dem Jean-Paul-Weg, Fingerhut am Wegesrand

... und scheint schon gleich auf die nächste Stationstafel 37 Jean Pauls passende Worte hingezaubert zu haben:

Rezept Heiterkeit und Freude

Heiterkeit oder Freudigkeit ist der Himmel, unter dem alles gedeiht, Gift ausgenommen.

Heiterkeit - der Gegensatz des Verdrusses und Trübsinns ist zugleich Boden und Blume der Tugend und ihr Kranz. Denn Tiere können genießen, aber nur Menschen können heiter sein.

Ich möchte einen ganzen Paragraphen bloß über und für die Heiterkeit und Scherzhaftigkeit der Mädchen schreiben und ihn den Müttern zueignen, da sie jene so verbieten. Denn etwa den Mädchen selber ernsthaft vorzuschlagen, sie möchten gelegentlich lachen, hieße fast ihnen den Gegenstand sogleich mitbringen. Hingegen Mütter murren gern (sollten sie auch oft innerlich lachen, wie umgekehrt die Töchter nur äußerlich). Sie sind von der triumphierenden Kirche der Jungfrauen in die streitende der Frauen übergetreten - die wachsenden Pflichten haben den Ernst verdoppelt - der Bräutigam ist aus einem Honigkuckuck, der zur Süße der Honigwochen einlud, ein gesetzter Honig-Bär geworden, der den Honig selber haben will.

Was heiter und selig macht und erhält, ist bloß Tätigkeit.

Jede innerliche Freude ist mehr heilsam als Arznei.

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 37 "Rezept Heiterkeit und Freude"
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 37 "Rezept Heiterkeit und Freude"

Fidel will schon Rast machen, wie er uns in seiner Sprache deutlich zeigt. Ach Fidelchen, nur noch ein bisschen, bald kommt doch das Waldsteinhaus, die Einkehr, das Bier, die Klöße ... ich trage das Pudelchen ein bisschen, seine Beinchen sind doch so kurz. Wie tapfer der kleine Hund die Etappen mit läuft.

(Natürlich möchte ich auch sagen, dass breite, ebenmäßige Wege für gehbehinderte Menschen eine wichtige und oftmals einzige Möglichkeit des Naturgenusses bieten. Das darf ich bei all meinem Romantikgejammere nicht vergessen. Deshalb sei es hier extra erwähnt.)

Dann noch vorbei an Stationtafel 38: (In Klammern Jean Pauls Originaltext)

Wander-Kasten

In der ersten (I.) Kaste laufen die Jämmerlichsten, die es aus Eitelkeit und Mode tun und entweder ihr Gefühl oder ihre Kleidung oder ihren Gang zeigen wollen.

In der zweiten (II.) Kaste rennen die Gelehrten und die Fetten, um sich Bewegung zu verschaffen (um sich eine Motion zu machen, und weniger,) Sie wandern weniger ,um zu genießen als zu verdauen, was sie schon genossen. ( genossen habe;) in dieses (passive) unschuldige Fach sind auch die zu werfen, die es tun ohne Ursache und (ohne) Genuß, oder als Begleiter, oder aus einem tierischen (Wohl) Behagen am schönen Wetter.

Die dritte (III.) Kaste nehmen diejenigen ein, in deren Kopf die Augen eines (des) Landschaftsmalers stecken (stehen), in deren Herz die großen Umrisse des Weltalls dringen, und die der unermeßlichen Schönheitslinie nachblicken, die (welche) mit Efeufasern (um) alle Wesen fließ(e)t, (und) die (welche) die Sonne, (und) den Blutstropfen, (und) die Erbse rundet, und die die Früchte zu Zöglingen ausschneidet. (und alle Blätter und Früchte zu Zirkeln ausschneidet ). Leider schauen nur (O wie ) wenige solche(r) Augen (ruhen) auf den Gebirge(n), auf die (der) sinkende(n) Sonne und auf die (der) sinkende(n) Blume. (!)

Eine noch bessere , eine vierte (Eine IV. bessere) Kaste, denke (dächte) man, könne es jetzt nach der dritten überhaupt (könnt'  es nach der dritten gar nicht) geben. Aber es gibt Menschen, die nicht bloß ein artistisches sondern ein heiliges Auge auf die Schöpfung fallen lassen. ( - die in diese blühende Welt die zweite verpflanzen, und unter die Geschöpfe den Schöpfer - die unter dem Rauschen und Brausen des tausendzweigigen, dicht eingelaubten Lebensbaums niederknien und mit dem darin wehenden Genius reden wollen, da sie selber nur geregte Blätter davon sind -) Menschen, die den tiefen Tempel der Natur nicht als eine Villa voll Gemälde und Statuen, sondern als eine (heilige) Stätte in der Andacht (Stätte der Andacht) brauchen. Es sind die Menschen (; kurz), die nicht bloß mit dem Auge, sondern auch mit dem Herzen wandern (spazieren gehen....).  

Die unsichtbare Loge

Uns kommen immer mehr Wanderer entgegen. Ein sicheres Zeichen dafür, dass der Waldstein nicht mehr weit ist. Wenn ich bei dem warmen Wetter die anderen Wanderer in ihren schweren Schuhen sehe, schmerzen mir die Füße. Schon allein das Gewicht der Schuhe, und die Blasen. Ich selbst trage nur Schlappen, da haben alle Fußteile Platz. Komme prima zurecht. So sage ich noch zu Peter: „Warum haben die immer so schweres Geschütz an ihren Füßen?“ „Weil sie zur Wanderkaste I gehören ...“, war seine knappe Antwort und da taucht schon der Biergarten am Waldstein auf. Damit war das ganze Thema schnell wieder nach hinten gekippt. Und überhaupt, der Aufstieg war eher leicht, für uns als absolute Amateure gut wanderbar.

Auf dem Jean-Paul-Weg, das Waldsteinhaus - Einkehr am Großen Waldstein
Auf dem Jean-Paul-Weg, das Waldsteinhaus - Einkehr am Großen Waldstein
Rast im Waldsteinhaus
Rast im Waldsteinhaus

Das Waldsteinhaus wird vom Fichtelgebirgsverein bewirtschaftet und wäre auch per Auto zu erreichen. Vom Biergarten aus fällt der Blick direkt auf die alte Waldsteinburg oder was von ihr übrig blieb.

Draußen ist es uns heute zu frisch, wir setzen uns rein. Kloß mit Schäufele muss man in der warmen Stube genießen, so geht es mir jedenfalls. Fidel kriegt noch was zu trinken, dann lege ich seine Hundedecke unter die Wirtshausbank, damit er weiß, jetzt ist eine Weile lang Zeit zum Schlafen. Und lull, schnarcht er auch schon. Wir spenden uns ein Bier, schreiben ein bisschen Tagebuch, Peter studiert die Wanderkarte, und ich lasse mich ins Wirtshausgemurmel sinken. Langsam ins warme Bad von Stimmen, Lachen, Quieksen, Stühlerücken und Tellerklappern eintauchen.

Im Waldsteinhaus: Schäufele mit Kloß
Im Waldsteinhaus: Schäufele mit Kloß

„Oh, schon so spät!“ fahre ich plötzlich hoch. Wir wollen ja heute mit dem Bus zurück fahren, zu unserem Auto nach Sparneck. Hilfe, da ist ja die Zeit beschränkt. Kein Wirtshauströdeln, wir haben eine Deadline! „Mensch, ich muss ja noch rauf zu den Felsen und Fotos machen!“
Peter bleibt mit Fidel im Waldsteinhaus und ich beeile mich. In einer Stunde müssen wir an der Bushaltestelle sein und die ist an der Landstraße von Sparneck nach Weißenstadt. Das heißt noch einen Kilometer bis dahin laufen. Auweia, ob das klappt?

 

Der Waldstein an sich ist schon ein Erlebnis. Labyrinthische Gänge zwischen den Felsen. Eingehauene Stufen. Familien mit Kind und Kegel turnen vor mir her, die Kinder plappern aufgeregt. Ein Mädchen zum anderen: „Da kommen wir nur mit einer Räuberleiter hin.“ Die andere: „Dafür muss man aber immer zu zweit sein.“ Und schon waren sie in ihrem nächsten Abenteuer ...

Oben auf dem „Roten Schloss“ - das ist eine Burgruine aus dem 14. Jahrhundert - entdecke ich gegenüber in der Ferne einen Aussichts-Pavillon, ganz oben auf einem flachen Stein thronend. Da muss ich auch noch hin, denke ich.

Großer Waldstein, Pavillion auf dem Felsen "Schüssel"
Großer Waldstein, Pavillion auf dem Felsen "Schüssel"

Der schöne Pavillon steht auf der „Schüssel“, einem wilden Turm von Felsen, die einer hier vor Urzeiten sorgfältig abgelegt zu haben scheint. Der oberste Granitblock ist schüsselförmig ausgewaschen. Auf ihn hat man den Pavillon gesetzt.

 

Der steile Aufstieg über Steinstufen und eine Holztreppe ist nicht ohne. Ich fürchte mich vor meiner Höhenangst. Die schlägt schon mal gewaltig zu. Was mach‘ ich dann? Wie komme ich wieder runter?

Familienhorden kommen mir entgegen, ich warte in einer Treppennische, so eng ist es. Der Vater klettert voraus, die Jungs hinter ihm ermahnend: „Langsam gehen, auf jeden Schritt achten!“ Einer der Jungs: „Und immer auf der Treppe bleiben mit den Füßen ...“ Der andere Junge: „Unten dürfen wir aber wieder vorlaufen?“

Großer Waldstein, Aufgang zum Aussichtspavillon auf der "Schüssel"
Großer Waldstein, Aufgang zum Aussichtspavillon auf der "Schüssel"
Großer Waldstein, Aussichtspavillon auf der "Schüssel"
Großer Waldstein, Aussichtspavillon auf der "Schüssel"
Aussicht vom Großen Waldstein
Aussicht vom Großen Waldstein

Ich schaffe es echt bis nach oben und die Rundum-Aussicht ist gigantisch, obwohl ich so etwas immer schlecht genießen kann. Ich halte mich erst an der Mittelsäule des Pavillons fest, dann wage ich mich doch nach vorne und schaffe sogar ein Foto: Die Welt von oben!

Weit kann man hier bei klarer Sicht seinen Blick schweifen lassen. Auf das Fichtelgebirge mit dem Weißenstädter See und Weißenstadt, dahinter sogar die Luisenburg, wenn man‘s weiß, andere Gipfel des Fichtelgebirges, die Kösseine mit ihren 945 Höhenmetern und die Hohe Mätze. Allesamt weitere direkte oder nur gestreifte Etappenziele des Jean-Paul-Wegs.

Großer Waldstein, Aussicht auf Fichtelgebirge, Weißenstadt und Weißenstädter See
Großer Waldstein, Aussicht auf Fichtelgebirge, Weißenstadt und Weißenstädter See

Da kriege ich eine SMS von Peter: „Wo bleibst du denn, mach mir Sorgen!“ Ich antworte: „Ich komme!“
Peter: „Was mach ich mit dem Bier?“ Ich: „Saufen.“ Derweil steige ich schon runter, muss immer wieder auf den Stufen stehen bleiben, um die SMSen zu lesen. Stress. Peter: „Der Bus!!!“ Ich: „Dann zahl und pack alles zusammen!“ Peter: „Hab ich schon.“ Ich: „Kommt raus, ich fotografier euch noch schnell dabei ...“

Dann bin ich wieder zurück, beim Gasthaus angelangt, aber von Peter weit und breit keine Spur. Ich gehe hinein, finde ihn und da: der erste Streit. Wir werden lauter, sind im Bus-Stress, die Bedienung sagt im Vorbeigehen gütig lächelnd: „Nicht schimpfen ...“ Peter macht dann eine Bemerkung, die mich auf die Palme bringt: „Aber der Hubschrauber kommt auch nicht.“ Mittelstarke Witze im Stress kann ich gar nicht leiden. Draußen im Schilderwald finden wir den Weg auch nicht. Wo geht es denn jetzt zur Bushaltestelle? Karte raus. Die weiß es genauso wenig. Wertvolle Zeit verrinnt. Wenn wir den Bus nicht kriegen, dann müssen wir zu Fuß nach Sparneck zurücklaufen oder wir investieren 30 € für ein Taxi. Nur - das Taxi-Geld haben wir schon im Waldsteinhaus in Bier und Schäufele umgesetzt. Shitty, shitty, shitty Shit!

Schilderwald am Großen Waldstein
Schilderwald am Großen Waldstein
Am Großen Waldstein, wo geht es zur Bushaltestelle?
Am Großen Waldstein, wo geht es zur Bushaltestelle?

„So, wir gehen jetzt da lang!“  bestimme ich und Peter folgt mir einfach. Er hat den Mut in Wanderkarten verloren. Aber siehe da, es war der richtige Weg und die Bushaltestelle ist näher als wir dachten. Trotzdem beeilen wir uns doch lieber. Dann melden unsere Körper, dass der Verstoffwechselungsprozess des Bieres beendet wurde. Noch im Wald, auf dem Weg, aber schon das Ziel Bushaltestelle im Visier - falls der Bus doch früher kommen sollte oder unsere Uhren falsch gehen -  erlösen wir uns von dem Druck, einfach einen Schritt seitlich des Weges.
Und was passieren muss, passiert natürlich. Da donnert nicht nur ein Mountainbiker in Höllenfahrt vorbei, sondern eine ganze Gruppe, einschließlich obligatorischem Nachzügler. Ich, noch in der Hocke und Peter ... der Nachzügler guckt verdattert, wir auch. In Bruchteilen von Sekunden stelle ich mir vor, wie der Guckreflex des Bikers ihm jetzt zum Verhängnis werden könnte und muss so lachen ... da kommt noch einer, meine Hose hängt noch auf den Knien, und noch einer. Ich piss mir gleich wieder in die Hose vor Lachen.

Jeglicher Streit, der unserer Meinung nach wieder völlig sinnlos war und eher unserem explosiven Temperament zuzuschreiben ist, verpufft augenblicklich. Wir haben noch zehn Minuten Zeit bis der Bus kommt. Den wollen wir unbedingt fotografieren, denn es ist einer der Busse mit Fahrradanhänger, die hier an Saisontagen shutteln.

Wir sind die einzigen Fahrgäste. Busfahren ist so schön und viele Busfahrer so nett! Mit diesem halten wir ein Schwätzchen. Er hat gesehen, wie wir seinen Bus fotografiert haben und er fragt uns, ob er ein Foto haben kann. Auf der Fahrt diktiert er uns seine Adresse. Es wird uns eine Ehre sein, Herr Seifert!

In Sparneck steigen wir in unser Auto und zuckeln nach Hause, in unsere Ferienwohnung. Endlich fotografieren wir den Storch, dem wir jeden Abend auf der Heimfahrt begegnen.

Storch auf Futtersuche vor Weißenstadt
Storch auf Futtersuche vor Weißenstadt

Heute gibt es nur noch Salat und Fidel will definitiv kein Pfotenbad mehr. Das muss ich wegen seiner Allergie alle zwei Tage an ihm vornehmen. Aber gut, heute lasse ich ihn in Ruhe. Auf seinem Sessel schläft er fest. Fidel braucht Erholung und wir machen gerne mit.

In unseren Träumen fliegen wir jetzt frei von Höhenangst im jeanpaulschen Luftschiff hindurch das Nachtluft-Meer und erfahren so die Welt aus inneren ungeahnten Perspektiven, kaleidoskopisch unermüdlich schillernd, tiefschief doppeldeutig glitzernd, um sich dann im ersten Morgennebel wieder selbst zu diffusieren. Als wolle die Ferne uns vor allem Schrecken bewahren.

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