Drei Jahre Pause, aber keine Rast

Drei Jahre kein Eintrag ins Wandertagebuch
Drei Jahre kein Eintrag ins Wandertagebuch

Nun ist es schon mehr als drei Jahre her, dass ich den letzten Tagebucheintrag vornehmen konnte. Endlich, endlich finde ich zurück zum Jean-Paul-Weg. Die ganzen letzten drei Jahre habe ich immer wieder gesagt, erst wenn ich das Wandertagebuch weiter schreiben kann, erst dann ist für mich die Welt wieder heil. Und jetzt, jetzt ist sie wieder heil! Kleiner, unversehrter, und alle leben noch. Ein helles Fenster vor meinem Schreibtisch, jetzt mit Blick auf das Schloss von Ronneburg, wie es allabendlich im warmen Licht des Abendrotes aus der Ferne mir orangeleuchtend zuwinkt. Ronneburg. Wonneburg. Alles ist mir Wonneburg. So buchstabiert es mein Herz. So will ich es sehen.

Heute kann ich mit Gewissheit sagen: Gott sei dank sind wir den Weg damals gewandert, denn jetzt könnten wir es nimmermehr.

Peters Sprunggelenkverletzung musste zweimal operiert werden. Sie ist zwar verheilt, aber es hat sich ziemlich schnell eine schwere Arthrose gebildet. Die schmerzt. Täglich. Das heißt jeden Tag Schmerztabletten. Ist nicht gut für den Magen. Eine Gelenkversteifung zögern wir noch hinaus, wir trauen uns nicht. Was passiert danach? Wird es besser oder noch schlimmer? Heute kann Peter vielleicht gerade mal einen Kilometer gehen, dann ist Schicht im Schacht. Wie froh sind wir da, wenigstens noch diese Wanderung gemeinsam gemacht zu haben. Sie war sehr schön und für uns doch nur zu diesem, einen Zeitpunkt, so möglich. Jetzt leben wir auch nicht mehr in Oberfranken, sondern in dem Bergmannstädtchen Ronneburg bei Gera in Thüringen. Also etwas weiter vom Jean-Paul-Weg entfernt. Äußerlich.

Was ist in diesen drei Jahren passiert? Viel. Viel ganz Schlimmes. Dafür auch - wieder ein „Gott sei Dank“ eingestreut - unendlich Schönes. Zunächst einmal riss uns Peters Gehbehinderung schlagartig die Existenz unter den Füßen weg. Das bedeutete für uns Selbständige den Gang zum Jobcenter, Antrag auf Leistungen nach dem ALG II. Die Leistungen wurden gewährt, waren aber an die Aufgabe des alten Geschäfts: der Filmproduktion - und an die Gründung eines neues Geschäftes: der „Kaffeestube MärchenWinkel“, geknüpft. Eine neue Selbständigkeit für mich statt Bewerbungen um Jobs im allgemeinen Arbeitsmarkt.
Die Kaffeestube wurde als Projekt gefördert. Aus den alten Geschäftsräumen im denkmalgeschützten Häuschen wurden eine märchenhafte Kaffeestube mit von mir selbst gebackenen Kuchen. Eine Existenzgründung auch für mich aus dem Krankenstand heraus, denn ich litt schon seit langem unter immer wiederkehrenden Depressionen, die aus scheinbar heiterem Himmel auftauchen, mich für Tage in den Orkus reißen und dann genauso wieder verschwinden, als ob nie etwas gewesen wäre. Die Unsicherheit macht dünnhäutig.

Weiter im Telegrammstil: den Schnittplatz abbauen, unendlich viel Technik rausreißen, Kaffeestube und Backstube einrichten, ganz schnell, denn die Miete läuft ja weiter und wann kommen die nächsten Einnahmen? Eine rundumlaufende Bank schreinern, Geschirr und Gardinen besorgen, Gastronomiebürokratie, Neuland für uns, Lebensmittel verwalten, Servieren lernen, Öffnungszeiten, Rezepte suchen, das Landratsamt will immer wieder was, immer mehr Vorschriften, Peter hat Schmerzen, läuft trotzdem, Auto kaputt, Stress, Buchhaltung monatlich fürs Jobcenter, Zusammenbrüche, ich Karpaltunnelsyndrom, Operation, Peter Sehnenscheiden-entzündung, Arm so dick, dass ich nicht mehr hinschauen kann, Gäste trudeln aus der Nachbarschaft ein, mit denen wir vorher so warm nie ins Gespräch kamen, Schauspieler vom Theatersommer schneien herein und finden ein Zuhause mit Kuchen, und Veganer bei uns ihren Salat, endlich sind wir nicht mehr so einsam, und dann irgendwann breche ich endgültig zusammen.

 

Ich weiß noch, wie ich die Treppe zur Wohnung hinauf steige und der Gedanke mit hoch kommt, einzig und gewaltig entschieden: jetzt ist Schluss.

 

Am nächsten Tag sperrten wir die blaue Tür nie wieder auf.

 

Die Kaffeestube MärchenWinkel, eines meiner vielen Fenster, durch das ich nur schauen durfte.

Wir müssen umziehen, aus dem großen gemieteten Haus, in eine kleine Wohnung, leistungsentsprechend.

 

Wir verarmen. Aber wir sind behütet „verwarmt“, so fühlt sich das heute für mich an, wer hätte das gedacht? Klein und warm und sicher. So war es nie in meinem ganzen Leben. Fidel unter meinem Schreibtisch, Peter neben mir über Fotos, schöne 60 helle Quadratmeter mit Fußbodenheizung und ebenerdig, so kuschelig, direkt neben glücklichen Hühnern und die größte Luxusmaschine, genannt Zeit, legt unentwegt, Sekunde für Sekunde sanft in meine Hand. Nein, sie wirft gleich einer Ballwurfmaschine, unaufhörlich und stetig, unversiegbar und leise summend Zeit in unser Universum, um getrost auf Gefährten warten zu können.

Und jetzt aus dieser Heiligkeit heraus, kann ich mich in reinstes jeanpaulisches Stubenglück stürzen und weiter schreiben.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0