6. Theater des Lebens

Schwarzenbach a.d. Saale - Sparneck (schöne Etappe)
Schwarzenbach a.d. Saale - Sparneck (schöne Etappe)

Schwarzenbach a.d. Saale - Sparneck


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Wir wandern am selben Tag weiter. Hinaus aus Schwarzenbach, Richtung Sparneck. Dann, endlich wieder Grün, Felder, Bäume und Fidel von der Leine. Es geht leicht bergan, das Wetter ist schön, Wolken brechen öfter auf, die Sonne scheint, aber nicht zu heiß. Wir haben ja noch viele Kilometer vor uns. Wenn man wie wir, alle Stationstafeln lesen und dokumentieren will, geht es mit dem Wandern langsamer, das haben wir schon gemerkt. In der Ferne sieht man jetzt den Förmitzsee. Leider führt der Weg nicht direkt an ihm vorbei.

Bei Baumersreuth, ein kleiner Ort mit ein paar Häusern, finden wir Stationstafel 24
(Aha, jetzt gibt es wieder die „ordnungsgemäße“ Zählung vom Startpunkt aus):

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 24 "Wettervorhersage" mit Blick auf Schwarzenbach a.d. Saale
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 24 "Wettervorhersage" mit Blick auf Schwarzenbach a.d. Saale

Wettervorhersage

Gleichwohl schickte ich im Marktflecken Schwarzenbach, wo wir pernoktierten [übernachteten], einige Primaner herum, die sich überall erkundigen mußten, ob im Flecken kein Insaß oder Fremder wohnhaft wäre, der ein lahmes elendes Bein hätte, woran er spürte, obs fortregnete oder nicht. Denn Hühneraugen sind gleichsam Fühlhörner und erfrorne Fußzehen die Zeigefinger künftigen Wetters. Dem ganzen Ort aber gebrach es an einem solchen weissagenden Fuß. Ich wäre vermutlich gar umgekehret, wenn mir nicht Mr. Fechser eröffnet hätte, wir könnten seinem vom Fichtelberg zurückmüssenden Herrn Pflegevater entgegengehen, der mehr vom Wetter voraussage als ein Sturmvogel: in Hoffnung eines meteorologischen Responsums beschloß ich den Fortsatz der Schulreise.
Nachmittags kam endlich der sehnlich erlauerte Herr Pflegevater des Monsieur Flechsers vom Fichtelberg herab und konnte mir sagen, ob ich hinauf könnte, Wetters halber. Er hielt anfangs an sich, und dieser gelehrte Herr äußerte sich zuletzt (viel zu bescheiden) nur dahin: „Er sei wider Willen ein (Wetter-) Prophet in seinem Vaterlande; er könne weissagen, aber mehr auf ganze Quatember voraus als auf den nächsten Tag, so wie die vier großen Propheten leichter eine fremde, erst in Jahrhunderten einfallende Hinrichtung erblickten als ihre eigne, die sich noch bei ihren Lebzeiten begab, oder so wie (eigne Ausdrücke dieses Gelehrten) der Mensch richtiger den Weg der Vorsehung auf Jahrtausende als auf Jahrzehnte voraussagt. Überdies; da wir (nach Kant) der Natur die Gesetze geben: so sei ihm wie dem Moralisten mehr daran gelegen, zu bestimmen, wie das Wetter (nach den einfachsten Prinzipien) sein sollte, als wie es wirklich sei, und er habe wohl nicht die Schuld, wenn es die besten Regeln übertrete, die er feststelle.“ - Indessen verhielt mirs dieser meteorologische Augur [aus dem römischen: Wahrsager] doch nicht, daß es jetzt sich aufhelle. Auch trafs bis auf die kleinste Wolke ein: es will etwas sagen.

Des Rektors Florian Fälbels und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelberg

Was hier im Ausschnitt aus Rektor Florian Fälbels ... Reise nach Fichtelberg wie eine nette Geschichte übers Wetter daherkommt, ist in Wirklichkeit als Gesamtwerk eine harte Kritik an den Lehrkörpern der damaligen Zeit.
Zudem hat man zwischen den beiden Abschnitten nicht gekennzeichnet, dass eine große Textpassage weggelassen wurde. In der fehlenden Textpassage hat Jean Paul jedoch Tragisches geschildert, nämlich wie Rektor Fälbel mit seiner Schulklasse der Exekution eines Deserteurs beiwohnt und Fälbel die ganze Angelegenheit mit Scherzen kommentiert.

(Ich weiß, ich verlasse in dieser Etappe so ziemlich das Tagebuch unserer Wanderschaft, aber was soll‘s, wir sind auf dem Jean-Paul-Weg, also beschäftige ich mich mit den Texten der Stationstafeln und natürlich auch mit dem Menschen Jean Paul und seinem Werk, so gut ich es als Laie vermag.)

 

Das Unerträgliche des Rektors Fälbel

Die Geschichte des Rektor Fälbel wird mir immer wichtiger. Es geht hier auch um eine Schulmeistergeschichte, aber diese hat wahrlich mit den Idyllen des Schulmeisterlein Wutz nichts mehr zu tun.

De Bruyn schreibt dazu:
„Des Rektors Florian Fälbel und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelgebirge“, in dem ein Typ von Lehrer vorgeführt wird, wie ihn die deutsch-preußische Schulgeschichte noch bis in unser Jahrhundert hinein hervorgebracht hat. Pedanterie und Gelehrtenhochmut mischen sich in ihm mit Knauserei und Intoleranz, reaktionäre Gesinnung mit Lebensfremdheit, Feigheit und Brutalität. Die französischen Revolutionäre möchte Fälbel behandelt sehen wie die aufständischen Sklaven von den Römern, mit „Kreuztod, Deportation, Vorschmeißen vor die Tiere“. Die Hinrichtung eines Deserteurs, der sich nicht zu Kriegsdiensten ins Ausland schleppen lassen will, begleitet er mit Scherzreden, um bei seinen Schülern kein Mitleid aufkommen zu lassen, das höchstens Frauen erlaubt ist, die er sowieso verachtet ...

Aus Fälbel: „Als wir in Marktleuthen eintrafen, wußt' ich im Finstern, daß die Brücke, worüber wir gingen, auf sechs Bogen liegen mußte nach Büsching; es freuet aber ungemein, gedruckte Sachen nachher als wirkliche vor sich zu sehen. Wir schliefen in einem anständigen Wirtshaus bis um neun Uhr auf dem Stroh, weil der Regen auf den Dächern forttrommelte, bis uns ein anderes Trommeln aufstörte. Es sollte nämlich ein Hungar erschossen werden, der von seinem nach den schismatischen Niederlanden gehenden Regimente mehrere Male deserteuret war. Als ich und mein Kollegium hinauskamen, war schon ein Kreis oder ein Stachelgürtel aus Säbeln um den Inquisiten geschlossen. Ich machte gegen einen vornehmen Offizier die scherzhafte Bemerkung, der Kerl ziehe aus der Festung seines Lebens, die man jetzt erobere, ganz ehrenhaft ab, nämlich mit klingendem Spiel, brennender Lunte und einer Kugel im Munde, wenn man ihn anders dahin treffe. Darauf hielt der Malefikant in lateinischer Sprache an: man möchte ihm verstatten, einige Kleidungsstücke, eh' er angefasset und ausgezogen würde, selber herunterzutun, weil er sie gern der alten Waschfrau beim Regimente an Zahlungsstatt für Wäscherlohn vermachen wollte. Ich bekenn' es, einen Mann, der für klassischen Purismus ist, kränken Donatschnitzer, die er nicht korrigieren darf, auf eine eigne Art; so daß ich, als der Delinquent sein militärisches Testament im schnitzerhaftesten Hungarlateine verfertigte, aufgebracht zu meiner Prima sagte: ›Schon für sein Kauderwelsch verdient er das Arkebusieren (Erschießen); auf syntaxin figuratam und Idiotismen dring' ich nicht einmal, aber die Felonien gegen den Priszian muß jeder vermeiden.‹ Gleich darauf warfen ihn drei Kugeln nieder, deren ich mich gleichsam als Saatkörner des Unterrichts oder als Zwirnsterne bediente, um eine und die andere archäologische Bemerkung über die alten Kriegsstrafen daran zu knüpfen und aufzuwickeln. Ich zerstreuete damit glücklich jenes Mitleiden mit dem Malefikanten (Missetäter), gegen das sich schon die Stoiker (gleichgültige Ruhebewahrer) so deutlich erklärten und das ich nur dem schwächern Geschlechte zugute halte; daher wird es der Billige mit dem Augen-Tauwetter (Tränen)meiner Tochter wegen des Inkulpaten (Beschuldigten) nicht so genau nehmen." –

Im Gutenbergprojekt des Spiegel heißt es: Natürlich ist die ganze Tour ohne sachgemäße Vorbereitung unternommen worden und muß im entscheidenden Moment abgebrochen werden. Das Reisegeld reicht nicht. Fälbel läßt seine Tochter Kordula bei dem Thiersheimer Wirt zum Pfande und tritt mit seinen Primanern den Rückweg an.
Über den Rahmen einer bloßen Humoreske ragen die üblen Charaktereigenschaften des Rektors hinaus. Nicht als Stilwidrigkeit, denn sie verdeutlichen das satirische Porträt durch lebendige Züge. Fälbel ist nicht allein borniert, pedantisch, geizig, er ist herzlos und von einer unbewußten, aber deshalb nicht weniger empörenden Gleichgültigkeit gegenüber fremdem Leid. Das tritt schon in seinem Verhältnis zu Kordula zutage, die er wie ein Küchensudel behandelt und ausnutzt, einer adligen Familie zur schrankenlosen Ausbeutung überlassen will, und die er einfach als Pfand bei einem fremden Gastwirt daläßt. Noch viel krasser tritt sein Mangel an Mitgefühl bei der Erschießung eines armen ungarischen Deserteurs hervor, vor dessen qualvoller Todesangst er mit seinen Primanern Sprechübungen im Lateinischen veranstaltet. Vor den Machtmitteln des Staates knickt der eingebildete Pedant in heuchlerischer Anerkennung zusammen. Mit der lateinischen Syntax zerstreut er »glücklich jedes Mitleiden mit dem Malefikanten, gegen das sich schon die Stoiker so deutlich erklären, und das ich nur dem schwächeren Geschlechte zugute halte; daher wird es der Billige mit dem Augentauwetter meiner Tochter wegen des Inkulpaten nicht so genau nehmen.« An diesen Stellen ergreift dann Jean Paul selbst das Wort, um Kordulas und aller niedergedrückten Töchter und Frauen Partei zu nehmen. »Ihr Vater ließ, wie die meisten Schulleute,« schreibt er von der Tochter des Gymnasiarchen, »durch die Römer verwöhnt, nichts einer Frau zu, als daß der Körper ein Koch wurde und die Seele eine Köchin.« »Oh, es ist mir jetzt, als säh' und hört' ich in alle eure Häuser hinein, wo ihr, Väter und Ehemänner mit vierschrötigem Herzen und dickstämmiger Seele, beherrschet, abhärtet und einquetschet die Seele, die euch lieben will und hassen soll . . . o ihr milden, weichen, unter schweren, finstern Schnee gebückten Blumen, was will ich euch wünschen, als daß der Gram, eh ihr mit besudelten, entfärbten, zerdrückten Blättern verweset, euch mit den Knospen umbeuge und abbreche für den Frühling einer anderen Erde? – Und ihr seid schuld, daß ich mich nicht so freuen kann, wenn ich zuweilen eine zartfühlende, unter einer ewigen Sonne blühende Schwester von euch finde, eine hauchende Blume im Wonnemond: denn ich muß denken an diejenigen von euch, deren ödes Leben eine in einer düsteren Obstkammer durchfrorene Dezembernacht ist.« Was nicht in den Rahmen dieser engen Charakterstudie einging, das tat sich hier als Programm des Autors, als Schrei aus dem Werk heraus kund. Es war das alle Werke Jean Pauls beherrschende Thema: sein Mitleid mit der von den Wirtschaftsansprüchen des Lebens und gefühlloser Männer niedergebeugten Frauenseele. Und ebenso aus dem Werk heraustretend nahm er sich des armen füsilierten Deserteurs an, dessen rührende Geschichte er in einer Einschaltung gibt. Hier läßt seine Form noch die Sicherheit ihrer kalten Beherrschung vermissen, und doch freuen wir uns dieser die Form sprengenden Einschiebsel des enthusiastischen Jünglings, der mit rousseaugroßem Mitleid die Welt der Erniedrigten und Beleidigten umfaßt und für sie predigt, wenn ihr Schicksal nicht ins künstlerisch gerundete Bild zu fassen geht.
Von Walther Harich.

Weiter bei de Bruyn: Auch diesem Schulmeister (dessen lebendes Vorbild, Rektor Helfrecht in Hof, der sich übrigens fast 20 Jahre später mit einer Schmähschrift auf Jean Paul rächte) muß man vor Augen haben, wenn man sich dem vergnügten, dem Wutz, zuwendet, ...

 

Die Schmähschrift von Helfrecht kann man nachlesen in: „Shakal, der schöne Geist: - Ein zeitgenössisches Pasquill (Schmähschrift) auf Jean Paul (Fundstücke 28)". Interessant und amüsant ist auch die Rezension des „Shakals" in der „Erlanger Litteraturzeitung" vom Dezember 1799.

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 24 "Wettervorhersage" mit Blick auf einen Aussiedlerhof Richtung Völkenreuth
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 24 "Wettervorhersage" mit Blick auf einen Aussiedlerhof Richtung Völkenreuth

Immer wieder hat Jean Paul im „Fälbel“ selbst das Wort ergriffen. Und wir staunen, an einer Stelle gar, haben wir das Gefühl, wir wandern heute mit den gleichen Gefühlen durch die Landschaft wie er:
„Alle diese dunkeln Phantasien kommen mir wieder, wenn ich draußen gehe und höre: hier haben sie den erschossen, dort jene Schlacht geliefert; und es ist ein Glück, daß die Zeit die Gräberhaufen der Erde abträgt und die Kirchhöfe der Schlachtfelder eindrückt und unter Blumen versenkt; weil wir sonst alle von unsern Spaziergängen mit einer Brust voll Seufzer zurückkämen." (Aus „Fälbel“)

Wir laufen weiter, es geht Richtung Völkenreuth. Dort soll es ein Wirtshaus geben, das brauchen wir jetzt auch. Aber der Weg macht es uns heute schwer. Plötzlich endet er in einer Straßenbaustelle. Kein Mensch weit und breit, die Straße ist gesperrt. Dann endlich finden wir einen kleinen Jean-Paul-Weg-Aufkleber an einem Straßenschild, das aber dummerweise im Rahmen der Bauarbeiten rausgerissen und im Straßengraben abgelegt wurde. Wo es vorher stand, ist nicht herauszufinden.

Wo geht es weiter?
Wo geht es weiter?

So lässt sich das Rätsel, wo der Jean-Paul-Weg weiter führt, auch nicht lösen. Geradeaus über die Straße, bergab in den Wald hinein, verläuft ein Pfad. Den laufen wir ein gutes Stück, aber wir finden keinen Wegweiser mehr. Also war das die falsche Richtung.
Wir laufen zurück, weiter die Straße entlang. Wohin sie führt, kriegen wir auch nicht heraus. Dann weiter unten geht ein Weg links ab. Den gehen wir jetzt einfach. Egal. Wir werden Jean Paul schon wieder finden.

 

Die dauernd lauernde Unerträglichkeit am Wegesrand

 

Es donnert wieder ein schwerer Traktor an uns vorbei, wir springen in den Acker. Klar, wir wissen, was jetzt kommt. Da kündigt sich - am Ortsrand gelegen, wieder ein „Gewaltgehöft“ an. Riesige Hallen, Silagen, Mastställe, Schrott, Gestank. Und es ist mittlerweile keine Behauptung mehr, so ist auch der Fahrstil der Landwirte: brutal, rücksichtslos.

"Gewaltgehöft" bei Völkenreuth
"Gewaltgehöft" bei Völkenreuth

Wir finden wieder Jean-Paul-Wegweiser, der Weg war richtig. Jetzt sind wir in Völkenreuth. Da baut man aber auch an der Straße und deshalb wurde Stationstafel 25 rausgerissen und ins Gebüsch geworfen. Um sie lesen zu können, müssen wir sie hochheben.

Stationstafel 25 in Völkenreuth:

Lob der Schlachtschüssel

Das Achilles-Schild des Kuchens, den ein erhobnes Bildwerk von braunen Schuppen auszackte, ging im Quintus als ein Schwungrad hungriger und dankbarer Ideen um: er hatte von jener Philosophie, die das Essen verachtet, und von jener großen Welt, die es verschleudert, nicht so viel bei sich, als zur Undankbarkeit der Weltweisen und Weltleute gehört, sondern er konnte sich für eine Schlachtschüssel, für ein Linsengericht gar nicht satt bedanken.

Unschuldig und zufrieden beging er jetzt die viersitzige Tischgenossenschaft - denn der Hund kann mit seinem Couvert nicht ausgelassen werden - das Fest der süßen Brote, das Dankfest gegen Thienette (Ehefrau von Quintus Fixlein), das Laubhüttenfest im Garten. Man sollte sich freilich wundern, wie ein Mensch mit einigem Vergnügen essen könne, ohne wie der König in Frankreich 448 Menschen (161 garçons de la Maison-bouche zähl‘ ich gar nicht) in der Küche, ohne eine Fruiterie von 31 Kerls, oder eine Mundbäckerei von Ditos und ohne den täglichen Aufwand von 387 Livres 21 Sous zu haben.

Inzwischen ist mir eine kochende Mutter so lieb wie ein ganzer mich mehr fressender als fütternder Hofstaat.

Leben des Quintus Fixlein

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 25 "Lob der Schlachtschüssel" in Völkenreuth
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 25 "Lob der Schlachtschüssel" in Völkenreuth

Dagegen die „Allgeborgenheit des Lebens" (Walther Harich)

 

Gott sei Dank gibt es an dieser Stelle diese Stationstafel. Welch eine Lebensfreude und Lebenslust. Da kann man sich nur anschließen. Ja! Es gibt Bratkartoffel, Grünkohl, Klöße, Himmel und Erde, gebratene Blutwurst, Schnibbelbohnen, Dörrbohnen, Saubohnen, Fritten mit Senf, Brezelsalat, Peters Gansbraten, dazu Bockbier vom Becher (Brauerei Becher in Bayreuth). Dafür haben wir gelebt. Das stellt alle anderen angeblichen Must-haves in den Schatten.
Jean Paul hat „Quintus Fixlein“ (Quintus heißt fünfter Lehrer an der Schule) geschrieben, damit es etwas Schönes zum Lesen gibt, etwas Nur-Schönes, sonst hält man das alles nicht mehr aus. Das muss man lesen, das kann man lesen - von dem manchmal unlesbaren Jean Paul.

Nicht nur in die persönliche Kindheit des Dichters wird der Blick eröffnet, es taut vor unsern Augen etwas wie die unberührte Kindheit einer ganzen Landschaft auf. »Dasein« erschließt sich uns, unbelastet von menschlicher Gier und Hast. Wenn im Wutz ein einzelnes Menschenleben in seiner Allgeborgenheit gezeigt wird, so tut sich hier die Allgeborgenheit des Lebens überhaupt vor uns auf.

Aus Projekt Gutenberg, Spiegel online, von Walther Harich.  

Wäre noch zu erwähnen, dass der „Hund mit seinem Couvert“ hier auch nicht von der Tischgenossenschaft ausgeschlossen wird. Der ist dabei, der gehört hier beim wohligen Mahle dazu.

Wir müssen jetzt nur über die Straße laufen, da fallen wir fast auch schon in einen herrlichen Biergarten (des Völkenreuther Wirtshauses) hinein. Die Biertische sind aus verschiedenen Gartenmöbeln kunterbunt zusammen gestellt, in kleinen Grüppchen an lauschigen Plätzen. Eigentlich hat er noch nicht offen, aber die Wirte sind so nett, dass sie uns „selbstverständlich!“ mit Bier versorgen.

Biergarten des "Wirtshauses Völkenreuth" in Völkenreuth
Biergarten des "Wirtshauses Völkenreuth" in Völkenreuth

Weil wir die einzigen Gäste sind, kommen wir ins Parlieren. Sie sehen, dass wir Wanderer sind. Das scheint sie zu freuen. Wir fragen warum.
„Ja, was meinen sie? Wenn da Radfahrer kommen, dann muss des alles flott gehen, die ham ja keine Zeit. Glaubens, die können noch net amal das Rad draußen stehen lassen, die Räder sind ja so teuer, die müssen die bei sich haben. Dann klappern die mit den Radln zwischen die Tisch! Und schnell muss des gehen mit dem Bier! Und die sagn net mal Grüß Gott, sondern die wolln immer nur Kissen ham, weil denen der Arsch weh tut. Ich sags ihnen!“
Peter und ich lachen. Könnten-sie-des-noch-mal-machn ist das Stichwort. Ich weiß, wir sind böse.
„Und wo wandern sie da?“ will sie dann wissen.
„Wir gehen den Jean-Paul-Weg. Heute noch bis Sparneck,“ antwortet Peter.
„Ah, da gibt es doch den Weg in Schwarzenbach?“ kommentiert sie.
„Ja, ja und den 200 Kilometer langen von Joditz bis fast zu uns nach Hause, hinter Bayreuth.
„Ach ja, stimmt. Da is doch auch nächstes Jahr überall was los?“
„Ja, der 250. Geburtstag.“
„Des is ja irgendwie alles a Armutszeugnis, sag ich ihnen. Die fragn uns immer, ob wir da was machen. Wir solln uns was einfallen lassen. Wissens, wenn man was macht, dann hört man nie wieder was von denen.“
„Ja, ja,“ nicken wir, „es ist doch überall zu viel los, man weiß ja gar nicht mehr, was man machen soll. Manchmal ist es einfach zu viel,“ sage ich.
„Tja, macht man aber nix, is man ratzfatz weg vom Fenster, so heißts jedenfalls. Also, wenns noch a Bier wollen, sagens nur Bescheid.“
Und weg sind sie, die Wirtsleute Anni und Roland Heinold. Die beiden werkeln weiter an ihrem Haus. Hier scheint man immer was zu tun zu haben. Peter geht sich dann noch ein zweites Bier holen. Auf meinen leeren Magen kann ich nicht so viel trinken. Leider müssen wir dann hungrig weiterlaufen. Die Küche hat noch zu.

Die Heinolds lassen uns hinten zum Gartentürchen heraus. Sie vermuten, dass der Weg dort weiter führt, denn da geht es gleich nach Hallerstein, unser nächstes Ziel. Direkt hinter dem Wirtshaus ist eine Pferdekoppel und zwei neugierige Pferde recken ihre Hälse über den Zaun, uns zur Überraschung und Freude.
„Oh, seid ihr aber schön!“ streichle ich sie und ahne noch nicht, dass sie die perfekte Ouverture zu dem sind, was jetzt kommt.

Hintertürchen des Biergarten in Völkenreuth
Hintertürchen des Biergarten in Völkenreuth
Vorbei an der Pferdekoppel hinter dem Völkenreuther Wirtshaus
Vorbei an der Pferdekoppel hinter dem Völkenreuther Wirtshaus

Es geht weiter Richtung Hallerstein, leicht bergan. Es lohnt sich, immer wieder einen Blick zurück zu werfen. Da sieht man in der Ferne den Förmitzsee glitzern, das Dörfchen Völkenreuth macht daneben liegend gerade ein Nickerchen, so scheint es.

Auf dem Jean-Paul-Weg, hinter Völkenreuth, Blick auf den Förmitzsee
Auf dem Jean-Paul-Weg, hinter Völkenreuth, Blick auf den Förmitzsee

Erreicht man die Anhöhe, so stößt man auf eine ähnliche Stationstafel, wie die des Jean-Paul-Weges, weiße Schrift auf grünen Hintergrund. Die Stationstafel trägt die Nummer 12 und den Titel „An der Windmühle“. Erzählt wird, dass im Jahr 1800 der Sommer so trocken war, dass aus Wassermangel die Wassermühlen zum Stillstand kamen, und man deshalb hier, an dieser erhobenen Diabaskuppe (Diabas: eine Gesteinsart, auch Grünstein genannt) in der Hallersteiner Flur eine Windmühle errichtet hatte. Hier sind wir auf den Hallersteiner Rundweg, dem Wanderweg Historisches Hallerstein, gestoßen.

Hallersteiner Rundweg, Stationstafel 12 "An der Windmühle"
Hallersteiner Rundweg, Stationstafel 12 "An der Windmühle"

Wir merken es jetzt schon, dieses Hallerstein ist anders, als so manch anderes Dorf, durch das wir gewandert sind. Hinter der Kuppe blitzt schon die Turmspitze des Dorfkirchleins zwischen Baumkronen hervor und links neben dem Weg grasen Rinder auf einer Weide.
Ein so seltenes Bild. Wir freuen uns richtig, bleiben stehen, lassen das Geräusch weidender Kühe in unseren Ohren klingen, wie im regelmäßigen Takt das Rind erst Gras und Kräuter riecht, prüft, durch die Nüstern schnaubt, dann die Zunge das inspizierte Grasbüschel umschlingt und es abreißt, zwei, drei mahlende Kieferbewegungen, dann wieder schnauben, abreißen, kauen, während der Schwanz rechts und links auf den Tierrücken peitscht, um die Fliegen zu vertreiben.
Dann die Unterbrechung des Fressvorgangs, neugieriges Aufschauen, abwarten, schauen, wenn man nicht weg geht, kommt irgendwann das erste Rind auf einen zu und dann folgen die anderen. Hunderte Male habe ich das als Kind erlebt, und wir haben dann ein paar Grasbüschel vor dem Zaun abgezupft und sie ihnen zum Fressen angeboten, die Hände schnell weg gezogen, damit sie nicht beißen, und dann haben wir doch ihr Maul berührt und uns über den Schleim im leichten Schauer gegruselt, iiihhhh! gebrüllt und gequietscht. Wir sind noch über Stacheldrahtzäune geklettert, haben die Röcke zerrissen, sind über Weiden querfeldein gelaufen, und in Kuhfladen getreten. Was ist das für ein Dorf, das uns mit Rindern auf der Weide begrüßt?

Auf dem Jean-Paul-Weg, Kuhweide vor Hallerstein
Auf dem Jean-Paul-Weg, Kuhweide vor Hallerstein

Himmelreich Hallerstein

 

Und dann streifen uns fröhliche Bauerngärten, rechts und links, Buschbohnen, Stangenbohnen, Ringelblumen, Sonnenblumen, gackernde Hühner und hinten ein paar Gänse freilaufend an einem kleinen Teich. Die Bauernhäuser sind klein und huzelig, keine Zäune, Kirchplatz, Bäckerladen. Ich trau mich kaum, es zu hinzuschreiben, das ist jeanpaulisch, Dorfglück, hukelumig, ich höre schon, die Schule ist aus und kickelnde Kinder laufen nach Hause, es riecht nach Rauch und frisch gebackenem Brot. 

Auf dem Jean-Paul-Weg, direkt vor Hallerstein
Auf dem Jean-Paul-Weg, direkt vor Hallerstein

Dann stoßen wir auf die Hallersteiner Informationsstätte für regionale Geologie und Steinbearbeitung „SteinReich Hallerstein“. Auf einer Wiese findet man verschiedene Steinblöcke mit Erklärungstafeln. Langsam beginnt man zu begreifen, was diese Region prägt. Es ist der Stein. Und die Bearbeitung von Stein ist ein hartes Brot, zehrt den menschlichen Körper aus, frisst sich in die Lunge. Hier ging es den Menschen nicht um die Größe von Grundstücken und ihren Ertrag, sondern um nacktes Ringen mit Materie.

Rundweg "SteinReich Hallerstein"
Rundweg "SteinReich Hallerstein"

Weil ich es nicht besser beschreiben kann, zitiere ich, was der Heimat und Kulturverein Hallerstein e.V. auf seiner Webseite über SteinReich Hallerstein schreibt:

Wer in Hallerstein schon einmal Pickel und Schaufel zur Hand nahm und sei es nur, um ein Pflanzloch für einen Baum auszuheben, der weiß ein Lied davon zu singen, dass unser Heimatort den zweiten Teil seines Namens nicht zu unrecht trägt.
 
Sei es nun der schiefrige „Kipper“ oder der glasharte, hell klingende „Blaue“, alle können einem das Leben schwer machen, wovon so manche Blutblase an den Händen kündet. In unserer Zeit, in der Bagger und Laderaupe der körperlichen Qual weitestgehend ein Ende gemacht haben, leiden nur noch die Landwirte unter den Tonnen von Steinen, die sie alljährlich von den Feldern schleppen müssen, als wüchsen sie ständig nach; und so mancher Fluch wird immer noch ausgestoßen, wenn die teuren Schare des neuen Pfluges nach kurzer Zeit hoffnungslos verbogen der Arbeit ein unfreiwilliges Ende bereiten.
 
Diese immer wieder Ärger bereitenden Relikte der variskischen Gebirgsbildung waren dereinst aber auch Grundlage des Lebensunterhalts vieler Familien in der Region. Naturstein aus dem Fichtelgebirge ist in vielen repräsentativen Bauten deutscher Großstädte zu finden. Er war einst so beliebt, dass manche Gegenden (Epprechtstein) wie ein Schweizer Käse mit Steinbrüchen durchlöchert wurden, um das wertvolle Mineral zu gewinnen. In diesem Zusammenhang sei nur an den Weißenstädter Steinmetz Erhard Ackermann erinnert, der das Polieren des Granits erfand. König Ludwig I. gefielen dessen Erzeugnisse so gut, dass er sie tonnenweise in der Befreiungshalle in Kehlheim verbauen ließ.
 
Tausende Fichtelgebirgler fanden in der Steinindustrie einst Lohn und Brot, nahmen in der schlechten Jahreszeit kilometerlange Fußmärsche auf sich, um zu ihrem Steinbruch oder in die Schleiferei zu gelangen. Hunderte fanden einen frühen Tod durch Arbeitsunfälle und die kaum vermeidbare Berufskrankheit der Silikose (Steinstaublunge).
 
An ihre Kunstfertigkeit, und ihre Leiden, aber vor allem auch auf die Schönheit ihres Materials und ihrer Erzeugnisse möchte der Heimat- und Kulturverein Hallerstein e.V. mit dem Hallersteiner „Granitgarten“ erinnern.

Mir bleibt im Nachhinein ja kaum anderes übrig, als das Internet zu nutzen und zu hoffen, dort Informationen darüber zu finden, wo wir waren. Die Webseite von Hallerstein ist da ein wahrer Abenteuerroman, spannend, zum Lachen und zum Weinen. Nebst dem Thema SteinReich erfährt man, wie eine Dorfgemeinschaft seit 1986 darum kämpft, Handwerk, Historie, Kultur, Glauben und Musik, Kaltblüter am Göpeldrescher und Dampflokomobilen, Schweiß und Blasen, Essen und Trinken, Bauen und Abreißen, Stroh und Feuersbrunst, Ambosklingen und Pechbrennen, Zweifel und Offenheit, Kochen und Tanzen, Orgel und Junior Brass, Fiasko und Wetterorakel, Weißbiergärtlein und Räuberpistolen, Feiern und Scheitern in einem über alle Grenzen hinweg berühmt gewordenen zweijährlichen Hallersteiner Handwerkerfest mit Tausenden von Menschen zu teilen.

1991 gab es nach der Grenzöffnung hier das erste gesamtdeutsche Handwerkerfest.

Auf der Webseite heißt es: „Die Freiwillige Feuerwehr hatte zwischenzeitlich bei der FFW von Eich in Sachsen, eine Gemeinde in der Nähe der Stadt Treuen, neue Freunde gefunden, die mit ihren Darbietungen bei den künftigen Handwerkerfesten nicht mehr wegzudenken waren. 1991 hatten die dortigen Kameraden kurz entschlossen ihren altersschwachen Robur mit allerlei Utensilien aus ihren Altbeständen vollgepackt. Als sie am Sonntag – bekleidet in Uniformen von Anno Damals – mit ihrer alten Handdruckspritze eine Schauübung abhielten, blieb kein Auge trocken. Beifall und Gelächter bei den Zuschauern waren herzlicher Dank für ihren tollen Einsatz.“

 

Heuer gab es kein Fest, 2013 geht es weiter.

Und! Angefangen hat die ganze „Kulturkiste“ die FFW Hallerstein, also die Feuerwehr! 1987 wurde dann der Heimat und Kulturverein gegründet, der den ganzen Rest „verbrochen“ hat. Es lohnt sich, die ganze, liebevoll verfasste und drehbuchreife kleine Chronik zu lesen!
Auf jeden Fall spürt man all das, wenn man durch dieses Dorf läuft. Holzzäune, Trinktröge, Gässchen, Bänke vor den Haustüren, Fensterläden, da hüpft einem regelrecht das Wandererherz ganz hoch.

 

Und hier finden wir auch die schönst umrahmte Jean-Paul-Weg-Tafel:

Auf dem Jean-Paul-Weg, Jean-Paul-Tafel in Hallerstein
Auf dem Jean-Paul-Weg, Jean-Paul-Tafel in Hallerstein

Dieses Jahr ist ein Apfel-im-Überfluss-Jahr. Von überall leuchten einem die rotgebackten Paradiesfrüchte entgegen, von Bäumen und auf Wiesen verstreut liegend, ein Gefühl von Reichsein, von Füllhorn, von satter Ernte und Lachen verströmend. Und weil das Dörflein so viele schöne Holzzäune hat, muss ich neben einem stehen bleiben und in den Garten gucken. Ein alter Mann kommt aus dem Schupfen und pflückt uns einen Apfel vom Baum.
„Den schenk‘ ich euch,“ sagt er zu uns. Wir plaudern ein bisschen.
„Ich hab‘ Zeit,“ sagt er immer wieder, „wir sind ja nicht auf der Flucht. Das ist mein Spruch. Man muss doch Mensch bleiben.“

Reiche Apfelernte 2012 in Hallerstein
Reiche Apfelernte 2012 in Hallerstein

Ja, hier wohnt die Zeit. Hier ist sie zuhause und geblieben.

Weiter geht der Weg, über Wiesen aus dem Ort hinaus, steigt weiter zum Waldrand hoch und dort finden wir Stationstafel 26, nebst einer Bank und wieder mit herrlichem Ausblick auf den Förmitzspeicher. Hier machen wir Picknick, denn heute haben wir glücklicherweise kaltes Hähnchen und Rotwein dabei.

Stationstafel 26:

Theater des Lebens

Viereinhalbtausend Fuß tief rannte die weite Erde unter mir dahin - ich glaubte festzuschweben -, und ihr breiter Teller lief mir entgegen, worauf sich Berge und Holzungen und Klöster, Marktschiffe und Türme und künstliche und wahre Ruinen von Römern und Raubadel, Straßen, Jägerhäuser, Pulvertürme, Rathäuser, Gebeinhäuser so wild und eng durcheinander herwarfen, daß ein vernünftiger Mann oben denken mußte, das seien nur umhergerollte Baumaterialien, die man erst zu einem schönen Park auseinanderziehe.

Auf der Fläche, die auf allen Seiten ins Unendliche hinausfloß, spielten alle verschiedenen Theater des Lebens mit aufgezogenen Vorhängen zugleich - einer wird hier des Landes verwiesen - drüben desertiert einer, und Glocken läuten herauf zum fürstlichen Empfang desselben - hier in den brennend-farbigen Wiesen wird gemähet - dort werden die Feuersprützen probiert - englische Reiter ziehen mit goldenen Fahnen und Schabracken aus - Gräber in neun Dorfschaften werden gehauen - Weiber knien am Wege vor Kapellen - ein Wagen mit Komödianten aus Weimar kommt - viele Kammerwagen von Bräuten mit besoffnen Brautführern - Paradeplätze mit Parolen und Musiken - hinter dem Gebüsche ersäuft sich einer in einem tiefen Perlenbach - lange Fähren mit vielen Wagen ziehen unten über breite Ströme - ein Schieferdecker besteigt den Stadtturm, und ein sentimentalischer Pfarrsohn guckt aus dem Schalloch, und beide können (das kann ich viereinhalbtausend Fuß hoch observieren, weil die dünne Luft alles näher heranhebt) sich nicht genug über das hundert Fuß tiefe Volk unter sich verwundern und erheben - ein für die Kirmes angeputztes Dorf samt vielen nötigen Verkäufern und Käufern dazu - katholische Wallfahrten, von schlechtem Gesang begleitet - ein lachender, trabender Wahnsinniger muß eingefangen werden - fünf Mädchen ringen entsetzlich die Hände, ich weiß nicht warum - über hundert Windmühlen heben im Sturm die Arme auf - die blühende Erde glänzt, die Sonne brennt aus den Strömen zurück, die muntern Schmetterlinge unten sind nicht zu sehen und die hohen Lerchen nur dünn zu hören ...

Giannozzo

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 26 "Theater des Lebens", Blick auf Hallerstein
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 26 "Theater des Lebens", Blick auf Hallerstein

Jean Paul muss über Hallerstein geflogen sein, da sind wir uns jetzt sicher.

Reich gestärkt an Leib und Seele freuen wir uns auf den nächsten Wegabschnitt, den können wir von der Bank aus sehen. Ein weicher Wurzelweg, tannennadelgepolstert führt an einem Sportplatz vorbei, der zur Zeit als Zeltplatz genutzt wird. Quasselnde Jugendliche, Zurufe, wilde Schreie, Holz wird herum getragen, Federball gespielt. Es ist Sommer und Ferien. Weiter geht es über Wiesen, an Waldrändern vorbei zur Stationstafel 27:

Seelig in der Natur

Man kann einen seeligen, seeligsten Tag haben, ohne etwas dazu zu gebrauchen als blauen Himmel und Frühlingserde.

Ich würde mehr vom Weltgeist lernen, wenn ich auf allen Bäumen dabei stehen und es sehen könnte, wie die verschiedenen Vögel ihre Nester bauen, als von allen Lesereien darüber.

O Genius, du machtest diese Erde so schön, warum nahmst du uns nicht die Sehnsucht nach einer besseren.

Auf der Welt ist alles natürlich, ausgenommen die Welt selber.

Dann ist es leider mit dem schönen Waldweg vorbei. Es folgen nun viele Kilometer Wald-Wirtschafts-Bretter-Weg, so nennen wir diese breiten Wege, die wie Autobahnen Wälder durchtrennen. Sie passen mit ihrer Gradheit nicht in die Natur, sind hier Fremdköper. Deshalb verstören sie auch. Hier draußen im Wald erwartet man Formen, Farben und Gerüche, die organisch hineingelebt sind. Was wir hier sehen, ist Gewalt. Man spürt sie als Erholungssuchender, sie nagt unterschwellig an der Seele.

Wir kommen zum Waldrastplatz am Buchbrunnen. Hier ist Stationstafel 28:

Kind und Natur

Alles erste bleibt ewig im Kinde, die erste Farbe, die erste Musik, die erste Blume malen den Vordergrund eines Lebens aus.

So werde denn den schuldlosen Wesen, welche, und nicht sich, der erhabenste Mensch der Erde uns zu Mustern und nicht zu Schülern, sondern zu Lehrern vorgestellt, das sanfte Lenzgrün der Kindheit gelassen und begossen, das als Wintergrün des Alters wiederkommt.

Oft hat ein ländlicher Blumenstrauß, welcher uns als Kindern im Dorf ein Lustwald gewesen, in späten Mannjahren und in der Stadt durch seine alten Düfte unnennbare Zurückentzückungen in die göttliche Kindheit gegeben.

Freudigkeit, dieser Selbstgenuß der inneren Welt, öffnet das Kind dem eindringenden All, sie empfängt die Natur nicht lieb-, nicht wehrlos, sondern gerüstet und liebend und lässet alle jungen Kräfte wie Morgenstrahlen aufgehen und der Welt sich entgegen spielen.

Levana

Auf dem Jean-Paul-Weg, Buchbrunnen, zwischen Hallerstein und Waldstein
Auf dem Jean-Paul-Weg, Buchbrunnen, zwischen Hallerstein und Waldstein

Weiter Qualweg. Dann, nach unendlich lang scheinenden zwei Kilometern, stoßen wir auf die
1. Tafel „Landschaft zu Jean Pauls Zeiten“:

Auf dem Jean-Paul-Weg, 1. Tafel Landschaft zu Jean Pauls Zeiten "Blick auf Benk"
Auf dem Jean-Paul-Weg, 1. Tafel Landschaft zu Jean Pauls Zeiten "Blick auf Benk"

Nun denn, das Thema „Raubbau im Wald“ lassen wir für heute. Hier steht auch Stationstafel 29:

Natur und Musik

Gefühl für die Natur heisst bei den meisten Gefühl für die silbernen Klappen der Flöte, nicht für ihre silbernen Töne.

Nur das einseitige Talent gibt wie eine Klaviersaite unter dem Hammerschlage einen Ton, aber das Genie gleicht einer Windharfen-Saite, eine und dieselbe spielet sich selber zu mannigfachem Tönen vor dem mannigfachen Anwehen.

Weibliche Tugend ist zwar Saitenmusik, die im Zimmer, männliche aber Blasmusik, die im Freien sich am besten ausnimmt.

Musik ist die einzige schöne Kunst, wo die Menschen und alle Tierklassen - Spinnen, Mäuse, Elefanten, Fische, Amphibien, Vögel - Gütergemeinschaft haben.

Dann endlich folgt mittendrin ein schöner Verbindungspfad (zwischen den Qual-Wegen), an jungen Fichten und Weidenröschen vorbei, von hohem Gras umsäumt, auf dem die Tautropfen noch glitzern.

Pfade sind Wege nur für Wanderer, nur fußgeschwindigkeitstauglich. Wie entstehen sie eigentlich? Werden sie gemacht oder von Menschen ertrampelt? Wie alt sind sie? Könnte man von diesen nicht viel mehr herstellen? Sie wären doch viel kostengünstiger als Wald-Bretter-Wege oder Radwege. Was kostet ein Fuß-Pfad?

Auf dem Jean-Paul-Weg, Fußpfad vor Sparneck
Auf dem Jean-Paul-Weg, Fußpfad vor Sparneck

Wieder weiter auf einem breiten Waldwirtschaftsweg, auch hier zieht es sich hin. Stellenweise ist er auch noch mit ganz grobem Schotter bedeckt, so dass ich um Fidels Pfoten fürchte. Ich trage ihn ein bisschen, den armen Kerl. Er hält immer noch durch. Ich fasse es nicht. Was sage ich da, Durchhalten? Der Kleine spurtet trotz allem immer wieder los, wenn der Weg freundlicher, weicher wird, mit Gras bewachsen ist.

Jetzt kommen wir an der Förmitzquelle vorbei und ich lasse Fidel wieder runter. Lange kann ich ihn eh nicht halten, mit seinen 7,5 Kilo. Uff, ich atme auf. Wir machen ein kurzes Päuschen und lesen hier gemütlich Stationstafel 30:

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 30 "Glücksminuten" an der Förmitzquelle
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 30 "Glücksminuten" an der Förmitzquelle

Glücks-Minuten

Das Leben ist lang, aber die Zeit ist kurz, sie hat nichts als Augenblicke.

Jede Minute, Mensch, sei dir volles Leben.

Blosse Zeit ist Wasser in dem Wein.

So rollen seine Minuten auf lauter Glücksrädern über die 12 Tage.

Schiffe friedlich über deinen verdunstenden Tropfen Zeit.

Auf dem Jean-Paul-Weg, Fidel trinkt aus der Förmitzquelle
Auf dem Jean-Paul-Weg, Fidel trinkt aus der Förmitzquelle

Oh ja! Dazu passt das leise Plätschern der Quelle, Zurücklehnen auf der Bank und zwischen den Zweigen hindurch in den Himmel zu schauen, ein wenig die Wangen reiben. Fidel schlabbert aus dem Rinnsal, Peter schmerzen langsam seine Knie und seine Fußsohlen brennen. Wie weit ist es noch bis Sparneck? Noch zwei Kilometer! Ich mache Peter Mut. Über mich selbst kann ich mich nur wundern. Nichts tut mir weh, keine Knöchel, keine Fußsohlen, keine Gelenke, nichts. Dabei trage ich nur Schlappen an den Füßen, eine Art Crocks. Die sind mir überhaupt am liebsten, könnte ständig drin laufen. Die Zehen haben Platz und an der Ferse kann es keine Blasen geben.
Das Wetter ist immer noch „besser-geht‘s-nicht-Wetter“. Sanfter Wind, wechselbewölkt.

Aber armer Peter, der Weg mündet auf einer schmalen Asphaltstraße. Das tut jetzt richtig weh. Wir freuen uns auf die nächste Stationstafel, sie bildet die Halbzeit bis zum Zielpunkt. Das tröstet. Was noch viel mehr tröstet, ja wieder neue Energie spendet, ist, dass plötzlich am Horizont auch noch die Dächer von Sparneck auftauchen! Rettung!

 

Vor lauter Freude hätten wir beinahe die Stationstafel 31 übersehen. Sie hat sich links auf einer Wiese hinter Hecken versteckt. Dafür steht eine Bank zur Rast dabei, wir plumpsen drauf und lassen uns von der untergehenden Sonne bescheinen. Was für eine Wohltat!

Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 31 "Eheseufzer" kurz vor Sparneck
Auf dem Jean-Paul-Weg, Stationstafel 31 "Eheseufzer" kurz vor Sparneck

Ehe-Seufzer

Wem Gott ein Amt gibt, gibt er doch wenn nicht Verstand, so doch eine Frau.
Eine Frau hält den Liebhaber für besser als den Mann
weil sie diesen hat
weil jener idealistisch, dieser wirklich vorschwebt
weil jener gibt, dieser fordert, jener nimmt und dankt, dieser gibt und Dank fordert
weil sie jenen kürzer kennt
weil jener verspricht, dieser nur hielt
weil sie den Mann lieber haben würde, sobald sie der Liebhaber heiratete.

Dem Liebeanfänger mag vielleicht der Nachtfalter gefallen, aber ein Ehemann verlangt seine Tagpsyche, denn die Ehe erfordert Heiterkeit.

In bösen Augenblicken der Ehe rechnet der Mann immer die eignen Tugenden auf eine Summe zusammen; nun so rechne er auch die seiner Frau auf.

Die Ehe gehört für Engel, die Menschen sind dazu zu schwach.

Was soll man jetzt dazu sagen? Nichts mehr. Was uns völlig wundert, ist, dass wir bis jetzt noch nicht gestritten haben. Paare sollen sich häufig sogar trennen bei solchen Wanderschaften. Man warnte uns. Jetzt seufzen wir vor Müdigkeit und Schmerzen. Peter muss noch durch seine „Vorstadthölle“, wie er den Asphalt jetzt nennt. Wir wollen noch bis zur Kirche, da ist die Stationstafel in Sparneck, da gibt es bestimmt auch eine Bank, da bestellen wir unser Taxi und ab da ist nur noch Feierabend.

Aber es „ziagt“ sich in der „Vorstadthölle“. Leute am Zaun grüßen freundlich, sehen uns mit den Rücksäcken und dem fröhlichen Pudelchen. Peter versucht auf keinen Fall zu humpeln!. Wir schaffen einen Vorgarten nach dem anderen, jetzt die Hauptstraße und da ist endlich die Kirche! Wieder plumps auf die Bank, Rucksack runter, Peter ruft das Taxi, es dauert fast noch eine Stunde bis es kommt, egal, Fidel schläft auf meinem Schoß und wir trinken den letzten Rotwein auf.

Evang.-Luth. Kirche St. Vitus in Sparneck
Evang.-Luth. Kirche St. Vitus in Sparneck

Die Stationstafel 32 „Taufpatenpolitik“ sparen wir uns für heute, die packen wir nicht mehr, da steht die ganze buckelige Verwandtschaft von Jean Paul drauf. Morgen starten wir ja in Sparneck, dann kommt sie dran.

Die Taxifahrerin entpuppt sich als Hundefreundin. Das Taxi ist schmuddelig, klar, sie hat auch einen Hund, und ich finde das wunderbar. Ich mag solche Taxis, wo alles noch rumliegt, wie hier, Strickzeug, Einkaufstüten. Man erfährt viel. Die Fahrerin ist echt süß, sie quasselt wie eine Rheinländerin, frisch von der Leber weg und flugs sind wir schon wieder in Schwarzenbach bei unserem Auto.

Die Fahrt kostet 30 Euro, was will man da machen. Ist etwas teuer, aber es gab auch keine Alternative. Egal. Wenn wir Taxi fahren müssen, gehen wir halt nicht essen. So kochen wir heute Abend noch Reste auf, Bratkartoffel mit Spiegelei und Salat. Fidel frisst gut und schnarcht sofort weg. Peters Gesicht glüht und meines auch.

 

Papst-Bier beruhigt Theater des Lebens famos

Vor dem Essen hat Peter noch mal die Flaschenbierhandlung der Schwägerin aufgesucht. Scheinbar hat sie schon auf Peter gewartet. Sie steht vor dem Bierkeller und erklärt ihm ihren heutigen Erfolg. Das alte Haus hat einen neuen Anstrich bekommen. Schwedenrot mit weißen Fenstern. Früher war das Haus mal eine Gastwirtschaft mit Tanzboden, daneben stand ein weiterer Stadel mit einem übergroßen Holzbalkon. Sie zeigt ihm ein altes Foto. Ein Traum. Sie bedauert sehr, dass sie ihn nicht mehr erhalten konnten. Die Wetterseite hatte sich um einen halben Meter abgesenkt. Im Winter ist der Balkon eingebrochen, dann gab es leider keine Chance mehr. Schade! Im Dorf leiden sie darunter, dass es kein Wirtshaus mehr gibt. Vor kurzem hatte auch noch das letzte zu gemacht, an dem sich auch schon viele Pächter versucht hatten. Aber die Region ist halt schwierig und die Winter hart!

Peter bringt mir heute zwei Flaschen Papst-Benedikt-Bier mit, das ist echt stark, mehr als acht Promille, schmeckt aber schön süßlich, wie ich es mag.

Wir gucken noch NDR Talkshow. Ein kleiner Junge, Felix Finkbeiner, erzählt stolz von seinem Naturschutzprojekt Plant-for-the-Planet. Und ich denke mir, warum sagt keiner den Kindern, dass wir längst von den Billionären der Food-Industrie überrollt werden? Diese Maschine ist so mächtig, da kommt nichts mehr gegen an. Aber vielleicht hilft das Projekt doch. Es gibt immer wieder Wunder. Wir drücken Felix die Daumen, ganz fest!

Nach dem „Welt-Theater“ von Jean Paul frage ich mich, was würde er heute für ein Szenario beschreiben, sähe er unsere Welt von oben?

Wir wollen es nicht mehr wissen. Heute gibt es noch Franzbranntwein-Einreibungen, das Papst-Bier macht lullig müde und so lullen wir drei glückselig ein.

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