5. So jung und viel an Werden und Vergehen

 Schwarzenbach a.d. Saale  (Stadtetappe, viel Informatives über Jean Paul)
Schwarzenbach a.d. Saale (Stadtetappe, viel Informatives über Jean Paul)

Schwarzenbach a.d. Saale


Verlauf der Etappe auf einer Karte nachschauen bei Literaturportal Bayern.

Ich kanns kaum noch ertragen ...

 

Wie doch immer alles scheinbar passend parallel ineinander greift, man könnte es bewusst gar nicht treffender gestalten. Gestern hatten wir unser Horror-Erlebnis in Schwingen, das ja eigentlich nur stellvertretend für den Zustand unserer Landwirtschaft zu beschreiben ist, und gestern Abend lief ein Beitrag im Politmagazin Monitor mit dem Titel „Über den Anfang vom Ende der ganz normalen Landwirtschaft“. Der Beitrag beginnt mit extremen Bildern aus Korea. Tierexperimente. Ich schalte weg. So etwas kann ich schon lange nicht mehr sehen. Das wird nicht nur mir so ergehen. Wer kann sich heute noch die Produktion von Lebensmitteln anschauen, ohne geschockt zu sein? Das ist doch irre! Das ist Körperverletzung schon bevor ich das Zeug essen muss. Wann wird das eigentlich mal einklagbar?
Ich lese den Beitrag auf der Webseite von Monitor, was sonst? Es geht um Klontechnik. Geklonte Wesen sind gut für die Massenproduktion. Nicht lebensfähige Wesen werden einfach wie Ausschussware behandelt, Ferkeljunge werden aus dem Leib der Mutter geschnitten, weggeworfen. Den Rest müssen Sie selbst gucken. Ich will nicht mehr, kann nicht mehr. Ich will wandern, um zu vergessen. Aber das geht wohl kaum noch. An allen Ecken taucht der Schrecken auf. Man kann sich gar nicht mehr schützen.

Da gibt es das Computerspiel „Landwirtschaftssimulator“. Ich kenne Kinder, die das spielen. Zuerst fand ich das nett, wenigstens kein Ballerspiel. Wenn man sich aber länger damit beschäftigt, fällt einem auf, dass Kinder, die das spielen, tatsächlich die Landwirtschaft nur noch durch die Brille des Simulators sehen. Das Spiel besteht lediglich darin, große Landmaschinen zu fahren, mit diesen die Felder rechtzeitig zu bestellen, Energiewirtschaft zu betreiben, Land, Gebäude, Energieproduktionen und Ertragstiere zu kaufen, etc. sprich: genauso wie heute meistens Landwirtschaft betrieben wird, nämlich mit dem Schwerpunkt auf Wirtschaft. Das Thema „Produktion von Lebensmitteln“ und „Natur“ existiert gar nicht mehr. Ist verschwunden. Ein Schuft der Böses dabei denkt.

 

Da hilft das „Schulmeisterlein Wutz"

Heute morgen im Bett. Peter liest mir aus dem „Schulmeisterlein Wutz“ vor. Die Stelle mit den Fensterläden.

Haus in Reichenbach, ein Dörflein vor Nagel. Beide Orte liegen auf dem Jean-Paul-Weg.
Haus in Reichenbach, ein Dörflein vor Nagel. Beide Orte liegen auf dem Jean-Paul-Weg.

„... wie er sonst abends sich aufs Zuketten der Fensterläden freute, weil er nun ganz gesichert vor allem in der lichten Stube hockte, daher er nicht gern lange in die von abspiegelnden Fensterscheiben über die Läden hinausgelagerte Stube hineinsah; wie er und seine Geschwister die abendliche Kocherei der Mutter ausspionierten, unterstützten und unterbrachen, und wie er sie mit zugedrückten Augen und zwischen den Brustwehr-Schenkeln des Vaters auf das Blenden des kommenden Talglichts sich spitzten, und wie sie in dem aus dem unabsehlichen Gewölbe des Universums herausgeschnitten oder hineingebauten Closet ihrer Stube so beschirmet waren, so warm, so satt, so wohl ...“
 
Fensterläden vor den Fenstern, die allabendlich geschlossen wurden. Nie hätte ich gedacht, dass ich heute durch Jean Pauls Beschreibung den Fensterläden meiner Mädchenjahre einmal Bedeutung geben würde. Denn das Gefühl, das die Zeremonie des Lädenschließens erzeugt, ist genau das der Geborgenheit, des am Abend-bei-sich-seins, den Blick nach außen zu schließen, und ebenso unser Leben vor den Blicken von draußen abzuschirmen. Eine warme Höhle für das Zuhause im unendlichen Firmament.
 
Wie gerne betrachtete ich die Spiegelung unserer Wohnküche in den Fensterscheiben. Dabei lag ich auf der Chaiselongue (wir sagten „Schässlong“ und wussten natürlich nicht, wo das Wort her kam). Auch meine Mutter klapperte mit den Töpfen und legte Holzscheite ins Herdfeuer, Papa guckte Nachrichten, der Schwarzweiß- Fernseher stand auf einem Wandregal über der Eckbank, mein kleiner Bruder stöhnte noch über seinen Hausaufgaben und meine Schwester deckte mit einem Handtuch den Vogelkäfig ab, damit unser kleiner Kanarienvogel Peter schlafen konnte. Kleine beschützte Momente in einer sonst nicht so behüteten Kindheit. Je älter man wird, desto kostbarer wird die Erinnerung an sie.

 

Auf nach Schwarzenbach und weiter ...

An diesem Morgen wollen wir uns zuerst dem Städtchen Schwarzenbach widmen, bevor wir nach Sparneck weiterlaufen. Das wird heute eine ganz schöne Strecke, die wir vor uns haben, an die 15 Kilometer. Wir werden sehen.

Das Auto parken wir in der Nähe des Rathauses. Hier beginnt der Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweg, den wir aber nicht ganz ablaufen wollen, sondern nur die Stationen, die uns hier im Zentrum zufällig begegnen.

Das wäre schon mal gleich Station 13 des Rundweges, in der Nähe einer Saalebrücke:

Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweg, Stationstafel 13 Jean Paul im "Himmel des ersten Kusses"
Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweg, Stationstafel 13 Jean Paul im "Himmel des ersten Kusses"

Jean Paul im „Himmel des ersten Kusses"
 
Von seiner Kammer im Pfarrhaus rannte der junge Jean Paul eines Abends herunter und über den Steg zu seiner heimlich geliebten Katharina Bär, “mit ihrem schneeweißen Schürzchen und Häubchen”, um sich seinen heiß ersehnten ersten Kuss zu holen.

(Denn Jean Paul stand auf Mädchen mit rundem, blatternarbigem Gesicht, so würde man es heute formulieren ... )

„An einem Winterabende machte ich mich auf zum verbotenen Wagstücke, während ein Besuch des Kaplans meinen Vater beschäftigte, im Finstern das Pfarrhaus zu verlassen, die Brücke zu passieren und geradezu (was ich noch nie gewagt) in das Haus (...) zu marschieren und unten in eine Art von Schenkstube einzudringen. (...) So stürmisch wie ein Räuber war ich zuerst der Geber meiner Essgeschenke, und dann drückt‘ ich (...) ein lang geliebtes Wesen an Brust und Mund. (...) es war eine Einzigperle von Minute, etwas, das nie da war, nie wiederkam (...) - und im Finstern hinter den geschlossenen Augen entfaltete sich das Feuerwerk des Lebens für einen Blick und war dahin. Aber ich hab es doch nicht vergessen, das Unvergessliche.”

Hier die ganze schöne Geschichte aus den


Selberlebensbeschreibungen, Dritte Vorlesung - Schwarzenbach an der Saale - Kuß:


„Wie früher dem Kirchenstuhl gegenüber, so konnt' ich nicht anders als zur erhöhten Schulbank hinauf - denn sie saß ganz oben, die Katharina Bärin - mich verlieben, in ihr niedliches rundes rotes blatternarbiges Gesichtchen mit blitzenden Augen und in ihre artige Hastigkeit, womit sie sprach und davonlief. Am Schulkarnaval, das den ganzen Fastnachtvormittag einnahm und in Tänzen und Spielen bestand, hatt' ich die Freude, mit ihr den unregelmäßigen Hopstanz zu machen und so dem regelrechten gleichsam vorzuarbeiten und vorzutanzen. Ja bei dem Spiele »wie gefällt dir dein Nachbar« - wo man auf das Bejahen des Gefallens zu küssen befehligt wird und auf das Verneinen einem Hergerufnen unter einigen Ritterschlägen des Klumpsackes laufend Platz zu machen hat - trug ich letzte häufig neben ihr davon; eine Goldschlägerei, durch die meine Liebe wie das edelste Metall größer wurde, und ein unterhaltendes Abwechseln wie sie mir immer den Hof verbot und ich sie immer an den Hof rief, waltete ob.
Alle diese böslichen Verlassungen (desertio malitiosa) konnten mir die Seligkeit nicht abschneiden, ihr täglich zu begegnen, wenn sie mit ihrem schneeweißen Schürzchen und Häubchen über die lange Brücke dem Pfarrhause entgegenlief, aus dessen Fenster ich schauete. Sie freilich zu erwischen, um ihr etwas Süßes nicht sowohl zu sagen, als zu geben, z. B. einen Mundvoll Obst - dies war ich, so schnell ich auch durch den Pfarrhof eine kleine Treppe hinablief, um die Vorbeilaufende unten im Fluge zu empfangen, meines Wissens nie imstande. Aber ich genoß genug, daß ich sie vom Fenster aus auf der Brücke lieben konnte, was, hoff' ich, für mich nahe genug war, da ich gewöhnlich immer hinter langen Seh- und Hörröhren mit meinem Herzen und Munde stand. Ferne schadet der rechten Liebe weniger als Nähe. Wäre mir auf der Venus eine Venus zu Gesicht gekommen: ich hätte das himmlische Wesen mit seinen in solcher Ferne so sehr bezaubernden Reizen warm geliebt und es ohne Umstände zu meinem Morgen- und Abendstern erwählt zum Verehren.
Inzwischen hab' ich das Vergnügen, alle, welche in Schwarzenbach bloß ein wiederholtes Joditz der Liebe erwarten, aus ihrem Irrtum zu ziehen und ihnen zu melden, daß ich es zu etwas brachte. An einem Winterabende, wo ich meine Prinzessinsteuer von Süßigkeiten schon vorrätig hatte, der gewöhnlich nur die Einnehmerin fehlte, beredete der Pfarrsohn, der unter allen meinen Schulkameraden der schlechteste war, mich zum verbotenen Wagstücke, während ein Besuch des Kaplans meinen Vater beschäftigte, im Finstern das Pfarrhaus zu verlassen, die Brücke zu passieren und geradezu (was ich noch nie gewagt) in das Haus, wo die Geliebte mit ihrer armen Mutter oben in einem Eckzimmerchen wohnte, zu marschieren und unten in eine Art von Schenkstube einzudringen. Ob Katharina aber zufällig da war und wieder hinaufging, oder ob sie der Schelm mit seiner Bedientenanlage unter einem Vorwande herunterlockte, auf die Mitte der Treppe; oder kurz wie es dahinkam, daß ich sie auf der Mitte fand: dies ist mir alles nur zu einer träumerischen Erinnerung auseinandergeronnen; denn eine plötzlich aufblitzende Gegenwart verdunkelt dem Erinnern alles was hinter ihr ging. So stürmisch wie ein Räuber war ich zuerst der Geber meiner Eßgeschenke, und dann drückt' ich - der ich in Joditz nie in den Himmel des ersten Kusses kommen konnte, und der nie die geliebte Hand berühren durfte - zum ersten Male ein lange geliebtes Wesen an Brust und Mund. Weiter wüßt' ich auch nichts zu sagen, es war eine Einzigperle von Minute, etwas, das nie da war, nie wiederkam; eine ganze sehnsüchtige Vergangenheit und Zukunft-Traum war in einen Augenblick zusammen eingepreßt; - und im Finstern hinter den geschloßnen Augen entfaltete sich das Feuerwerk des Lebens für einen Blick und war dahin. Aber ich hab' es doch nicht vergessen, das Unvergeßliche.
Ich kehre wie eine Hellseherin aus dem Himmel auf die Erde zurück und bemerke nur, daß diesem zweiten Weihnachtfest der Ruprecht, da er ihm nicht vorlief, nachlief und ich nach Hause kommend schon unterwegs den Boten fand und zu Hause stark gescholten wurde über mein Auslaufen. Gewöhnlich fällt immer nach zu heißen Silberblicken der Glücksonne ein solcher Schlossen- und Schlackenguß. Was tat es mir? Mein Paradies war durch nichts zu ersäufen; denn blüht es nicht noch heute fort bis an diese Feder heran?
Es war, wie gesagt, der erste Kuß, und zugleich, wie ich glaube, der letzte dazu, wenn ich nicht absichtlich, da sie noch lebt, nach Schwarzenbach fahren und da einen zweiten geben will. Wie gewöhnlich nahm ich während meines ganzen Schwarzenbacher Lebens mit meiner telegraphischen Liebe vorlieb, welche noch dazu ohne einen antwortenden Telegraphen sich erhalten und beantworten mußte. Aber wahrlich, niemand tadelt die Gute weniger als ich, wenn sie damals schwieg oder jetzo noch - nach ihres Mannes Tode -; denn ich mußte mich später in fremdes Lieben und Herz immer erst langsam hineinreden; es half mir nichts, daß ich sogleich mit fertigem Gesicht und allem Außen schon dastand; allen diesen körperlichen Reizen mußte später erst die Folie der geistigen von mir untergelegt werden, bevor sie genugsam glänzten und blendeten und zündeten. Aber dies war eben das Fehlerhafte in meiner unschuldigen Liebezeit, daß ich, ohne Umgang mit der Geliebten, ohne Gespräche und Einleitung, ihr bei meiner dürren Außenseite die ganze Liebe auf einmal hervorgefahren zeigte und kurz daß ich ordentlich als der Judenbaum vor ihr stand, der ohne den Umschweif von Ästen und Blättern die weiche feine Blüte aus der unansehnlichen Rinde hervortreibt.“


Dann Stationstafel 1 des Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweges beim Rathaus:

Rathaus, früheres Schloss der Fürsten von Schönburg-Waldenburg.

Johann Paul Friedrich Richter (1763 - 1825) war zu Lebzeiten der meistgelesene deutsche Dichter und noch populärer als Goethe. Schwarzenbach ist seit dem 17. Jahrhundert der Heimatort seiner väterlichen Vorfahren und Verwandten. Ihre Nachkommen leben noch heute hier.

Jean Paul verbrachte wesentliche Phasen vom Kind bis zum gefragten Schriftsteller in Schwarzenbach. Von 1790 bis 1794 verdiente er hier seinen Lebensunterhalt als Privatlehrer und verfasste die Werke, denen er seinen literarischen Durchbruch verdankte. In Schwarzenbach schrieb er 1792 auch erstmals von sich als Jean Paul.

Auf dem Rathausplatz hat man dem Sohn der Stadt ein Denkmal gesetzt. Durch verwinkelte Gässchen geht es weiter zur Evangangelischen Lutherisch Kirche St. Gumbertus. Auf dem Weg kommt man am Pfarrhof vorbei. Hier wohnte die Familie Richter.

Stationstafel 2 des Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweges:

Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweg, Stationstafel 2 "Pfarrhof"
Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweg, Stationstafel 2 "Pfarrhof"

Pfarrhof

Die Berufung auf die wichtige und gut dotierte Pfarrei in Schwarzenbach brachte für Jean Pauls Vater Ansehen und Auskommen mit sich. Als Pfarrherr war er Seelsorger, Lehensherr und Inhaber eines Wirtschaftsbetriebes. Leider starb er nach drei Jahren im Amt. Die Familie musste den Pfarrhof räumen. 
Ein Türriegel mit den eingeschnitzten Initialen J.P.F.R. ist noch heute im Pfarrhaus zu sehen.

„Schwarzenbach an der Saale 
hatte freilich viel - einen Pfarrer und einen Kaplan - einen Rektor und einen Kantor - ein Pfarrhaus voll kleiner und zwei großer Stuben - diesem gegenüber zwei große Brücken mit der dazugehörigen Saale - und gleich daneben das Schulhaus so groß (wohl größer) wie das ganze Joditzer Pfarrhaus - und unter den Häusern noch ein Rathaus, nicht einmal gerechnet das lange leere Schloß.”



Jean Paul, Selberlebensbeschreibung

Hier in Schwarzenbach wird aus Johann Friedrich Richter wird der Schriftsteller Jean Paul

 

Hier konnte Johann Paul Friedrich Richter aufleben. Daran war nicht nur der erste Kuss schuld. Das fing auch schon damit an, dass der Kaplan Johann Samuel Völkel, der die Richters besuchte, schnell erkannte, wie sehr der Knabe begabt ist. Er bat den Vater, ihn zusätzlich unterrichten zu dürfen. Der Vater hatte nicht mehr die Kraft, sich dagegen zu wehren. Sein Lehrkonzept beschränkte sich ja nur auf Sprachen und Auswendiglernen. Der junge Johann sog also die von Völkel präsentierten „neue Welten“ förmlich auf. Vor allem aber brachte er ihm eines nahe: die Aufklärung. Vernunftgesteuerte Urteilsinstanz, Hinwendung zu den Naturwissenschaften, Toleranz, Emanzipation, Pressefreiheit, bürgerliche Rechte, neue Pädagogik, Menschenrechte, Menschenwürde, Freiheit, Gemeinwohl, Resozialisierung, Fortschrittsoptimismus, Wahrheit ...  Jenem Denken und ihren philosophischen Hintergründen wird Jean Paul für immer treu bleiben. Einer der großen Vordenker der Aufklärung, Jean Jaques Rousseau, wird sein großes Vorbild und er ist Inspiration, später seinen Namen zu ändern.

 

Er saugt alles auf, was Text und Wörter sind

Neben Kaplan Völkel wird auch Pfarrer Erhard Friedrich Vogel aus Rehau ihm in Schwarzenbach ein sehr wichtiger Lehrer, wenn nicht gar der wichtigste. Er besitzt eine große Bibliothek, in der es fast alles zu lesen gibt, nicht nur Literatur jeglicher Art, sondern auch Schriften aus nahezu allen Wissensgebieten und Geistesrichtungen. Da Bücher zu dieser Zeit für normale Menschen beinahe unerschwinglich sind, beginnt Johann Paul sie zu kopieren und zu exzerpieren, das heißt er fasst die wichtigsten Gedanken der Texte schriftlich zusammen. Er bastelt sich seine eigene Bibliothek. Im Laufe seines Lebens verfasst Jean Paul mindestens 12.000 Manuskriptseiten, die heute als ein Projekt (Exzerpthefte) der Universität Würzburg transkribiert und online gestellt werden. 

Im „Schulmeisterlein“ Wutz beschreibt Jean Paul das so: „... daß Wutz eine ganze Bibliothek - wie hätte der Mann sich eine kaufen können? - sich eigenhändig schrieb. Sein Schreibwerkzeug war seine Taschendruckerei;  jedes Meßprodukt, dessen Titel das Meisterlein ansichtig wurde, war nun so gut als geschrieben oder gekauft; denn es setzte sich sogleich hin und machte das Produkt und schenkt‘ es seiner ansehnlichen Büchersammlung, die wie die heidnischen, aus lauter Handschriften bestand. ...“

Auch Schulmeisterlein Wutz (das ist eigentlich er selbst) schreibt, kopiert und exzerpiert so exzessiv, dass er irgendwann die ganze Sache einfach umkehrt: „... da er einige Jahre sein Bücherbrett auf diese Art voll geschrieben und durchstudiert hatte, so nahm er die Meinung an, seine Schreibbücher wären eigentlich die kanonischen Urkunden, und die gedruckten wären bloße Nachstiche seiner geschriebenen ...“ 

Auf diese Weise hat Jean Paul sich ein so unglaubliches Wissen angeeignet, das ihn später befähigen sollte, zum Beispiel über Reisen nach Italien zu schreiben, obwohl er nie dort war. Auch erklärt das Lesen und Exzerpieren den riesigen Wortschatz des Autors, der mich immer wieder überrascht und in den Bann zieht.

Sowie in Joditz oder Hof kann man also hier in Schwarzenbach ebenfalls ein bisschen tiefer in das Leben Jean Pauls eintauchen. Überall gibt es Orte, die Stationen in seinem Leben waren, und daraus ergeben sich kleine Geschichten.

Wir kommen endlich zur Kirche.

Stationstafel 3 des Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweges:

Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweg, Stationstafel 3 "St. Gumbertus-Kirche"
Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweg, Stationstafel 3 "St. Gumbertus-Kirche"

St. Gumbertus - Kirche

Das Patrozinium der 1322 erstmals erwähnten Pfarrei weist in die Zeit vor 1000, die fränkische Zeit. Als größte Pfarrei des südlichen Regnitzlandes, hart an der Grenze zum historischen Egerland gelegen, besaß sie eine ausgeprägte eigene Tradition.

Hier empfand Jean Paul am Konfirmationstag nach dem Abendmahl „eine unbeschränkte, von keinem Flecken getrübte sanfte Liebe” für alle Menschen. In dieser Kirche las er aber auch einmal, auf dem Bauche liegend, den „Robinson Crusoe”, während sein Vater predigte.

Die „Robinson-Crusoe-Geschichte“ kennen wir von Eberhard Schmidt. Jean Paul konnte es sich leisten während der Predigt im Buch zu lesen, denn er wusste die Predigten seines Vaters auswendig aufzusagen. Außerdem hatte ihm sein Vater das Lesen des Abenteuerromans verboten: „Aber unter allen Geschichten auf Bücherbrettern ... goss keine ein solches Freudenöl und Nektaröl durch alle Adern seines Wesens - als der alte Robinson Crusoe -; ... Nur als Plagiar und Bücherdieb genoss er ihn aus der väterlichen Studierstube so lange, bis der Vater wiederkam - einmal las er ihn unter einer Wochenpredigt des Vaters in einer unbesuchten Empor auf dem Bauche liegend.“
(aus Jean Paul "Selberlebensbeschreibung")

 

Tod des Vaters

Der Vater war hier nur drei Jahre im Amt, der Familie ging es wirtschaftlich besser als in Joditz, aber jäh war mit dem Tod des Vaters das ganze Glück dahin. Denn die Witwe und die Kinder des Pfarrers waren nicht abgesichert, so wie man sich es denken würde, heutzutage. Sie waren von nun an auf sich selbst gestellt. Das schöne große Pfarrhaus war nun Vergangenheit.

Hinter der Kirche liegt der Friedhof und wir müssen alles absuchen, bis wir endlich die Grabplatte des Vaters finden. Sie ist an der Friedhofsmauer angebracht, ganz in der Nähe der Kirche, was wir leider zuerst übersehen hatten.

Stationstafel 4 des Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweges:

Grabstein Johann Christian Christoph Richters



Der Vater Jean Pauls starb am 25. April 1779 im Alter von 51 Jahren. Sein Tod stürzte die Familie in große Armut. 
Er hinterließ seine Frau Rosine und fünf minderjährige Söhne. Der künstlerisch und musikalisch sehr begabte Jean Paul konnte dank der Unterstützung seines Hofer Großvaters Kuhn das dortige Gymnasium besuchen. Es trägt heute seinen Namen. Vom Grab des Vaters ist lediglich dieser Stein erhalten geblieben. Die Inschrift im Stil der Zeit schildert ausführlich seinen beruflichen Werdegang und seine familiären Verhältnisse.

Mehr über des Vaters Tod konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Bei Klassiker-der-Weltliteratur.de heißt es: „Von Ostern 1779 ab besuchte er (Jean Paul) das Gymnasium in Hof, schon hier von materiellen Nöten bedrängt, da der in Schulden geratene und halb verkommene Vater plötzlich gestorben war.“ 

Warum war er verkommen? Nicht herauszukriegen. Jedenfalls für mich nicht. Johann Christian Christoph Richter war bevor er Pfarrer war, Schulmeister. Zur damaligen Zeit fristeten Lehrer und Schulmeister ein ärmliches Dasein. Sie mussten oft schon bei Amtsantritt einer Schulstelle Schulden machen. Ist er aus diesen Schulden nie wieder herausgekommen?

 

Wie ging es mit der Familie weiter?

Wir schlagen den Weg zurück ein, wieder runter in die Stadt, gelangen wieder an die Saale, laufen über die Brücke weiter und finden Stationstafel 12 des Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweges vor einem Haus:

Das Sandens-Haus
 
Das repräsentative Gebäude gehörte dem Aktuar (Gerichtsschreiber) Johann Wilhelm Vogel, einem Freund der Familie Richter. Er war ein Verwandter von Pfarrer Erhard Friedrich Vogel, dem großzügigen Förderer Jean Pauls.
 Wir dürfen annehmen, dass Jean Pauls Mutter, Rosine Richter, nach dem Tod ihres Mannes 1779 hier eingezogen ist. Seine „Muluszeit” (Zeit zwischen Ende der Schulzeit und Beginn des Studiums) vom Spätherbst 1780 bis zur Abreise nach Leipzig im Mai 1781 verbrachte Jean Paul bei Mutter und Brüdern in Schwarzenbach, wahrscheinlich in diesem Haus. Im Sommer 1781 kündigte Vogel Jean Pauls Mutter das „Quartier” auf.

Die Eigentümer dieses Hauses waren meist Beamte des Fürsten von Schönburg-Waldenburg. Es trägt noch den Namen eines Besitzers, der aus dem gleichen Geschlecht wie der Burschenschaftler Carl Ludwig Sand, Mörder Kotzebues 1819, stammte. Später besaß es Ludwig Wilhelm Grimm, Pionier der Granitsteinindustrie des Fichtelgebirges. Johann Georg August Wirth, Vorkämpfer für Demokratie und Einheit Deutschlands, lernte hier vermutlich seine Frau kennen.

Sandenshaus in Schwarzenbach a.d. Saale
Sandenshaus in Schwarzenbach a.d. Saale

Da wohnte sie also nicht lange, knapp zwei Jahre. Wir wissen schon, dass seine Mutter dann nach Hof gezogen ist, um Geld dazu zu verdienen.

Wir laufen noch ein bisschen herum und finden Stationstafel 14 des Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweges:

Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweg, Stationstafel 14 Jean Pauls "Birkenprater"
Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweg, Stationstafel 14 Jean Pauls "Birkenprater"

Jean Pauls „Birken-Prater"
 
Die „Birke” war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein eine beliebte Einkehrgaststätte mit einem Biergarten, von einem Birkenwäldchen umgeben. Der Dichter Jean Paul 
hielt sich gerne an diesem idyllischen Ort auf, seinem „Birken-Prater”. Hier traf er sich mit Freunden und den Vätern seiner Schüler jeden Mittwoch zu einem Plausch in ungezwungener Atmosphäre. Das Einladungsschreiben zu diesem Treffen, von Jean Paul mit „Birkenpredigt” überschrieben, fand Eingang in die Weltliteratur.

Birken-Predigt

Selig sind die Schwarzenbacher, denn sie haben den Birken-Prater (...) in den sie gehen können wenn sie wollen (und in dem alles grün ist, das Breche gestossene Billard ausgenommen.
Selig sind die, die zur Birken Union treten wollen und hier deswegen subskribieren: denn sie können droben jeden Mittwoch wie die Fürsten öffentlich essen und finden da schöne Natur und Bier genug. (...) Verdammt sind blos die, die keinen Spas verstehen: denn diese verstehen auch keinen Ernst.


Schwarzenbach an der Saale den 11. Juni 1791.

Das hat er geschrieben, als 28jähriger, nachdem er von seinem abgebrochenen Theologiestudium in Leipzig nach Hof zurück gekehrt, erst Hauslehrer in Töpen wurde und dann ab 1790 Winkelschullehrer in Schwarzenbach.

Die Birkenpredigt klingt so gut gelaunt. Doch es ist nicht lange her, dass sein Bruder Heinrich sich das Leben nahm (1789), sein Freund Johann Bernhard Herman 1790 starb und Jean Paul seine Todesvision im selben Jahr hatte.

Auf der Webseite des Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweges (www.jean-paul.de) lese ich den Text der Stationstafel 11: Jean-Pauls Winkelschule. Wir waren hier nicht, aber sie gibt Aufschluss darüber, wo und unter welchen Umständen er hier in Schwarzenbach die Todesvision hatte. (Kommen wir noch einmal nach Schwarzenbach, füge ich ein Foto des "Hölzels Palais" hinzu.)

Hier ein Link zu Dr. Frank Pionteks Logen-Blog, zu „Hölzels Palais").

Stationstafel 11 des Schwarzenbacher Jean-Paul-Rundweges

Jean Pauls Winkelschule
 
Hier, in „Hölzels Palais”, wohnte Jean Paul zwischen 1790 und 1794. Er unterrichtete in seiner „Winkelschule” sieben Kinder. Mit Benimmregeln in seinen „Schulgesetzen”, Einträgen im „Roten Buch” und der Betonung selbständigen Lernens galt sein Unterricht als der fortschrittlichste im deutschen Sprachgebiet. Die Kinder nahmen unvergessliche Eindrücke mit ins Leben. Die gesammelten Erfahrungen mündeten später in den Erziehungsroman „Levana”.

In diesem Haus erlebte er am 15. November 1790 seine „Todesvision”. Dies war gleichzeitig das Ende seiner Satirenzeit und der erste Schritt zum gefeierten Schriftsteller. Es entstanden „Das Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wuz”, „Die unsichtbare Loge” und in weiten Teilen der „Hesperus”.

Zwei Briefpassagen geben uns Einblick in seine Wohnverhältnisse:
„100 000 000 000 Ideen fliegen mir jetzt durch den Kopf und doch passet keine her. Es ist leichter und angenehmer mit Ihnen in Krötenhof zu gehen als Ihnen in Hölzels Palais zu schreiben. Unter mir wird jetzt gespuhlet – neben mir gezwirnt – draussen gehämmert: und doch soll ich unter diesem Lärm einen Brief machen, in dem ich statt des Garns Gedanken spuhle und zwirne.”
Brief an Helene Köhler, 31. März 1792
„Vor mir steigt der Mond herauf – unter mir kratzt die Maus, die mein Stubenbursch ist – in mir sitzt das Abendessen”

Jean Pauls innigster Freund

 

Bernhard Hermann, ist nur zwei Jahre älter. Die beiden stehen sich gefühlsmäßig und intellektuell sehr nahe. Sie haben sich auf dem Gymnasium in Hof kennen und lieben gelernt. Hermann studiert in Erlangen Medizin, kann sich aber aufgrund seiner Armut kaum irgendwelche Bücher oder Vorlesungen leisten.

Aus Günter de Bruyn:
Begonnen hat dieses exemplarische Leben eines kleinbürgerlichen Intellektuellen zwei Jahre vor dem Richters in Hof. Als einziges von den acht Kindern eines armen Tuchmacherehepaares übersteht er die lebensgefährlichen Kindheitsjahre. Obwohl er ständig zu Hause mitarbeiten muß, gehört der begabte Schüler immer zu den besten. Besonders liebt er die Naturwissenschaften, weshalb er nach dem Abitur ein Theologiestudium rigoros ablehnt: er will Arzt werden. Als der Umweg über eine Apothekerlehre fehlschlägt, folgt er den Freunden Oerthel und Richter nach Leipzig - als Theologe, aber nur zum Schein: nach zwei Semestern wechselt er zu Medizin über, hungert sich mit Hilfe kleiner privater Stipendien und zeitweiliger Freitische durch, gibt Unterricht, versetzt Kleider, borgt, läßt sich von Oerthel und Otto helfen, verdingt sich als Famulus, Hofmeister, Diener und kann doch die Kosten für ein reguläres Medizinstudium nie aufbringen. Denn als Mediziner genießt er keine Vergünstigungen wie Theologen. Chirugie kann er nicht hören, weil die Vorlesungen 10 Reichstaler jährlich kosten, für das Zuschauen bei einer Geburt muß er zwei Gulden bezahlen, (...) Geldmangel hindert ihn am Kauf notwendiger Bücher. (...) Hoffnungslos aber macht ihn, daß er nie genug Geld haben wird, um die Promotion zu bezahlen. (...) Um Geld zu verdienen, schreibt er, blutspuckend, in Tag- und Nachtarbeit zwei Bücher (...) deren schmale Honorare ihm aber auch nicht weiterhelfen. Er macht phantastische Pläne, um der Not zu entgehen: Er will Mönch werden, nach Ostindien gehen, sich als Soldat anwerben lassen.

So geht er zu Fuß von Stadt zu Stadt, wandert durch ganz Deutschland, wie ein gehetzter Hund, gefühlsachterbahnfahrend durch immer neue Hoffnungen und Enttäuschungen. Er sieht die Welt in all ihren Höhen und Tiefen, Reichtum um Armut, Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten. Er ist unbeugsam in seiner Wahrnehmung, schutzlos seine Seele.

Aus Günter de Bruyn:
... und die „katholischen Bilder“ am Wege, die die schrecklichen Leiden des „vortrefflichsten Menschen und wahrheitsliebenden Mannes“ zeigen, trösten den armen Studenten über sein eigenes Schicksal. Als er in Berlin die Hinrichtung eines Diebes durch Verbrennen miterlebt, kann er nur schlecht seine Erschütterung verbergen. zwar behauptet er, an den aufs Rad geflochtenen Leichen der Richtstätte ärztliches Interesse zu haben, doch streitet er heftig mit den Offizieren über das Inhumane dieser Todesart, und die schadenfrohen Reden der Zuschauer gehen ihm lange nicht aus dem Sinn.

Hermann würde sich so gerne der Menschheit nützlich machen, aber nicht einmal als Soldat will man ihn. Er sieht die Verhältnisse nicht nur aus christlicher sondern durchaus auch aus politischer Perspektive: „... meine armen Eltern die Renten vermehren helfen, von denen die reichsten steuerlosen Beamtensöhne die beträchtlichsten Wohltaten erhalten.“ (aus G. d. Bruyn)

Wenn man so kritisch denkt, will das keiner hören. Das ist heute alles noch genauso. Bei vielen unserer Wanderungen und Spaziergänge begegnen wir oft den von der Sportindustrie wohl ausstaffierten, völlig overdressten Rentnergruppen. Jedes Mal schießt es mir durch den Kopf, da gehen sie, die wohl situierten, pensionierten Beamten, die es sich gut gehen lassen. Ich darf das sagen, mein Vater war schließlich auch Beamter. Er gehörte jedoch zu den ärmeren, kleinen Beamten, nur mit Hauptschulabschluss. Durch ihn weiß ich aber genau, wie sie gestrickt sind, wie sehr sie auf ihr eigenes, geordnetes Leben fixiert sind, wie sehr sie darauf aufpassen, dass niemand ihren Stand anficht, und wie sehr sie unter ihrem schlechten Gewissen und ihrer mangelnden Akzeptanz in der Gesellschaft leiden. Je langweiliger der Beruf, je sicherheitsorientierter Menschen sind, desto abenteuerlicher muss ihr Hobby aussehen. Das Geltungsbedürfnis derer ist unersättlich. Wenn man das aber öffentlich ausspricht, bekommt man ihre verkappte Rachlust zu spüren, indem sie ihre Strukturen und Netzwerke ausspielen. Oft schon habe ich das als Künstlerin konkret erlebt, vielleicht erzähle ich später mal was darüber. Vielleicht, denn ich habe gelernt, sie zu fürchten.

Jedenfalls, je kritischer man ist, desto mehr entziehen sie einem die Existenz. Hennning Venske (z.B. „Musik aus Studio B“) ist ein lebendes Beispiel, wie sie versuchen Karrieren - Existenzen muss man richtigerweise sagen - zu vernichten: Zitat aus seiner Biographie: „In den 70er Jahren mehrere – auch juristische – Auseinandersetzungen mit den öffentl.-rechtl. Sendeanstalten, Haus- und Sendeverbote: „Er hat den Freiraum für Satire immer wieder erheblich überschritten” (Hess. Rundf.). Seit dem hat man Venske fast nie wieder im Fernsehen gesehen.
In seinem Buch „Lallbacken. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“ räumt er weiter ordentlich auf. Ein freier Geist lässt sich bekanntlicherweise nicht bremsen, früher wie heute nicht. Auch wir Künstler sind halt so gestrickt, das kann man selber nicht ändern, dafür leidet man auch - aber nicht gerne.

Zurück zu Hermann. In all seiner Bedrängnis hoffte er auf die Französische Revolution. Sie möge endlich Umkehr bringen. Heute wissen wir, dass Revolutionen dies nicht tun. Bis heute öffnen sie lediglich neue Märkte, während dem kleinen Bürger glauben gemacht wird, dass durch sie mehr Demokratie und Gerechtigkeit in die Welt käme. Das abstruseste Beispiel ist China: Kapitalismus mitten im Kommunismus.

 

Soziales Denken überdauert alles.

Hermann wird es eh nicht mehr erfahren. Er stirbt mit 29 Jahren am 3. Februar 1790 an Gicht und Ausfluss, wie es im Sterberegister der Göttinger Johanniskirche lautet.

Ich schreibe hier ausführlicher über Hermann, weil auch mich sein Schicksal sehr berührt und ich es Günter de Bruyn gleichmachen will, der im besonderen Hermann Ehre zuteil kommen lassen möchte. Weil er wie Richter ein großer Menschenfreund war und versuchte - allerdings erfolglos - ihnen zu dienen:
„Während er namenlos verging, erreichte der Freund [Jean Paul] alles, was er sich vorgenommen hatte. Wir sollten, wenn wir der Großen gedenken, auch manchmal um die trauern, denen widrige Umstände die Ausbildung großer Anlagen verwehrten, die ihren unausgereiften Protest, ihre ungeformten Ideen mit ins Grab nahmen, die aber allein durch ihre Haltung dazu beitrugen, daß die Großen groß wurden.“
Weiter heißt es bei de Bruyn:
„Der Verlust des Freundes, der mit 29 Jahren stirbt, hat Jean Paul mehr getroffen als der Oerthels und der des Bruders. Die große Erschütterung, die große schöpferische Kraft freisetzt, hier ist sie: das Erlebnis einer der Liebe sehr ähnlichen Freundschaft, die der Tod endigt. Wieder und wieder wird das Erleben von Freundschaft und Tod nach Gestaltung drängen. Die Erinnerung an Herman wird die Quelle, aus der das Material für viele Romangestalten geschöpft wird: für Leibgeber (aus dem Roman „Siebenkäs“), Schoppe (aus „Titan“), Vult (aus „Flegeljahre“), Gianozzo (aus „Des Luftschiffers Gianozzo Seebuch“)- die Unbeugsamen, die Unangepaßten.“

So lebt Johann Bernhard Hermann doch weiter. Das ist tröstlich. Ja, soziales Denken lohnt sich, denn es überdauert alles.

Jetzt wollen wir weiter, aus Schwarzenbach heraus, es drängt uns förmlich danach. Am Ortsausgang blicken wir zurück auf die Industriebrachen der Winterling Porzellanfabrik.

Schwarzenbach - ehemalige Porzellanfabrik Winterling
Schwarzenbach - ehemalige Porzellanfabrik Winterling

Die Winterling AG gehörte einst zu den weltweit vier größten Unternehmen der Porzellanbranche und beschäftigte in ihren Spitzenzeiten 2500 Mitarbeiter. 1999 ging sie in die Insolvenz. Bei „Winterling Porzellan“ denke ich immer daran, als wir einmal im Süden Bayerns ein Rassehundeporträt über Spitze drehten. Das war auf einem großen Bauernhof, die hatten gleich mehrere Großspitze. Neben dem Bauernhof lag eine riesige Villa, in deren Park mehrere große ungarische Hirtenhunde Wache hielten. Die Spitzbesitzer erzählten uns, dass Villa und Hunde von „der Winterling Porzellan, sie wissen schon..."  seien. 

Heute wird in Schwarzenbach viel zur Erinnerung an die großen Porzellanzeiten der Stadt getan, wie z.B. der Aktionstag rund ums Schwarzenbacher Porzellan im Mai 2012. Ab jetzt begegnet uns auf der Wanderung auch immer wieder das Symbol des Porzellanweges entlang der Porzellanstraße.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0